Stout, Maria - Der Soziopath Von Nebenan

August 15, 2018 | Author: vadderland | Category: Conscience, Personality Disorder, Psychopathy, Psychological Trauma, Feeling
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Martha Stout Der Soziopath von nebenan Die Skrupellosen: ihre Taktiken und Tricks

Lügen,

Übersetzt von Karsten Petersen Für meinen Bruder Steve Stout der Erste, an den ich denke, wenn es um Charakterstärke geht Die Stärke eines Volkes ist sein Gewissen. —John Dryden inhalt

Danksagungen / xi Vorbemerkung / xiii Einführung: Ein Gedankenspiel / 1 EINS Der siebte Sinn / 23 ZWEI Menschen aus Soziopathen / 45 DREI Wenn das schläft / 65

normale

Eis:

Die

Gewissen

VIER Der netteste Mensch der Welt / 87

FÜNF Warum das Gewissen Scheuklappen trägt / 107 SECHS Wie man die Erbarmungslosen erkennt / 129 SIEBEN Die Wurzeln der Selbstgerechtigkeit: Was verursacht Soziopathie? / 149 ACHT Der Soziopath von nebenan / 175

NEUN Die Ursprünge des Gewissens / 205 ZEHN Bernies Entscheidung: Warum ein Leben mit Gewissen besser ist / 227 ELF

Der Tag des Murmeltiers / 247 ZWÖLF Das Gewissen in seiner reinsten Form: Die Wissenschaft plädiert für die Moral / 261 Anmerkungen / 273 Index / 285

danksagungen Es ist eine fesselnde Aufgabe, ein Buch zu schreiben. Häufig fühlt man sich dabei weniger als Autor denn als Medium, das mit Hilfe seiner Finger und der Tastatur die Lehren und Anregungen zahlloser Menschen zu Papier bringt - weiser Freunde seit langen Jahren und Ratgebern in Person von Studenten, Patienten und Kollegen. Ich wünschte, ich könnte in die Vergangenheit reisen, um ihnen allen zu danken. Gerne ergreife ich diese Gelegenheit, mich bei denen zu bedanken, die mir während des

Jahres, in dem ich Der Soziopath von nebenan geschrieben habe, geholfen und mich unterstützt haben. Für ihre Kritik, schiere Unentbehrlichkeit und ihre Geduld danke ich meiner Freundin und Kollegin Carol Kauffman mit ihrer sagenhaften Kreativität beim Lösen von Problemen. Sie hat mich nie im Stich gelassen, obwohl sie g l e i c h z e i t i g Pivot Points geschrieben hat. Ohne das unermüdliche Engagement meiner Agentin und geschätzten Freundin Susan Lee Cohen wäre dies alles nicht möglich

gewesen. Sie hat stets ein offenes Ohr, viel Verständnis und ein großes Herz inmitten der Einöde für mich gehabt, und dafür danke ich ihr. Hätte ich versuchen wollen, die beste Lektorin der Welt zu erschaffen, hätte das Ergebnis doch nie so überragend sein können, wie Kristine Puopolo bei Broadway Books es ist. Ich danke ihr für ihre Intelligenz, ihre Genauigkeit und ihre außergewöhnliche Fähigkeit, leise Recht zu behalten, immer, ohne aber jemals aufdringlich zu sein. Ein Fallbeispiel, das ich

beschrieben habe, beruht auf einer Anregung von Diane Wemyss; dafür danke ich ihr, und auch für ihre Fürsorge und Organisation. Ich danke Elizabeth Haymaker für ihre freundschaftliche Begleitung entlang des Weges. Ich danke Steve Stout und Darcy Wakefield dafür, dass sie mir den Glauben an die Liebe wiedergegeben haben. Wieder einmal - und immer wieder - danke ich meinen wundervollen Eltern, Eva Deaton Stout und Adrian Phillip Stout. Ich danke ihnen dafür, mir gezeigt zu haben, wie viel Liebe und Licht zwei

Menschen mit makellosem Gewissen der Welt schenken können. Und mit Ehrfurcht und mehr Liebe, als ich mir hätte vorstellen können, bevor sie in mein Leben getreten ist, möchte ich meiner Tochter Amanda danken, meiner ersten und klügsten Leserin. Neben so vielen anderen Dingen hat sie mich gelehrt, dass Güte und Redlichkeit aus der Seele kommen. Vorbemerkung I n Der Soziopath von nebenan werden keine bestimmten Personen

beschrieben. Eine der Grundvoraussetzungen der Psychotherapie ist Vertraulichkeit. Gemäß üblicher Praxis habe ich sorgfältig die Privatsphäre aller tatsächlich existierenden Personen geschützt. Alle Namen sind fiktiv, und alle anderen erkennbaren Persönlichkeitsmerkmale sind verändert worden. Einige der Personen, die in diesem Buch vorkommen, haben bereitwillig zugestimmt, anonym beschrieben zu werden; jedoch werden in keinem Fall Informationen gegeben, die Rückschlüsse auf die Identität der jeweiligen Person

zulassen würden. Die Geschichte im Kapitel "Der Tag des Murmeltiers" ist erfunden. Alle anderen beschriebenen Personen, Ereignisse und Gespräche entstammen meinen 25 Jahren psychologischer Praxis. Um absolute Vertraulichkeit zu wahren, sind allerdings die auf diesen Seiten geschilderten Personen und Umstände Konglomerate; das heißt, dass jeder Fall mehrere Individuen repräsentiert, deren Eigenschaften und Erlebnisse zur Veranschaulichung adaptiert wurden. Die Einzelheiten sind sorgfältig verändert worden, bevor

ich sie zu beispielhaften Persönlichkeiten kombiniert habe. Jede Ähnlichkeit zwischen einer solchen fiktiven und einer tatsächlich existierenden Person wäre rein zufällig. EINFÜHRUNG ein gedankenspiel Die Seelen sind noch unterschiedlicher als die Gesichter. — Voltaire Bitte versuchen Sie, sich vorzustellen, kein Gewissen zu

haben. Sie haben nicht die geringste Spur eines Gewissens und keine Gefühle von Schuld oder Reue ganz egal, was Sie anstellen, plagen Sie keine lästigen Skrupel über das Wohlbefinden von Fremden, Freunden oder gar Verwandten. Stellen Sie sich vor, es gäbe kein leidiges Hadern mit Ihrem Schamgefühl, kein einziges Mal in Ihrem ganzen Leben, unabhängig davon, ob Sie sich egoistisch, faul, rücksichtslos oder unmoralisch verhalten. Und stellen Sie sich weiterhin vor, dass der Begriff "Verantwortung" Ihnen fremd wäre, außer vielleicht als eine Bürde, die

andere Menschen offenbar wie gutmütige Trottel blind auf sich nehmen. Und nun erweitern Sie dieses seltsame Gedankenspiel um die Fähigkeit, Ihre so überaus sonderbare psychische Disposition vor anderen Menschen zu verbergen. Da jedermann wie selbstverständlich annimmt, dass das Gewissen eine universelle menschliche Qualität ist, fällt es Ihnen leicht, zu verheimlichen, dass Sie kein Gewissen haben. Kein Schuld- oder Schamgefühl hemmt die Erfüllung Ihrer Wünsche, und Sie werden von niemandem wegen Ihrer Gefühlskälte zur Rede

gestellt. Die eisige Flüssigkeit, die in Ihren Adern fließt, ist so fremdartig, so abseits normaler menschlicher Erfahrungen, dass kaum einem Menschen der Verdacht kommt, dass mit Ihnen etwas nicht stimmen könnte. Mit anderen Worten: Sie sind völlig frei von internen Kontrollen, und Ihre ungehemmte Freiheit, ohne Skrupel alles das zu tun, was Sie wollen, ist bequemerweise für den Rest der Welt nicht erkennbar. Sie können tun, was Sie wollen und doch wird Ihr geheimnisvoller Vorteil vor den meisten Ihrer Mitmenschen, die durch ihr

Gewissen gelenkt werden, sehr wahrscheinlich verborgen bleiben. Wie werden Sie Ihr Leben führen? Wie werden Sie Ihren gewaltigen, heimlichen Vorteil nutzen, angesichts der korrespondierenden Schwäche der anderen Menschen (dem Gewissen)? Die Antwort wird weitgehend von Ihren Neigungen und Bedürfnissen abhängen, da die Menschen unterschiedlich sind. Selbst die völlig Skrupellosen gleichen sich nicht. Einige Menschen - ob sie nun ein Gewissen haben oder nicht - neigen zur Bequemlichkeit, während andere voller Träume und

ungezügeltem Ehrgeiz sind. Manche Menschen sind brillant und begabt, andere sind einfältig, und die meisten liegen irgendwo dazwischen, haben sie nun ein Gewissen oder nicht. Es gibt gewalttätige und friedfertige Menschen, blutrünstige Individuen und andere, die keine solchen Gelüste haben. Vielleicht sind Sie jemand, den es nach Macht und Geld gelüstet, und wenn Sie auch keine Spur eines Gewissens haben, so sind Sie doch mit überragender Intelligenz ausgestattet. Sie haben den Drang und die geistigen Fähigkeiten, nach

großem Wohlstand und Einfluss zu streben, und Sie werden in keiner Weise gehemmt durch die nagende Stimme des Gewissens, die andere Menschen daran hindert, rücksichtslos für ihren Erfolg zu leben. Sie entscheiden sich für eine Laufbahn in der Wirtschaft, Politik, Justiz, im Bankwesen, in internationalen Projekten oder einem beliebigen anderen vielversprechenden Metier, und Sie betreiben Ihre Karriere mit einer kalten Leidenschaft, die keinen der alltäglichen moralischen oder rechtlichen Einwände gelten lässt. Wenn es nützlich erscheint,

fälschen Sie Dokumente und vernichten Beweise, fallen Ihren Angestellten und Ihren Kunden (oder Ihrer Wählerschaft) in den Rücken, heiraten aus materiellen Gründen, belügen vorsätzlich Menschen, die Ihnen vertrauen, versuchen, einflussreiche oder eloquente Kollegen zu ruinieren und walzen abhängige und schutzlose Mitmenschen rücksichtslos nieder. Und das alles tun Sie mit der exquisiten Freiheit, die völliger Gewissenlosigkeit entspringt. Sie werden unvorstellbar erfolgreich, vielleicht sogar im

globalen Maßstab, und unangreifbar. Warum auch nicht? Mit Ihren hervorragenden Fähigkeiten und ohne ein Gewissen, das Sie einschränkt, können Sie alles erreichen. Aber nein - nehmen wir an, Sie sind anders. Sie sind ehrgeizig, ja, und für den Erfolg würden Sie vieles tun, was Menschen mit einem Gewissen nicht einmal in Erwägung ziehen würden, aber Sie sind nicht besonders intelligent. Vielleicht sind Sie etwas intelligenter als der Durchschnitt, und vielleicht hält man Sie für clever, womöglich sogar für sehr

clever. Aber in der Tiefe Ihres Herzens wissen Sie, dass Sie weder die geistigen Fähigkeiten noch die Kreativität haben, um die schwindelerregenden Höhen der Macht zu erreichen, von denen Sie insgeheim träumen. Und das erzeugt einen Groll auf die Welt an sich, und Neid auf Ihre Mitmenschen. In diesem Falle würden Sie sich in einer Nische einrichten oder vielleicht einer Reihe von Nischen, in denen Sie eine gewisse Macht über einige wenige Menschen ausüben könnten. Vielleicht könnten Sie so Ihren Machthunger

zum Teil befriedigen, obwohl Sie fortwährend unzufrieden darüber wären, nicht mehr Macht zu besitzen. Es ist aufreibend, so frei von dieser lächerlichen inneren Stimme zu sein, die andere am Erreichen von Macht hindert, ohne selbst begabt genug zu sein, die höchsten Stufen des Erfolges erklimmen zu können. Gelegentlich verfallen Sie in mürrische, reizbare Launen, aus einer Frustration heraus, die nur Sie selbst verstehen. Aber Sie mögen Jobs, die Ihnen eine gewisse, kaum beaufsichtigte Macht über einige wenige Einzelpersonen oder kleine

Gruppen verleihen, vorzugsweise über Menschen oder Gruppen, die relativ hilflos oder in gewisser Hinsicht verletzlich sind. Sie sind Lehrer oder Psychotherapeut, Scheidungsanwalt oder Trainer im Schulsport. Oder vielleicht sind Sie eine Art Berater, ein Makler, Inhaber einer Galerie oder in einer gehobenen Position in einem sozialen Beruf tätig. Oder vielleicht gehen Sie gar keiner bezahlten Tätigkeit nach, sondern sind Vorsitzender Ihres Gemeinderates, ehrenamtlich in einem Krankenhaus tätig oder Sie sind ein Erziehungsberechtigter.

Was immer auch Ihr Job sein mag: Sie manipulieren und schikanieren die Menschen unter Ihrem Einfluss, so oft und so niederträchtig Sie können, ohne gefeuert oder zur Verantwortung gezogen zu werden. Sie tun das aus Selbstzweck, ohne besonderen Grund, außer vielleicht, um sich einen Nervenkitzel zu verschaffen. Menschen nach Ihrer Pfeife tanzen zu lassen, bedeutet, dass Sie Macht haben - oder zumindest empfinden Sie das so -, und andere zu schikanieren verschafft Ihnen einen Adrenalinstoß. Es macht Spaß. Vielleicht reicht es nicht, um

Vorstandsvorsitzender eines multinationalen Konzerns zu werden, aber Sie können ein paar Leuten Angst einjagen oder sie wie kopflose Hühner umherscheuchen oder sie bestehlen oder - und das ist vielleicht der größte Spaß - sie dazu bringen, sich zu schämen. Und das ist Macht, und zwar gerade dann, wenn die manipulierten Personen Ihnen auf die eine oder andere Art überlegen sind. Am spannendsten ist es, Menschen zu demütigen, die klüger oder qualifizierter sind als Sie, oder vielleicht kultivierter, attraktiver, beliebter oder tugendhafter. Das macht nicht nur

großen Spaß; es ist existenzielle Vergeltung. Und ohne ein Gewissen ist es verblüffend einfach in die Tat umzusetzen. Sie servieren Ihrem Chef - oder dessen Chef - eine kleine Lüge, vergießen ein paar Krokodilstränen oder sabotieren das Projekt eines Kollegen oder täuschen einen Patienten (oder ein Kind), ködern Menschen mit Versprechungen oder streuen ein falsches Gerücht, das man nicht zu Ihnen zurückverfolgen kann. Oder nehmen wir an, dass Sie ein Mensch sind, der zu Gewalttätigkeit oder Gewaltdarstellungen neigt. Sie können einfach Ihren Kollegen

umbringen oder ihn umbringen lassen - oder Ihren Chef, Ihren ExMann oder den Mann Ihrer wohlhabenden Geliebten oder einen beliebigen anderen Menschen, der Ihnen im Wege steht. Sie müssen vorsichtig sein, denn falls Sie einen Fehler machen, könnten Sie gefasst und durch das System bestraft werden. Aber Sie werden nie von Ihrem Gewissen zur Rechenschaft gezogen werden, da Sie kein Gewissen haben. Falls Sie einen Mord begehen, werden Sie lediglich mit den externen Schwierigkeiten fertig werden müssen. Nichts innerhalb Ihrer

Persönlichkeit wird jemals Protest erheben. Falls Sie nicht aufgehalten werden, können Sie buchstäblich alles tun. Wenn Sie zur passenden Zeit geboren werden, Zugang zu einem Familienvermögen haben und besonders begabt dafür sind, den Hass und das Gefühl der Benachteiligung Ihrer Mitmenschen zu schüren, können Sie es erreichen, eine große Zahl argloser Menschen ins Jenseits zu befördern. Mit genug Geld können Sie das aus der Ferne arrangieren, sich in Sicherheit wiegen und zufrieden Ihr Werk betrachten. In

der Tat ist (ferngesteuerter) Terrorismus die ideale Beschäftigung für blutrünstige und gewissenlose Menschen - stellt man es richtig an, kann man eine ganze Nation in Aufruhr versetzen. Wenn das nicht Macht ist, was dann? Oder lassen Sie uns das entgegengesetzte Extrem annehmen: Sie sind nicht an Macht interessiert. Im Gegenteil, Sie sind ein Mensch, der kaum echte Interessen hat. Ihr einziges wirkliches Anliegen ist es, sich nicht allzu sehr anstrengen zu müssen, um durchs Leben zu kommen. Sie wollen nicht arbeiten

wie alle anderen. Ohne ein Gewissen können Sie dösen oder Ihren Hobbies nachgehen oder den ganzen Tag fernsehen oder einfach nur den lieben langen Tag irgendwo herumhängen. Wenn Sie etwas am Rande der Gesellschaft leben und von Verwandten und Freunden gesponsert werden, können Sie das beliebig lange so treiben. Vielleicht würde man sich zuflüstern, dass Sie nichts leisten, depressiv sind, ein trauriger Fall, oder andererseits, falls man sich über Sie ärgert, könnte man grummeln, dass Sie faul sind. Lernt man Sie besser kennen und ärgert sich wirklich

über Sie, würde man Sie vielleicht anschreien und einen Verlierer oder Penner nennen. Aber man würde niemals auf die Idee kommen, dass Sie buchstäblich kein Gewissen haben und dass daher Ihre ganze Psyche fundamental von der Norm abweicht. Nie bedrückt Sie das panische Gefühl eines schlechten Gewissens oder lässt Sie mitten in der Nacht hochschrecken. Trotz Ihres Müßiggangs sind Ihnen Gefühle von Verantwortungslosigkeit, Nachlässigkeit oder Peinlichkeit völlig fremd, wenn Sie auch gelegentlich um des schönen

Scheins willen solche Gefühle vortäuschen. Wenn Sie zum Beispiel ein guter Beobachter von Menschen und ihren Reaktionen sind, könnten Sie ein bekümmertes Gesicht aufsetzen und behaupten, Sie würden sich für Ihren Lebenswandel schämen und davon sprechen, wie schlecht Sie sich fühlen. Das tun Sie aber nur, weil es für Sie bequemer ist, wenn Ihre Mitmenschen Sie für depressiv halten, als wenn sie Sie ständig anschreien oder dazu drängen würden, sich eine Arbeit zu suchen. Sie stellen fest, dass Menschen, die ein Gewissen haben, sich

schuldig fühlen, wenn sie jemandem Vorhaltungen machen, den sie für "depressiv" oder "gestört" halten. Tatsächlich fühlt man sich oft - zu Ihrem zusätzlichen Vorteil - verpflichtet, einer solchen Person zu helfen. Falls es Ihnen, obwohl Sie vergleichsweise mittellos sind, gelingen sollte, eine sexuelle Beziehung zu jemandem herzustellen, könnte sich diese Person - ohne zu ahnen, wie Sie wirklich sind besonders verpflichtet fühlen. Und da Sie lediglich vermeiden wollen zu arbeiten, muss Ihr Sponsor nicht

einmal sonderlich begütert sein - es genügt, wenn er oder sie einigermaßen anständig ist. Ich vertraue darauf, dass die Vorstellung, ein solcher Mensch zu sein, Ihnen verrückt vorkommt, denn solche Menschen sind verrückt - und zwar gefährlich verrückt. Verrückt, aber real - es gibt sogar eine Bezeichnung für sie. Viele Psychologen bezeichnen das partielle oder völlige Fehlen eines Gewissens als "antisoziale Persönlichkeitsstörung". Dabei handelt es sich um eine unheilbare Deformation des Charakters, von der nach heutigem Wissensstand

wahrscheinlich vier Prozent der Bevölkerung betroffen sind - also einer von 25 Menschen.1 Für das Fehlen eines Gewissens gibt es auch andere Bezeichnungen; am häufigsten wird "Soziopathie" verwendet oder der etwas geläufigere Begriff Psychopathie.2Das Fehlen von Schuldgefühlen war die erste der Psychiatrie bekannte Persönlichkeitsstörung; im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wurde sie auch als manie sans delire, psychopathische M ind erwertigk eit ("psychopafhic inferiority") und moralischer

Schwachsinn ("moral insanity" oder "moral imbecility") bezeichnet. Nach der aktuellen "Diagnosebibel" der Psychiatrie, d e m Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der "American Psychiatric Association" (APA), sollte die klinische Diagnose einer "antisozialen Persönlichkeitsstörung" in Betracht gezogen werden, wenn eine Person mindestens drei der folgenden sieben Eigenschaften aufweist: (1) abweichendes Sozialverhalten; (2) hinterlistiges, manipulatives Verhalten; (3) Impulsivität, mangelnde Planungsfähigkeit; (4)

Reizbarkeit, Aggressivität; (5) rücksichtslose Gefährdung der Sicherheit der eigenen Person oder anderer Menschen; (6) fortwährende Verantwortungslosigkeit; (7) fehlende Reue nach Verletzung, Misshandlung oder Bestehlen einer anderen Person. Das Auftreten einer beliebigen Kombination von mindestens drei dieser "Symptome" reicht aus, um bei vielen Psychiatern den Verdacht auf die Störung auszulösen. Viele andere Forscher und Kliniker, die meinen, dass die Definition der APA eher

"Straffälligkeit" beschreibt als echte "Psychopathie" oder "Soziopathie", verweisen auf andere belegte Eigenschaften von Soziopathen.4 Eine solche Eigenschaft, die häufig beobachtet wird, ist ein glatter und oberflächlicher Charme, der es echten Soziopathen erleichtert, Menschen zu verführen, im übertragenen oder wörtlichen Sinne - eine Art Ausstrahlung, ein Charisma, das sie zunächst reizvoller oder interessanter erscheinen lässt als die Menschen in ihrem Umfeld. Sie sind spontaner, einnehmender, vielschichtiger, attraktiver oder

unterhaltsamer als andere. Bisweilen geht dieses "soziopathische Charisma" einher mit einem übertriebenen Selbstwertgefühl, das zunächst überzeugend wirkt, sich aber häufig beim näheren Hinsehen als seltsam oder gar lächerlich erweist. ("Eines Tages wird man merken, welch ein besonderer Mensch ich bin" oder "Weißt du, nach mir wird dir kein anderer Liebhaber gut genug sein.") Darüber hinaus haben Soziopathen ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Bedürfnis nach Stimulation, was dazu führt, dass sie häufig soziale,

gesundheitliche, finanzielle oder rechtliche Risiken eingehen. Mit Vorliebe verführen sie andere dazu, sich gemeinsam mit ihnen auf gefährliche Unternehmungen einzulassen, und durchweg sind sie für ihre krankhafte Verlogenheit, Betrügereien und parasitären Beziehungen zu "Freunden" bekannt. Unabhängig davon, wie gebildet oder erfolgreich sie als Erwachsene sein mögen, haben sie oft eine Historie früher Verhaltensauffälligkeiten, zum Beispiel Drogenmissbrauch oder Straffälligkeit als Kind oder Heranwachsender, und stets lehnen

sie jegliche Verantwortung für solche Probleme ab. Besonders auffällig ist das flache Gefühlsleben5 von Soziopathen, der hohle und flüchtige Charakter von Gefühlen der Zuneigung, die sie zur Schau stellen und eine frappierende Gefühlskälte. Ihnen fehlt jede Spur von Mitgefühl ("empafhy") und ein echtes Interesse, Gefühlsbindungen mit einem Partner einzugehen. Nachdem die charmante Oberfläche abgenutzt ist, sind ihre Ehen lieblos, einseitig und fast immer von kurzer Dauer. Sofern ein Ehepartner überhaupt einen Wert für den Soziopathen hat, sieht er

ihn als Besitz an, ob dessen Verlust er vielleicht Ärger empfindet, aber nie Traurigkeit oder gar Verantwortlichkeit. Alle diese Charakteristika sind, neben den von der American Psychiatric Association aufgeführten "Symptomen", der Ausdruck einer für die meisten Menschen unergründlichen psychischen Befindlichkeit, dem Fehlen unseres lebenswichtigen siebten Sinns - dem Gewissen. Verrückt und beängstigend - und real, bei etwa vier Prozent der Bevölkerung. Aber was bedeuten diese vier

Prozent für die Gesellschaft? Um einen Bezug zu Problemen herzustellen, von denen man häufiger hört, bedenke man die folgenden Zahlen: Magersucht tritt bei etwa 3,4 Prozent der Bevölkerung auf, was als fast epidemisch betrachtet wird, und doch ist dieser Wert niedriger als die Verbreitung der antisozialen Persönlichkeitsstörung. Die schweren Störungen, die man als Schizophrenie klassifiziert, treten nur bei etwa einem Prozent der Bevölkerung auf - das ist lediglich ein Viertel der Verbreitung der antisozialen

Persönlichkeitsstörung. Die Gesundheitsbehörden ("Centers for Disease Control and Prevention") geben an, dass Darmkrebs in den USA bei 40 von 100.000 Personen auftritt, was als "alarmierend hoch" eingestuft wird - und doch nur ein Hundertstel der Verbreitung der antisozialen Persönlichkeitsstörung ausmacht. Etwas pointierter ausgedrückt bedeutet das, dass es mehr Soziopathen unter uns gibt als Menschen, die unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit an Magersucht leiden, viermal so viele Soziopathen wie Schizophrene, und hundertmal so viele Soziopathen

wie Patienten, die an Darmkrebs, einer bekannten Geißel der Menschheit, leiden. Als Therapeutin bin ich auf die Behandlung von Patienten spezialisiert, die ein psychisches Trauma erlebt haben. Im Laufe der vergangenen 25 Jahre haben sich Hunderte von Erwachsenen in meiner Praxis eingefunden, die an jedem Tag ihres Lebens seelische Qualen zu ertragen hatten, wegen Missbrauchs im Kindesalter oder anderer entsetzlicher Erlebnisse. In meinem Buch The Myth ofSanity (Der Mythos Vernunft)6 habe ich anhand von Fallbeispielen die

zahllosen Leiden meiner Traumapatienten beschrieben, zum Beispiel chronische Angstzustände, lähmende Depressionen und dissoziative Zustände. Viele von ihnen haben sich in dem Gefühl, ihr Leben sei unerträglich, nach überwundenen Suizidversuchen an mich gewandt. Einige sind von Naturkatastrophen wie Erdbeben traumatisiert worden, andere von menschengemachten Katastrophen wie Kriegen, aber die meisten von ihnen sind durch einzelne menschliche Täter unterdrückt und psychisch vernichtet worden, und zwar oft durch Soziopathen -

manchmal durch ihnen fremde Soziopathen, aber häufiger durch soziopathische Eltern, ältere Verwandte oder Geschwister. Bei dem Versuch, meinen Patienten und ihren Familien bei der Bewältigung der ihnen zugefügten Verletzungen zu helfen, habe ich erkannt, dass die von den Soziopathen in unserer Mitte verursachten Schäden schwerwiegend und dauerhaft, oft in tragischer Weise tödlich und erschreckend alltäglich sind. Bei der Arbeit mit Hunderten von Überlebenden habe ich die Überzeugung gewonnen, dass es

eine dringende Notwendigkeit für uns alle ist, offen und direkt mit den Umständen der Soziopathie umzugehen. Etwa eine von fünfundzwanzig Personen ist soziopathisch, was im Wesentlichen heißt, dass sie kein Gewissen hat. Es ist nicht etwa so, dass diese Personengruppe den Unterschied zwischen gut und böse nicht erkennen könnte; vielmehr hat der Unterschied keinen Einfluss auf ihr Verhalten. Die rationale Unterscheidung zwischen gut und böse löst nicht den emotionalen Alarm aus - oder die Gottesfurcht -, die wir anderen erleben. Ohne das

geringste Gefühl von Schuld und ohne Reue kann eine von 25 Personen jegliche Schandtat begehen. Die große Verbreitung von Soziopathie in der menschlichen Gesellschaft hat gravierende Auswirkungen auf uns andere, die wir auch auf diesem Planeten leben müssen, und zwar auch auf jene, die nicht traumatisiert worden sind. Die Individuen, aus denen diese vier Prozent bestehen, plündern unsere Beziehungen, Bankkonten und unser Selbstwertgefühl aus und stören unseren Frieden auf Erden. Und doch wissen die meisten

Menschen erstaunlicherweise nichts über diese Persönlichkeitsstörung, und wenn doch, denken sie nur an gewalttätige Psychopathen, an Mörder, Serienkiller oder Massenmörder, an Individuen, die immer wieder auf spektakuläre Weise das Gesetz gebrochen haben und die, falls sie gefasst werden, durch unsere Strafjustiz eingesperrt oder gar zu Tode gebracht werden. Für gewöhnlich sind wir uns der viel größeren Anzahl nichtgewalttätiger Soziopathen unter uns nicht bewusst, und normalerweise erkennen wir sie nicht - Menschen,

die nicht in eklatanter Weise die Gesetze brechen und vor denen unser Rechtssystem kaum einen Schutz bietet. Die meisten Menschen würden keinen Zusammenhang erkennen zwischen der Planung eines Völkermordes und zum Beispiel dem schamlosen Anschwärzen eines Kollegen bei dessen Chef. Aber der psychische Zusammenhang existiert nicht nur, er ist beklemmend. Die Verbindung besteht schlicht und ergreifend darin, dass der innere Mechanismus fehlt, der uns emotional gesprochen - in die

Zange nimmt, wann immer wir eine Entscheidung treffen, die wir als unmoralisch, unanständig, verantwortungslos oder egoistisch ansehen. Die meisten von uns werden einen Anflug von Schuld verspüren, wenn wir das letzte Stück Kuchen in der Küche nehmen - ganz zu schweigen von dem, was wir fühlen würden, wenn wir vorsätzlich und systematisch den Plan fassen würden, einen anderen Menschen zu verletzen. Diejenigen, die keine Spur eines Gewissens haben, sind eine Gruppe für sich, seien sie nun mörderische Tyrannen oder lediglich

rücksichtslose Sozialschmarotzer. Das Vorhandensein oder Fehlen des Gewissens ist eine tiefe Kluft, die die Menschheit spaltet, wohl signifikanter als Intelligenz, Rasse oder sogar das Geschlecht. Was einen Soziopathen, der von der Arbeit anderer lebt, von einem unterscheidet, der bei Gelegenheit einen Supermarkt ausraubt oder ein Gangsterboss ist - oder was den Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Rowdy und einem soziopathischen Mörder ausmacht ist nicht mehr als gesellschaftliches Ansehen, Zielstrebigkeit, Intelligenz, Mordlust oder

schlichtweg die passende Gelegenheit. Was alle diese Individuen von uns anderen unterscheidet, ist das gähnende Loch an der Stelle ihrer Seele, wo sich eigentlich die am höchsten entwickelte menschliche Qualität befinden sollte. Für etwa 96 Prozent von uns ist das Gewissen so selbstverständlich, dass wir kaum je darüber nachdenken. Meist funktioniert es wie ein Reflex. Falls die Versuchung nicht gerade unwiderstehlich ist (was im Alltag zum Glück nur selten vorkommt), reflektieren wir keineswegs jede einzelne

moralische Entscheidung, die sich uns stellt. Wir fragen uns nicht ernsthaft, "Soll ich meinem Sprössling heute Geld fürs Schulessen mitgeben oder nicht?" "Soll ich meinem Kollegen heute die Aktentasche klauen oder nicht?" "Soll ich heute meinen Ehepartner verlassen oder nicht?" Das Gewissen trifft alle diese Entscheidungen für uns, in aller Stille, automatisch und ständig, so dass wir uns selbst in unseren kühnsten Phantasien ein Leben ohne Gewissen nicht vorstellen könnten. Und so können wir natürlich, wenn sich jemand völlig

gewissenlos verhält, auch nur Erklärungen finden, die nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnten: "Sie muss vergessen haben, dem Kind Essensgeld zu geben." "Sein Kollege muss seine Aktentasche selbst verlegt haben." "Seine Frau muss unausstehlich gewesen sein." Oder wir denken uns Erklärungen aus, die das jeweilige unsoziale Verhalten beinahe erklären könnten, wenn man es nicht allzu genau nähme: Er ist "exzentrisch" oder "künstlerisch" oder "sehr ehrgeizig" oder "faul" oder "hat keine Ahnung" oder war "schon immer ein Schlawiner".

Abgesehen von den psychopathischen Monstern, die man im Fernsehen sieht, und deren Untaten ohnehin zu entsetzlich für eine Erklärung sind, können wir gewissenlose Menschen fast nie erkennen; sie sind unsichtbar für uns. Wir interessieren uns sehr dafür, wie klug wir sind, und für die Intelligenz anderer Menschen. Das kleinste Kind erkennt den Unterschied zwischen einem Jungen und einem Mädchen. Wegen der Zugehörigkeit zu verschiedenen Rassen werden Kriege geführt. Aber das möglicherweise bedeutendste

einzelne Unterscheidungsmerkmal, das die Menschheit spaltet - das Vorhandensein oder Fehlen eines Gewissens - bleibt uns verborgen. Nur sehr wenige Menschen, wie gebildet sie auch anderweitig sein mögen, kennen die Bedeutung des W o rt e s soziopathisch. Und noch viel weniger ist ihnen klar, dass sehr wahrscheinlich dieses Wort zu Recht auf eine Hand voll Menschen angewendet werden könnte, die sie kennen. Und selbst nachdem wir den Begriff kennen gelernt haben, ist es für die meisten Menschen nicht möglich, sich das Fehlen eines Gewissens vorzustellen. In der Tat

ist es schwierig, sich eine Situation vorzustellen, die sich so beharrlich dem Verständnis entzieht. Völlige Blindheit, krankhafte Depressionen, schwere Wahrnehmungsstörungen, ein Lotteriegewinn und tausende anderer extremer menschlicher Erfahrungen, selbst eine Psychose, können wir uns vorstellen. Wir alle haben uns schon einmal in der Dunkelheit verlaufen. Wir sind alle schon niedergeschlagen gewesen. Wir sind uns alle schon dumm vorgekommen, zumindest ein- oder zweimal. Die meisten von uns haben schon einmal in Gedanken

eine Liste aufgestellt, was sie mit einem plötzlichen, unverhofften Vermögen anstellen würden. Und des Nachts in unseren Träumen sind unsere Gedanken und Vorstellungen verwirrt. Aber sich überhaupt nicht zu scheren um die Folgen unseres Verhaltens für die Gesellschaft, für Freunde, Verwandte, für unsere Kinder7. Wie, um Himmels Willen, wäre das? Was würden wir mit uns selbst anfangen? Nichts in unserem Leben, wach oder im Schlaf, gibt uns dafür einen Anhaltspunkt. Am nächsten kämen wir vielleicht durch die Erfahrung so großer

körperlicher Schmerzen, dass es uns vorübergehend unmöglich wäre, zu handeln oder klar zu denken. Aber selbst unter Schmerzen existiert Schuldbewusstsein. Ein völliges Fehlen von Schuldbewusstsein übersteigt die Vorstellungskraft. Das Gewissen ist unser allwissender Zuchtmeister; es diktiert die Regeln für unser Verhalten und verhängt emotionale Strafen, wenn wir die Regeln brechen. Wir haben nie um ein Gewissen gebeten. Es ist einfach da, immer, wie die Haut, die Lunge oder das Herz. Man könnte sagen,

dass das noch nicht einmal unser Verdienst ist. Und wir können uns nicht vorstellen, wie wir uns ohne Gewissen fühlen würden. Das Fehlen des Schuldbewusstseins ist auch als medizinisches Konzept seltsam widersprüchlich. Ganz im Gegensatz zu Krebs, Magersucht, Schizophrenie, oder sogar den anderen "Charakterstörungen", wie zum Beispiel Narzissmus, scheint Soziopathie auch einen moralischen Aspekt zu haben. Soziopathen werden fast immer als böse oder diabolisch angesehen, selbst (oder gerade) von Psychologen, und das

Gefühl, dass diese Patienten irgendwie moralisch anstößig und beängstigend sind, schlägt sich lebhaft in der Literatur nieder. Robert Hare, Professor der Psychologie an der Universität von British Columbia in Kanada, hat die PsychopathieCheckliste7entwickelt, einen Fragebogen, der mittlerweile weltweit unter Forschern und Klinikern als StandardDiagnoseinstrument anerkannt ist. Über seine Probanden schreibt Hare, der leidenschaftslose Wissenschaftler: "Jeder Mensch, einschließlich der Experten, kann

von ihnen vereinnahmt, manipuliert, betrogen und verwirrt zurückgelassen werden. Ein geschickter Psychopath kann ein Konzert auf der Gefühlsklaviatur j e d e s Menschen spielen. ... Ihr bester Schutz ist es, das Wesen dieser Raubtiere in Menschengestalt zu verstehen." Und Hervey Cleckley, Autor des 1941 erschienenen Klassikers The Mask of Sanity9(Die Maske der Vernunft), beklagt sich so über den Psychopathen: "Schönheit und Hässlichkeit - es sei denn, in einem sehr oberflächlichen Sinne bedeuten ihm nichts. Das Böse, die

Liebe, das Grauen und der Humor können ihn nicht berühren." Man könnte sich leicht auf den Standpunkt stellen, dass die Bezeichnungen "Soziopathie" und "antisoziale Persönlichkeitsstörung" falsch gewählt sind und eine variable Ansammlung von Ideen reflektieren, und dass das Fehlen eines Gewissens als psychiatrische Kategorie ohnehin nicht sinnvoll ist. In diesem Zusammenhang muss beachtet werden, dass alle anderen psychiatrischen Befunde (einschließlich des Narzissmus) mit einem gewissen Ausmaß an

subjektiv empfundenem Leiden oder Unbehagen des Patienten einhergehen. Soziopathie ist somit die einzige "Störung", die den Betro f f en en nicht stört - sie verursacht keine subjektiven Beschwerden. Soziopathen sind oft ganz zufrieden mit sich und ihrem Leben, und vielleicht gibt es gerade deswegen keine wirksame "Therapie". In der Regel begeben sich Soziopathen nur dann in eine Therapie, wenn das von einem Gericht angeordnet wurde oder wenn anderweitige Vorteile durch den Status als Patient erlangt werden können. Der Wunsch, sich

zu bessern, ist selten der wahre Beweggrund. All dies wirft die Frage auf, ob ein fehlendes Gewissen eine psychiatrische Störung oder ein strafrechtlich relevanter Umstand ist - oder gar etwas völlig anderes. Einzigartig in seiner Eigenschaft, selbst gestandene Fachleute zu enervieren, nähert sich das Konzept der Soziopathie bedrohlich unseren Vorstellungen von Seele und dem Kampf des Guten gegen das Böse, und diese Assoziation erschwert es, sachlich mit dem Thema umzugehen. Und der unvermeidliche, dem Problem innewohnende Standpunkt des "die

gegen uns" wirft wissenschaftliche, moralische und politische Fragen auf, an denen man verzweifeln könnte. Wie kann man ein Phänomen wissenschaftlich untersuchen, das zumindest teilweise moralischer Natur ist? Wer sollte unsere professionelle Hilfe und Unterstützung empfangen, die "Patienten" oder die Menschen, die sie ertragen müssen? Indem die psychologische Forschung Methoden entwickelt, Soziopathie zu "diagnostizieren" wen sollten wir testen? Sollte überhaupt ein Bürger einer freien Gesellschaft einer solchen Diagnose

unterzogen werden? Und nachdem jemand unzweifelhaft als Soziopath diagnostiziert worden ist, was wenn überhaupt etwas - kann die Gesellschaft mit dieser Information anfangen? Kein anderer Befund wirft solcherlei ethisch und fachlich unstatthafte Fragen auf. Die Soziopathie, mit ihrer bekannten Verbindung zu Verhaltensweisen wie Prügel und Vergewaltigung in der Ehe über Serienmord bis hin zur Anstiftung von Kriegen ist im gewissen Sinne die letzte und beängstigendste Herausforderung der Psychologie.10 In der Tat, die irritierendsten

Fragen werden kaum jemals auch nur geflüstert: Können wir mit Sicherheit sagen, dass sich Soziopathie nicht für das jeweilige Individuum auszahlt? Ist Soziopathie überhaupt eine Störung, oder ist sie nicht vielmehr zweckmäßig? Ebenso lästig ist die Unsicherheit auf der Rückseite der Medaille: Zahlt sich das Gewissen aus für das Individuum oder die Gruppe, die es besitzt? Oder ist das Gewissen lediglich, wie es gerne von Soziopathen behauptet wird, ein psychologischer Pferch für die Massen? Ob wir sie nun laut aussprechen oder nicht, solche

impliziten Zweifel ragen bedrohlich über einem Planeten empor, dessen größte Berühmtheiten der Geschichte seit Jahrtausenden, bis hin zum heutigen Tag, stets Gestalten waren, deren Unmoral jeden Maßstab gesprengt hat. Und in unserer heutigen Kultur ist es fast schon in Mode, andere Menschen auszunutzen, und skrupellose Geschäftspraktiken scheinen mit grenzenlosem Reichtum belohnt zu werden. Aus ihrer persönlichen Erfahrung können die meisten von uns Beispiele dafür anführen, dass ein skrupelloser Mensch gewonnen hat,

und manchmal scheint es fast so, als sei ein anständiger Mensch nur ein Trottel. Stimmt es wirklich, dass Lügen kurze Beine haben, oder ist es nicht letztlich doch so, dass der nette Kerl als letzter durchs Ziel geht? Wird die Minderheit der Schamlosen tatsächlich die Erde übernehmen? Solche Fragen reflektieren ein Thema, das ein zentrales Anliegen dieses Buches ist. Es beschäftigt mich seit der Zeit kurz nach den Katastrophen vom 11. September 2001, die allen rechtschaffenen Menschen große Pein verursacht haben und einige hat verzweifeln

lassen. Ich bin ein durchweg optimistischer Mensch, aber seinerzeit haben ich und einige andere Psychologen und Studenten befürchtet, dass unser Land und viele andere Nationen für lange Jahre in hasserfüllten Konflikten und von Rachegefühlen angestachelten Kriegen versinken würden. Wenn ich versucht habe, mich zu entspannen oder einzuschlafen, kam mir immer wieder aus dem Nichts eine Zeile aus einem dreißig Jahre alten apokalyptischen Lied in den Sinn: "Lachend entfaltet Satan seine Schwingen." Der beflügelte Satan

vor meinem geistigen Auge war kein Terrorist, sondern ein dämonischer Manipulator, der die Anschläge der Terroristen benutzt hat, um auf der ganzen Welt Hass zu schüren. Das Interesse an meinem speziellen Thema "Soziopathie gegen Gewissen" wurde bei mir in einem Telefongespräch mit einem Kollegen geweckt, einem guten Menschen, der für gewöhnlich optimistisch und voller Zuversicht ist, aber seinerzeit - wie der Rest der Welt - wie benommen und demoralisiert war. Wir sprachen über einen gemeinsamen Patienten,

dessen suizidale Tendenzen sich in beunruhigendem Maße verstärkt hatten, anscheinend wegen der Katastrophen in den USA (und dem es inzwischen wieder erheblich besser geht, wie ich erleichtert berichten möchte). Mein Kollege sprach davon, wie zerrissen er sich selbst fühlte und dass er deswegen vielleicht nicht das übliche Maß an emotionaler Kraft für seinen Patienten würde aufbringen können. Dieser außerordentlich fürsorgliche und verantwortungsvolle Therapeut befürchtete, dass er, wie jedermann überwältigt von den Ereignissen,

seine Pflicht vernachlässigen könnte. Mitten in seiner Selbstkritik hielt er inne, seufzte, und sagte mir in einem für ihn gänzlich untypischen Tonfall: "Weißt du, manchmal frage ich m i c h : W a r u m sollte man ein Gewissen haben? Damit wird man doch nur zum Verlierer." Ich war außerordentlich irritiert durch seine Frage, vor allem weil Zynismus so gar nicht zu seinem Wesen passt, das man wohl sonst als gesund und munter bezeichnen kann. Nach einer Weile antwortete ich mit einer Gegenfrage: "Dann sage mir doch, Bernie, wenn du die

Wahl hättest, ich meine, eine wirklich freie Wahl in der Angelegenheit - die du natürlich nicht hast -, würdest du dich dafür entscheiden, ein Gewissen zu haben, so wie du jetzt eines hast, oder würdest du es vorziehen, ein Soziopath zu sein und ... also, jeder Schandtat fähig zu sein?" Er dachte einen Moment nach und sagte dann: "Du hast Recht," (obwohl ich keine Gedankenübertragung versucht hatte). "Ich würde mich für ein Gewissen entscheiden." "Warum?" drängte ich ihn. Nach einer Pause und einem

langgezogenen "Na ja ...", sagte er schließlich, "Also, Martha, ich weiß nicht, warum. Ich weiß einfach nur, dass ich mich für das Gewissen entscheiden würde." Und vielleicht wünsche ich mir das nur, aber ich hatte den Eindruck, dass sich Bernies Tonfall nach dieser Aussage ein wenig geändert hat. Er klang etwas weniger resigniert, und wir begannen darüber zu sprechen, wie eine unserer Standesorganisationen die Menschen in New York und Washington unterstützen wollte. Für lange Zeit nach diesem Gespräch war ich fasziniert von

dieser Frage meines Kollegen "Warum sollte man ein Gewissen haben?" und von seiner Entscheidung, lieber mit einem Gewissen zu leben als davon frei zu sein, und von dem Umstand, dass er nicht sagen konnte, warum er sich so und nicht anders entscheiden würde. Ein Moralist oder Theologe hätte vielleicht geantwortet "Weil es richtig ist" oder "Weil ich ein guter Mensch sein will". Aber mein Freund, der Psychologe, konnte k e i n e psych ologisch begründete Antwort geben. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir den psychologischen

Grund herausfinden müssen. Gerade jetzt, in einer Welt, die am Rande der Selbstzerstörung durch Wirtschaftskriminalität im globalen Ausmaß, Terrorismus und Kriege des Hasses zu stehen scheint, müssen wir wissen, warum - im ps ych ol ogis ch en Sinne - ein Mensch mit einem Gewissen besser ist als ein Mensch, der nicht von Gefühlen der Schuld oder der Reue eingeschränkt wird. Zum Teil ist dieses Buch meine Antwort als Psychologin auf diese Frage, "Warum sollte man ein Gewissen haben?" Um den Gründen näher zu kommen, werde ich zunächst

Menschen beschreiben, die kein Gewissen haben, die Soziopathen wie sie sich verhalten, wie sie fühlen. Anschließend will ich mithilfe der so gewonnenen Einsichten für die restlichen 96 Prozent von uns untersuchen, was es wert sein könnte, mit einer Eigenschaft ausgestattet zu sein, die einem oft das Leben erschwert, Schmerzen verursacht und - ja, in der Tat - einen einschränkt. Dieses Buch ist auch mein Versuch, ehrenhafte Menschen vor "dem Soziopathen von nebenan" zu warnen und dabei zu helfen, mit ihm umzugehen. Als Psychologin

und als Mensch habe ich mit ansehen müssen, wie allzu viele Leben fast zerstört worden sind durch die Entscheidungen und Handlungen einiger weniger gewissenloser Menschen. Diese Wenigen sind sowohl gefährlich als auch verblüffend schwierig zu erkennen. Selbst wenn sie nicht körperlich gewalttätig sind - und gerade dann, wenn sie uns vertraut sind und nahe stehen -, sind sie doch mit Leichtigkeit imstande, das Leben einzelner Menschen durcheinander zu bringen und die menschliche Gesellschaft insgesamt unsicher zu machen.

Meiner Ansicht nach ist die Dominanz von gewissenlosen Menschen über uns andere ein besonders verbreitetes und abstoßendes Beispiel für das, was der Romancier F. Scott Fitzgerald als "die Tyrannei der Schwachen" bezeichnet hat.12 Und ich meine, dass alle ehrenhaften Menschen erfahren sollten, wie sich solche unmoralischen und skrupellosen Menschen im Alltag verhalten, um sie besser erkennen und effektiver mit ihnen umgehen zu können. Wenn es ums Gewissen geht, scheinen wir eine Gattung der Extreme zu sein. Wir müssen nur

unsere Fernseher einschalten, um diese verwirrenden Gegensätze zu erleben: Wir sehen Bilder von Menschen auf den Knien, um einen Welpen aus einem Abflussrohr zu retten, gefolgt von Berichten über andere Menschen, die Frauen und Kinder abschlachten und die Leichen zu Stapeln aufschichten. Und in unserem gewöhnlichen Alltagsleben sind die Kontraste ebenso vielfältig, wenn auch vielleicht nicht so spektakulär. Am morgen läuft jemand hinter uns her, um uns lächelnd den Geldschein zurückzugeben, den wir verloren haben, während uns am

Nachmittag ein anderer grinsend im Verkehr den Weg abschneidet. Bedenkt man das so radikal gegensätzliche Verhalten, das wir jeden Tag erleben, müssen wir offen über beide Extreme menschlichen Wesens und Verhaltens sprechen. Um eine bessere Welt zu schaffen, müssen wir den Charakter von Menschen verstehen, die wie selbstverständlich gegen das Gemeinwohl handeln, ohne jegliche emotionale Hemmung. Nur durch den Versuch, das Wesen der Gewissenlosigkeit zu verstehen, können wir die vielen

Möglichkeiten erkennen, sich dagegen zu behaupten, und nur, indem wir die Dunkelheit durchdringen, können wir dem Licht zu mehr Kraft verhelfen. Ich habe die Hoffnung, dass dieses Buch dazu beitragen wird, den zerstörerischen Einfluss der Soziopathen auf unsere Leben zu begrenzen. Jeder einzelne ehrenhafte Mensch kann lernen, den "Soziopathen von nebenan" zu erkennen und dieses Wissen dazu einsetzen, seine gänzlich selbstsüchtigen Pläne zu durchkreuzen. Zumindest jedoch kann man sich und seine Lieben vor

dessen schamlosen schützen.

Manövern

EINS der siebte sinn Tugend ist nicht das Fehlen von Lastern oder das Vermeiden moralischer Versuchungen; Tugend ist belebt und eigenständig wie Schmerz oder ein Duft. — G. K. Chesterton Heute morgen ist Joe, ein 5ojähriger Rechtsanwalt, fünf Minuten zu spät dran für ein

äußerst wichtiges Meeting, das - mit ihm oder ohne ihn - pünktlich um acht Uhr beginnen wird. Er muss einen guten Eindruck auf seine Vorgesetzten machen, also praktisch alle Teilnehmer, und er würde gern als erster mit den betuchten neuen Mandanten sprechen, deren Anliegen im Bereich seines sich neu entwickelnden Fachgebietes Immobilienverwaltung liegen. Seit Tagen schon hat er sich auf die Besprechung vorbereitet, da viel für ihn auf dem Spiel steht, und unbedingt will er zum Beginn des Meetings im Konferenzraum sein.

Leider hatte der Heizofen in Joes Stadthaus mitten in der Nacht den Dienst eingestellt. Fröstelnd lief er auf und ab und sorgte sich, dass die Wasserleitungen einfrieren könnten, während er auf den Notdienst der Heizwerke warten musste, bevor er zur Arbeit fahren konnte. Als der Handwerker eintraf, bat Joe ihn herein und ließ ihn in seiner Eile, das Meeting zu erreichen, in seinem Haus allein, um den Ofen zu reparieren, in der Hoffnung, dass der Mann sich als halbwegs vertrauenswürdig erweisen würde. Endlich konnte Joe zu seinem Audi rennen und

sich auf den Weg ins Büro machen, wenn er auch nur noch 25 Minuten für eine halbstündige Fahrt zur Verfügung hatte. Er beschloss, die Verkehrsregeln nicht so genau zu nehmen und die Verspätung aufzuholen. Und nun rast Joe auf der vertrauten Strecke zur Arbeit, mit zusammengebissenen Zähnen und einem gelegentlichen Fluch in Richtung langsamerer Autofahrer oder eigentlich aller anderen Fahrer. Er legt die Bedeutung einiger roter Ampeln neu aus, fährt auf der Standspur an einem Stau vorbei und klammert sich

verzweifelt an die Hoffnung, dass er irgendwie um acht Uhr im Büro sein könnte. Nachdem er drei grüne Ampeln in Folge passiert hat, steigt seine Zuversicht, dass er es schaffen könnte. Mit seiner rechten Hand tastet er nach seiner Reisetasche auf dem Beifahrersitz, um sich zu vergewissern, dass er sie mitgenommen hat. Denn er muss als hätte er nicht schon genug Probleme - um 10:15 Uhr einen Flug nach New York erreichen, für eine Geschäftsreise, und er wird keinesfalls genug Zeit haben, um nach dem Meeting nach Hause zu fahren und seine Reisesachen zu

holen. Seine Hand berührt das weiche Leder der Tasche - sie ist da. Und genau in diesem Moment fällt es ihm ein: Er hat vergessen, Reebok zu füttern. Reebok ist Joes dreijähriger, hellbrauner Labrador. Er hat ihn so genannt, weil er seinen enthusiastischen neuen Kameraden frühmorgens zum Joggen mitzunehmen pflegte, als er beruflich noch nicht so eingespannt war. Als die berufliche Belastung wuchs und der morgendliche Ablauf sich änderte, hatte Joe den kleinen Garten hinter dem Haus eingezäunt und eine Hundeklappe im Keller installiert, sodass der Hund

selbständig nach draußen konnte. Inzwischen laufen sie nur noch am Wochenende zusammen im Park. Aber mit oder ohne Joggen Reebok verschlingt jede Woche mehrere Pfund Hundefutter nebst einem umfangreichen Sortiment an Essensresten und mindestens einem ganzen Karton Hundeknochen. Der Appetit des jungen Hundes ist gewaltig, und fröhlich und zufrieden scheint er ausschließlich für zwei Freuden zu leben - die gemeinsame Zeit mit Joe und sein Fressen. Joe hatte sich Reebok angeschafft, als er noch ein Welpe war. Als Kind

hatte Joes Vater ihm verboten, ein Haustier zu halten, und er hatte sich geschworen, einen Hund zu haben, wenn er erwachsen und erfolgreich sein würde - einen großen Hund. Zunächst bedeutete Reebok für Joe nicht viel mehr als sein Audi eine weitere Anschaffung, ein Symbol für seine Unabhängigkeit und seinen materiellen Wohlstand. Aber bald verliebte sich Joe in den Hund - wie hätte er ihm widerstehen können? Reebok vergötterte Joe bedingungslos - schon als Welpe war er ihm im ganzen Haus hinterhergetapst, als wäre Joe die

Inkarnation alles Guten im Universum. Als sein Hündchen zu einem Hund heranwuchs, wurde Joe klar, dass diese Kreatur eine ebenso ausgeprägte und individuelle Persönlichkeit besaß wie ein Mensch, und dass seine feuchten, braunen Augen mindestens ebensoviel Seele hatten. Und nun legt Reebok, wann immer Joe in diese Augen schaut, seine weiche, hellbraune Stirnhaut in Falten und erwidert seinen Blick. Und so wirkt dieser süße, unbeholfene Hund seltsam nachdenklich, als könnte er Joes Gedanken lesen und an ihnen

teilhaben. Manchmal, wenn er - so wie heute - eine Geschäftsreise machen muss, ist Joe für anderthalb Tage oder sogar etwas länger nicht zu Hause, und stets begrüßt ihn Reebok bei seiner Rückkehr mit unbändiger Freude und augenblicklicher Vergebung an der Tür. Bevor er auf eine solche Reise geht, lässt Joe immer große Schüsseln mit Futter und Wasser zurück, damit Reebok sich selbst versorgen kann, was auch ohne Probleme klappt. Aber dieses Mal, zwischen dem kaputten Heizofen und seiner Panik, das Meeting um acht Uhr zu verpassen,

hat Joe das vergessen. Der Hund hat kein Futter und vielleicht noch nicht einmal Wasser und keine Möglichkeit, vor Joes Rückkehr am nächsten Abend welches zu bekommen. Vielleicht kann ich jemanden anrufen und um Hilfe bitten, denkt Joe sich verzweifelt. Aber nein - er befindet sich momentan zwischen zwei Freundinnen; niemand hat einen Schlüssel zu seinem Haus. Seine vertrackte Lage beginnt ihm zu dämmern, und er packt das Lenkrad noch fester. Er muss unbedingt zu diesem Meeting, und er kann es schaffen, wenn er

einfach weiterfährt. Aber was wird aus Reebok? Joe weiß, dass er nicht in anderthalb Tagen verhungern wird, aber er wird sich elend fühlen - und ohne Wasser - wie lange dauert es, bis ein Tier verdurstet ist? Joe hat keine Ahnung. Während er immer noch so schnell weiterfährt wie der Verkehr es zulässt, versucht er zu überlegen, was zu tun ist. Die verschiedenen Möglichkeiten schießen ihm durch den Kopf. Er kann um acht an dem Meeting teilnehmen und dann nach Hause fahren, um den Hund zu füttern. Aber dann würde er den Flug um 10:15 Uhr verpassen, und

die Reise ist sogar noch wichtiger als das Meeting. Er kann an dem Meeting teilnehmen und vorzeitig gehen. Nein, das würde man als Affront empfinden. Er könnte versuchen, einen späteren Flug zu erwischen; aber dann wäre er sehr spät dran für seinen Termin in New York, würde ihn vielleicht sogar ganz versäumen, was ihn den Job kosten könnte. Er könnte den Hund bis morgen sich selbst überlassen. Er könnte jetzt umkehren, das Meeting um acht im Büro verpassen, den Hund versorgen, und rechtzeitig zu seinem Flug um 10:15 Uhr am Flughafen sein.

Als ob er Schmerzen hätte, stöhnt Joe laut auf und sackt in seinem Sitz zusammen. Nur einige Straßen vom Büro entfernt hält er an einer Baustelle, ruft mit seinem Mobiltelefon im Büro an und bittet die Sekretärin, die Teilnehmer des Meetings darüber zu informieren, dass er nicht kommen kann. Er wendet das Auto und fährt nach Haus, um Reebok zu füttern. Was ist das Gewissen? In gewisser Hinsicht ist es erstaunlich, dass der Mensch, den wir Joe nennen, beschließt, eine

wichtige Besprechung mit wohlhabenden Mandanten zu versäumen, einen Termin, auf den er sich mehrere Tage lang vorbereitet hat. Zweifellos liegt es in seinem persönlichen Interesse, an diesem Meeting teilzunehmen. Zunächst tut er alles Menschenmögliche, um rechtzeitig zu dem Meeting zu kommen, riskiert, dass die Besitztümer in seinem Stadthaus durch einen ihm unbekannten Handwerker gestohlen werden und gefährdet seine Gesundheit durch riskantes Fahren. Und dann, im letzten Moment, kehrt er um und füttert

den Hund, ein argloses, sprachloses Wesen, das ihn noch nicht einmal tadeln könnte, wenn er es vernachlässigen würde. Joe opfert ein sehr wichtiges persönliches Ziel zugunsten einer Handlung, die niemand bemerken wird (außer vielleicht dem Handwerker); ein Entschluss, der ihm keinen Cent einbringen wird. Was, um alles in der Welt, könnte einen jungen, ehrgeizigen Anwalt dazu bringen, sich so zu verhalten? Die meisten Leser werden zufrieden gelächelt haben, als Joe umgekehrt ist. Wir freuen uns über ihn, weil er zurückfährt, um seinen

Hund zu füttern. Aber warum freuen wir uns? Ist es sein G e w i s s e n , das Joes Verhalten bestimmt? Ist es das, was wir meinen, wenn wir eine anerkennende Bemerkung über das Verhalten eines Menschen machen, zum Beispiel "Sein Gewissen hat das nicht zugelassen"? Was ist denn nun dieses unsichtbare, unentrinnbare, frustrierend unkorrumpierbare Etwas in uns, das wir "Gewissen" nennen? Eine komplizierte Frage, selbst in Bezug auf die kleine Anekdote von Joe und Reebok - denn es gibt

erstaunlicherweise eine ganze Reihe von Motiven abseits des Gewissens, die, einzeln oder zusammengenommen, Joe - oder jeden von uns - dazu bewegen könnten, vermeintlich zum eigenen Nachteil zu handeln. So kann Joe vielleicht einfach die Vorstellung nicht ertragen, von seiner Reise nach New York zurückzukehren und einen verdursteten, toten Labrador in seiner Küche vorzufinden. Da er nicht weiß, wie lange ein Hund ohne Wasser überleben kann, will er dieses Risiko nicht eingehen, aber seine Abneigung gegen das entsetzliche

Szenario kann man nicht gerade "Gewissen" nennen. Es ist eher so etwas wie Ekel oder Furcht. Oder vielleicht wird Joe motiviert von der Vorstellung, was seine Nachbarn denken könnten, wenn sie Reebok vor Hunger heulen hören, oder, schlimmer noch, wenn sie erfahren, dass Reebok gestorben ist, allein und eingesperrt, während Joe auf einer Geschäftsreise war. Wie kann er das jemals seinen Freunden und Bekannten erklären? Diese Sorge ist auch nicht wirklich Joes Gewissen, sondern eher die Erwartung großer Peinlichkeit und gesellschaftlicher Ächtung. Falls

Joe aus diesem Grunde zurückkehrt, um seinen Hund zu füttern, wäre er wohl kaum der Erste, der eine Entscheidung aus Gründen seines gesellschaftlichen Ansehens trifft; vielleicht würde er ganz anders handeln, wenn er sicher sein könnte, dass niemand von seinem Verhalten erfahren würde. Die Meinung unserer Mitmenschen hält uns alle in Schach, wohl besser als jeder andere Faktor. Oder vielleicht ist das alles ein Teil von Joes Selbstverständnis. Vielleicht will Joe sich nicht vor seinem geistigen Auge als ein Lump

sehen müssen, der Tiere quält. Und vielleicht ist ihm sein Selbstbild als anständiger Mensch wichtig genug, dass er, wenn er keine Alternative hat, lieber eine wichtige Besprechung versäumt, als dieses Selbstbild zu beschädigen. Dies ist eine besonders plausible Erklärung für Joes Verhalten. Die Bewahrung des Selbstbildes ist ein sattsam bekanntes Motiv. In der Literatur und in vielen historischen Darstellungen menschlichen Verhaltens wird die Sorge um das Selbstbild als "Ehre" bezeichnet. Für die "Ehre" sind Leben hingegeben und Kriege geführt

worden. Sie ist eine uralte Triebfeder. Und in der modernen Psychologie wird unsere Sicht von uns selbst zur "Selbstachtung" - ein Sujet, über das vielleicht mehr psychologische Fachbücher geschrieben worden sind als über jedes andere einzelne Thema. Vielleicht ist Joe willens, heute ein paar "Karrierepunkte" preiszugeben, um morgen mit einem guten Gefühl in den Spiegel sehen zu können und so in seinen Augen "ehrenhaft" zu bleiben. Das wäre löblich und sehr menschlich aber es ist nicht das Gewissen. Der faszinierende Kern des

Themas ist, dass ein großer Teil unseres Verhaltens, der vermeintlich dem Gewissen entspringt, durch ganz andere Faktoren motiviert ist: Furcht, gesellschaftliche Zwänge, Stolz oder einfach nur Gewohnheit. Und wenn es um Joe geht, werden einige Leser vehement eine Erklärung seiner Motive befürworten, die ohne Gewissen auskommt, da sein Verhalten zum Teil ohnehin fragwürdig ist. Routinemäßig lässt er seinen jungen Hund für viele Stunden allein, manchmal für fast zwei Tage. An diesem Morgen, auch wenn er das Meeting versäumt und

heimfährt, um den Hund zu füttern, will er doch den Flug um 10:15 Uhr nehmen und bis zum nächsten Abend abwesend sein. Reebok wird allein und eingesperrt sein, abgesehen von dem kleinen, eingezäunten Areal hinter dem Haus. Einen Hund einer solchen Lage auszusetzen, ist nicht sehr nett - von Seiten Joes spricht daraus bestenfalls ein gewisser Mangel an Mitgefühl für die sozialen Bedürfnisse des Tieres. Allerdings, um der Wahrheit die Ehre zu geben: "Nett" zu sein allein reicht nicht aus, um ein Gewissen zu haben. Für kurze Zeit kann jeder

einigermaßen intelligente Soziopath eine engelsgleiche Nettigkeit an den Tag legen, um seine eigenen manipulativen Ziele zu erreichen. Und Menschen, die tatsächlich ein Gewissen haben, sind häufig trotz ihres angenehmen Wesens achtlos, aus Ignoranz oder, wie vielleicht in Joes Fall, aus mangelndem Mitgefühl oder allgemeiner psychischer Verdrängung. Angenehme Umgangsformen, kluges Verhalten, Rücksicht auf die Reaktionen anderer Menschen, ehrenhaftes Verhalten im Interesse unserer Selbstachtung - wie das Gewissen haben alle diese Faktoren

in der Regel positive Auswirkungen auf den Lauf der Welt. Und einige von ihnen - oder alle zusammen mögen wohl manchmal dem Hund zu seinem Futter verhelfen, aber keiner von ihnen macht das Gewissen eines Menschen aus - da das Gewissen überhaupt kein Verhalten ist - nichts, was wir tun und auch nichts, worüber wir nachdenken oder grübeln würden. Das Gewissen ist etwas, das wir fühlen. Mit anderen Worten: Das Gewissen manifestiert sich weder durch Verhalten noch durch Erkenntnis. Das Gewissen existiert primär im Bereich des "Affekts",

besser bekannt als Gefühl. Um diesen Unterschied zu verdeutlichen, lassen Sie uns einen zweiten Blick auf Joe werfen. Er ist nicht immer nett zu seinem Hund aber hat er ein Gewissen? Auf welcher Grundlage könnte zum Beispiel ein Psychologe entscheiden, dass Joes Verhalten, als er seinem Meeting fernblieb und nach Hause fuhr, um Reebok zu retten, durch sein Gewissen bestimmt wurde und nicht etwa durch Überlegungen über sein Ansehen bei anderen Menschen, seine Selbstachtung oder gar die erwägenswerte finanzielle

Betrachtung, dass er drei Jahre zuvor 1200 Dollar für einen reinrassigen Labrador-Welpen bezahlt hat, mit Garantie gegen Staupe und Herzschwäche? Als Psychologin überzeugt mich ein Aspekt der Geschichte, den wir bisher noch gar nicht betrachtet haben - der Umstand, dass Joe Zuneigung für Reebok empfindet. Er ist seinem Hund emotional verbunden. Reebok folgt Joe im Haus herum, und Joe gefällt das. Joe versinkt in Reeboks Augen. Reebok hat Joe verändert, hat ihn von einem Hundehalter, der mit seinem Hund angeben will, zu

einem Hundehalter gemacht, der in seinen Hund verliebt ist. Und aufgrund dieser Bindung glaube ich, dass Joe möglicherweise durch sein Gewissen motiviert worden ist, seinen ursprünglichen Plan aufzugeben und nach Hause zu fahren, um den Hund zu versorgen. Könnten wir Joe ein Wahrheitsserum verabreichen und ihn fragen, was in ihm in dem Moment vorging, als er beschloss, das Auto zu wenden, und würde er zum Beispiel antworten, "Ich konnte einfach den Gedanken nicht ertragen, dass Reebok die ganze Zeit hungern und dursten würde",

wäre ich wahrscheinlich einigermaßen davon überzeugt, dass Joes Verhalten in dieser Situation durch sein Gewissen bestimmt worden ist. Meine Einschätzung würde auf der Psychologie des Gewissens selbst beruhen. Psychologisch gesprochen ist das Gewissen ein Gefühl der Verpflichtung, das letztlich auf einer Gefühlsbindung zu einem anderen Lebewesen (meist, aber nicht immer, einem Menschen) beruht, oder einer Gruppe von Menschen oder gar der Menschheit insgesamt. Das Gewissen existiert nicht ohne eine

emotionale Bindung zu jemandem oder etwas, und somit ist das Gewissen eng verbunden mit dem Spektrum an Gefühlen, das wir "Liebe" nennen. Diese Verbindung verleiht dem echten Gewissen seinen Rückhalt und seine erstaunliche Autorität über die Menschen, die ein Gewissen haben, und wahrscheinlich auch seine verwirrende und frustrierende Qualität. Das Gewissen kann uns zu scheinbar irrationalen oder gar selbstzerstörerischen Entscheidungen motivieren, von alltäglich bis heldenhaft, vom

Verpassen eines 8-Uhr-Meetings bis hin zum beharrlichen Schweigen unter Folter aus Vaterlandsliebe. Sein Treibstoff ist nichts anderes als unsere stärksten Gefühle der Bindung, und nur darum hat es solche Macht über uns. Und es freut uns, Zeuge eines Gewissensaktes zu werden oder davon zu hören, selbst wenn es um etwas so alltägliches wie das Füttern eines Hundes geht, da uns jede gewissenhafte Entscheidung an die kostbaren Bindungen erinnert, die ihre Basis sind. Eine Geschichte über das Gewissen ist eine Geschichte der Verbundenheit

unter den Lebewesen, und in unbewusster Erkenntnis beglückt uns die eigentliche Botschaft der Geschichte. Wir verstehen, wie quälend Joes Gefühle sind, während er mit seinem Gewissen hadert, und wir freuen uns über Joe und Reebok - da wir uns immer über Liebende freuen. Die Geschichte des Gewissens Nicht jeder Mensch hat ein Gewissen, dieses in unseren emotionalen Bindungen zu anderen verwurzelte, intervenierende Gefühl der Verpflichtung. Einige

Menschen werden niemals die exquisite Angst verspüren, die entsteht, wenn man jemanden im Stich lässt, verletzt, vernachlässigt oder gar tötet. Wenn die ersten fünf Sinne die körperlichen sind - Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken - und wir oft unsere Intuition als den "sechsten Sinn" bezeichnen, dann kann das Gewissen bestenfalls an siebter Stelle eingeordnet werden. Es hat sich später in der Evolution unserer Art entwickelt und ist noch keineswegs universell. Die Angelegenheit wird dadurch undurchsichtiger, dass wir für

gewöhnlich im Alltag den Unterschied zwischen Menschen mit oder ohne Gewissen nicht erkennen können. Könnte ein ehrgeiziger junger Rechtsanwalt möglicherweise ein Gewissen haben? Ja, möglicherweise. Könnte eine Mutter mehrerer kleiner Kinder ein Gewissen haben? Natürlich könnte sie das. Könnte ein Pfarrer, dem das seelische Wohl einer ganzen Gemeinde anvertraut ist, ein gewissenhafter Mensch sein? Wir wollen es hoffen. Könnte der mächtige politische Führer eines ganzen Volkes ein Gewissen haben? Mit Sicherheit.

Könnte im Gegensatz dazu einer jeden dieser Personen das Gewissen völlig fehlen? Die Antwort ist abermals ein irritierendes Ja. Die Anonymität des "Bösen" und seine irritierende Weigerung, sich zuverlässig an eine bestimmte gesellschaftliche Rolle, Rasse oder körperliche Gestalt zu binden, hat von jeher die Theologie und, in jüngerer Vergangenheit, die Wissenschaft geplagt. Während der gesamten menschlichen Geschichte haben wir nach Kräften versucht, "Gut" und "Böse" zu erklären und einen Weg zu finden, jenen in unserer Mitte Rechnung zu tragen,

die vom Letzteren beherrscht zu sein scheinen. Im vierten Jahrhundert führte ein christlicher Gelehrter, der Heilige Hieronymus, das griechische Wort synderesis ein, um die angeborene, gottgegebene Fähigkeit zu beschreiben, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu erkennen.13 Er interpretierte Hesekiels biblische Vision von vier lebenden Wesen, die aus einer Wolke erschienen, mit "einem Feuer, das hin- und herzuckte, und Glanz war rings um sie her". Jedes der Wesen hatte die Gestalt eines Menschen, aber vier verschiedene

Gesichter. Das vordere Gesicht war menschlich, das rechte Gesicht war das eines Löwen, das linke Gesicht war das eines Ochsen und das hintere Gesicht war das eines Adlers. In Hieronymus' Interpretation von Hesekiels Traum stand das menschliche Gesicht für die Vernunft, der Löwe für die Gefühle, der Ochse symbolisierte das Verlangen und der erhabene Adler war "jener Funke des Gewissens, der selbst im Herzen Kains nicht erloschen war ... der auch uns unsere Sünde fühlen lässt, wenn wir von schlechtem Verlangen oder ungezügeltem Geist

überwältigt werden ... Und doch sehen wir in manchen Männern dieses Gewissen gestürzt und vertrieben; sie haben kein Gefühl der Schuld oder Scham für ihre Sünden." Hieronymus' illustrer Zeitgenosse, der Heilige Augustinus von Hippo, war sich mit Hieronymus einig über das Wesen des Gewissens.14 Augustinus versicherte seinen Anhängern, dass "die Menschen die Regeln der Moral erkennen, die im Buche des Lichts namens Wahrheit geschrieben sind, aus dem alle Gesetze abgeschrieben werden." Aber ein beträchtliches Problem

blieb. Da die Wahrheit - das absolute Wissen von Gut und Böse - allen Menschen von Gott gegeben worden ist, warum sind nicht alle Menschen gut? Warum sehen wir bei manchen Menschen "dieses Gewissen gestürzt und vertrieben"? Und diese Frage blieb für viele Jahrhunderte im Zentrum der theologischen Erörterungen des Gewissens. Trotz dieser ungeklärten Frage war die Alternative - die Vorstellung, dass nur einige Menschen ein Gewissen hätten - indiskutabel, denn sie hätte bedeutet, dass der Herrgott selbst, indem er einigen seiner Diener die

Wahrheit vorenthalten hätte, das Böse in der Welt erschaffen und in scheinbarer Zufälligkeit unter allen Typen und Unternehmungen der Menschheit verteilt hätte. Eine Lösung des theologischen Dilemmas um das Gewissen schien sich im dreizehnten Jahrhundert anzubahnen, als Thomas von Aquin15 eine etwas umständliche Unterscheidung zwischen der s y n d e r e s i s des Heiligen Hieronymus, dem unfehlbaren, gottgegebenen Wissen von Gut und Böse, und conscientia vorschlug, dem Ringen des fehlbaren menschlichen Verstandes um die

Entscheidung über das richtige Verhalten. Um entscheiden zu können, wie man handeln sollte, ist der Verstand von Gott mit vollkommenem Wissen ausgestattet worden, aber der Verstand selbst ist schwach. In diesem System sind fehlbare menschliche EntScheidungsprozesse, nicht das Fehlen eines Gewissens, verantwortlich für falsche Entscheidungen und Handlungen. Falsches Handeln ist schlicht ein Fehler. Im Gegensatz dazu, nach Thomas von Aquin, "kann synderesis nicht irren; sie sorgt für

Prinzipien, die sich nicht ändern, ebenso wie die Gesetze, die das materielle Universum beherrschen, sich nicht ändern." Um diese Auffassung auf unser zeitgenössisches Beispiel anzuwenden: Als Joe einfällt, dass sein Hund ohne Futter und Wasser ist, sagt ihm die gottgegebene, angeborene synderesis (das Gewissen), dass es das absolut richtige Verhalten ist, umzukehren und den Hund zu versorgen. Conscientia, ein geistiger Disput über das richtige Verhalten, berücksichtigt dann diese Wahrheit. Die Tatsache, dass Joe nicht sofort

den Wagen wendet, sondern stattdessen einige Minuten damit verbringt, über das Problem nachzudenken, ist das Ergebnis der natürlichen Schwachheit des menschlichen Verstandes. Dass Joe am Ende die richtige Entscheidung trifft, bedeutet aus Thomas von Aquins Sicht, dass Joes moralische Tugenden sich durch einen erstarkten Verstand in die richtige Richtung entwickeln. Hätte Joe beschlossen, den Hund hungern und dursten zu lassen, hätte sein solchermaßen geschwächter Verstand, theologisch gesprochen, seine moralischen Tugenden zur

Hölle geschickt. Nach den frühen Kirchenvätern lautet die theologische Quintessenz: l. die Regeln der Moral sind absolut; 2. allen Menschen ist das Wissen um die absolute Wahrheit angeboren; und 3. schlechtes Verhalten ist das Ergebnis fehlerhaften Denkens, nicht das Fehlen von synderesis, oder Gewissen - und da wir alle ein Gewissen haben, gäbe es kein schlechtes Verhalten, wenn nur der menschliche Verstand vollkommen wäre. Und tatsächlich sind dies die drei Glaubenssätze über das Gewissen, die von den meisten

Menschen während des größten Teils der modernen Geschichte für richtig gehalten wurden. Ihr Einfluss auf unser Denken über uns selbst und andere ist nach wie vor unschätzbar. Besonders das dritte Dogma hält sich hartnäckig. Fast ein Jahrtausend nachdem Thomas von Aquin seine These über synderesis aufgestellt hat, ziehen wir eine aktualisierte Fassung des Paradigmas vom "schwachen Verstand" heran, wenn jemand fortwährend ein Verhalten an den Tag legt, das wir gewissenlos finden. Wir spekulieren, dass der Missetäter sozial benachteiligt ist,

dass sein Verstand gestört ist oder dass eine widrige Kindheit ihn so handeln lässt. Wir sträuben uns mit Händen und Füßen gegen die viel naheliegendere Erklärung, dass entweder Gott oder die Natur es versäumt hat, ihn mit einem Gewissen auszustatten. Über mehrere Jahrhunderte hatten Diskurse über das Gewissen die Tendenz, um die Beziehung zwischen menschlichem Verstand und gottgegebener Kenntnis der Moral zu kreisen. Einige periphere Gesichtspunkte kamen hinzu, in jüngster Zeit die Debatte um Proportionalismus, eine göttliche

Hintertür, in der uns der Verstand auffordert, etwas "Schlechtes" zu tun, um etwas "Gutes" zu bewirken - zum Beispiel, einen "gerechten Krieg" zu führen. Aber zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erfuhr das Gewissen selbst eine fundamentale Veränderung, durch die in Europa und den USA wachsende Akzeptanz der Theorien des Arztes und Wissenschaftlers (und Atheisten) Sigmund Freud. Freud entwickelte die These, dass in der Psyche kleiner Kinder im Laufe der normalen Entwicklung eine internalisierte Autoritätsfigur, das

Über-Ich, entsteht, das im Laufe der Zeit tatsächlich vorhandene externe Autorität ersetzt - wobei die externe Autorität nicht Gott, sondern die Eltern des Kindes sind.16 Faktisch entrang Freud mit seiner "Entdeckung" des Über-Ichs das Gewissen den Händen Gottes und legte es in die begierigen Klauen der allzu menschlichen Familie. Dieser Umzug des Gewissens erforderte einige gewaltige Änderungen in unserem jahrhundertealten Weltbild. Plötzlich hatten unsere moralischen Führer tönerne Füße, und die absolute Wahrheit begann, sich den Unwägbarkeiten des

kulturellen Relativismus unterzuordnen. Freuds neues Modell der Struktur der Psyche war nicht viergeteilt zwischen Mensch, Löwe, Ochse und Adler. Stattdessen war es dreigeteilt, seine Vision bestand aus dem Über-Ich, dem Ich und dem Es. Das Es setzte sich zusammen aus allen sexuellen und irrationalen aggressiven Instinkten, mit denen wir geboren werden, und den biologischen Bedürfnissen. Als solches stand das Es oft im Konflikt mit den Erfordernissen einer zivilisierten Gesellschaft. Im Gegensatz dazu war das Ich der

rationale, bewusste Teil der Psyche. Es konnte logisch denken, Pläne machen und sich erinnern, und da das Ich so ausgestattet war, konnte es direkt mit der Gesellschaft interagieren und, mehr oder weniger, die Belange des primitiveren Es berücksichtigen. Das Über-Ich entwickelte sich aus dem Ich, indem das Kind die externen Regeln seiner Eltern und der Gesellschaft verinnerlichte. Letztlich entwickelte sich das ÜberIch zu einer eigenständigen Kraft in der heranreifenden Psyche, die einseitig das Verhalten und die Gedanken des Kindes beurteilt und

lenkt. Es war die befehlende, die Rute des Schuldgefühls schwingende innere Stimme, die nein sagte, auch wenn niemand anders anwesend war. Das Grundkonzept des Über-Ichs ist einleuchtend. Oft können wir beobachten, wie Kinder die Regeln ihrer Eltern verinnerlichen und sogar durchsetzen. (Mutter runzelt die Stirn und sagt zu ihrer vierjährigen Tochter: "Kein Schreien im Auto." Einige Minuten später zeigt dieselbe Vierjährige gebieterisch auf ihre lärmende zweijährige Schwester und schreit: "Kein Schreien im Auto!") Und die

meisten von uns haben als Erwachsene schon die Stimme des eigenen Über-Ichs gehört. Einige von uns hören sie in der Tat ziemlich oft. Es ist die Stimme in unserem Kopf, die zu uns sagt: "Du Idiot! Warum hast du das getan?" oder "Also, wenn du diesen Bericht nicht heute Abend fertig stellst, wird es dir Leid tun." oder "Du solltest deine Cholesterinwerte checken lassen." Und in der Geschichte von Joe und Reebok könnte Joes Entscheidung, das Meeting zu verpassen, sehr wohl von seinem Über-Ich getroffen worden sein. Zur

Veranschaulichung könnten wir spekulieren, dass Joes haustierfeindlicher Vater ihm, als er vier Jahre alt war, zu sagen pflegte, "Nein, mein kleiner Joe, wir können keinen Hund anschaffen. Ein Hund ist eine riesige Verantwortung. Wenn du einen Hund hast, musst du immer das stehen und liegen lassen, was du gerade tust und dich um ihn kümmern." Joes Entscheidung als Erwachsener könnte sehr wohl von seinem ÜberIch gelenkt worden sein, das darauf bestand, diese Anweisung wörtlich zu befolgen. Etwas abwegiger könnte Freud

selbst sich gefragt haben, ob Joes Über-Ich den gesamten morgendlichen Ablauf eingefädelt haben könnte, natürlich unbewusst - so sehr in Eile zu sein und vergessen zu haben, das Hundefutter bereitzustellen -, um so die Richtigkeit von Vaters Regel zu "beweisen" und Joe dafür zu "bestrafen", dass er sich ein Haustier angeschafft hatte. Denn nach der Freudschen Theorie ist das Über-Ich nicht nur eine Stimme; es ist ein Akteur, ein subtiler und raffinierter Manipulator, der Recht behalten will. Es verfolgt, urteilt und straft, und zwar weitgehend

außerhalb unseres Bewusstseins. Während das Über-Ich im besten Falle dem Einzelnen dabei helfen kann, in der Gesellschaft zurechtzukommen, kann es aber auch zum anmaßendsten und vielleicht destruktivsten Bestandteil seiner Persönlichkeit werden. Ein besonders barsches, im Kopf eines Menschen hämmerndes Über-Ich kann nach Meinung von Psychoanalytikern lebenslange Depressionen verursachen oder gar sein bedauernswertes Opfer in den Selbstmord treiben. Und so führte Freud den sehr weltlichen Gedanken ein, dass das

Gewissen einiger Menschen repariert werden müsse und dass die Psychoanalyse das leisten könne. Außerdem verbanden Freud und seine Anhänger - und das war noch schockierender - die endgültige Etablierung des ÜberIchs beim Kind mit der erfolgreichen Verarbeitung des Ödipuskomplexes. Der Ödipuskomplex (bei Mädchen manchmal Elektrakomplex genannt) entsteht, wenn das Kind im Alter zwischen drei und fünf Jahren beginnt zu begreifen, dass es den andersgeschlechtlichen Elternteil nie ganz besitzen wird.

Etwas prosaischer ausgedrückt: Jungen müssen akzeptieren, dass sie ihre Mutter nicht heiraten können und Mädchen müssen akzeptieren, dass sie ihren Vater nicht heiraten können. Ödipale Konflikte und die sich daraus ergebenden, auf den gleichgeschlechtlichen Elternteil gerichteten Gefühle der Konkurrenz, Furcht und Ablehnung sind laut Freud so mächtig und bedrohlich für die familiären Bindungen des Kindes, dass sie gründlich "verdrängt", also vom Bewusstsein abgeschirmt werden müssen, und diese "Verdrängung"

wird durch eine nachdrückliche Stärkung des jungen ÜberIchs ermöglicht. Sollten danach für den andersgeschlechtlichen Elternteil sexuelle Gefühle entstehen oder ein Gefühl der Rivalität zum gleichgeschlechtlichen Elternteil, würden diese Gefühle durch eine gefürchtete und erbarmungslose Waffe des nunmehr erstarkten Über-Ichs besiegt werden - durch ein sofortiges, unerträgliches Gefühl der Schuld. Auf diese Weise erlangt das Über-Ich seine Autonomie und Macht in der Psyche des Kindes. Es ist ein strenger Zeremonienmeister im

Dienste unseres Bedürfnisses, ein Teil der Gruppe zu bleiben. Was immer man auch sonst von solchen theoretischen Überlegungen halten mag, muss man Freud doch das Verdienst zuschreiben, erkannt zu haben, dass unsere Moral kein einheitlicher, hermetisch abgeschlossener Kodex ist, sondern sich dynamisch und eng verbunden mit den lebenswichtigen familiären und gesellschaftlichen Bindungen entwickelt. Durch seine Veröffentlichungen zum Über-Ich vermittelte Freud der erwachenden Welt der Wissenschaft, dass uns der

übliche Respekt vor Gesetz und Ordnung nicht nur von außen auferlegt wird. Wir befolgen die Regeln und ehren die Tugenden vornehmlich aus einem inneren, in der frühen Kindheit entstehenden Bedürfnis heraus, unsere Familien und die menschliche Gesellschaft, in der wir leben, zu bewahren und in sie eingebettet zu sein. Gewissen und Über-Ich Was immer man davon halten mag, das Über-Ich als intrapsychischen Intriganten oder, um mit Freud zu sprechen, als

"Erbe des Ödipuskomplexes" anzusehen, so muss man doch das Konzept des Über-Ichs an sich als ergiebig und nützlich anerkennen. Das Über-Ich wird von den meisten Menschen bereitwillig als ein Teil ihrer persönlichen Erfahrungen akzeptiert, als innere Stimme, die sich durch unsere wichtigen kindlichen Beziehungen entwickelt hat, unsere Unzulänglichkeiten kritisiert und unsere Fehltritte tadelt. "Mach das nicht." "So darfst du nicht denken." "Pass auf, du wirst dir wehtun." "Sei lieb zu deiner Schwester." "Räum das Chaos auf, das du angerichtet hast."

"Du kannst es dir nicht leisten, das zu kaufen." "Na, das war aber nicht besonders schlau, oder?" "Du musst dich darum kümmern." "Hör auf, deine Zeit zu vertrödeln." Jeden Tag unseres Lebens jammert ständig das Über-Ich in unserem Kopf. Und bei einigen Menschen kann das Über-Ich ziemlich beleidigend werden. Und doch ist das Über-Ich nicht das Gewissen. Es mag sich subjektiv wie das Gewissen anfühlen und ist vielleicht ein kleiner Teil dessen, was das Gewissen ausmacht, aber das ÜberIch allein ist kein Gewissen, da

Freud, als er das Konzept des ÜberIchs entwickelte, sozusagen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat. Indem er die absolute Moral aus dem psychologischen Denken verbannte, schloss er auch etwas anderes aus. Mit leichter Hand verstieß er die Liebe und alle Gefühle, die der Liebe nahe stehen. Wenn er auch oft gesagt hat, dass Kinder ihre Eltern nicht nur fürchten, sondern auch lieben, basierte das von ihm beschriebene Über-Ich gänzlich auf Furcht. Aus seiner Sicht fürchten wir als Kinder die tadelnde Stimme des Über-Ichs ebenso wie die strengen

Zurechtweisungen unserer Eltern. Und Furcht ist alles. Im Freudschen Über-Ich ist kein Platz für die gewissensbildenden Einflüsse von Liebe, Mitgefühl, Zärtlichkeit oder jeglichem anderen positiven Gefühl. Und das Gewissen ist, wie wir bei Joe und Reebok gesehen haben, ein intervenierendes Gefühl der Verpflichtung, das auf unseren emotionalen Bindungen zu anderen basiert - allen Aspekten unserer emotionalen Bindungen - und insbesondere Liebe, Mitgefühl und Zärtlichkeit umfasst. In der Tat basiert der siebte Sinn - bei denen,

die ihn haben - vor allem auf Liebe und Mitgefühl. Wir sind über die Jahrhunderte vom Glauben an eine gottgegebene synderesis über die Vorstellung eines autoritären, strafenden Über-Ichs zu der Einsicht gelangt, dass das Gewissen tief und bewegend in unserer Fähigkeit verankert ist, Mitgefühl füreinander zu empfinden. Dieser zweite Schritt - von einem Richter im Kopf zu einem Mandat des Herzens - bedeutet eine weniger zynische Sicht des menschlichen Wesens, mehr Hoffnung für uns als Gemeinschaft, aber auch mehr persönliche Verantwortung und -

manchmal - mehr individuellen Schmerz. Zur Veranschaulichung stellen Sie sich vor, dass Sie eines Nachts unter undenkbar absurden Umständen vorübergehend den Verstand verlieren, sich zum Haus einer besonders liebenswerten Nachbarin schleichen und ohne besonderen Grund ihre Katze umbringen. Kurz vor Tagesanbruch kommen Sie wieder zur Vernunft und begreifen, was Sie getan haben. Wie fühlen Sie sich? Wie genau reagieren Sie in Ihrem Schuldbewusstsein? Verdeckt durch die Wohnzimmergardine

beobachten Sie Ihre Nachbarin, wie sie aus dem Haus kommt und die Katze entdeckt. Sie fällt auf die Knie, sie nimmt ihren leblosen Liebling auf und hält ihn im Arm. Sie weint unaufhörlich. Was ist Ihre erste Reaktion? Donnert eine Stimme in Ihrem Kopf: "Du sollst nicht töten! Dafür wirst du ins Gefängnis kommen!" und mahnt sie so an die Konsequenzen, mit denen Sie rechnen müssen? Oder fühlen Sie sich stattdessen plötzlich hundeelend, weil Sie ein Tier umgebracht haben und Ihre Nachbarin sich die Augen

ausweint? Welche dieser Reaktionen wird sich wohl im ersten Moment, als Sie Ihre Nachbarin beobachten, bei Ihnen einstellen? Es ist eine aufschlussreiche Frage. Die Antwort wird wahrscheinlich entscheiden, wie Sie sich verhalten werden und auch, ob Sie nur durch die schrille Stimme Ihres Über-Ichs gelenkt werden oder durch ein echtes Gewissen. Eine ähnliche Frage stellt sich für unseren alten Freund Joe. Beschließt er, das Meeting zu opfern, weil sein Vater ihm als Kind durch seine ablehnende Haltung zu

Hunden eine unbewusste Furcht eingeimpft hat, oder bringt er das Opfer, weil er sich angesichts der misslichen Lage des Hundes elend fühlt? Was lenkt seine Entscheidung? Ist es das reine Über-Ich oder ist es ein voll entwickeltes Gewissen? Falls es das Gewissen ist, dann ist Joes Entscheidung, dem Meeting fernzubleiben, ein kleines Beispiel dafür, dass das Gewissen ironischerweise - nicht immer die Regeln befolgt. Menschen (und manchmal Tiere) sind ihm wichtiger als Verhaltensregeln und starre Erwartungen. Unterstützt

durch starke Gefühle ist das Gewissen ein Bindemittel, das uns zusammenhält, und Bindungen sind ihm wichtiger als Gerechtigkeit. Es schätzt humanistische Ideale höher ein als Gesetze, und wenn es darauf ankommt, würde das Gewissen sogar ins Gefängnis gehen. Das Über-Ich würde sich nie so verhalten. Ein strenges Über-Ich tadelt uns und sagt: "Du bist ungezogen" oder "Du bist nicht gut genug." Ein starkes Gewissen drängt: "Du musst dich um ihn [oder sie oder es oder alle zusammen] kümmern",

koste es, was es wolle. Das auf Furcht basierende ÜberIch bleibt hinter seinem dunklen Vorhang, bezichtigt uns und ringt die Hände. Das Gewissen treibt uns voran, auf andere Menschen zu, in Richtung eines bewussten Verhaltens im Kleinen wie im Großen. Das auf Gefühlsbindungen basierende Gewissen bringt die junge Mutter, die selbst fast noch ein Kind ist, dazu, statt ihres bevorzugten Nagellacks das kleine Glas Babynahrung zu kaufen. Das Gewissen schützt die Intimsphäre vor Missbrauch, lässt Freunde ihre Versprechen halten, hält den

verärgerten Ehepartner davon ab, zurückzuschlagen. Es bewegt den müden Arzt dazu, um drei Uhr morgens am Telefon mit seinem verängstigten Patienten zu sprechen. Es schlägt Alarm, wenn Menschenleben durch Institutionen gefährdet werden. Es treibt uns auf die Straße, um gegen Krieg zu demonstrieren. Das Gewissen ist es, was die Menschenrechtsaktivistin sogar ihr Leben riskieren lässt. Kombiniert mit vorbildlichem moralischen Mut ist es Mutter Teresa, Mahatma Gandhi, Nelson Mandela, Aung San Suu Kyi. Im Kleinen und im Großen

verändert das echte Gewissen die Welt. Verwurzelt in emotionaler Verbundenheit lehrt es Frieden, widersteht dem Hass und rettet Kinder. Es bewahrt Ehen und saniert Flüsse und füttert Hunde und gibt behutsame Antworten. Es macht einzelne Leben besser und mehrt die menschliche Würde insgesamt. Es ist real und unwiderstehlich, und es würde uns aus der Haut fahren lassen, wenn wir unseren Nachbarn zugrunde richten wollten. Das Problem ist, wie wir sehen werden, dass nicht jeder Mensch ein Gewissen hat. In der Tat - vier

Prozent der Menschen haben keins. Ich will nun eine solche Person beschreiben - jemanden, der schlichtweg kein Gewissen hat und sehen, wie er auf uns wirkt. ZWEI menschen aus eis: die soziopathen Das Gewissen ist das Fenster der Seele; das Böse ist der Vorhang. —Doug Horton Als Skip heranwuchs, hatte seine Familie ein Ferienhaus an einem kleinen See in den Hügeln von

Virginia, wo sie alljährlich einen Teil des Sommers verbrachte. Sie machten dort Urlaub, seit Skip acht Jahre alt war, bis er in Massachusetts zur High School ging. Skip pflegte sich auf seine Sommer in Virginia zu freuen. Es gab dort nicht viel zu unternehmen, aber der eine Zeitvertreib, den er sich ausgedacht hatte, machte so großen Spaß, dass er die allgemeine Langeweile aufwog. Wenn er im Winter wieder die Grundschule besuchte und seinen Gedanken nachhing, während ein stupider Lehrer sich endlos über etwas Belangloses ausließ, lachte er

tatsächlich manchmal leise in sich hinein, wenn er sich vorstellte, wie er am Ufer des warmen Sees in Virginia sein Spiel spielte. Skip war schon als Kind intelligent und hübsch. "Intelligent und hübsch", stellten seine Eltern, die Freunde seiner Eltern und auch seine Lehrer immer wieder fest. Und so konnten sie nicht verstehen, warum seine Noten so mittelmäßig waren oder warum er, als er älter wurde, so wenig Interesse daran zu haben schien, mit Mädchen auszugehen. Sie wussten nicht, dass er schon, seit er elf war, mit vielen Mädchen zusammen gewesen war,

aber nicht ganz so, wie seine Eltern und Lehrer sich das vorgestellt hatten. Immer war ein - meist älteres - Mädchen zur Stelle, das willens war, Skips Schmeichelei und seinem charmanten Lächeln zu erliegen. Oft würde ihn das Mädchen auf ihr Zimmer schmuggeln, aber manchmal würden er und ein Mädchen sich einfach eine abgelegene Stelle auf einem Spielplatz oder unter den Tribünenplätzen auf dem Sportplatz suchen. Was seine Noten angeht, war er äußerst aufgeweckt - er hätte glatte Einser haben können -, aber Dreier konnte er ohne jede

Anstrengung erreichen, und so hielt er es auch. Manchmal bekam er sogar eine Zwei, was ihn amüsierte, da er nie für die Schule lernte. Die Lehrer mochten ihn, schienen fast so anfällig für sein Lächeln und seine Komplimente zu sein wie die Mädchen und so erwartete man, dass der gute brave Skip eine gute High School und dann ein ordentliches College besuchen würde, seiner Noten ungeachtet. Seine Eltern waren sehr vermögend - "megareich", wie die anderen Kinder es nannten. Einige Male, als er etwa zwölf war, saß er an dem altmodischen Sekretär, den

seine Eltern für sein Schafzimmer gekauft hatten und versuchte auszurechnen, wie viel Geld er bekommen würde, wenn seine Eltern starben. Grundlage seiner Kalkulationen waren einige finanzielle Unterlagen, die er aus dem Arbeitszimmer seines Vaters gestohlen hatte. Die Unterlagen waren verwirrend und unvollständig, aber wenn er auch nicht zu einem genauen Ergebnis gelangen konnte, war Skip klar, dass er eines Tages ziemlich reich sein würde. Und doch hatte Skip ein Problem: Meistens langweilte er sich. Die

Zerstreuungen, denen er nachging, selbst die Mädchen, selbst das Foppen der Lehrer, selbst die Gedanken an sein Geld, konnten ihn nicht länger als vielleicht eine halbe Stunde am Stück beschäftigen. Das Familienvermögen schien den größten Unterhaltungswert zu versprechen, aber es war noch nicht unter seiner Kontrolle - er war schließlich noch ein Kind. Nein, der einzige wirkliche Ausweg aus der Langeweile war der Spaß, den er in Virginia haben konnte. Die Ferien waren gute Zeiten. In jenem ersten Sommer, als er acht war, hatte er

einfach die Ochsenfrösche mit einer Schere abgestochen, mangels einer anderen Methode. Er hatte herausgefunden, dass er die Frösche an den morastigen Ufern des Sees ganz einfach mit einem Kescher aus dem Angelschuppen einfangen konnte. Er pflegte sie auf den Rücken zu drehen und festzuhalten, stach in ihre hervorstehenden Bäuche und drehte sie dann wieder um, damit er zusehen konnte, wie ihre blöden, glitschigen Augen abstarben, während sie verbluteten. Dann schleuderte er die Kadaver so weit wie möglich hinaus auf den See und

kreischte ihnen nach, "Pech gehabt, du blödes kleines Arschgesicht!" Es gab so viele Frösche an dem See. Er konnte Stunden damit verbringen, sie abzumurksen, und trotzdem schienen Aberhunderte für den nächsten Tag übrig zu bleiben. Aber bis zum Ende jenes ersten Sommers hatte Skip beschlossen, dass er es noch besser machen könnte. Es wäre großartig, wenn er sie in die Luft sprengen könnte; er brauchte etwas, womit er die fetten kleinen Kröten explodieren lassen konnte, und so entwickelte er einen prima Plan. Zu Hause kannte er jede Menge älterer

Jungs, und er wusste, dass einer von ihnen immer im April in den Frühjahrsferien mit seiner Familie nach South Carolina fuhr. Skip hatte gehört, dass in South Carolina Feuerwerkskörper verkauft werden und dass man leicht an sie herankommen konnte. Motiviert durch ein kleines Schmiergeld von Skip sollte ihm sein Freund Tim dort Knallkörper besorgen und am Boden seines Koffers zurück nach Hause schmuggeln. Tim hatte Angst, das zu machen, aber mit aufmunterndem Zuspruch von Skip und genug Bestechungsgeld willigte er schließlich ein. Im

darauffolgenden Sommer würde Skip keine Schere, sondern Knallkörper haben! Bargeld im Haus zu finden war kein Problem, und der Plan klappte bestens. Im April besorgte er zweihundert Dollar für eine Sortimentspackung Knallkörper namens "Star-Spangled Banner", für die er eine Anzeige in einer Waffenzeitschrift gesehen hatte, und weitere hundert Dollar, um Tim das Geschäft schmackhaft zu machen. Als Skip endlich die Packung in Händen hielt, fand er sie großartig. Er hatte "StarSpangled Banner" ausgesucht, weil

sie die größte Anzahl an Knallern enthielt, die klein genug waren, um (fast) in das Maul eines Ochsenfrosches zu passen. Die Packung enthielt winzige Sprühkerzen und einige "Lady Fingers" - das waren schlanke, kleine, rote Böller - und einen Batzen Ein-Zoll-Böller namens "Wizards" und seine Favoriten: einige Zwei-Zoll-Böller in einer Schachtel, die sich mit der Bezeichnung "Mortal Destruction" und einem Totenschädel schmückte. Im Sommer steckte er dann die Knallkörper, einen nach dem

anderen, in die Mäuler gefangengenommener Frösche, zündete sie an und warf die Frösche über dem See hoch in die Luft. Oder manchmal setzte er einen Frosch mit entzündeter Lunte auf den Boden, lief ein Stück weg und beobachtete aus einiger Entfernung, wie das Tier am Boden explodierte. Die Vorstellung war prächtig - Blut, Gekröse und Blitze, manchmal ein lauter Knall und diese bunten, blumigen Formen. So wundervoll waren die Ergebnisse, dass er sich bald nach einem Publikum für sein geniales Werk sehnte. Eines Nachmittags lockte er

seine sechsjährige Schwester Claire hinunter an den See, ließ sich von ihr helfen, einen Frosch zu fangen und ließ ihn dann vor ihren Augen in der Luft explodieren. Claire fing an, hysterisch zu schreien und rannte zurück zum Haus, so schnell sie konnte. Das imposante "Ferienhaus" der Familie stand etwa einen Kilometer vom See entfernt hinter einer beschaulichen Gruppe von 30 Meter hohen Schierlingstannen. Die Entfernung war nicht so groß, dass Skips Eltern nicht den Lärm der Explosionen hätten hören können, und sie dachten, er würde

am See Feuerwerkskörper zünden. Aber es war ihnen schon lange klargeworden, dass er kein Kind war, das man hätte disziplinieren können und dass sie sehr sorgfältig abwägen mussten, welche Auseinandersetzungen sie austragen wollten. Die Sache mit den Knallkörpern gehörte nicht dazu, selbst dann nicht, als die sechsjährige Claire ins Haus gerannt kam und ihrer Mutter erzählte, dass der gute Skip Frösche in die Luft jagte. Skips Mutter stellte den Plattenspieler in der Bibliothek auf volle Lautstärke und Claire versuchte, ihre Katze Emily

in Sicherheit zu bringen. "Super Skip" Skip ist soziopathisch. Er hat kein Gewissen - kein intervenierendes Gefühl der Verpflichtung, das auf emotionalen Bindungen zu anderen basiert - und sein späteres Leben, dem wir uns in Kürze zuwenden werden, ist ein lehrreiches Beispiel dafür, wie man sich einen intelligenten Erwachsenen ohne Gewissen vorstellen kann. So schwer es fällt uns vorzustellen, wie man sich ohne die Spur eines Gewissens fühlen

würde, so sehr fehlt uns die Phantasie, ein akkurates Bild eines solchen Menschen zu konstruieren. Findet er sich, unmoralisch und kaltherzig, isoliert am Rande der Gesellschaft wieder? Droht und knurrt und geifert er vielleicht permanent, ohne eine so fundamentale menschliche Eigenschaft? Man kann sich leicht vorstellen, dass Skip zu einem Mörder herangewachsen sein könnte. Vielleicht hat er am Ende seine Eltern ermordet, um an ihr Geld zu kommen. Vielleicht ist er selbst umgekommen oder hinter den Mauern eines

Hochsicherheitsgefängnisses gelandet. Das mag plausibel klingen, aber nichts dergleichen ist tatsächlich passiert. Skip ist nach wie vor am Leben, hat niemanden umgebracht, jedenfalls nicht direkt, und er hat - bis jetzt - noch kein Gefängnis von innen gesehen. Im Gegenteil, obwohl er das Geld seiner Eltern noch nicht geerbt hat, hat er Erfolg und ist reicher als ein König. Und wenn Sie ihn jetzt träfen, ihm als einem Unbekannten im Restaurant oder auf der Straße begegneten, würde er wie jeder andere gepflegte Zeitgenosse mittleren Alters in einem teuren

Anzug auf Sie wirken. Wie kann das sein? Hat er sich geändert? Hat er sich gebessert? Nein. Tatsächlich ist es jetzt noch schlimmer mit ihm. Er ist zu "Super Skip" geworden. Mit passablen - wenn auch nicht gerade großartigen - Noten, seinem Charme und dem Einfluss seiner Familie wurde Skip tatsächlich in das renommierte Internat in Massachusetts aufgenommen; seine Familie atmete deswegen und auch wegen seiner nun ausgedehnten Absenzen aus ihrem Alltag erleichtert auf. Seine Lehrer fanden ihn noch immer

charismatisch, während seine Mutter und seine Schwester ihn als manipulativ und unheimlich kennen gelernt hatten. Claire erwähnte manchmal "Skips unheimliche Augen", was bei ihrer Mutter einen matten Blick hervorrief, der besagte: "Lass mich in Ruhe damit." Die meisten anderen Menschen sahen nur ein ansehnliches junges Gesicht. Als es ans Studieren ging, wurde Skip an der Alma Mater seines Vaters (und ehedem seines Großvaters) aufgenommen, wo er sich schnell einen legendären Ruf als Partylöwe und Schürzenjäger

erarbeitete. Er machte, wie gewohnt, einen Dreier-Abschluss und wechselte dann an eine weniger prestigeträchtige Anstalt, um ein Diplom der Betriebswirtschaftslehre abzulegen, denn er hatte herausgefunden, dass er wohl mit seinen angeborenen Talenten meisterhaft im "Business" mitspielen und sich köstlich amüsieren könnte. Seine Noten wurden nicht besser, aber seine altvertraute Fähigkeit, Menschen mit seinem Charme zu umgarnen und zu manipulieren, wurde immer raffinierter. Mit sechsundzwanzig trat er in die

Arika Corporation ein, ein Unternehmen, das Anlagen zum Sprengen, Bohren und Fördern im Erzbergbau herstellte. Er hatte strahlende blaue Augen und stets im richtigen Moment ein entwaffnendes Lächeln, und seinen neuen Arbeitgebern schien er fast magisch talentiert zu sein, Vertreter zu motivieren und potenzielle Kunden zu überzeugen. Seinerseits entdeckte Skip, dass die Manipulation gebildeter Erwachsener keineswegs schwieriger war, als seinen jungen Freund Tim davon zu überzeugen, in South Carolina Knallkörper für

ihn zu kaufen, und ganz natürlich wurde zunehmend eleganteres Lügen zu Skips zweiter Natur. Noch besser: Der chronisch gelangweilte Skip genoss den Druck riskanter Geschäfte auf der Überholspur und ging bereitwillig Risiken ein, die kein anderer auf sich nehmen mochte. Noch vor seinem dritten Jahr bei der Firma hatte er Abschlüsse mit chilenischen Kupferminen und im südafrikanischen Goldbergbau unter Dach und Fach gebracht, und so machte er Arika zum drittgrößten Lieferanten der Welt für Anlagen im Bergbau, sowohl

unterwie übertage. Arikas Gründer, den Skip insgeheim für einen Trottel hielt, war so begeistert von Skip, dass er ihm einen nagelneuen Ferrari GTB als "Bonus" schenkte. Mit dreißig heiratete Skip Juliette, die liebliche, sanftmütige, 23jährige Tochter eines gefeierten Milliardärs, der sein Vermögen im Ölgeschäft gemacht hatte. Skip stellte sicher, dass Juliettes Vater in ihm den brillanten, ehrgeizigen Sohn sah, den er selbst nicht hatte. Skip sah seinen Schwiegervater, den Milliardär, als das an, was er war: eine Eintrittskarte für die ganze

Welt. Und durchaus zutreffend sah er seine frisch angetraute Frau Juliette als ein süßes, unterdrücktes Fräulein aus gutem Hause an, das bereitwillig seine Rolle als Ehefrau und Gesellschaftsdame annehmen und so tun würde, als ob sie nicht wüsste, dass Skips Leben nach wie vor frei von persönlicher Verantwortung und voller zufälliger sexueller Begegnungen war. Sie würde ihm, attraktiv und respektabel, zur Seite stehen und ihren Mund halten. Skips Mutter, die sich Juliette bereits näher verbunden fühlte als Skip, erkundigte sich eine Woche

vor der Hochzeit bei ihm: "Diese Heirat... musst du ihr das wirklich antun?" Zunächst ignorierte er sie, wie es seine Gewohnheit war. Aber dann schien er einen drolligen Gedanken zu haben und antwortete auf ihren Protest: "Wir wissen beide, dass sie nie begreifen wird, wie ihr geschehen ist", sagte er mit einem breiten Grinsen. Zunächst schien Skips Mutter verwirrt zu sein, aber dann lief ihr ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Verheiratet, gesellschaftlich etabliert und mit einem Umsatz von 80 Millionen Dollar pro Jahr für die

Firma wurde Skip zum Direktor des Auslandsgeschäfts bei Arika berufen, und vor seinem sechsunddreißigsten Geburtstag wurde er Mitglied des Vorstands. Inzwischen hatten er und Juliette zwei kleine Töchter, was seine öffentliche Fassade als Familienmensch abrundete. Sein Beitrag zum Geschäft hatte einen gewissen Preis; das konnte aber stets kostengünstig geregelt werden. Manchmal klagten Angestellte, er sei "beleidigend" oder "boshaft", und Arika wurde durch eine Sekretärin verklagt, die behauptete, er hätte ihr den Arm

gebrochen bei dem Versuch, sie mit Gewalt auf seinen Schoß zu ziehen. Der Fall wurde außergerichtlich durch Zahlung von 50.000 Dollar an die Sekretärin beigelegt unter der Auflage, Stillschweigen zu bewahren. Für die Firma waren 50.000 Dollar ein lächerlicher Betrag, relativ gesprochen. Er war "Super Skip", und sein Arbeitgeber wusste, dass er die "Reparaturkosten" sehr wohl wert war. Über diesen Vorfall machte Skip später die Bemerkung: "Sie ist verrückt. Sie hat sich selbst den Arm gebrochen. Sie hat sich

gewehrt, die blöde Schlampe. Warum, zur Hölle, hat sie sich mit mir angelegt?" Nach der Sekretärin gab es weitere Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe, aber Skip war so wertvoll für das Unternehmen, dass Arika jedes Mal, wenn ein Problem entstand, einfach einen weiteren Scheck ausstellte, um es aus der Welt zu schaffen. Die anderen Vorstandsmitglieder fingen an, ihn als ihre "Firmen-Primadonna" zu bezeichnen. Im Laufe der Jahre wurden ihm mehr als eine Million Aktien übereignet, wodurch er nach dem Gründer von Arika zum

zweitgrößten privaten Anteilseigner wurde. Und im Jahr 2001 übernahm Skip im Alter von 51 Jahren den Posten des Vorstandsvorsitzenden. Kürzlich waren einige von ihm verursachte Probleme etwas schwieriger zu regulieren, aber mit der ihm eigenen Arroganz ist sich Skip sicher, dass er auf den Füßen landen wird - vielleicht etwas zu sicher. Im Jahr 2003 wurde er von der Börsenaufsicht ("Securities and Exchange Commission", SEC) des Betrugs beschuldigt. Natürlich hat er die Vorwürfe bestritten, und derzeit schwebt die Entscheidung

der SEC. Das Spiel des Soziopathen Nein, Skip wurde nicht an den Rand der Gesellschaft verbannt, er geifert nicht, und er ist (noch) nicht im Gefängnis. Vielmehr ist er reich und, in weiten Kreisen, respektiert oder zumindest gefürchtet, was man leicht für Respekt halten kann. Was ist also verkehrt an diesem Bild? Oder vielleicht sollte man fragen: Was ist der schlimmste Aspekt dieses Bildes, der zentrale Webfehler in Skips Leben, der ihn zu einer tragischen Figur macht

trotz seines Erfolges, und zum Schuldigen für die Tragödien so vieler anderer Menschen? Die Antwort ist: Skip hat keinerlei emotionale Bindungen zu anderen Menschen - überhaupt keine. Er ist kalt wie Eis. Seine Mutter ist da, um ignoriert oder manchmal auch geködert zu werden. Seine Schwester ist da, um gequält zu werden. Andere Frauen sind sexuelle Beute, sonst nichts. Seit seiner Kindheit hat er nur darauf gewartet, dass sein Vater stirbt und Skip sein Geld hinterlässt. Seine Untergebenen sind da, um manipuliert und

ausgenutzt zu werden, ebenso wie von jeher seine Freunde. Seine Frau und selbst seine Kinder sind für die Augen der Welt bestimmt. Sie sind Fassade. Skip ist intelligent, und er ist außerordentlich gerissen im Geschäftsleben. Aber seine bei weitem beeindruckendste Gabe ist die Fähigkeit, die völlige Leere seines Herzens vor fast jedermann zu verbergen - und das passive Schweigen der Wenigen zu erzwingen, die davon wissen. Die meisten von uns werden unbewusst durch Aussehen beeinflusst, und unser Skip hat

immer gut ausgesehen. Er weiß einfach, wie man gewinnend lächelt. Er ist ein Charmeur, und wir können ihn uns gut vorstellen, wie er dem Chef schmeichelt, der ihm den Ferrari geschenkt hat, während er ihn doch für einen Trottel hält und unter der Oberfläche ohnehin unfähig ist, überhaupt irgend jemandem dankbar zu sein. Er lügt gekonnt und ständig, ohne jegliches Schuldgefühl, das ihn durch Körpersprache oder Gesichtsausdruck verraten könnte. Er benutzt Sexualität, um zu manipulieren und versteckt seine

Gefühlsleere hinter diversen respektablen Rollen - Superstar im Geschäftsleben, Schwiegersohn, Ehemann, Vater -, die ihm fast undurchschaubare Tarnungen liefern. Und wenn der Charme und die Sexualität und das Rollenspiel doch versagen sollten, benutzt Skip Furcht, um sich den Sieg zu sichern. Robert Hare schreibt: "Viele Menschen finden es schwierig, mit dem intensiven, gefühllosen oder 'raubtierhaften' Starren eines 17 Psychopathen umzugehen", und für einige der empfindsameren Menschen in seinem Leben

könnten Skips durchdringende blaue Augen, jene Augen, die seine Schwester "unheimlich" findet, sehr wohl die Augen eines leidenschaftslosen Jägers sein, der seine psychische Beute anvisiert. In solchen Fällen wird das Ergebnis wohl Schweigen sein. Denn selbst, wenn Sie ihn kennen und wissen, wie es in seinem Herzen aussieht, wenn Sie seinen modus operandi verstanden haben, wie könnten Sie das öffentlich machen? Wem könnten Sie womöglich davon berichten, und was würden Sie sagen? "Er ist ein Lügner"? "Er ist verrückt"? "Er hat

mich in seinem Büro vergewaltigt"? "Er hat unheimliche Augen"? "Früher hat er Frösche abgemurkst"? Aber er ist eine gesellschaftliche Leitfigur im Armani-Anzug. Er ist Juliettes geliebter Ehemann und Vater von zwei Kindern. Dieser Mann ist der Vorstandsvorsitzende der Arika Corporation, um Himmels willen! Was genau werfen Sie ihm denn vor, und welche Beweise haben Sie? Wer wird sich wohl verrückter anhören - der Topmanager Skip oder der, der ihn beschuldigt? Und seine Unverwundbarkeit wird besiegelt durch den Umstand, dass

eine ganze Reihe von Leuten auf die eine oder andere Art auf Skip angewiesen ist, und einige von ihnen sind reich und mächtig. Werden diese Leute auf Sie hören? In seiner Unangreifbarkeit und vielen anderen Aspekten ist Skip ein typischer Soziopath. Er hat, um mit den Worten der American Psychiatric Association zu sprechen, "ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Bedürfnis nach Stimulation", geht also oft große Risiken ein und animiert auch ohne Skrupel andere dazu, sich ebenso zu verhalten. Er hat eine Historie von nicht aktenkundigen

"Verhaltensauffälligkeiten" als Kind, die durch die privilegierte gesellschaftliche Stellung seiner Eltern vertuscht werden konnten. Er ist hinterlistig und manipulativ. Er kann spontan aggressiv werden, mit einer "rücksichtslosen Gefährdung der Sicherheit anderer Menschen", wie zum Beispiel gegenüber der Sekretärin, der er den Arm gebrochen hat und im Umgang mit anderen Frauen, deren Geschichten nie ans Tageslicht kommen werden. Vielleicht das einzige "klassische" Symptom, das Skip fehlt, ist Drogenmissbrauch, wenn man den einen Scotch zu viel

vernachlässigt, den er manchmal nach dem Abendessen trinkt. Davon abgesehen ist das Bild komplett. Er hat kein echtes Interesse daran, Gefühlsbindungen einzugehen, er ist durchweg verantwortungslos und er zeigt keine Reue. Und wie fügt sich das nun alles in seiner Psyche zusammen? Wie "funktioniert" er? Was genau will Skip? Die meisten von uns haben andere Menschen, die sie motivieren und ihre Sehnsüchte beflügeln. Menschen lassen unsere Wünsche und Träume entstehen. Menschen, die mit uns leben oder weit entfernt

sind, geliebte Menschen, die gestorben sind, lästige Menschen, die nicht gehen wollen, Orte, an die wir sentimentale Erinnerungen haben, selbst unsere Haustiere - all dies beschwingt unsere Herzen und Gedanken. Selbst die Introvertiertesten unter uns sind durch ihre Beziehungen geprägt und erfüllt mit Reaktionen und Gefühlen für andere Menschen, Antipathien und Sympathien. Unsere Bücher und Lieder handeln fast alle von emotionalen Intrigen, Romantik, Zuwendung, Zurückweisung und Versöhnung. Wir sind enorm

beziehungsorientierte Wesen, und das gilt auch für unsere Ahnen, die Primaten. Jane Goodall hat berichtet, dass die von ihr in Gombe beobachteten Schimpansen "ein reichhaltiges Repertoire an Verhaltensweisen haben, die zur Erhaltung oder Wiederherstellung der sozialen Harmonie dienen ... Das Umarmen, Küssen, Tätscheln und Händchenhalten zur Begrüßung nach einer Zeit der Trennung ... Die ausgedehnten, friedlichen Sitzungen des entspannten, gegenseitigen Lausens. Das Teilen der Nahrung. Die Sorge um Kranke oder

Verletzte." Was also wären wir ohne unsere urtümlichen Bindungen zu anderen? Offenkundig wären wir die Akteure eines Spiels, das einer gigantischen Schachpartie ähnelt, mit unseren Mitmenschen als Türme, Springer und Bauern. Denn dies ist die Quintessenz soziopathischen Verhaltens und Verlangens. Das Einzige, was Skip wirklich will, ist das, was dann noch bleibt - zu gewinnen. Skip wendet keine Zeit dafür auf, einen Menschen zu suchen, den er lieben könnte. Er kann nicht lieben. Er macht sich keine Sorgen um

Freunde oder Familienangehörige, die krank oder in Schwierigkeiten sein könnten, da er nicht fähig ist, sich um andere Menschen zu sorgen. Andere Menschen bedeuten ihm nichts, und so kann er es auch nicht genießen, seinen Eltern oder seiner Frau von seinen vielen geschäftlichen Erfolgen zu erzählen. Er kann zu Abend essen mit wem immer er will, aber er kann den Moment nicht gemeinsam genießen. Und als seine Kinder geboren wurden, stand er keine Ängste aus, er war nicht einmal aufgeregt. Es macht ihm nicht wirklich Freude, Zeit mit

ihnen zu verbringen oder sie heranwachsen zu sehen. Aber eines kann Skip, und das kann er besser als fast jeder andere: Skip kann gewinnen. Er kann dominieren. Er kann anderen seinen Willen aufzwingen. Als er ein Kind war, starben die Frösche, wenn er entschieden hatte, sie sterben zu lassen, und seine Schwester fing an zu kreischen, wenn er es wollte, und inzwischen ist er zu größeren und besseren Spielen avanciert. In einer Welt, in der die Menschen sich für ihren Lebensunterhalt abmühen müssen, konnte Skip andere dazu bringen,

ihn noch vor seinem dreißigsten Lebensjahr zu einem reichen Mann zu machen. Er kann seine hochgebildeten Arbeitgeber und seinen milliardenschweren Schwiegervater wie Trottel aussehen lassen. Er kann diese distinguierten Zeitgenossen in helle Aufregung versetzen und sich hinter ihrem Rücken über sie lustig machen. Er beeinflusst erhebliche finanzielle Entscheidungen auf internationalem Parkett und kann die meisten dieser Transaktionen zu seinen Gunsten wenden, ohne dass jemand Einspruch erhebt. Oder falls doch jemand protestiert,

kann er diese Person mit einigen wenigen wohlgesetzten Worten desavouieren. Er kann Menschen Angst einjagen, sie attackieren, einen Arm brechen, eine Karriere ruinieren; und doch werden seine begüterten Kollegen eifrig dafür sorgen, dass er nicht wie jeder Normalbürger bestraft wird. Er glaubt, dass er nach Gusto jede Frau haben und dass er jeden Mann manipulieren kann, dem er begegnet, wie zuletzt die Beamten der Börsenaufsicht. Er ist "Super Skip". Geschäftliches Taktieren und Bonuszahlungen sind sein einziger Nervenkitzel, und

er hat sein ganzes Leben damit zugebracht, das Spiel besser zu beherrschen. Für Skip ist das Spiel alles, und wenn er auch zu gerissen ist, um das auszusprechen, hält er doch den Rest der Menschheit für naiv und dumm, weil er es nicht so spielt wie er. Und genau das ist es, was der menschlichen Psyche widerfährt, wenn emotionale Bindungen und das Gewissen fehlen. Das Leben wird auf einen Wettstreit reduziert, und andere menschliche Wesen werden nur noch als Spielfiguren angesehen, die man herumschieben, als Deckung benutzen oder aus dem

Spiel werfen kann. Natürlich können nur wenige Menschen in Hinsicht auf seinen Intelligenzquotienten oder seine attraktive Erscheinung Skip das Wasser reichen. Per definitionem sind die meisten Menschen, einschließlich der Soziopathen, durchschnittlich in Intelligenz und Aussehen, und die Spiele durchschnittlicher Soziopathen finden nicht in derselben exklusiven Liga statt wie Skips globale Partien. Viele zeitgenössische Psychologen - wie auch ich selbst - können sich daran erinnern, dem Thema Psychopathie

erstmals in einem Lehrfilm begegnet zu sein, den wir als Studenten in den Siebzigerjahren gesehen haben. Die belanglose Fallstudie in dem Film handelte vom so genannten "Stamp Man" ("Briefmarkenmann"), der sein ganzes Leben dem befremdlichen Projekt gewidmet hatte, Briefmarken aus Postämtern der USA zu stehlen. Er war nicht daran interessiert, die Marken zu besitzen oder sie zu versilbern; sein einziger Ehrgeiz bestand darin, nächtens einen simplen Einbruch zu begehen und sich dann in der Nähe des soeben von ihm beraubten

Postamtes ein Plätzchen zu suchen, von dem aus er die Aufregung der ersten Angestellten, die morgens das Gebäude betraten, beobachten konnte, gefolgt vom Eintreffen der Polizei unter Sirenengeheul. Dürr, blass und mausähnlich war der in dem Film interviewte Mann alles andere als furchteinflößend. Seine Intelligenz war bestenfalls durchschnittlich, und er hätte niemals Skips grandioses internationales Spiel spielen können, mit seinen meisterhaften Strategien und milliardenschweren Gegnern. Aber er konnte sein eigenes Spiel inszenieren, und aus

psychologischer Sicht war sein simples Spiel des Briefmarkendiebstahls Skips Management-Spiel erstaunlich ähnlich. Im Gegensatz zu Skips Manövern waren die von Stamp Man ungeschliffen und durchsichtig, und so wurde er stets gefasst und eingesperrt. Er war unzählige Male vor Gericht und dann ins Gefängnis gegangen, und so lebte er sein Leben - stehlen, beobachten, ins Gefängnis wandern, freikommen und wieder stehlen. Aber das machte ihm nichts aus, da das Ergebnis seiner Machenschaften

ihn nicht interessierte. Aus seiner Perspektive zählte nur das Spiel an sich, unwiderlegbar zu beweisen, dass er, der Stamp Man, für vielleicht jeweils eine Stunde andere Menschen in Panik versetzen konnte. Für Stamp Man bedeutete die Aufregung, die er stiftete, dass er gewonnen hatte, und so hat er gezeigt, nicht weniger als der phänomenal reiche Skip, was ein Soziopath erreichen will. Andere zu beherrschen - zu siegen ist für ihn reizvoller als alle anderen Lebenslagen (oder Menschen). Vielleicht die höchste Form der Dominanz über einen anderen

Menschen ist es, ihm das Leben zu nehmen, und der psychopathische Mörder oder kaltblütige Serienkiller ist das Erste, was vielen von uns bei dem Begriff "soziopathische Störung" einfällt. Abgesehen von einem soziopathischen Herrscher, der eine ganze Nation vom Kurs abbringt, indem er sie in einen Völkermord oder unnötigen Krieg führt, ist der psychopathische Killer sicherlich das entsetzlichste Beispiel einer Psyche ohne Gewissen - das entsetzlichste, aber nicht das häufigste Beispiel. Mörderische Soziopathen sind sattsam bekannt. Wir lesen in der

Zeitung über sie, hören im Fernsehen von ihnen, sehen sie im Film dargestellt und sind zutiefst erschüttert zu wissen, dass es in unserer Mitte soziopathische Ungeheuer gibt, die ohne Gefühl und Reue morden können. Aber entgegen der populären Meinung sind die meisten Soziopathen keine Mörder, zumindest nicht in dem Sinne, dass sie mit ihren eigenen beiden Händen töten. Schon die Statistik zeigt uns das. Ungefähr eine von 25 Personen ist soziopathisch, aber abgesehen von Gefängnispopulationen oder Banden und anderen von Armut

und Krieg zerrissenen Gruppen ist das Auftreten von Mord in unserer Bevölkerung dankenswerterweise sehr viel niedriger. Wenn Soziopathie und Mordlust sich in einer Person vereinen, ist das Ergebnis ein dramatischer - gar kinematographischer - Albtraum, eine scheinbar überlebensgroße Horrorfigur. Aber die meisten Soziopathen sind weder Massenmörder noch Serienkiller. Sie sind kein Pol Pot oder Ted Bundy. Nein, die meisten haben Normalmaß wie wir auch und können für lange Zeit unentdeckt bleiben. Die meisten Menschen

ohne Gewissen sind eher wie Skip oder Stamp Man oder die Mutter, die ihre Kinder instrumentalisiert, oder der Therapeut, der gezielt hinfällige Patienten entmündigt, oder der manipulative Verführer und Liebhaber oder der Geschäftspartner, der das Bankkonto plündert und dann verschwindet, oder die liebe "Freundin", die Menschen ausnutzt, das aber nie zugeben würde. Die Mittel und Wege, die Soziopathen sich ausdenken, um andere zu beherrschen - die Machenschaften, die ersonnen werden, um zu "gewinnen" - sind überaus vielfältig,

und nur wenige haben etwas mit physischer Gewalt zu tun. Letztlich ist Gewalt auffällig, und sofern sie nicht gegen völlig Wehrlose wie Kinder oder Tiere eingesetzt wird, wird sie wahrscheinlich dazu führen, dass der Täter gefasst wird. Jedenfalls sind brutale Morde - so entsetzlich sie auch sein mögen, wenn sie vorkommen - kaum die wahrscheinlichste Folge von Gewissenlosigkeit. Nein, es geht um das Spiel. Der Gewinn rangiert auf einer Skala zwischen Weltherrschaft und einem kostenlosen Mittagessen, aber das Spiel ist immer dasselbe -

beherrschen, Panik auslösen, "gewinnen". Offenbar ist diese Art des Gewinnens das Einzige, was von Zwischenmenschlichkeit bleibt, wenn Bindungen und Gewissen fehlen. Wenn der Wert von Beziehungen auf fast nichts reduziert ist, manifestiert sich Dominanz manchmal durch Mord. Aber häufiger wird sie ausgelebt, indem Frösche umgebracht, sexuelle Eroberungen gemacht, Freunde verführt und benutzt, die chilenischen Kupferminen ausgebeutet oder ein paar Briefmarken gestohlen werden, nur um Menschen in Panik zu

versetzen. Wissen Soziopathen, Soziopathen sind?

dass

sie

Verstehen Soziopathen, was sie sind? Erkennen sie ihren Charakter, zumindest teilweise, oder könnten sie dieses Buch komplett durchlesen, ohne sich darin zu erkennen? Bei meiner Arbeit werden mir häufig solche Fragen gestellt, besonders von Menschen, deren Leben durch Zusammenstöße mit Soziopathen, die sie nicht rechtzeitig als solche erkannt haben, aus der Bahn geworfen

wurde. Ich weiß nicht genau, warum die Frage der Selbsterkenntnis so wichtig sein könnte, es sei denn, dass wir uns vielleicht wünschen, dass ein Mensch, der völlig ohne ein Gewissen durchs Leben kommt, zumindest diese Tatsache einräumen sollte. Falls ein Mensch schlecht ist, so meinen wir, dann sollte ihn zumindest die Einsicht, dass er schlecht ist, belasten. Es erscheint uns als Gipfel der Ungerechtigkeit, dass ein Mensch nach unserer Einschätzung böse und trotzdem ganz zufrieden mit sich sein könnte.

Wie dem auch sei - genau das scheint aber zu passieren. Meistenteils scheinen Menschen, die wir als böse einschätzen würden, nichts Falsches zu entdecken an ihrer Art, ihr Leben zu führen. Soziopathen sind notorisch dafür, Verantwortung für ihre Entscheidungen oder deren Folgen abzulehnen. Tatsächlich ist die Weigerung einer Person, einzuräumen, dass die Folgen ihres verwerflichen Verhaltens etwas mit ihr selbst zu tun haben könnten "fortwährende Verantwortungslosigkeit", wie es die American Psychiatric

Association ausdrückt ein Eckpfeiler der Diagnose "antisoziale Persönlichkeitsstörung". Skip hat diesen Aspekt seiner Persönlichkeit demonstriert, indem er erklärte, dass die Angestellte, deren Arm er gebrochen hatte, sich ihren Arm selbst brach, weil sie ihm nicht schnell genug zu Willen war. Menschen ohne Gewissen liefern endlose Beispiele solcher Behauptungen von "Ich war's nicht". Eines der bekanntesten ist ein Zitat von Al Capone, dem sadistischen Gangster im Chicago der Prohibitionszeit: "Ich werde mich morgen nach St. Petersburg in

Florida begeben. Mögen die werten Bürger Chicagos zusehen, woher sie ihren Schnaps bekommen. Ich habe die Schnauze voll von dem Job - er ist undankbar und macht viel Kummer. Ich habe die besten Jahre meines Lebens als Wohltäter der Allgemeinheit vertan." Andere Soziopathen treiben nicht den Aufwand solch verschlungener Rechtfertigungen, oder sie befinden sich nicht in hinreichend exponierter Position, um Gehör für ihre unverschämte Logik zu finden. Mit einer destruktiven Sachlage konfrontiert, die sie eindeutig zu verantworten haben, werden sie

stattdessen schlichtweg sagen, "Das war ich nicht" - und dem Anschein nach ihre platte Lüge sogar selbst glauben. Dieser Aspekt von Soziopathie macht Selbsterkenntnis unmöglich, und letztendlich hat der Soziopath, ebenso wie ihm echte Beziehungen zu anderen Menschen fehlen, nur ein sehr dürftiges Verhältnis zu sich selbst. Allenfalls tendieren Menschen ohne Gewissen zu der Überzeugung, dass ihre Art zu leben der unseren überlegen ist. Oft sprechen sie von der Naivität anderer Menschen und ihren lächerlichen Skrupeln oder zeigen

sich begierig zu erfahren, warum so viele Menschen nicht willens sind, andere zu manipulieren, auch wenn es um ihre wichtigsten Ziele geht. Oder sie spekulieren, dass die Menschen alle gleich skrupellos sind - wie sie selbst -, aber arglistig einen Mythos namens "Gewissen" zur Schau stellen. Nach dieser letzteren Einlassung sind sie selbst die einzigen offenen und ehrlichen Menschen auf der Welt. Sie sind "echt" in einer Gesellschaft von Blendern. Und doch glaube ich, dass irgendwo, vor dem Bewusstsein sicher verborgen, eine matte innere

Stimme grummeln mag, dass etwas fehlt, was andere Leute haben. Ich sage das, weil ich Soziopathen von einem "leeren" oder gar "hohlen" Gefühl habe berichten hören. Und ich sage das, weil Soziopathen für gewöhnlich etwas in der Persönlichkeitsstruktur eines Menschen mit Gewissen beneiden und möglicherweise im Laufe ihres Spiels versuchen, dieses Etwas zu zerstören - starke Charaktere sind oft die bevorzugten Ziele von Soziopathen. Und mein wichtigster Grund, das zu sagen, liegt darin, dass es menschliche Wesen sind, die ins Visier genommen werden

und nicht etwa die Erde an sich oder ein Teil der materiellen Welt. Soziopathen wollen ihr Spiel mit Menschen treiben. Unbelebte Herausforderungen interessieren sie kaum. Selbst die Zerstörung der Türme des World Trade Centers drehte sich überwiegend um die Menschen, die in den Türmen waren und jene Menschen, die von der Katastrophe erfahren würden. Diese simple, aber entscheidende Beobachtung impliziert, dass der Soziopathie ein Rest von angeborener Identifikation mit anderen menschlichen Wesen verbleibt, ein Band zur Menschheit

an sich. Jedoch ist diese schwache, angeborene Verbindung - die Neid ermöglicht - eindimensional und steril, besonders dann, wenn man sie dem reichhaltigen Spektrum an komplexen und stark besetzten emotionalen Reaktionen gegenüberstellt, die die meisten Menschen untereinander und für die Menschheit insgesamt empfinden. Wenn alles, was Sie jemals für eine andere Person empfunden hätten, der kalte Wunsch gewesen wäre, zu "gewinnen", wie könnten Sie die Bedeutung von Liebe, von Freundschaft, von Anteilnahme

verstehen? Sie würden nicht verstehen. Sie würden einfach weiterhin dominieren, leugnen und sich überlegen fühlen. Vielleicht würden sie manchmal eine gewisse Leere verspüren, ein diffuses Gefühl der Unzufriedenheit, aber das wäre alles. Und unter kategorischer Leugnung der tatsächlichen Folgen Ihres Einflusses auf die Leben anderer Menschen - wie könnten Sie verstehen, wer Sie sind? Sie könnten es nicht. Wie Super Skip selbst kann auch sein Spiegel nur lügen. Dessen gläserne Oberfläche zeigt ihm nicht die Eiseskälte seiner

Seele, und der Skip, der die Sommer seiner Kindheit damit verbracht hat, an einem sonst friedlichen See in Virginia Ochsenfrösche zu verstümmeln, wird eines Tages zu Grabe getragen werden, ohne verstanden zu haben, dass sein Leben mit Sinn und Herzenswärme hätte erfüllt sein können. DREI wenn schläft

das

normale

gewissen

Der Preis der Freiheit ist ewige Wachsamkeit. — Thomas Jefferson

Das Gewissen stiftet Sinn. Als ein Gefühl der Einschränkung, das in unseren emotionalen Bindungen untereinander verwurzelt ist, verhindert es, dass das Leben zu nichts als einem endlosen und eigentlich langweiligen Spiel des Strebens nach Dominanz über unsere Mitmenschen degeneriert. Für jede Einschränkung, die das Gewissen uns auferlegt, gibt es uns einen Moment der Verbundenheit mit einem A n d e r e n , ein Brückenschlag zu einem Menschen oder Ding jenseits unserer oft bedeutungslosen Aktivitäten.

Angesichts der eisigen Alternative, ein Mensch wie Skip zu sein, wünscht man sich sehnlichst ein Gewissen. Und so erhebt sich die Frage: Bei den 96 Prozent von uns, die keine Soziopathen sind verändert sich das Gewissen jemals? Kann es schwanken oder schwinden - oder gar absterben? Nun, auch das Gewissen eines normalen Menschen operiert nicht immer auf demselben Niveau. Einer der einfachsten Gründe für diese Unbeständigkeit liegt in den zugrunde liegenden Umständen eines Daseins in einem fehlbaren, von Bedürfnissen getriebenen

menschlichen Körper. Wenn der Körper erschöpft, krank oder verletzt ist, können alle unsere emotionalen Funktionen einschließlich des Gewissens zeitweilig beeinträchtigt werden. Um das zu illustrieren, wollen wir annehmen, der Rechtsanwalt Joe hätte während seiner Autofahrt 39 Grad Fieber gehabt und sei etwas benommen gewesen. Wir erkennen sofort, dass sein Urteilsvermögen beeinträchtigt ist, da er, obwohl er krank ist, an dem geschäftlichen Meeting teilnehmen will. Aber wie ist es um seine Moral bestellt? Was tut Joe, als ihm einfällt, dass sein

geliebter Hund Reebok nichts zu fressen hat, während ein erbarmungsloses Virus seinen Körper in Besitz nimmt? In dieser Variante der Geschichte hätte Joe kaum die Kraft, seine ursprünglichen Pläne durchzuführen; noch weniger wäre er in der Lage gewesen, die Sachlage schnell zu analysieren, auf der Stelle Prioritäten zu setzen und seine Pläne zu ändern, so wie er es in dem gesunden Szenario tut. Er ist fiebrig und benommen, und nun steht seine emotionale Reaktion auf Reeboks Not in direkter Konkurrenz zu seinem eigenen

Elend. Vielleicht wird trotzdem das Gewissen die Oberhand behalten; es könnte aber auch die Durchsetzungskraft seiner Überzeugungen durch die Krankheit geschwächt sein. Vielleicht folgt er dem Weg des geringsten Widerstandes, fährt weiter und quält sich mit der Umsetzung seiner ursprünglichen Pläne ab, während Reebok zwar nicht völlig vergessen ist, aber für eine Weile eine niedrigere emotionale Priorität hat. Eigentlich wollen wir uns Joe oder uns selbst - nicht so vorstellen, aber es ist interessant, und es

stimmt: Unser erhabenes Gewissen, Stifter von Verbundenheit und Sinn, kann manchmal erheblich beeinträchtigt werden durch Umstände, die nichts mit richtig oder falsch zu tun haben und so irrelevant für unsere moralischen Empfindungen sind wie eine Erkältung - oder eine schlaflose Nacht, ein Autounfall oder Zahnschmerzen. Das normale Gewissen verschwindet nie, aber wenn der Körper geschwächt ist, kann das Gewissen sehr müde und unkonzentriert werden. Ein körperlicher Angriff ist eine von zwei Lebenslagen - die andere

ist große Angst -, die in unseren Augen ein standhaftes, wachsames Gewissen als geradezu heldenhaft erscheinen lassen. Wenn ein Mensch akut krank oder schwer verletzt ist oder Angst hat und doch seinen emotionalen Bindungen treu bleibt, halten wir diese Person für mutig. Das klassische Beispiel ist der Frontsoldat, der, obgleich selbst verwundet, seinen Kameraden unter feindlichem Beschuss rettet. Dass wir auf dem Begriff "mutig" bestehen, um solche Taten zu beschreiben, ist unser stillschweigendes Eingeständnis, dass die Stimme des Gewissens für

gewöhnlich durch große Schmerzen oder Angst zum Schweigen gebracht wird. Und hätte Joe mit 3 9 Grad Fieber einen Umweg nach Haus gemacht, um den Hund zu versorgen, würden wir wohl sein Verhalten als eine kleine Heldentat empfinden. Unsere Reaktion wäre wohl stärker als ein sentimentales Lächeln - vielleicht würden wir ihm anerkennend auf die Schulter klopfen wollen. Einen körperlichen Einfluss auf das Gewissen haben auch, seltsam genug, die Hormone. Diese Beeinträchtigung des Gewissens wird durch Daten der bundesweiten

Adoptionsvermittlung ("National Adoption Information Clearinghouse") prägnant belegt, denen zufolge 15 bis 18 Prozent der Geburten der jüngeren Vergangenheit in den USA zum Zeitpunkt der Empfängnis "von der Mutter nicht gewollt" waren. Zwar ist anzunehmen, dass einige dieser Schwangerschaften die Folge von Unwissenheit oder eines echten "Unfalls" waren, aber dennoch bedeutet es, dass Hunderttausende von brandneuen Amerikanern jetzt das unsichere Dasein eines ungewollten Kindes fristen, nur weil ein körperliches Verlangen

jeweils für ein paar Minuten die Gewissen ihrer Eltern überschattet hat. Geht es um sexuelles Verlangen, räumen wir ein, wie schwierig es sein kann, unserer biologischen Natur zu widerstehen und titulieren Fälle eines standhaft gebliebenen Gewissens mit der hehren Bezeichnung "Tugend". Es ist bemerkenswert, dass wir vielfach nach dieser Definition mit vierzig "tugendhafter" sind, als wir es mit zwanzig waren und dass diese "Tugendhaftigkeit" sich schlichtweg durch Alterung eingestellt hat. Darüber hinaus gibt es tragische

biologische Unterwanderungen des Gewissens. Dazu zählen verschiedene schizophrene Störungen, die manchmal zur Folge haben, dass das Verhalten der betroffenen Personen von psychotischen Wahnvorstellungen verursacht wird. Wenn das menschliche Gehirn in dieser Weise geschädigt ist, dann ist die Behauptung "Das haben mir die Stimmen befohlen" kein Witz, sondern schreckliche Realität. So kann es vorkommen, dass eine gepeinigte Seele, deren Psychose kommt und geht, aus dem Wahnsinn "erwacht" und feststellen

muss, dass sie aus einer Wahnvorstellung heraus gegen das eigene Gewissen und Wollen gehandelt hat. Zum Glück sind körperliche Zwänge, die sich auf das Gewissen auswirken, eng umrissen. Sieht man von Gefechtssituationen ab, treten Lebenslagen, in denen wir schwer verwundet wichtige moralische Entscheidungen treffen müssen, wohl kaum jeden Tag auf, nicht einmal in jedem Jahr, und für die meisten Menschen ist ein sexueller Rausch ähnlich rar. Unkontrollierte paranoide Schizophrenie ist vergleichsweise

selten. Mithin können biologisch verursachte Einschränkungen unserer Moral insgesamt nur einen geringen Teil des unfassbar schlechten Verhaltens erklären, über das Zeitungen und Fernsehen zu jeder Stunde des Tages berichten. Schizophrene Menschen kommen kaum als organisierte Terroristen in Betracht. Zahnschmerzen verursachen keine hasserfüllten Verbrechen. Ungeschützter Sex verursacht keine Kriege. Wo also liegen die Ursachen? Moralische Ausgrenzung

Alljährlich wird am 4 . Juli* in meinem Heimatstädtchen in Neuengland zur Feier des Tages ein mächtiges Freudenfeuer, drei * Anmerkung des Übersetzers: Der 4. Juli ist der "Independence Day" (Unabhängigkeitstag) und Nationalfeiertag der USA. Stockwerke hoch, am Strand entfacht. Ausgetrocknete Holzpaletten werden zusammengenagelt und kunstvoll zu einem turmartigen Gebilde aufgeschichtet, das unsere

malerische Landschaft schon Tage vor dem Vierten überragt. Der Turm ist mit genügend Brettern und Zwischenräumen für die Belüftung so konstruiert, dass er leicht entflammbar ist. Er wird entzündet, wenn es dunkel wird, während die freiwillige Feuerwehr mit ihren Schläuchen für alle Eventualitäten bereitsteht. Die Stimmung ist festlich. Die Kapelle spielt patriotische Stücke, es gibt Hot Dogs und kalte Limonade und ein Feuerwerk. Wenn das Feuer ganz heruntergebrannt ist, kehren die Kinder an den Strand zurück, wo die Feuerwehrmänner sie

pflichtschuldigst mit ihren Schläuchen durchnässen. Das alles ist seit sechzig Jahren Tradition in unserem Städtchen. Da ich allerdings große Feuer nicht sonderlich mag, habe ich bisher nur einmal daran teilgenommen, im Jahr 2002, nachdem mich Freunde ermuntert hatten mitzukommen. Ich war überwältigt von der Anzahl Menschen, die es irgendwie geschafft hatten, sich in unsere winzige Ecke der atlantischen Küste zu drängen und zum Teil aus einer Entfernung von 80 Kilometern oder mehr angereist waren. Ich drängelte mich mit der Menge nach einem

Platz, der nahe genug am Feuer war, um gute Sicht zu haben, aber weit genug entfernt, um mir nicht die Augenbrauen zu versengen - so dachte ich jedenfalls. Ich war gewarnt worden, dass das Feuer, wenn es erst einmal voll entflammt war, mehr Hitze erzeugen würde, als ich mir vorstellen konnte, und mit 32 Grad war es ohnehin ein warmer Tag. Als die Sonne allmählich unterging, erhob sich ein Gejohle und Geschrei, das Feuer endlich anzuzünden, und als die Flammen schließlich am Holz emporzüngelten, ging ein Raunen durch die Menge. Sofort begannen

die Flammen, das Holzgebilde zu verschlingen, mit der ihnen eigenen unaufhaltsamen Gewalt, vom Sand bis hinauf zu einem plötzlich hell erleuchteten Nachthimmel. Und dann kam die Hitze. Sie fühlte sich fast wie eine feste Wand an, wälzte sich wie eine Lawine unerträglicher, gar furchteinflößend überhitzter Luft vom Feuer aus heran, in Wellen zunehmender Intensität, überraschte die Menge und drückte sie zurück. Wann immer ich dachte, nun weit genug entfernt zu sein, musste ich abermals fünfzig Meter zurückweichen, und wieder und wieder weitere fünfzig Meter. Mein

Gesicht brannte. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ein Freudenfeuer eine solche Hitze erzeugen konnte, selbst wenn es drei Stockwerke hoch war. Nachdem die Menschen weit genug zurückgewichen waren, stellte sich wieder eine fröhlichfaszinierte Stimmung ein, und als die geschmückte Spitze des Turms vom Feuer verzehrt wurde, applaudierte die Menge. Auf der Spitze des Turms war ein Häuschen errichtet worden, in dessen Innern nun ein kleines Inferno wütete. Dieser Anblick und das diffuse Gefühl der Gefahr und die Hitze

irritierten mich irgendwie, und anscheinend konnte ich die festliche Stimmung nicht teilen. Stattdessen fielen mir seltsamerweise die Hexenverbrennungen im 16. und 17. Jahrhundert ein, Ereignisse, die mir schon immer unbegreiflich waren, und trotz der Hitze erschauderte ich. Es ist eine Sache, von einem Feuer zu lesen, das groß genug ist, einen Menschen zu töten, aber es ist eine andere Sache, inmitten einer aufgeregten, johlenden Menge vor einem solchen Feuer zu stehen. Die finsteren geschichtlichen Assoziationen ließen mich nicht los

und hinderten mich hartnäckig daran, den Augenblick zu genießen. Ich fragte mich: Wie konnte es zu diesen Hexenverbrennungen kommen? Wie konnten solche Albträume Wirklichkeit werden? Als notorische Psychologin sah ich mich in der Menschenmenge um. Natürlich waren dies keine verwirrten baskischen Flüchtlinge im Jahre 1610, die fanatisch nach Anhängern des Teufels fahndeten, um sie zu verbrennen. Nein, hier stand ich inmitten einer Menschenmenge des neuen Jahrtausends, zwischen friedliebenden, unhysterischen

Bürgern, die frei von Entbehrungen oder bedrohlichem Aberglauben waren. Hier gab es keine Blutgier oder unterjochte Gewissen. Es herrschte Gelächter und ein Gefühl guter Nachbarschaft. Wir aßen Hot Dogs und tranken Limonade und feierten den Unabhängigkeitstag. Wir waren kein herzloser, unmoralischer Mob, und unter keinen Umständen hätten wir uns um einen Mord geschart, geschweige denn um eine öffentliche Folterung. Hätte plötzlich durch eine bizarre Verwerfung der Realität eine menschliche Gestalt in den

Flammen gezuckt, wäre nur die anonyme Hand voll Soziopathen unter uns davon unberührt geblieben oder gar belustigt worden. Von den anderen wären einige wenige gute Leute fassungslos erstarrt, einige besonders couragierte Zeitgenossen hätten versucht einzuschreiten, während der größte Teil der Menge in verständlichem Entsetzen geflohen wäre. Und das bis dahin fröhliche Freudenfeuer wäre zu einem traumatischen Schreckensbild geworden, das sich unauslöschlich bis zum Sterbebett in unser aller Erinnerung

eingebrannt hätte. Aber wenn die brennende menschliche Gestalt Osama bin Laden gewesen wäre? Wie hätte wohl diese Ansammlung amerikanischer Staatsbürger im Jahre 2002 reagiert, wäre sie plötzlich mit der öffentlichen Hinrichtung einer Person konfrontiert gewesen, die sie für den größten Schurken auf der Welt hielt? Hätten diese für gewöhnlich rechtschaffenen, sonntäglich am Gottesdienst teilnehmenden, friedfertigen Menschen das erlaubt und dabei zugesehen? Hätte es Begeisterung oder zumindest stille

Zustimmung geben können, statt Ekel und Entsetzen angesichts des Spektakels, einen Menschen unter Qualen sterben zu sehen? Als ich unter all diesen guten Leuten stand, wurde mir plötzlich klar, dass die Reaktion vielleicht nicht gar so entsetzt hätte sein mögen, weil Osama bin Laden in unseren Augen schlechterdings kein menschliches Wesen ist. Er ist Osama, und als solcher ist er, um eine Formulierung von Ervin Staub i n The Roots of Evil ("Die Wurzeln des Bösen") zu verwenden, vollständig "aus unserem moralischen Universum

ausgegrenzt" worden. Die Intervention des Gewissens kommt für ihn nicht mehr zur Anwendung. Er ist nicht menschlich. Er ist ein Es, ein Neutrum. Und leider macht diese Transformation vom Menschen zum E s ihn auch furchterregender. Bisweilen scheinen Menschen unsere moralische Ausgrenzung zu verdienen, zum Beispiel Terroristen. Andere Beispiele des Es sind Kriegsverbrecher, Kinderschänder und Serienmörder, und in jedem dieser Fälle könnten zu Recht oder auch nicht - Gründe dafür angeführt werden (und sind

angeführt worden), dass ein Anspruch auf eine mitfühlende Behandlung verwirkt worden sei. Aber in den meisten Fällen ist unsere Tendenz, Menschen auf Nicht-Wesen zu reduzieren, weder begründet noch bewusst, und im Laufe der Geschichte hat sich unser Hang zur Entmenschlichung nur allzu oft gegen letztlich Unschuldige gewandt. Die Liste der gesellschaftlichen Gruppen, die ein Teil der Menschheit zeitweilig auf eine kaum noch menschliche Stufe degradiert hat, ist ellenlang und enthält ironischerweise Kategorien für fast jeden von uns: Schwarze,

Kommunisten, Kapitalisten, Schwule, Indianer, Juden, Ausländer, "Hexen", Frauen, Muslime, Christen, die Palästinenser, die Israelis, die Armen, die Reichen, die Iren, die Engländer, die Amerikaner, die Singhalesen, Tamilen, Albaner, Kroaten, Serben, Hutus, Tutsis und Iraker, um nur einige zu nennen. Und wenn erst die andere Gruppe aus vielen Neutren ("its") besteht, ist alles erlaubt - namentlich dann, wenn eine Autoritätsperson die Befehle erteilt. Das Gewissen wird entbehrlich, denn das Gewissen bindet uns an andere Wesen und

nicht an Neutren. Das Gewissen existiert weiter, ist vielleicht sogar sehr penibel, aber es wird nur auf meine Landsleute, meine Freunde und meine Kinder angewendet, und nicht auf deine. Du bist aus meinem moralischen Universum ausgegrenzt, und nun kann ich dich ungestraft - oder gar unter dem Beifall der anderen Mitglieder meiner Gruppe - aus deinem Haus vertreiben oder deine Familie erschießen oder dich lebendig verbrennen. Ich sollte festhalten, dass de facto bei dem Freudenfeuer im Jahr 2002 nichts Schlimmes passiert ist.

Soweit ich weiß, sind diese makabren Gedanken nur mir gekommen. Die Flammen haben nur Holz verbrannt. Das Feuer war ein beeindruckender Anblick und brannte dann aus, ganz nach Plan. Lachende Kinder tollten in der Geborgenheit ihrer Heimatstadt am Strand herum und wurden dann von den Feuerwehrmännern abgeduscht. Man wünscht sich, dass Menschenansammlungen immer so friedlich verlaufen könnten. Des Kaisers neue Kleider Wenn das Gewissen in eine tiefe

Trance fällt, wenn es bei Akten von Folter, Krieg und Völkermord schläft, können politische Oberhäupter und andere im Licht der Öffentlichkeit stehende Persönlichkeiten den Unterschied zwischen einem allmählichen Wiedererwachen unseres siebten Sinns und einem fortgesetzten, unmoralischen Albtraum ausmachen. Die Geschichte lehrt uns, dass Einstellungen und Zielsetzungen der Herrschenden, die die Entbehrungen und Ängste der Gruppe pragmatisch zu bewältigen suchen, anstatt eine Randgruppe zum Sündenbock zu

erklären, uns dabei helfen können, zu einer realistischeren Wahrnehmung der "Anderen" zurückzufinden. Nach und nach kann moralische Führung etwas bewirken. Aber die Geschichte zeigt uns auch, dass ein Herrscher ohne einen siebten Sinn das kollektive Gewissen der Gruppe noch stärker hypnotisieren und die Katastrophe potenzieren kann. Durch den Einsatz von auf Furcht basierender Propaganda zur Verbreitung einer destruktiven Ideologie kann ein solcher Potentat die Mitglieder einer verängstigten Gesellschaft dazu bringen, die Neutren als das

einzige Hindernis für ein gutes Leben für sich und womöglich gar die gesamte Menschheit anzusehen; der Konflikt wird so zu einer epischen Schlacht zwischen Gut und Böse. Nachdem solche Glaubenssätze verbreitet worden sind, kann das mitleids- und gewissenlose Zermalmen der N e u t r e n mit beklemmender Leichtigkeit zu einer zwingenden Aufgabe werden. Das mannigfache Auftreten dieses zweiten Typs von Herrschern im Laufe der Geschichte wirft eine lange Reihe verblüffender Fragen auf. Warum toleriert die

menschliche Rasse diese leidvolle Geschichte ein ums andere Mal? Warum gestatten wir es Herrschern, deren Motive ausschließlich durch Eigennutz oder psychische Probleme in ihrem Vorleben bestimmt werden, immer wieder, Verbitterung und politische Krisen zu bewaffneten Auseinandersetzungen und Kriegen zu schüren? Warum lassen wir in den schlimmsten Fällen Leute wie den fröschemordenden, armbrechenden Skip die Show aufziehen und Machtspiele mit den Leben von Menschen spielen? Was wird aus dem Gewissen jedes

Einzelnen? Warum stehen wir nicht für unsere Überzeugungen ein? Eine mögliche Erklärung ist unser tranceartiger Zustand,20 der uns glauben lässt, dass die, die sterben, ohnehin nur Neu tren sind. Und natürlich herrscht Angst - immer und oft ein Gefühl der Hilflosigkeit. Wir sehen uns in der Menge um und denken uns, "Zu viele sind gegen mich" oder "Ich höre niemanden protestieren" oder, noch resignierter, "So ist die Welt eben" oder "Das ist Politik". Solche Empfindungen und Eindrücke können unseren Sinn für Moral gehörig dämpfen; wenn es aber um

die Deaktivierung des Gewissens durch Autorität geht, gibt es ein noch effektiveres Mittel, noch fundamentaler, als die "Anderen" zu entmenschlichen, süßlicher und erbärmlicher als ein Gefühl der Hilflosigkeit, und offenkundig noch schwerer zu besiegen als selbst die Angst. Wir sind ganz schlicht darauf programmiert, Befehlen sogar gegen unser Gewissen zu gehorchen. Professor Stanley Milgram21 von der Yale University in New Haven, Connecticut, USA, ersann und filmte in den Jahren 1961 und 1962

eines der erstaunlichsten psychologischen Experimente, die jemals durchgeführt worden sind. Milgram hatte sich zum Ziel gesetzt, möglichst frontal die Tendenz der Menschen, Befehle zu befolgen, mit dem Gewissen des Einzelnen zu konfrontieren. Über die Methodik seines Experiments schrieb er: "Von allen moralischen Grundsätzen kommt der folgende einer universellen Akzeptanz am nächsten: Man sollte einer hilflosen Person, die einem selbst weder schaden noch gefährlich werden kann, kein Leid zufügen. Diese Maxime ist die Gegenkraft, die wir

dem Gehorsam entgegensetzen werden." Milgrams Versuchsaufbau war denkbar einfach, und die gefilmte Dokumentation seiner Studie hat Humanisten und arglose Studenten seit vierzig Jahren empört. In der Studie finden sich, angeworben durch entsprechende Anzeigen, zwei einander unbekannte Männer in einem psychologischen Labor ein, um an einem Experiment teilzunehmen, bei dem es um Gedächtnis und Lernfähigkeit gehen soll. Die Teilnahme wird mit 4 Dollar vergütet, plus 50 Cents Fahrgeld. Im Labor erklärt der

Versuchsleiter (in der gefilmten Version ist es Stanley Milgram selbst) den beiden Männern, dass die Studie "die Auswirkungen von Bestrafung auf den Lernerfolg" untersucht. Einer der beiden wird zum "Schüler" erklärt, in einen Nachbarraum geführt und gebeten, dort Platz zu nehmen. Man sieht, wie die Arme des Schülers wie selbstverständlich an den Lehnen des Sessels festgeschnallt werden, "um übermäßige Bewegungen zu verhindern", und wie eine Elektrode an seinem Handgelenk befestigt wird. Ihm wird gesagt, dass er eine Liste von Wortpaaren auswendig

lernen muss (blaue Schachtel, schöner Tag, wilde Ente, etc.) und dass er, wann immer er einen Fehler macht, einen elektrischen Schlag versetzt bekommen wird. Bei jedem Fehler wird die Intensität des Schlages erhöht werden. Der anderen Person wird gesagt, sie sei der "Lehrer" in diesem Lernexperiment. Nachdem der Lehrer beobachtet hat, wie der Schüler am Sessel festgeschnallt und für die elektrischen Schläge verdrahtet worden ist, wird er in einen anderen Raum geführt und gebeten, vor einer großen, ominösen Maschine, einem

"Schockgenerator", Platz zu nehmen. Der Schockgenerator hat dreißig horizontal angeordnete Druckknöpfe, die mit "Volt" beschriftet sind, von 15 Volt bis hinauf zu 450 Volt, in Stufen von 15 Volt. Zusätzlich zu den Zahlen sind die Knöpfe mit Beschriftungen von LEICHTER SCHLAG bis hin zu der unheilvollen Bezeichnung GEFAHR-STARKER SCHLAG versehen. Dem Lehrer wird eine Liste mit Wortpaaren ausgehändigt und gesagt, es sei seine Aufgabe, den Schüler nebenan einer Prüfung zu unterziehen. Wenn der Schüler eine richtige Antwort gibt - zum

Beispiel "Schachtel" antwortet, wenn der Lehrer "blau" ruft -, soll der Lehrer mit der nächsten Frage fortfahren. Aber falls der Schüler eine falsche Antwort gibt, muss der Lehrer einen Knopf drücken und ihm einen elektrischen Schlag versetzen. Der Versuchsleiter instruiert den Lehrer, mit dem schwächsten Schlag des Schockgenerators anzufangen und die Intensität der Schläge bei jeder falschen Antwort um jeweils eine Stufe zu steigern. Der Schüler im Nachbarraum ist in Wirklichkeit der geschulte Verbündete des Versuchsleiters, ein

Schauspieler, und wird überhaupt keine elektrischen Schläge empfangen. Aber das weiß der Lehrer natürlich nicht, und es ist der Lehrer, der das eigentliche Versuchsobjekt ist. Der Lehrer ruft die ersten paar Worte des "Lernexperiments" aus, und dann geht der Ärger los, denn der Schüler Milgrams unsichtbarer Komplize nebenan fängt an, sich sehr unbehaglich anzuhören. Bei 75 Volt macht der Schüler einen Fehler bei einem Wortpaar, der Lehrer versetzt ihm einen Schlag und der Schüler grunzt. Bei 120 Volt ruft der Schüler

dem Versuchsleiter zu, dass die Schläge schmerzhaft würden, und bei 150 Volt fordert der unsichtbare Schüler, aus dem Experiment entlassen zu werden. Als die Schläge stärker werden, klingt der Protest des Schülers immer verzweifelter, und bei 285 Volt stößt er einen gequälten Schrei aus. Der Versuchsleiter - der YaleProfessor im weißen Laborkittel steht hinter dem am Schockgenerator sitzenden Lehrer und erteilt ruhig eine Reihe festgelegter Anweisungen, zum Beispiel "Bitte weitermachen" oder "Das Experiment erfordert es, dass

Sie weitermachen" oder "Ob es dem Schüler nun gefällt oder nicht, Sie müssen weitermachen, bis er alle Wortpaare richtig gelernt hat. Also machen Sie bitte weiter." Milgram wiederholte diese Prozedur vierzigmal mit vierzig verschiedenen Probanden Menschen, die "im Alltagsleben verantwortungsvoll und anständig" waren -, darunter High SchoolLehrer, Postbeamte, Verkäufer, Arbeiter und Ingenieure. Die vierzig repräsentierten unterschiedliche Bildungsniveaus, von einem Schulabbrecher bis hin zu Personen, die einen Doktorgrad

oder andere akademische Abschlüsse hatten. Das Ziel des Experiments war es, zu ermitteln, an welchem Punkt die Probanden (die Lehrer in diesem Experiment) der Autorität Milgrams angesichts eines klaren moralischen Imperativs nicht mehr gehorchen würden. Wie viele elektrischen Schläge würden sie einem flehenden, schreienden Unbekannten versetzen, einzig und allein, weil eine Autoritätsperson es ihnen befohlen hatte? Wenn ich Milgrams Film einem mit Psychologiestudenten besetzten Auditorium vorführe, pflege ich sie

zu bitten, die Antworten auf diese Fragen vorherzusagen. Stets sind die Studenten sicher, dass das Gewissen die Oberhand behalten wird. Viele von ihnen sagen voraus, dass viele der Probanden ihre Mitwirkung an dem Experiment verweigern werden, wenn sie von den elektrischen Schlägen erfahren. Die meisten Studenten sind sich sicher, dass von den teilnahmewilligen Probanden fast alle sich spätestens, wenn der Mann nebenan verlangt, entlassen zu werden (bei 150 Volt), dem Versuchsleiter widersetzen und ihm womöglich sagen werden, er möge

zur Hölle gehen. Und natürlich sagen die Studenten voraus, dass nur eine winzige Anzahl sehr kranker, sadistischer Probanden weiterhin die Knöpfe bis hin zu 450 Volt drücken würden, wo sogar die Maschine selbst warnt, GEFAHRSTARKER SCHLAG. Tatsächlich ist folgendes passiert: 34 von Milgrams ursprünglich 40 Probanden versetzen dem Schüler, den sie an seinen Sessel geschnallt wähnen, selbst dann noch weitere elektrische Schläge, als er bereits verlangt hat, aus dem Versuch entlassen zu werden. De facto verweigern 25 dieser 34 Probanden

also 62,5 Prozent der Gesamtgruppe - an keinem Punkt des Experiments dem Versuchsleiter den Gehorsam und fahren bis zum Ende der Reihe (bei 450 Volt) fort, die Knöpfe zu drücken, trotz der flehentlichen Bitten und Schreie des Mannes nebenan. Die Lehrer schwitzen, beklagen sich, raufen sich die Haare, aber sie machen weiter. Wenn der Film vorbei ist, beobachte ich die Uhr. In einem Auditorium von Studenten, die den Film zum ersten Mal gesehen haben, herrscht stets für mindestens eine volle Minute

schockierte Stille. Nach dem ursprünglichen Versuch variierte Milgram den Versuchsaufbau verschiedentlich. In einer Variante sollten zum Beispiel die Probanden nicht selbst die Knöpfe drücken, um dem Schüler die Schläge zu versetzen, sondern sie sollten lediglich die Wörter des Wortpaar-Tests ausrufen, bevor eine andere Person die Knöpfe drückte. In dieser Version des Versuchs machten 37 von 40 Personen (92,5 Prozent) bis zur höchsten Stufe des "Schockgenerators" weiter. So weit hatten nur Männer als "Lehrer" an

der Studie teilgenommen; nun führte Milgram sein Experiment mit vierzig Frauen durch und spekulierte, dass Frauen vielleicht mehr Mitgefühl an den Tag legen würden. Das Ergebnis war weitgehend identisch, abgesehen davon, dass die gehorsamen Frauen von mehr Stress berichteten als die gehorsamen Männer. Studien nach dem Modell von Milgram wurden an mehreren anderen Universitäten wiederholt, und bald hatten mehr als tausend Probanden beiderlei Geschlechts und aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten

teilgenommen. Die Ergebnisse blieben im Wesentlichen gleich. Das vielfach verifizierte Ergebnis seiner Gehorsamkeitsstudie veranlasste Milgram zu der berühmten Aussage, die so viele Studenten des menschlichen Wesens geplagt, aber auch motiviert hat: "Sehr viele Menschen tun, was ihnen befohlen wird, unabhängig von der Art der Handlung und ohne Einschränkungen durch das Gewissen, solange sie meinen, der Befehl käme von einer legitimen Autorität." Milgram war der Meinung, dass Autorität das

Gewissen in erster Linie darum außer Kraft setzen kann, weil die gehorsame Person eine "Anpassung des Denkens" vornimmt, durch die sie sich als nicht verantwortlich für die eigenen Handlungen ansieht. Er sieht sich nicht länger als ein Mensch, der sich moralisch verantwortlich verhalten muss, sondern als Agent einer externen Autorität, der er die gesamte Verantwortung und alle Initiative überträgt. Diese "Anpassung des Denkens" erleichtert es einer wohlwollenden Regierung, Ordnung und Kontrolle herzustellen, aber durch denselben

psychologischen Mechanismus ist immer wieder selbstsüchtigen, bösartigen und soziopathischen "Autoritäten" der rote Teppich ausgerollt worden. Wo das Gewissen die Grenze zieht Der Grad der Beeinträchtigung des Gewissens durch eine Autorität wird durch die vermeintliche Legitimität dieser Autorität beeinflusst. Wird die Person, die Anweisungen erteilt, als subaltern oder auch als gleichberechtigt angesehen, wird die "Anpassung des Denkens" womöglich nicht

stattfinden. In Milgrams ursprünglicher Studie war eine der wenigen Personen, die schließlich ihre fortgesetzte Mitwirkung an dem Experiment verweigerte, ein 32jähriger Ingenieur, der offenbar den Wissenschaftler im Laborkittel bestenfalls als intellektuell gleichgestellt ansah. Dieser Proband rückte seinen Stuhl vom Schockgenerator weg und sagte indigniert zu Milgram, "Ich bin Elektroingenieur, und ich habe schon elektrische Schläge erlitten ... ich glaube, ich bin wohl ohnehin schon zu weit gegangen." Später, als Milgram ihn in einem Interview

fragte, wer für die dem Mann nebenan versetzten elektrischen Schläge die Verantwortung trüge, machte er keineswegs den Versuchsleiter dafür verantwortlich. Stattdessen antwortete er: "Das würde ich einzig und allein mir selbst zuschreiben." Er war beruflich selbständig und hatte eine Hochschulbildung, und Bildung muss als einer der Faktoren angesehen werden, die bestimmen, ob das Gewissen wachsam bleibt oder nicht. Es wäre ein schwerer und arroganter Fehler zu meinen, dass ein akademischer Abschluss unmittelbar die Macht des

Gewissens in der menschlichen Psyche verstärkt, aber andererseits kann Bildung manchmal die vermeintliche Legitimität einer Autoritätsperson nivellieren und so einem blinden Gehorsam entgegenwirken. Durch Bildung und Wissen mag es dem Individuum leichter fallen, seine Sicht von sich selbst als legitime Autorität zu bewahren. In diesem Zusammenhang hat Milgram in einer anderen Variante seines Experiments einen "gewöhnlichen Mann" statt einen Wissenschaftler als Versuchsleiter posieren lassen, der die Probanden

anweist, die elektrischen Schläge auszulösen. Unter der Leitung eines "gewöhnlichen Mannes" statt einer Person im weißen Laborkittel sank die Quote der gehorsamen Probanden von 62,5 auf 20 Prozent. Kleidung und Auftreten sind nicht allein entscheidend, haben aber offensichtlich großen Einfluss. Einige von uns würden sich wohl einer Person widersetzen, die uns ähnelt, aber die meisten von uns werden jemandem gehorchen, der wie eine Autoritätsperson wirkt. Dieses Ergebnis ist heutzutage von besonderem Interesse, weil uns unsere Führer und Experten wie

durch Zauberei im Fernsehen erscheinen, das fast jeden Menschen edel und überlebensgroß wirken lassen kann. Zusätzlich zu ihrer Überlebensgröße sind Fernsehbilder Nahaufnahmen und wirken persönlich - sie sind mitten in unserem Wohnzimmer. Ein weiterer Faktor, der sich auf den Einfluss von Autorität auf das Gewissen des Einzelnen auswirkt, ist die Nähe der Person, die die Befehle erteilt. Als Milgram sein Experiment derart änderte, dass er nicht selbst im Raum war, sank der Gehorsam um zwei Drittel auf etwa

denselben Wert, der festgestellt wurde, als ein "gewöhnlicher Mann" die Leitung hatte. Und wenn die Autoritätsperson nicht in der Nähe war, "schummelten" die Probanden gerne, indem sie nur die niedrigeren Spannungsstufen der Maschine verwendeten. Die Nähe der Autoritätsperson ist im realen Leben in Hinsicht auf die Befehlsdisziplin unter Gefechtsund Kriegsbedingungen besonders wichtig. Es hat sich herausgestellt, dass das Gewissen des Einzelnen sich erstaunlich standhaft weigert, einen Akt der Tötung zuzulassen erstaunlich für diejenigen, die

menschliche Wesen für geborene Krieger halten. Dieser Aspekt des Gewissens ist bei normalen Menschen so unerschütterlich, dass Militärpsychologen gezwungen waren, Wege zu finden, ihn zu umgehen. So wissen zum Beispiel die Militärexperten inzwischen, dass Befehle durch Autoritätspersonen inmitten der Truppe gegeben werden müssen, um Männer mit einiger Zuverlässigkeit zum Töten zu bewegen. Anderenfalls werden die Männer im Feld versuchen, den Befehl zum Töten durch "schummeln" zu umgehen, indem

sie absichtlich daneben zielen oder einfach nicht feuern; so können sie es vermeiden, dieses mächtigste Gebot des Gewissens zu verletzen. Brigadegeneral S. L. A. Marshall22 war ein US-amerikanischer Kriegshistoriker des II. Weltkriegs im pazifischen Raum; später wurde er der offizielle Geschichtsschreiber für die Operationen in Europa. Er hat viele Vorfälle im II. Weltkrieg beschrieben, bei denen fast alle Soldaten ihre Befehle ausgeführt und ihre Waffen abgefeuert haben, wenn ihre Vorgesetzten präsent waren, um sie zu kommandieren; wenn aber die Vorgesetzten sie

verließen, sank die Feuerquote sofort auf 15 bis 20 Prozent. Marshall war der Meinung, dass die große Erleichterung der Soldaten in einem Sektor, in dem sie nicht einem direkten Feuerbefehl unterstanden, "weniger darauf zurückzuführen war, dass sie sich dort sicherer fühlten, als vielmehr auf das beglückende Wissen, dass sie eine Zeit lang nicht unter dem Zwang zu töten standen." In seinem Buch On Killing: The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society23("Über das Töten: Die psychischen Kosten der Ausbildung zum Töten im Krieg

und in der Gesellschaft") kommentiert der ehemalige Feldjäger und Fallschirmjäger der US Army Oberstleutnant Dave Grossman die Beobachtungen von Marshall. Ferner zieht er Untersuchungen des FBI* über Schussverweigerungen von Polizeibeamten und Statistiken über Schussverweigerungen aus einer langen Reihe von Kriegen heran, * Anmerkung des Übersetzers: FBI steht für "Federal Bureau of Investigation", was häufig mit "Bundespolizei" übersetzt wird.

Diese Strafermittlungsbehörde der USA ist dem deutschen Bundeskriminalamt vergleichbar. darunter der amerikanische Bürgerkrieg, erster und zweiter Weltkrieg, Vietnamkrieg und Falklandkrieg. Er kommt zu dem Schluss, dass "im Laufe der Geschichte die überwältigende Mehrheit der Kombattanten sich im Moment der Wahrheit, als sie den Feind töten konnten und sollten, sich als 'Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen' erwiesen hat." Nach sorgfältiger Würdigung der historischen Belege, dass

Bodentruppen einer Gelegenheit zum Töten häufig widerstehen und sie stillschweigend sabotieren, kommt Grossman zu einer "neuartigen und beruhigenden Schlussfolgerung über die menschliche Natur: Trotz einer ungebrochenen Tradition von Gewalt und Kriegen ist der Mensch nicht von Natur aus ein Killer." Um die Essenz des Gewissens zu unterlaufen, um fähig zu sein, das Bajonett zum Stoß zu führen oder den Abzug zu betätigen mit dem Ziel, einen Fremden zu töten, müssen normale Menschen sorgfältig ausgebildet,

psychologisch konditioniert und von Autoritätspersonen auf dem Schlachtfeld befehligt werden.

Außerdem hilft es, moralische Ausgrenzung zu fördern und die Truppe daran zu erinnern, dass die feindlichen Soldaten ja nur Neutren, Krauts*, Spinner, Schlitzaugen sind. Wie Peter Watson in seinem Buch War on the Mind: The Military Uses and Abuses of Psychology24("Krieg gegen die Vernunft: Militärische Anwendung und Missbrauch der Psychologie") schreibt, "werden die stupiden lokalen Gebräuche lächerlich gemacht" und die "lokalen Persönlichkeiten als böse Halbgötter dargestellt." Auf und neben dem Schlachtfeld

muss der jeweils zu führende Krieg sowohl für die kämpfende Truppe als auch die Menschen in der Heimat als entscheidender oder gar heiliger Kampf zwischen * Anmerkung des Übersetzers: "Kraut" ist ein abfälliger Ausdruck der US-amerikanischen Umgangssprache für einen Deutschen; er ist von "Sauerkraut" abgeleitet und wird häufig auf deutsche Soldaten des II. Weltkriegs angewendet. Gut und Böse dargestellt werden, und genau dies ist die Botschaft, die

die jeweilige Führung - auf allen Seiten des Konflikts - in jedem größeren Krieg der Geschichte zu vermitteln versucht hat. So wurde zum Beispiel - wenn es auch inzwischen schwierig ist, sich an etwas anderes als die in der Schlussphase des Vietnamkriegs explodierende moralische Entrüstung zu erinnern - den Amerikanern, als dieser Krieg begann, immer wieder versichert, dass sie - und nur sie - das Volk Südvietnams vor einer Zukunft in Terror und Versklavung retten könnten. Die Reden der Führung zu Kriegszeiten, die heutzutage in

unsere Wohnzimmer gesendet werden, haben stets mit aller Kraft dieses Motiv einer absolut notwendigen Mission hervorgehoben, die höhere Berufung, die das Töten rechtfertigt. Es ist paradox, dass die Autoritäten diese Version der Realität noch erfolgreicher verbreiten können, gerade weil das Gewissen eine hohe Berufung und das Gefühl, einer der Gerechten zu sein, in Ehren hält. Mit anderen Worten: Das Gewissen kann betrogen werden, und wenn es an das Töten unbekannter Menschen geht, ist in der Regel Betrug

erforderlich. Dass die Psychologie dem Militär die Techniken liefern kann, aus friedliebenden Menschen Killer zu machen und dass das Militär diese Verfahren verwendet, ist bedrückend. Aber hinter dieser schlechten Nachricht verbirgt sich ein Juwel der Hoffnung, der wie ein Diamant in einem Meer der Dunkelheit funkelt: Wir beginnen zu begreifen, dass menschliche Wesen nicht die geborenen Mordmaschinen sind, für die wir uns selbst lange Zeit gehalten haben. Selbst unter dem verzweifelten Druck eines Gefechts

haben wir immer wieder unsere Waffen nicht abgefeuert oder danebengezielt, und wenn er nicht unter der Dunstglocke der Autorität erstickt worden ist, hat es immer einen Aufschrei unserer menschlichen Verbundenheit gegeben - die Stimme des Gewissens war immer da - und hat uns daran erinnert, dass wir nicht töten dürfen. Töten ist die Essenz des Krieges, und daher ist Krieg die finale Auseinandersetzung zwischen Gewissen und Autorität. Unser siebter Sinn fordert, dass wir nicht töten, und wenn Autorität das

Gewissen entmachtet und einen Soldaten auffordert, in der Schlacht zu töten, wird er sehr wahrscheinlich sofort und für den Rest seines Lebens unter einer posttraumatischen Belastungsstörung ("posttraumatic stress disorder", PTSD) zu leiden haben, und auch unter den Depressionen, Scheidungen, Süchten, Magengeschwüren und Herzkrankheiten, die traumatische Erinnerungen mit sich bringen. Demgegenüber haben Studien an Vietnam-Veteranen25 gezeigt, dass Soldaten, die keinem Tötungszwang ausgesetzt waren, keine höhere

Wahrscheinlichkeit aufweisen, unter PTSD zu leiden, als solche, die ihre gesamte Wehrpflicht zu Hause verbracht haben. Dieser erdrückende Konflikt zwischen unserem moralischen Empfinden und Autorität ist fast unaufhörlich im Gang, seit menschliche Wesen begonnen haben, in hierarchisch organisierten Gesellschaften zu leben, seit fünftausend Jahren, in denen ein König oder landhungriger Adliger oder der Führer eines Staates oder einer Nation weniger mächtige Menschen befehligen konnte, in eine Schlacht zu ziehen und zu

töten. Und anscheinend ist es ein Kampf des Gewissens, der nicht zu Lebzeiten unserer Kinder oder Enkelkinder gewonnen werden wird. Gehorsam gegen Gewissen: 6 zu 4 Stanley Milgram, der gezeigt hat, dass mindestens sechs von zehn Menschen dazu tendieren, die Befehle einer körperlich anwesenden, offiziell wirkenden Autoritätsperson bis zum bitteren Ende zu befolgen, hat darauf hingewiesen, dass auch diejenigen Menschen psychisch leiden, die sich

einer destruktiven Autorität nicht unterordnen. Häufig wird sich ein Mensch, der den Gehorsam verweigert, im Konflikt mit der gesellschaftlichen Ordnung sehen und es schwierig finden, das Gefühl abzuwehren, eine Person oder Sache verraten zu haben, der er Treue gelobt hat. Gehorsam ist passiv, und es ist der Ungehorsame allein, der, um es mit Milgrams Worten auszudrücken, die "Bürde seines Verhaltens" tragen muss. Wenn es Mut ist, seinem Gewissen auch unter Schmerzen oder Angst zu folgen, dann ist es Stärke, die Wachsamkeit des Gewissens zu

erhalten und seiner Stimme zu folgen, auch wenn eine Autorität etwas anderes fordert. Und Stärke ist wichtig, wenn wir die verschiedenen Ziele des Gewissens unterstützen wollen, da die Chancen gegen uns stehen. Zur Illustration schlage ich vor, eine fiktive Gesellschaft von genau einhundert Erwachsenen zu betrachten, deren Zusammensetzung genau den bekannten Statistiken entspricht. Das bedeutet, dass von den einhundert Menschen unserer imaginären Gesellschaft vier soziopathisch sind - sie haben kein

Gewissen. Von den verbleibenden 96 anständigen Bürgern, von denen jeder ein Gewissen hat, werden 62,5 Prozent mehr oder weniger kritiklos einer Autorität gehorchen, womöglich der Autorität eines der eher aggressiven und dominanten Soziopathen in der Gruppe. Es bl e i be n 3 6 Personen übrig, die sowohl ein Gewissen haben als auch die Stärke, die Bürde ihres Verhaltens zu tragen, etwas mehr als ein Drittel der Gruppe. Die Chancen sind nicht aussichtslos, aber auch nicht gerade gut. Und die Rechtschaffenen stehen einer weiteren Herausforderung

gegenüber, die darin besteht, dass die meisten der Soziopathen - so seltsam das scheinen mag - nicht erkennbar sind. Diesem Dilemma, sowie dem bemerkenswerten Fall der Doreen Littlefield, wollen wir uns nun zuwenden. VIER der netteste mensch der weit Ich habe einen Werwolf gesehen, wie er bei Trader Vic e i n e Vina Colada trank Sein Haar saß perfekt — Warren Zevon

Doreen wirft einen prüfenden Blick in den Rückspiegel und wünscht sich zum abertausendsten Mal, eine Schönheit zu sein. Das Leben wäre so viel leichter. Sie sieht ganz hübsch aus heute Morgen im Spiegel, ausgeruht und sorgfältig geschminkt, aber sie weiß, dass sie ein bisschen gewöhnlich aussehen würde, wenn sie nicht so geschickt mit dem Make-up oder einfach nur müde wäre. Sie würde wie das einfache Mädchen vom Lande aussehen, das sie eigentlich war, als ob sie eher auf einen Melkschemel gehöre als auf den Fahrersitz dieses schwarzen

BMW. Sie ist erst vierunddreißig und ihre Haut sieht immer noch gut aus, noch ohne Falten, vielleicht ein bisschen blass. Aber ihre Nase ist etwas zu spitz, genug, um aufzufallen, und ihr strohfarbenes Haar, ihr größtes Problem, bleibt trocken und verfilzt, egal, was sie damit anstellt. Zum Glück hat sie eine phantastische Figur. Sie senkt den Blick vom Spiegel auf ihr hellgraues Seidenkostüm; es ist konservativ, aber figurbetont. Doreens Figur ist ausgezeichnet, und, was noch wichtiger ist, sie weiß, wie man sich bewegt. Für eine Frau mit einem alltäglichen Gesicht

ist sie unglaublich verführerisch. Wenn sie durch einen Raum geht, zieht sie die Blicke aller anwesenden Männer auf sich. Bei diesem Gedanken lächelt sie und lässt den Wagen an. Ungefähr anderthalb Kilometer von ihrer Wohnung entfernt fällt ihr ein, dass sie vergessen hat, den verdammten Malteser zu füttern. Sei's drum das dumme Spielzeughündchen wird schon überleben, bis sie heute Abend von der Arbeit nach Haus kommt. Inzwischen, einen Monat nach dem Spontankauf, kann sie es gar nicht mehr glauben, dass sie ihn

überhaupt gekauft hat. Sie hatte sich vorgestellt, dass sie elegant aussehen würde, wenn sie mit ihm ausging, aber das Gassi gehen hatte sich als langweilig erwiesen. Bei Gelegenheit will sie ihn einschläfern lassen, oder vielleicht kann sie ihn verkaufen. Schließlich ist er teuer gewesen. Auf dem Parkplatz des weitläufigen Geländes der psychiatrischen Klinik parkt sie ihren Wagen absichtlich neben Jennas rostigem Escort, ein willkommener optischer Kontrast, um Jenna ihren jeweiligen Rang auf der Welt in Erinnerung zu rufen.

Nach einem letzten Blick in den Spiegel nimmt Doreen ihre Aktentasche, die mit Papieren vollgestopft ist, um zu zeigen, wie hart sie arbeitet, und geht die Treppe hinauf zum oberhalb der Krankenstation gelegenen Bürotrakt. Als sie den Warteraum durchquert, zeigt sie Ivy, der matronenhaften Stationssekretärin, ein kumpelhaftes Lächeln, und Ivy strahlt. "Guten Morgen, Frau Dr. Littlefield. Du meine Güte, welch ein bezauberndes Kostüm! Es ist hinreißend!" "Oh, vielen Dank, Ivy. Sie schaffen

es immer, mich in gute Laune zu versetzen", antwortet Doreen, immer noch breit lächelnd. "Rufen Sie bitte durch, wenn mein Patient hier ist, okay?" Doreen verschwindet in ihrem Büro, während Ivy den Kopf schüttelt und laut in den leeren Warteraum sagt, "Das muss der netteste Mensch auf der Welt sein." Es ist früh, noch nicht ganz acht Uhr, und in ihrem Büro geht Doreen ans Fenster, um das Eintreffen ihrer Kollegen zu beobachten. Sie sieht Jackie Rubenstein auf das Gebäude zugehen, mit ihren langen Beinen

und ihrer entspannten Haltung. Jackie ist aus Los Angeles, ausgeglichen und humorvoll, und ihr wunderbarer, olivfarbener Teint lässt sie immer so aussehen, als sei sie gerade aus einem herrlichen Urlaub zurückgekehrt. Außerdem ist sie brillant, sehr viel klüger als Doreen, und hauptsächlich deswegen verabscheut Doreen sie insgeheim. In der Tat, sie hasst sie so glühend, dass sie sie umbringen würde, wenn sie damit ungestraft davonkommen könnte, aber sie weiß, dass sie letztlich gefasst werden würde. Doreen und Jackie hatten sich nach der Promotion vor

acht Jahren an der Klinik kennen gelernt und waren Freundinnen geworden, zumindest in Jackies Augen, und nun hat Doreen Gerüchte gehört, dass Jackie als "Mentorin des Jahres" ausgezeichnet werden soll. Sie sind im gleichen Alter. Wie kann es angehen, dass Jackie im Alter von 3 4 Jahren als "Mentorin" ausgezeichnet wird? Auf dem Rasen sieht Jackie Rubenstein nach oben und bemerkt Doreen am Bürofenster. Sie winkt. Doreen lächelt mädchenhaft und winkt zurück. In diesem Moment ruft Ivy an und

avisiert Doreen ihren ersten Patienten des Tages, einen atemberaubend attraktiven, breitschultrigen, aber sehr verängstigt aussehenden jungen Mann namens Dennis. Im Klinikjargon ist Dennis ein VIP ("very important patient"), da er ein Neffe eines prominenten Bundespolitikers ist. An dieser großen Universitätsklinik gibt es mehrere solche VIPs, Prominente, Reiche, Mitglieder von Familien, deren Namen jeder kennt. Dennis ist keiner von Doreens Psychotherapie-Patienten, sondern Doreen ist seine Administratorin.

Das bedeutet, dass sie sich zweimal pro Woche mit ihm trifft, sich nach den Fortschritten seiner Therapie erkundigt, sich um den Papierkram kümmert und schließlich seine Entlassung aus der Klinik genehmigen wird, wenn die Zeit dafür reif ist. Er meint, sein Zustand hätte sich soweit gebessert, dass er entlassen werden könne. Es ist eine Richtlinie der Klinik, die Aufgaben von Verwaltung und Psychotherapie zu trennen. Jeder Patient hat sowohl einen Administrator als auch einen Therapeuten. Die Therapeutin von Dennis - die er anbetet - ist die

begabte Frau Dr. Jackie Rubenstein. Am Vortag hatte Jackie Doreen erzählt, dass ihr Patient Dennis immense Fortschritte gemacht hätte und dass sie seine Behandlung nach seiner Entlassung aus der Klinik ambulant fortsetzen wolle. Nun sitzt Dennis in einem der niedrigen Sessel in Doreen Littlefields Büro und versucht, Blickkontakt herzustellen, denn er weiß, dass er auf diese Weise bekräftigen kann, dass es ihm gut genug geht, um nach Hause entlassen zu werden. Aber es fällt ihm schwer und er wendet seinen

Blick ab. Etwas an ihrem grauen Kostüm ängstigt ihn und auch etwas an ihren Augen. Trotzdem mag er sie, so glaubt er jedenfalls. Sie ist immer sehr nett zu ihm gewesen, und er hat gehört, dass Dr. Littlefield diejenige unter den Ärzten sei, die das meiste Interesse an den Patienten hätte. Wie dem auch sei - sie war die Expertin. Doreen sitzt hinter ihrem Schreibtisch, sieht Dennis an und bewundert seine perfekten Gesichtszüge und seinen muskulösen, 26 Jahre alten Körper. Sie rätselt, wie viel Geld er wohl eines Tages erben wird. Aber dann

fällt ihr wieder ihre Mission ein, und sie versucht, seinen nervösen Blick mit einem mütterlichen Lächeln einzufangen. "Ich habe gehört, dass es Ihnen diese Woche sehr viel besser geht, Dennis." "Ja, das stimmt, Frau Dr. Littlefield. Ich habe mich diese Woche viel besser gefühlt. Wirklich, sehr viel besser. Meine Gedanken sind viel besser. Sie stören mich nicht mehr ständig, so wie es war, als ich hergekommen bin." "Warum meinen Sie, dass das so ist, Dennis? Warum meinen Sie, dass die Gedanken Sie nicht mehr

stören?" "Na ja, ich habe wirklich hart mit den kognitiv-therapeutischen Techniken gearbeitet, die mich Dr. Rubenstein gelehrt hat, wissen Sie? Sie sind okay. Ich meine, sie helfen mir. Und ... also, die Sache ist, ich glaube, ich bin jetzt so weit, dass ich nach Hause kann. Oder vielleicht bald? Dr. Rubenstein hat gesagt, wir könnten die Therapie ambulant fortsetzen." Die "Gedanken" von Dennis, die ihn jetzt nicht mehr so sehr stören, sind paranoide Wahnvorstellungen, die von Zeit zu Zeit sein ganzes Leben bestimmen. Früher ein

lebenslustiger Teenager mit erstklassigen Zensuren und eine Sportskanone an seiner High School, erlitt Dennis im ersten Jahr am College einen psychotischen Zusammenbruch und wurde in eine Klinik eingewiesen. In den sieben Jahren seither war er immer wieder vorübergehend in psychiatrischen Einrichtungen gewesen, je nachdem, wie seine Wahnvorstellungen kamen und gingen, aber ihn nie ganz verließen. Wenn diese entsetzlichen "Gedanken" ihn im Griff haben, phantasiert er, dass man versuchen würde, ihn umzubringen, ihn zu

belügen, dass die Straßenlaternen seine Gedanken für die CIA* lesen würden, und dass in jedem vorbeifahrenden Auto ein Agent säße, der geschickt worden sei, um ihn zu entführen und über Verbrechen zu verhören, an die er sich nicht erinnern konnte. Seine Wahrnehmung der Realität ist extrem unzuverlässig, und die Qualen seines Misstrauens, das auch dann noch bleibt, wenn seine Wahnvorstellungen zurückgehen, machen es immer schwieriger für ihn, die Gegenwart anderer Menschen zu ertragen, selbst

* Anmerkung des Übersetzers: CIA steht für "Central Intelligence Agency", einen Geheimdienst der USA. die von Therapeuten. Jackie Rubenstein hat auf fast wundersame Weise ein therapeutisches Verhältnis zu diesem einsamen jungen Mann aufgebaut, der niemandem vertrauen kann. "Sie behaupten, Dr. Rubenstein hätte gesagt, dass Sie entlassen werden könnten, und dass sie die Therapie ambulant fortsetzen wolle?"

"Ja. Ja, das hat sie vorgeschlagen. Also, sie war auch der Meinung, dass ich bald so weit sei, dass ich entlassen werden könnte." "Wirklich?" Doreen sieht Dennis ratlos an, als ob sie eine Erklärung erwartete. "Mir hat sie etwas anderes gesagt." Es folgt eine lange Pause, in der Dennis sichtlich zittert. Schließlich fragt er: "Was meinen Sie?" Doreen stößt einen bühnenreifen Seufzer aus und kommt hinter ihrem Schreibtisch hervor, um sich in den Sessel neben Dennis zu setzen. Sie versucht, ihre Hand auf seine Schulter zu legen, aber er

schreckt zurück, als wolle sie ihn schlagen. Während er aus dem Fenster auf den Horizont starrt, wiederholt er seine Frage, "Was soll das heißen - Ihnen hat sie etwas anderes gesagt?" Doreen weiß genug über paranoide Schizophrenie, um zu wissen, dass Dennis schon jetzt den Verdacht hat, dass Dr. Rubinstein die Person, die er für seinen einzigen wahren Freund auf der Welt hielt - ihn verraten haben könnte. "Mir hat Dr. Rubenstein erzählt, dass sie sicher sei, dass es Ihnen jetzt sehr viel schlechter geht als

zum Zeitpunkt Ihrer Einlieferung. Und was die ambulante Therapie angeht, hat sie ganz klar gesagt, dass sie niemals zustimmen würde, Sie außerhalb der Klinik zu treffen. Sie sagte, dass Sie dafür viel zu gefährlich seien." Selbst für Doreen war es offensichtlich, dass ein Stück von Dennis' Herz aus dem Fenster flog, weit weg, und nicht in absehbarer Zukunft zu ihm zurückkehren würde. Sie sagt, "Dennis? Sind Sie okay, Dennis?" Dennis rührt sich nicht und schweigt. Sie versucht es erneut. "Es tut mir

so Leid, dass ich es bin, die Ihnen das sagen musste. Dennis? Ich bin sicher, dass es nur ein Missverständnis war. Sie wissen, dass Dr. Rubenstein Sie niemals anlügen würde." Aber Dennis ist still. Er muss in jeder Minute seines Lebens mit der Furcht, betrogen zu werden, umgehen, aber diese riesige neue Welle der Angst von seiner wundervollen Frau Dr. Rubenstein hat ihn an seiner Achillesferse getroffen und ihn erstarren lassen wie eine Statue. Als Doreen klar wird, dass er überhaupt nicht mehr reagieren

wird, geht sie zum Telefon und ruft Hilfe. Sofort erscheinen zwei kräftige Pfleger an der Tür ihres Büros. Sie sind stämmig, aber Doreen ist die Autorität, und sie werden ihre Anweisungen ohne Fragen befolgen. Dieser Gedanke lässt sie wohlig erschauern, aber mit dem besorgtesten Gesichtsausdruck, dessen sie fähig ist, unterschreibt sie die Anordnung, Dennis unterzubringen. "Unterbringen" ein Euphemismus, der klingt, als ob die Klinik jemanden in ein Gasthaus einladen würde bedeutet, dass ein Patient von einer

offenen Abteilung, wo zum Beispiel Dennis bisher war, in eine geschlossene Abteilung mit erhöhter Sicherheitsstufe verlegt wird. Die Unterbringung erfolgt, wenn Patienten gewalttätig werden oder wenn sie, wie Dennis, einen schweren Rückfall hatten. Falls notwendig, werden sie fixiert und medikamentös ruhiggestellt. Doreen ist ziemlich sicher, dass Dennis niemandem erzählen wird, was sie ihm gerade gesagt hat. Dennis verrät seine Geheimnisse nicht. Aber selbst wenn er jemandem davon erzählen sollte, wird man ihm nicht glauben.

Niemals glaubt man einem Patienten mehr als einem Arzt. Und so, wie sie ihn eben gesehen hat, wird er für ziemlich lange Zeit außer Gefecht sein und überhaupt nicht viel reden. Mit einem Anflug von Befriedigung denkt sie daran, dass Jackie Rubenstein gerade einen wirklich bezaubernden VIPPatienten verloren hat. Er wird fortan in Bezug auf Jackie völlig paranoid sein, und das Beste daran ist, dass Jackie sich selbst die Schuld daran geben und meinen wird, sie hätte in seiner Therapie etwas Wichtiges übersehen oder etwas Schädliches gesagt. In

solchen Dingen ist Jackie ein Schwächling. Sie wird die ganze Kritik einstecken und den Patienten einem anderen Therapeuten überlassen. Und damit hätte sich dann erst einmal das ganze Gerede in der Klinik, dass Dr. Rubenstein Wunder bewirken könne, erledigt. Lug und Trug Der Persönlichkeitstheoretiker Theodore Millon26 würde Doreen Littlefield eine "begehrliche Psychopathin" ("covetous p s y c h o p a t h " ) nennen, wobei "Psychopathin" sich auf Soziopathie

bezieht und "begehrlich" seine gewöhnliche Bedeutung hat: ein übersteigertes Verlangen nach fremdem Besitz. Soziopathen sind nicht immer begehrlich - einige sind völlig anders motiviert -, aber wenn des Fehlen eines Gewissens und Begehrlichkeit in derselben Person zusammenkommen, entsteht ein faszinierendes und beängstigendes Bild. Da es schlechterdings unmöglich ist, die wertvollsten "Besitztümer" Schönheit, Klugheit, Erfolg, einen starken Charakter - eines anderen Menschen zu stehlen und sich anzueignen, begnügt sich der

begehrliche Psychopath damit, beneidenswerte Eigenschaften anderer Menschen in den Schmutz zu ziehen oder zu beschädigen, um sie der anderen Person zu nehmen oder zumindest zu verleiden. Um es mit Millon auszudrücken, "Hier liegt das Vergnügen im Nehmen statt im Besitzen." Der begehrliche Soziopath hat das Gefühl, dass das Leben ihn irgendwie betrogen und ihm nicht annähernd dieselben Gaben wie anderen Menschen verliehen hat, und so muss er den existenziellen Punktestand ausgleichen, indem er andere beraubt oder heimlich in

ihrem Leben Zerstörungen anrichtet. Er meint, zu kurz gekommen zu sein durch Geburt, Umstände und Schicksal, und sieht im Herabsetzen anderer Menschen sein einziges Mittel, Macht auszuüben. Vergeltung, zumeist an völlig Ahnungslosen, ist die wichtigste Beschäftigung im Leben eines begehrlichen Soziopathen, sein wichtigstes Anliegen. Da dieses heimliche Machtspiel höchste Priorität hat, widmet ihm der Soziopath seine ganze Hinterlist und Risikofreude. Um des Spiels willen mag er Ränke schmieden und Taten vollbringen, die die

meisten Menschen für empörend und potenziell selbstzerstörerisch halten würden, und überdies für grausam. Und doch sind wir oft blind für seine Aktivitäten, wenn wir es - womöglich gar jeden Tag mit einem solchen Menschen zu tun haben. Wir rechnen nicht damit, dass ein Mensch einen gefährlichen, bösartigen Rachefeldzug gegen jemanden führen könnte, der ihn in keiner Weise verletzt oder gekränkt hat. Wir rechnen nicht damit und erkennen es daher nicht, selbst wenn es jemandem widerfährt, den wir kennen - oder gar uns selbst.

Die Taten von begehrlichen Soziopathen sind oft so bizarr und grundlos niederträchtig, dass wir nicht glauben können, dass eine Absicht dahintersteckt - oder dass sie überhaupt passiert sind. Und so ist sein wahrer Charakter in der Gruppe zumeist nicht erkennbar. Er kann sich leicht auf offenem Gelände verstecken, so wie es Doreen für fast ein Jahrzehnt gelungen ist, inmitten durchaus intelligenter, professioneller Menschen an der Klinik. Der begehrliche Soziopath ist der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz, und in Doreens Fall ist die Tarnung

besonders aufwändig. Doreen ist Psychologin, oder zumindest glauben das alle an der Klinik, was für Doreen Littlefields Zwecke praktisch gleichbedeutend ist. Die Wahrheit, sollte sie denn jemals ans Tageslicht kommen, ist, dass sie weder eine Approbation noch einen Doktorgrad hat. Als sie zweiundzwanzig war, hat sie tatsächlich ein Diplom im Fach Psychologie an der Staatsuniversität ihres heimatlichen Bundeslandes abgelegt, aber das ist alles. Der Rest ist eine extravagante Scharade. Als sie von der Klinik als promovierte Psychologin eingestellt wurde, hatte

man ihre Referenzen geprüft; allerdings durch zwei außerordentlich renommierte Männer, die sich wider besseres Wissen auf gewisse kompromittierende Verhältnisse mit ihr eingelassen hatten. Die Personalkommission hat die von ihr präsentierten Zeugnisse nicht überprüft. Da sie von so hoher Stelle empfohlen worden war, hatte man schlichtweg angenommen, dass sie promoviert hätte. Wer würde denn, um Himmels willen, bei so etwas lügen? Und was ihre Fähigkeit angeht, sich hinreichend glaubwürdig als Psychologin

aufzuführen, um Kollegen und Patienten zu übertölpeln - nun, Doreen ist der Meinung (und zwar anscheinend zu Recht), dass man viel aus Büchern lernen kann. Doreen hat soeben ihren rekonvaleszenten 8-Uhr-Patienten empfangen, ihn als Vergeltung an einer unschuldigen Kollegin in einen akut paranoiden Zustand versetzt und ihn in eine geschlossene Abteilung verlegt, wo er sediert und eingesperrt worden ist. Womit wird sie den Rest des Tages zubringen? Sollten wir wieder in ihrem Büro zu ihr stoßen, würden wir feststellen, dass sie

seelenruhig weitere Termine mit Patienten wahrnimmt, telefoniert, Papierkram erledigt und an einer Personalbesprechung teilnimmt. Wir würden wahrscheinlich nichts Ungewöhnliches feststellen. Ihr Verhalten würde weitgehend normal auf uns wirken, oder zumindest nicht auffallen. Vielleicht bewirkt sie nicht viel Gutes für ihre Patienten, aber sie fügt ihnen auch keinen offensichtlichen Schaden zu, abgesehen von Fällen wie heute Morgen, als das Manipulieren eines Patienten ihr dazu diente, einer Kollegin zu schaden, die sie ins

Visier genommen hat. Warum sollte sie ihre Fähigkeiten gegen stationäre Psychiatriepatienten einsetzen? Sie haben nichts, was sie will. Sie sind von der Welt entrechtet, und sie kann sich mächtig fühlen, indem sie einfach im selben Raum mit ihnen sitzt. Eine Ausnahme könnte die gelegentliche Patientin sein, die ein bisschen zu attraktiv oder, schlimmer noch, ein bisschen zu klug ist. Dann würde Doreen sie vielleicht ein bisschen erniedrigen wollen und ein wenig den Selbsthass anstacheln, unter dem solche Patienten in der Regel

ohnehin zu leiden haben. In ihrer Rolle als Psychotherapeutin findet sie das lächerlich einfach zu bewerkstelligen. Die Gespräche finden stets zu zweit statt, und der Patient versteht nicht gut genug, wie ihm geschehen ist, um sich bei jemandem außerhalb des Therapiezimmers darüber beschweren zu können. Wenn aber ein Mensch bei Doreen kein Begehren weckt nach etwas, was er besitzt oder ist, dann wird sie ihn nicht angreifen. Im Gegenteil, womöglich verhält sie sich gegenüber gewissen Personen, die sie für Underdogs hält, besonders

nett und höflich, wenn sie ihr als nützlich erscheinen, ihre Tarnung im Schafspelz aufrechtzuerhalten. Es gehört zu dieser Tarnung, sich überaus nett, fürsorglich, verantwortungsvoll und hoffnungslos überarbeitet zu geben. Am Ende des Arbeitstages, an dem sie heimlich Jackie Rubenstein und Dennis sabotiert hat, ist es ihr zum Beispiel wichtig, beim Verlassen der Klinik kurz an Ivys Schreibtisch zu verweilen, um mit ihr ein liebenswürdiges Schwätzchen zu halten. Sie versucht, das jeden Abend so einzurichten. Ivy ist die Stationssekretärin und

Rezeptionistin für die Mediziner der Station, und man weiß ja nie, wann einem eine strategisch so günstig platzierte Person nützlich werden könnte. Doreen kommt aus ihrem Büro, lässt sich in einen der Sessel im Warteraum fallen und sagt, "Ach, Ivy! Ich bin so froh, dass dieser Tag vorbei ist!" Ivy ist zwanzig Jahre älter als Doreen. Sie hat Übergewicht und trägt große Plastik-Ohrringe. Doreen findet sie peinlich. Ivy antwortet ihr mütterlich, "Ich weiß. Sie armes Ding. Und der arme Dennis! Ich bin kein Arzt, aber ich

sehe eine Menge Patienten, wissen Sie, und ich war ganz hoffnungsvoll.... Ich hab mich wohl geirrt." "Nein, nein. Sie sind sehr aufmerksam. Für eine Weile schien es ihm tatsächlich besser zu gehen. Diese Arbeit kann einem manchmal das Herz brechen." Natürlich war Dennis am Morgen von den beiden energischen Pflegern genau vor Ivys schreckgeweiteten Augen abgeführt worden. Jetzt schaut sie Doreen besorgt an. "Wissen Sie, Frau Dr. Littlefield, ich mache mir Sorgen um Sie."

Als Ivy dieses Geständnis macht, bemerkt sie, dass sich Doreens Augen mit Tränen gefüllt haben, und fährt mit gedämpfter Stimme fort, "Ach je, das war sicherlich ein schrecklicher Tag für Sie, nicht wahr, meine Liebe? Ich hoffe, ich bin nicht zu persönlich, aber vielleicht sind Sie zu sensibel für diese Art Arbeit." "Nein, nein, Ivy. Ich bin nur erschöpft, und natürlich bin ich traurig wegen Dennis. Erzählen Sie das nicht weiter - ich darf ja niemanden bevorzugen -, aber er ist mir sehr wichtig, wissen Sie? Ich wünschte, ich könnte einfach nach

Hause fahren und mich ausschlafen." "Ja, genau das sollten Sie tun, meine Liebe." "Wenn ich das nur könnte. Aber wegen des Notfalls und dem ganzen Drumherum bin ich nicht dazu gekommen, den Papierkram zu erledigen, und damit werde ich nun wohl die halbe Nacht zubringen." Ivy wirft einen Blick auf Doreens ausgebeulte Aktentasche und sagt: "Sie armes Ding. Lassen Sie uns doch an etwas Erfreuliches denken, um Sie ein bisschen abzulenken ... also, was ist denn heute passiert. Wie geht's Ihrem neuen

Malteserhündchen?" Doreen tupft sich die Augen mit dem Handrücken ab und lächelt. "Oh, dem geht's prächtig, Ivy. Manchmal ist er zum Fressen niedlich!" Ivy kichert. "Na, dann wartet er bestimmt auf Sie. Warum fahren Sie nicht nach Hause und drücken ihn ganz fest?" "Lieber nicht zu fest. Ich würde ihn zerquetschen. Er ist winzig." Darüber lachen die beiden Frauen zusammen, und dann sagt Doreen, "Ivy, Ivy. Wissen Sie, ich finde, Sie sollten die Psychologin sein. Sie wissen immer, wie Sie mich

aufheitern können. Wir sehen uns morgen früh in alter Frische, okay? Wir müssen wohl einfach das Beste draus machen." "Ich werde hier sein", versichert Ivy. Sie strahlt, während Doreen ihre Aktentasche nimmt und geht, mit einer leichten Schlagseite zur Aktentasche hin. Doreen geht zu ihrem Auto auf dem Parkplatz, und dort trifft sie Jenna, die Besitzerin des ramponierten Escort, neben dem sie heute Morgen geparkt hat. Jenna ist Assistenzärztin und neu an der Klinik. Sie ist, im Gegensatz zu Ivy, der Stationssekretärin, jung,

intelligent und hübsch. Sie hat langes, schönes, ganz glattes, kastanienbraunes Haar, und Doreen hat sie als eines ihrer Opfer auserkoren. "Hallo, Jenna. Auf dem Weg nach Haus?" Jenna ist irritiert von der überflüssigen Frage, aus der sie Kritik heraushört. Von den Assistenzärzten wird erwartet, bis in die Puppen zu arbeiten. Sie gibt die Frage zurück: "Ja. Ja, ich bin auf dem Weg nach Haus. Sie auch?" Doreen sieht beunruhigt aus. "Was ist denn mit der Notfallkonferenz in Chatwin Hall?"

Die Station in Chatwin Hall wird von dem gestrengen und gefürchteten Dr. Thomas Larson geleitet. Doreen weiß, dass er Jennas unmittelbarer Vorgesetzter ist. Natürlich findet dort jetzt gerade keine Konferenz statt, Doreen hat das aus dem Stegreif erfunden. Jenna erbleicht schlagartig. "Eine Notfallkonferenz? Davon hat mir niemand etwas gesagt. Wann? Worum geht es? Wissen Sie etwas darüber?" Doreen setzt die strenge Miene einer Gouvernante auf, sieht auf ihre Armbanduhr und sagt:

"Ungefähr vor zehn Minuten, glaube ich. Haben Sie Ihren Anrufbeantworter nicht abgehört?" "Doch, natürlich habe ich das, aber da war nichts über eine Konferenz. In Dr. Larsons Büro?" "Das nehme ich an." "Oh nein. Mein Gott. Ich muss ... ich sollte ... also, dann werde ich mal dahinlaufen, so schnell ich kann." "Gute Idee." Jenna ist zu sehr in Panik, um sich zu fragen, wieso Dr. Littlefield von einer eilig anberaumten Konferenz weiß, an der sie nicht einmal selbst teilnimmt. Die junge Ärztin rennt in ihren Pumps vom Parkplatz über

den vom Regen durchnässten Rasen der Klinik. Doreen steht auf dem Parkplatz und sieht ihr nach, bis sie, immer noch im Laufschritt, am anderen Ende des Gebäudes um die Ecke biegt und aus ihrem Blickfeld verschwindet. Während Doreen hochzufrieden daran denkt, dass sich Chatwin Hall ganz auf der gegenüberliegenden Seite des weitläufigen Geländes befindet, setzt sie sich in den BMW, prüft im Rückspiegel ihr Make-up und macht sich auf den Weg nach Haus. Morgen oder übermorgen wird Jenna ihr wieder über den Weg laufen und sie wegen der fiktiven

Konferenz zur Rede stellen. Doreen wird einfach mit den Achseln zucken und mit einem harten Blick Jennas sanftmütige Augen fixieren, und Jenna wird sich damit zufrieden geben. Soziopathie und Straffälligkeit Doreen Littlefield wird nie für ihre Taten - das Praktizieren als Psychologin ohne Approbation inbegriffen - belangt werden. Der einflussreiche Onkel von Dennis wird nie herausfinden, wer sie wirklich ist, ebenso wenig wie die meisten ihrer anderen Patienten

oder deren Familien. Die Ärzte der Klinik werden sie nicht strafrechtlich verfolgen für den an ihnen begangenen, kriminellen Betrug. Sie wird nie auch nur halbwegs angemessen für die unzähligen von ihr verübten psychologischen Attacken bestraft werden. Letztlich ist sie ein gutes Beispiel für den Unterschied zwischen einem Soziopathen und einem Kriminellen, der erstaunlicherweise dem entspricht, was ein ungezogenes, aber vermeintlich artiges, dreijähriges Mädchen unterscheidet von einem, das getadelt wird, weil es Bonbons

aus der Tasche seiner Mutter genommen hat. Der Unterschied ist schlicht und ergreifend, ob es ertappt worden ist oder nicht. Und dass Erwachsene für ihre gewissenlosen Handlungen belangt werden, ist wohl eher die Ausnahme als die Regel. Da vier Prozent der Gesamtbevölkerung soziopathisch sind, hätte man Grund zu der Annahme, dass unsere Gefängnisse von Soziopathen bersten und nicht genug Platz für andere Straftäter bleibt. Das ist aber nicht der Fall. Laut Robert Hare und anderen Forschern, die Strafgefangene

untersucht haben, sind im Durchschnitt nur etwa 20 Prozent der Häftlinge beiderlei Geschlechts in den USA Soziopathen.27 Hare und andere legen Wert auf die Feststellung, dass diese 20 Prozent der Gefängnispopulation für mehr als 50 Prozent der "schwersten Straftaten" (Erpressung, bewaffneter Raub, Entführung, Mord) und der Verbrechen gegen den Staat (Landesverrat, Spionage, Terrorismus) verantwortlich sind. Mit anderen Worten: Die meisten überführten Kriminellen sind keine Soziopathen. Vielmehr sind sie Menschen mit grundsätzlich

normalen Persönlichkeitsstrukturen, deren Verhalten das Ergebnis negativer sozialer Faktoren wie zum Beispiel Drogen, Missbrauch als Kind, häuslicher Gewalt und generationenübergreifender Armut ist. Die Statistik sagt auch aus, dass soziopathische Straftaten nur sehr vereinzelt der Strafjustiz zur Kenntnis gelangen - dass also nur sehr wenige Soziopathen im formalen Sinn kriminell sind. Das am häufigsten auftretende soziopathische Profil ist, wie bei Doreen, von ständigen Betrügereien und Täuschung geprägt, und nur die

eklatantesten Verbrechen (Entführung, Mord, und so weiter) können auch von einem einigermaßen intelligenten Soziopathen nur schwer verheimlicht werden. Einige - aber keineswegs alle - der bewaffneten Räuber und Entführer unter den Soziopathen werden gefasst. Die Doreen Littlefields der Welt kommen meist ungeschoren davon, und selbst wenn sie ertappt, also ihre Taten erkannt werden, müssen sie kaum damit rechnen, strafrechtlich zur Verantwortung gezogen zu werden. Das führt dazu, dass die meisten Soziopathen nicht

inhaftiert werden. Sie tummeln sich, zusammen mit Ihnen und mir, auf dieser Welt. Im nächsten Kapitel werden wir die zahlreichen Gründe erörtern, warum Menschen mit einem Gewissen so große Schwierigkeiten haben, gewissenlose Individuen zu "sehen" und effektiv mit ihnen umzugehen. Diese Gründe reichen vom Psychoterror der Psychopathen bis hin zu unseren eigenen, unangebrachten Schuldgefühlen. Zunächst lassen Sie uns aber noch einmal in die Klinik zurückkehren, und zwar, um das von Dr. Jackie Rubenstein bewirkte Wunder zu

erleben, oder eigentlich zwei Wunder. Es sind vier Tage vergangen, seit Dennis in eine geschlossene Abteilung eingewiesen wurde. Es ist Sonntag und das Klinikgelände liegt verlassen da, bis auf ein kleines Auto, das die schmale Zufahrt zu dem Gebäude entlang fährt, in dem Dennis untergebracht ist, und vor der Eingangstür hält. Dr. Rubenstein steigt aus und wühlt in ihrer Manteltasche nach dem großen, fast mittelalterlich anmutenden Hauptschlüssel, der ihr den Zugang zu dem dreistöckigen, aus Stein erbauten

Gebäude ermöglicht. Auch wenn sie inzwischen acht Jahre an der Klinik gearbeitet hat, umklammert sie immer noch den schweren Generalschlüssel in der Hand, anstatt ihn zurück in ihre Tasche zu stecken, wenn sie eine Station wie diese betreten hat und die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen ist. Sie ist gekommen, um ein letztes Mal zu versuchen, ihren verstörten Patienten Dennis dazu zu bewegen, mit ihr zu sprechen. Als sie die eigentliche Station betritt - und eine weitere Stahltür sich automatisch hinter ihr geschlossen und verriegelt hat -, sieht sie Dennis auf

einem grünen Vinylsofa sitzen und einen nicht eingeschalteten Fernseher anstarren. Er sieht hoch, ihre Blicke treffen sich für einen Moment, und zu ihrer Überraschung und Erleichterung winkt er ihr, sich zu ihm zu setzen. Dann geschieht das erste Wunder: Dennis redet. Er redet und redet und erzählt Jackie Rubenstein alles, was Doreen Littlefield zu ihm gesagt hat. Und das zweite Wunder ist, dass Jackie ihm glaubt. Am Abend ruft sie von zu Hause aus Doreen an und stellt sie zur Rede. Doreen streitet alles ab und wirft ihr verächtlich vor, sie würde

sich in den Verfolgungswahn ihres Patienten hineinziehen lassen. Als Jackie nicht nachgibt, warnt Doreen sie, dass sie ihre eigene Karriere gefährden würde, wenn sie irgendjemandem an der Klinik ein so unglaubliches Märchen auftischen würde. Als sie nach dem Gespräch mit Doreen den Hörer aufgelegt hat, ruft sie einen guten Freund in Los Angeles an, um Zuspruch zu finden. Sie sagt ihm, nur halb im Scherz, dass sie das Gefühl hat, den Verstand zu verlieren. Jackie weiß nicht, dass Doreen eine Betrügerin ist. Aus Jackies

Sicht sind sie und Doreen Kollegen an der Klinik. Jackie wird klar, dass sie es daher schwer haben wird, in dieser Angelegenheit bei ihren Vorgesetzten Gehör zu finden. Man wird annehmen, dies sei lediglich eine Auseinandersetzung zwischen ihr und Doreen. Schlimmstenfalls könnte man ihr, so wie Doreen es getan hat, unterstellen, dass sie sich die Probleme ihres Patienten zu eigen machen würde. Gleichwohl geht sie am nächsten Morgen zum Büro des Chefarztes ihrer Station und erzählt ihm, was passiert ist. Sein graubärtiges Gesicht wird rot, was Jackie sonderbar findet, da er

nicht ärgerlich zu sein scheint, weder auf sie noch auf Doreen. Sie rätselt vage, wie schon einige Male zuvor, ob er und Doreen ein Verhältnis gehabt haben könnten. Nachdem er Jackie angehört hat, gibt sich der Chefarzt nicht ganz so verächtlich wie Doreen am Telefon, aber doch erinnert er Jackie respektvoll daran, wie leicht man glaubwürdige Elemente in den Wahnvorstellungen intelligenter Paranoia-Patienten sehen kann. Er sagt, er habe große Zweifel, ob etwas von dem, was Dennis ihr erzählt hat, sich tatsächlich ereignet habe und gibt seiner Hoffnung

Ausdruck, dass sie und Doreen diese Meinungsverschiedenheit nicht auf die Spitze treiben würden. Solch ein Zwist wäre nicht gut für die Station. Und so kommt Doreen, wie üblich, in allen wesentlichen Punkten ungeschoren davon. Die gute Nachricht ist jedoch, dass nun Dennis' Therapie mit Jackie nicht dauerhaft unterbrochen wird und er bald darauf aus der Klinik entlassen werden kann. Das Ende von Doreen Littlefields Scharade bahnt sich, wie so oft bei begehrlichen Soziopathen, nicht mit einem Knall, sondern einem Wimmern an. Es wurde durch eine

Person außerhalb der Klinik ausgelöst. Doreen wird durch einen Verbraucheranwalt enttarnt, der zweimal im Monat eine Sendung namens "Kunde, sei vorsichtig" im Regionalfernsehen moderiert. Sechs Jahre nach Doreens psychologischer Attacke auf Dennis wird die Ehefrau dieses Lokalmatadors mit Depressionen in die Klinik eingeliefert, und durch puren Zufall wird ihr Doreen als Therapeutin zugeteilt. Weil er glaubt, dass die Therapie seiner Frau sich negativ auf seine Ehe auswirke, ist der Anwalt vergrätzt und setzt sein Können ein,

um Dr. Littflefield zu überprüfen; er findet im Handumdrehen heraus, was sie ist - oder vielmehr, was sie nicht ist. Sofort wendet er sich an den kaufmännischen Direktor der Klinik und erklärt, dass er darauf verzichten würde, Doreen und die Klinik in seiner Sendung bloßzustellen, falls die Klinik Doreen sofort entlassen, einen neuen Therapeuten für seine Frau berufen und die gesamte Krankenhausrechnung seiner Frau stornieren würde. Er weist durchaus nachvollziehbar darauf hin, dass die Stornierung einer einzelnen Rechnung wesentlich

günstiger käme, als Hunderte von älteren Rechnungen zu erstatten oder, schlimmer noch, als die Schadensersatzforderungen, mit denen die Klinik rechnen müsse, falls Doreens fehlende berufliche Qualifikation durch das Fernsehen enthüllt würde. Nach eingehendem Studium des ihm vorgelegten Dossiers ist der Fall für den kaufmännischen Direktor der Klinik sofort klar, und so wird Doreen an ihrem vierzigsten Geburtstag plötzlich mitten aus einer kleinen durch Ivy organisierten Büroparty mit Kaffee und Kuchen heraus in den

Verwaltungstrakt zitiert. Im Büro des kaufmännischen Direktors wird Doreen vom kaufmännischen Direktor, dem medizinischen Direktor und der Direktorin des Pflegedienstes (die unbedingt dabei sein will, weil sie Doreen nicht ausstehen kann) mitgeteilt, dass sie vom Sicherheitsdienst zu ihrem Auto eskortiert und überwacht würde, bis sie das Gelände verlassen hätte. Doreen erwidert den drei Direktoren, sie würden einen großen Fehler machen, der Verbraucheranwalt würde lügen, weil er sie nicht ausstehen könne und dass sie sie alle verklagen

würde. Sie fährt davon, und obwohl sie vierzehn Jahre an der Klinik war, hört man dort nie wieder etwas von ihr. Die Verwaltung verfolgt die Angelegenheit aus naheliegenden Gründen nicht weiter, um einen Skandal und Regressansprüche zu vermeiden, und es gibt einen kollektiven Stoßseufzer der Erleichterung, als sie einfach verschwindet. In privaten Gesprächen über sie spekulieren die Leiterin des Pflegedienstes und Jackie Rubenstein, dass Doreen wahrscheinlich in einem anderen Bundesstaat weiterhin als

Psychologin praktizieren würde. Die meisten Leute an der Klinik verfügen über große Mengen an Gewissen, und so stellt sich die Frage, wieso man Doreen ohne eine Auseinandersetzung laufen lässt, nur damit sie womöglich andernorts ihr Unwesen treiben kann. Und warum war sie überhaupt, gerade in einer psychiatrischen Klinik, so schwierig zu erkennen? Allgemein gefragt: Wie kann ein jeder von uns - wie wir es allesamt tun - mit einer erheblichen Zahl von destruktiven Lügnern und Hochstaplern zusammenleben, ohne sie zur Rede

zu stellen oder auch nur als solche zu erkennen? Wie wir in Kürze sehen werden, gibt es Antworten auf diese entscheidenden Fragen und auch Mittel und Wege, unsere Reaktionen auf das schlüpfrige Phänomen der Soziopathie allmählich zu ändern. FÜNF w a r u md a Scheuklappen trägt

s gewissen

Es ist leicht - schrecklich leicht -, den Glauben eines Menschen an sich selbst zu erschüttern. Das

auszunutzen, um die Seele eines Menschen zu zerstören, ist Teufelswerk. — George Bernard Shaw Hätte Doreen Littlefield geglaubt, sie könnte damit ungeschoren davonkommen, dann hätte sie Jackie Rubenstein mit ihrem BMW überfahren, anstatt nur ihre Arbeit zu sabotieren. Und, noch erstaunlicher, hätte sie Jackie oder einen anderen Menschen verwundet oder getötet, Doreen hätte keine Schuldgefühle oder Reue verspürt, geschweige denn das Entsetzen, das die meisten

Menschen empfinden würden, hätten sie das Leben eines Menschen beendet. Ihr Blutdruck wäre um keinen Deut gestiegen, zumindest nicht infolge eines schlechten Gefühls wegen des Opfers. Doreen hat keinen Sinn für solche Dinge, keinen siebten Sinn für menschliche Verbundenheit, der ihr ein elendes Gefühl wegen der Folgen ihrer Handlungen bereiten könnte. Den meisten von uns hätte das Töten eines Menschen einen Schock verursacht, gefolgt von Qualen, die das Leben verändern würden, auch wenn wir den betreffenden Menschen nicht

hätten leiden können. Doreen hätte einen solchen Akt - vorausgesetzt, dass sie nicht gefasst worden wäre als einen Sieg empfunden. Für Menschen mit einem Gewissen ist dieser Unterschied zwischen normalen Gefühlsreaktionen und Soziopathie so absurd, dass er fast unbegreiflich ist, und so weigern wir uns für gewöhnlich, eine solche Gefühlsarmut für möglich zu halten. Und leider kann uns die Weigerung, die Bedeutung dieses Unterschiedes zu beachten, gefährlich werden. Auch ohne jemanden mit ihrem Auto - oder ihren eigenen beiden

Händen - zu ermorden, richtet Doreen unsägliche Schäden für die Menschen in ihrem Umfeld an. De facto ist es ihr wichtigstes Ziel, die Leben anderer Menschen zu beeinträchtigen. Da sie sich die Autorität einer Psychotherapeutin für stationäre Patienten zunutze macht, könnte sie eines Tages als Nebeneffekt ihrer Rachefeldzüge einen Patienten in den Selbstmord treiben, sofern sie das nicht schon getan hat. Und doch ist eine große Gruppe anständiger Menschen - das gesamte Personal einer psychiatrischen Klinik, das alles Menschenmögliche tun würde, um

den Selbstmord eines Patienten zu verhindern - blind für ihre Scharade. Und als sie ihren Betrug entdecken, versuchen sie nicht etwa, sie aufzuhalten - sie sehen einfach zu, wie sie davonfährt. Warum sind gewissenhafte Menschen so blind? Und warum zögern sie, sich zu wehren und die Ideale und die Menschen, die ihnen wichtig sind, zu verteidigen, gegen die Minderzahl menschlicher Individuen, die keine Spur eines Gewissens haben? Die Antwort hängt zum großen Teil mit den Gefühlen und Gedanken zusammen, die sich einstellen,

wenn wir mit Soziopathie konfrontiert werden. Wir haben Angst, und unser Realitätssinn leidet. Wir glauben, dass wir uns Dinge einbilden oder übertreiben oder irgendwie selbst für das Verhalten des Soziopathen verantwortlich sind. Bevor wir aber unsere psychischen Reaktionen auf Schamlosigkeit im Detail erörtern, gestatten Sie mir, diese Reaktionen in einen Zusammenhang zu stellen, indem ich klar beschreibe, womit wir es zu tun haben. Lassen Sie uns zunächst einen genauen Blick auf die formidablen Techniken werfen, die von den Schamlosen benutzt

werden, um uns zu beherrschen. Das Handwerkszeug Die erste dieser Techniken ist Charme, und als ein sozialer Faktor sollte Charme nicht unterschätzt werden. Doreen konnte ungemein charmant sein, wenn es ihren Zwecken diente. Und unser alter Freund Skip hat seinen erheblichen Charme dafür eingesetzt, seine Geschäftspartner zu beeinflussen und den Weg zu geschäftlicher Dominanz zu ebnen. Und Charme wenn auch die Verbindung abwegig

erscheinen mag - ist ein primäres Merkmal der Soziopathie. Der intensive Charme von gewissenlosen Menschen, eine Art unerklärliches Charisma, ist von zahllosen Opfern beobachtet und kommentiert worden, und auch von Forschern bei dem Vorhaben, die diagnostischen Merkmale der Soziopathie zu katalogisieren. Es ist ein entscheidendes Merkmal. Die meisten Opfer, die mir im Rahmen meiner Arbeit begegnet sind, haben berichtet, dass nicht nur ihr erster Kontakt mit einer soziopathischen Person, sondern auch die trotz erlittener Verletzungen fortgesetzte

Beziehung ein direktes Ergebnis ihres Charmes war. Unzählige Male habe ich es erlebt, dass Menschen den Kopf geschüttelt und sinngemäß gesagt haben: "Er war der charmanteste Mensch, der mir jemals begegnet ist", oder: "Ich hatte das Gefühl, sie seit ewigen Zeiten zu kennen", oder: "Er hatte eine unglaubliche Energie, die anderen Leuten einfach fehlt." Man kann den soziopathischen Charme mit dem animalischen Charisma anderer Räuber unter den Säugetieren vergleichen. Wenn wir zum Beispiel die großen Katzen beobachten, sind wir von ihren

Bewegungen, ihrer Unabhängigkeit und ihrer Kraft fasziniert. Aber der direkte Augenkontakt mit einem Leoparden, sollte man zur falschen Zeit am falschen Ort sein, ist unentrinnbar und lähmend, und der faszinierende Charme des Räubers ist oft das Letzte, was das Opfer erlebt. (Ich spreche von edlen Leoparden, jedoch habe ich oft von missbrauchten und wütenden Opfern Metaphern gehört, die sich auf Reptilien bezogen haben.) Das animalische Charisma von Soziopathen wird von unserer verhaltenen Affinität zur Gefahr noch gesteigert. Es ist altbekannt,

dass gefährliche Menschen attraktiv sind, und indem wir uns zu Soziopathen hingezogen fühlen, bestätigen wir dieses Klischee. Soziopathen sind auf vielfältige Weise gefährlich. Eine der auffälligsten ist ihr Hang zu riskanten Situationen und Entscheidungen und ihre Fähigkeit, andere dazu zu bringen, gemeinsam mit ihnen Risiken einzugehen. Manchmal - aber nur manchmal genießen normale Menschen ein kleines Risiko oder einen leichten Nervenkitzel. Wir zücken unsere Brieftaschen, um für eine Runde mit einer riesigen Achterbahn zu

bezahlen, obwohl wir uns kaum vorstellen können, das zu überleben, oder für einen Platz im Kino, wenn ein blutiger Reißer läuft, der uns mit Sicherheit Albträume bereiten wird. Unser normaler Hang zu einem gelegentlichen Nervenkitzel kann den risikobereiten Soziopathen noch charmanter erscheinen lassen - vorerst. Zunächst mag es spannend sein, zu einem riskanten Manöver eingeladen zu werden und sich der Person anzuschließen, deren Entscheidungen außerhalb unserer gewöhnlichen Grenzen liegen.

Komm, wir stecken deine Kreditkarte ein und fliegen heute Abend nach Paris. Lass uns deine Ersparnisse nehmen und ein Geschäft aufziehen, das erst einmal unsinnig klingt, aber mit uns zwei klugen Köpfen zu einem grandiosen Erfolg werden kann. Lass uns an den Strand gehen und den Hurrikan erleben. Lass uns auf der Stelle heiraten. Lass uns deine langweiligen Freunde abschütteln und zu zweit weiterziehen. Lass uns im Fahrstuhl Sex haben. Lass uns dein Geld in diesen heißen Tipp stecken, den ich gerade bekommen habe. Lass uns die Regeln

verlachen. Lass uns in T-Shirts und Jeans in ein feines Restaurant gehen. Lass uns ausprobieren, wie schnell dein Auto ist. Lass uns ein bisschen leben. Das ist der Stil der "Spontaneität", Risikobereitschaft und des "Charmes" von Soziopathen, und auch wenn wir uns über die offensichtlichen Schwächen solcher Pläne amüsieren mögen, ist das Grundschema immer wieder bemerkenswert erfolgreich gewesen. Ein Mensch, der nicht von einem Gewissen behelligt wird, kann uns leicht das Gefühl vermitteln, unser Leben sei zu

geregelt und öde, und dass wir mit ihm gemeinsam ein Leben führen sollten, das gerne als bedeutsamer und spannender dargestellt wird. Angefangen bei Eva und der Schlange strotzen die Geschichtsbücher und Klassiker der Prosa vor Geschichten von Menschen, die durch das aalglatte Gerede und den Magnetismus von Hasardeuren und Übeltätern verführt und manchmal vernichtet worden sind - Dickie Greenleaf und der talentierte Mr. Ripley, Samson und Delilah, River City und Harold Hill, Trilby und Svengali, Norman Mailer und Jack Henry Abbott,

Zarin Alexandra und der scheinbar unsterbliche Rasputin. Und aus eigener Erfahrung erinnern wir uns an Begegnungen mit solchen Zeitgenossen, die uns eisige Schauer über den Rücken jagen. Freilich können wir uns glücklich schätzen, wenn es nur Begegnungen waren. Weniger Glückliche müssen mit unauslöschlichen Erinnerungen an ausgemachte menschliche Katastrophen leben, die ihnen widerfahren sind, als sie dem Charme der Schamlosen zum Opfer fielen. Überdies kennen die Schamlosen

uns viel besser, als wir sie kennen. Es fällt uns ausgesprochen schwer zu erkennen, dass eine Person kein Gewissen hat, aber ein Mensch ohne Gewissen erkennt sofort jemanden, der anständig und vertrauensvoll ist. Schon als Kind wusste Skip, wen er dazu überreden konnte, Feuerwerkskörper für ihn zu besorgen. Als Erwachsener wusste er sofort, dass Juliette jahrzehntelang mit ihm leben konnte, ohne seine zwielichtigen Aktivitäten in Frage zu stellen. Doreen Littlefield erkannte, dass sie mit Ivy leichtes Spiel haben würde, und wusste genau, dass Jackie

Rubenstein ein mitfühlender Mensch war, der bereitwillig über seine Pflicht hinaus Verantwortung übernehmen würde. Wenn ein Soziopath jemanden als leichtes Opfer ausmacht, studiert er diese Person. Er versucht herauszufinden, wie diese Person manipuliert und ausgenutzt werden kann und wie er dazu sein auserkorenes Spielobjekt umschmeicheln und betören kann. Außerdem weiß er, wie er ein Gefühl der Vertrautheit oder Intimität herstellen kann, indem er behauptet, er und sein Opfer seien sich irgendwie ähnlich. Häufig

erinnern sich Opfer an Behauptungen, die auch dann noch ihren Eindruck hinterließen, nachdem der Soziopath verschwunden war, zum Beispiel: "Weißt du, ich glaube, du und ich sind uns sehr ähnlich", oder: "Ich bin ganz sicher, dass wir Seelenverwandte sind." Rückblickend betrachtet können solche Bemerkungen außerordentlich erniedrigend wirken. Sie sind unglaublich verlogen und spuken einem doch im Kopf herum. In ähnlicher Weise haben gewissenlose Menschen ein

unheimliches Gespür dafür, wer für sexuelle Avancen empfänglich sein könnte. Verführung ist eine weitere, sehr verbreitete soziopathische Technik. Für die meisten Menschen bringt ein sexuelles Verhältnis eine emotionale Bindung mit sich, wenn sie auch flüchtig sein mag, und solche Bindungen werden von kaltherzigen Schurken ausgenutzt, um zu bekommen, was sie begehren - Loyalität, finanzielle Unterstützung, Informationen, ein Gefühl des "Gewinnens", oder vielleicht einfach eine vorübergehende Beziehung, die den Anschein der Normalität erweckt.

Dies ist eine altbekannte Geschichte und abermals eine, die sich immer wieder in Literatur und Historie wiederholt. Aber selten erkennen wir die Macht, die sie Soziopathen verleiht - Macht über einzelne Menschen, natürlich, aber auch über Gruppen und Institutionen. Ein innerhalb einer Organisation getarnter Soziopath kann auf unbestimmte Zeit durch normale Menschen gedeckt werden, die den einzigen Fehler gemacht haben, einer Schwäche für diese charmante und gefährliche Person nachzugeben. So konnte sich zum Beispiel Doreen vor allem deshalb

als Psychologin ausgeben, weil sie Empfehlungsschreiben von zwei Personen präsentieren konnte, die sie sexuell manipuliert hatte. Und als Jackie versucht hat, Doreens soziopathisches Verhalten aufzudecken, hat eine dritte Person, der Stationsdirektor, das wahrscheinlich aus den gleichen Gründen verhindert. Und so blieb die verführerische "Dr." Littlefield weitere sechs Jahre an der Klinik. Und sexuelle Verführung ist nur ein Aspekt des Spiels. Wir werden gleichermaßen durch die schauspielerischen Fähigkeiten des Soziopathen verführt. Da das

Gerüst eines Lebens ohne Gewissen aus Täuschung und Illusion besteht, werden intelligente Soziopathen häufig zu guten Schauspielern und können sogar spezielle, von Berufsschauspielern eingesetzte Techniken erlernen. Paradoxerweise können willkürlich abrufbare Gefühlsbekundungen dem Kaltblütigen zur zweiten Natur werden - der Anschein intensiver Anteilnahme an den Problemen oder Vorlieben eines anderen Menschen, bierseliger Nationalstolz, aufrechte Entrüstung, errötende Sittsamkeit, weinerliche Traurigkeit.

Krokodilstränen auf Abruf sind ein soziopathisches Markenzeichen. Doreen stellte sicher, dass Ivy die über ihren Patienten Dennis vergossenen Krokodilstränen bemerken und sich davon einwickeln lassen würde. Und zweifellos hat sie abermals vor Ivy einen ganzen Schwall Krokodilstränen vergossen, als sie unweigerlich die schreckliche, schmerzhafte Krankheit erfand, die sie "zwang", ihr kleines Hündchen einschläfern zu lassen. Krokodilstränen vergießen die Gewissenlosen besonders gern, wenn ein gewissenhafter Mensch

sich dazu anschickt, einen Soziopathen mit der Wahrheit zu konfrontieren. Ein Soziopath, der befürchten muss, in die Enge getrieben zu werden, wird sich plötzlich zu einer Mitleid erregenden, weinerlichen Figur verwandeln, die niemand guten Gewissens weiterhin unter Druck setzen könnte. Oder das genaue Gegenteil: Manchmal wird ein in die Enge getriebener Soziopath eine Pose rechtschaffener Entrüstung und gerechten Zorns einnehmen in dem Versuch, den Angreifer einzuschüchtern. So hat es Doreen mit den Direktoren der Klinik

versucht, als sie schließlich gefeuert wurde. Da sie von Natur aus Schauspieler sind, können gewissenlose Menschen gesellschaftliche und berufliche Rollen optimal ausnutzen, die hervorragende Tarnungen abgeben und nur ungern von anderen Menschen angezweifelt werden. Rollen helfen uns bei der Organisation unserer komplexen Gesellschaft und sind enorm wichtig für uns. Sollte uns ein verdächtiges Verhalten auffallen, würden wir vielleicht eine Doreen Littlefield schließlich zur Rede stellen, aber es ist

unwahrscheinlich, dass wir einer F r a u D r . Doreen Littlefield misstrauen würden, sei ihr Verhalten auch noch so sonderbar. Wir reagieren auf den Titel Doktor, der eine eindeutige und positive Bedeutung für uns hat, und den Inhaber eines solchen Titels stellen wir kaum jemals in Frage. In gewissem Maße gilt das auch für Menschen, die Rollen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen bekleiden und (legal oder illegal) entsprechende Titel führen, zum Beispiel in Politik, Geschäftsleben, organisierter Religionsausübung, Bildungswesen oder als Eltern.

Selten werden die Nachbarn das Verhalten eines Diakons, Stadtrates, Gymnasialdirektors oder eines erfolgreichen Managers wie Skip unter die Lupe nehmen. Wir glauben den Versprechungen eines solchen Menschen, weil wir die Integrität seiner gesellschaftlichen Rolle mit ihm identifizieren. So werden wir auch schwerlich die Erziehungspraktiken eines Nachbarn in Frage stellen, selbst wenn zu befürchten steht, dass ein Kind missbraucht wird. Oft hat unsere Logik kaum mehr Substanz als die schlichte Aussage "Er ist schließlich der Vater."

Darüber hinaus werden wir vom tatsächlichen Verhalten eines Menschen abgelenkt, wenn er sich auf die eine oder andere Art als gütig, kreativ oder verständnisvoll darstellt. So vertrauen wir zum Beispiel Menschen, die sich als tierlieb ausgeben. Bei Menschen, die sich selbst als Künstler oder Intellektuelle bezeichnen, drücken wir auch mal ein Auge zu, da wir eventuelle Abweichungen von der Norm ihrer Exzentrizität zuschreiben, die wir als Normalbürger unmöglich verstehen können. Im Allgemeinen bringen wir solchen Kreisen ein gewisses

Wohlwollen entgegen, was manchmal einem soziopathischen Imitator Tür und Tor öffnet. Schlimmer noch, unser Respekt für vermeintlich inspirierte und wohlwollende Führungspersonen kann missbraucht werden - und ist vielfach missbraucht worden -, mit katastrophalen Folgen. Wir neigen dazu, bei Führungspersonen gerade dann, wenn sie vorgeblich einer erhabenen Mission dienen und auch bei Ärzten oder Priestern oder Eltern, die Attribute der jeweiligen Rolle auf das Individuum zu übertragen und daher dem Individuum zu folgen. Benjamin

Wolman,29 Gründer und Herausgeber des International Journal of Group Tensions ("Internationales Journal der Spannungen in Gruppen"), hat geschrieben: "Gewöhnlich wächst die menschliche Grausamkeit, wenn ein aggressiver Soziopath eine unheimliche, fast hypnotische Kontrolle über sehr viele Menschen erlangt. Die Geschichte ist voll von Häuptlingen, Propheten, Erlösern, Gurus, Diktatoren und anderen soziopathischen Größenwahnsinnigen, denen es gelungen ist, ein Gefolge zu finden ... und die Menschen zur Gewalt

aufgestachelt haben." Wenn ein solcher "Erlöser" die normale Bevölkerung für seine Zwecke zu Geiseln nimmt, beginnt er seine Kampagne für gewöhnlich mit einem arglistigen Appell an sie als gute Menschen, die das Los der Menschheit verbessern wollen, und besteht dann darauf, dass man das nur erreichen könne, indem man seinem eigenen, aggressiven Plan folge. Mit verwirrender Ironie können dem Gewissen Scheuklappen angelegt werden, da Menschen ohne Gewissen viele der grundsätzlich positiven Werkzeuge,

die wir benötigen, um die Gesellschaft zusammenzuhalten, als Waffen gegen uns wenden Mitgefühl, sexuelle Bindungen, gesellschaftliche und berufliche Rollen, Achtung für Wohltäter und Kreative, unsere Sehnsucht, die Welt zu verbessern und die ordnende Macht des Staates. Und den Menschen, die entsetzliche Taten verüben, sieht man es nicht an. Es gibt kein "Gesicht des Bösen". Könnten wir irgendwie alle grausigen Assoziationen außer Acht lassen, würde das eigentliche Gesicht Saddam Husseins eher onkelhaft wirken; vielfach ist gesagt

worden, er hätte ein großes, freundliches Lächeln. Hitlers Gesicht, wäre es nicht durch dessen Gräueltaten zu einem Symbol des Bösen an sich geworden, könnte man fast für komisch halten, Chaplinesque in seiner Dümmlichkeit. Lizzy Borden sah aus wie alle anderen herausgeputzten viktorianischen Damen in ihrem Heimatort Fall River, Massachusetts. Pamela Smart ist hübsch. Ted Bundy war so attraktiv, dass Frauen ihm Heiratsanträge in die Todeszelle schickten, und auf jedes anzügliche Grinsen eines Charles Manson

kommt ein strahlend unschuldiges Antlitz eines John Lee Malvo. Wir versuchen, bewusst oder unbewusst, den Charakter eines Menschen anhand seines Aussehens einzuschätzen, aber diese Strategie, nach dem äußeren Anschein zu urteilen, ist fast immer ineffektiv. Im wirklichen Leben sehen die bösen Buben nicht so aus wie sie sollten. Sie haben keine Ähnlichkeit mit einem Werwolf oder Hannibal Lecter oder Tony Perkins, während er eine Leiche im Schaukelstuhl anstarrt. Im Gegenteil - sie sehen aus wie wir.

"Gaslight" Es ist ein ungemein beängstigendes Erlebnis, zum Opfer eines Soziopathen zu werden, auch wenn er nicht von der gewalttätigen Sorte ist. Im Jahre 1944 führte George Cukor Regie in dem Psychothriller Gaslight ("Das Haus der Lady Alquist"), in dem eine schöne junge Frau - dargestellt durch Ingrid Bergman - in den Wahnsinn getrieben wird. Ihre Angst, den Verstand zu verlieren, wird systematisch durch Charles Boyer geschürt, der ihren bösen, aber charmanten frisch angetrauten

Ehemann spielt. Neben anderen Manipulationen sorgt Boyer dafür, dass Bergman in seiner Abwesenheit Geräusche auf dem Dachboden hört und dass die Gasbeleuchtung selbsttätig flackert in dem unheimlichen Haus, in dem vor Jahren ihre Tante unter mysteriösen Umständen ermordet worden ist. Natürlich glaubt niemand Bergman die Geräusche auf dem Dachboden oder das Flackern des Gaslichts und auch kaum etwas anderes, und ihre allmählich wachsenden Zweifel an ihrer Wahrnehmung der Realität finden sich in der englischen

Redewendung "to be gaslighted" wieder. Boyer ist nicht gewalttätig. Nie schlägt er Bergman. Viel hinterhältiger - er nimmt ihr das Vertrauen in die eigenen Sinneswahrnehmungen. Der Ausdruck "to be gaslighted" beschreibt den Verdacht, Opfer eines Soziopathen zu sein und den Versuch, anderen Menschen diesen Verdacht zu erklären. Jackie Rubenstein war ein gutes Beispiel für dieses Phänomen, als sie Doreen Littlefield wegen ihrer Grausamkeit gegenüber Dennis zur Rede stellte. Danach hat Jackie einen Freund angerufen, um

Zuspruch zu suchen, da sie das Gefühl hatte, den Verstand zu verlieren. Und als sie versucht hat, dem Stationsdirektor von ihrer Entdeckung zu berichten, wiederholte er höflich, aber deutlich Doreens Unterstellung, dass Jackie durch ihren paranoiden Patienten auch ein bisschen verrückt geworden sei. Nachdem Jackie Doreen beschuldigt hatte, sich einem harmlosen Patienten gegenüber bösartig verhalten zu haben, stellte sich natürlich die Frage: Warum sollte sich ein solcher Mensch so abscheulich verhalten?

Unweigerlich wird diese Frage von Dritten gestellt werden, entweder offen oder implizit, und es ist eine so verwirrende, nicht zu beantwortende Frage, dass letztlich auch die Person, die den Soziopathen verdächtigt, sich diese Frage stellen wird - nur, um feststellen zu müssen, dass sie auch keine plausible Erklärung dafür hat. Und wie die unschuldige, frischgebackene Braut im Film Gaslight läuft auch sie Gefahr, das Vertrauen in die eigenen Wahrnehmungen teilweise oder ganz zu verlieren. Gewiss wird sie zögern, die Geschichte zu

wiederholen, da der Versuch, den Soziopathen bloßzustellen, Zweifel an ihrer eigenen Glaubwürdigkeit oder gar ihrem Verstand weckt. Diese Zweifel, unsere eigenen und die der Mitmenschen, sind schmerzlich, und leicht bringen sie uns dazu, den Mund zu halten. Im Laufe der Jahre habe ich Hunderten von Patienten zugehört, die Opfer von Soziopathen geworden sind, und dabei festgestellt, dass es ist nicht ungewöhnlich ist, wenn einige Menschen innerhalb einer Organisation oder Gemeinde schon längst einen Verdacht hatten, jeder für sich und im Stillen, wenn eine

Person schließlich für alle offensichtlich als Soziopath bloßgestellt wird. Jeder hat sich manipuliert gefühlt und so behielt jeder sein verrückt klingendes Geheimnis für sich. Wir fragen uns: Warum sollte sich ein solcher Mensch so abscheulich verhalten? Mit "ein solcher Mensch" meinen wir eine Person, die ganz normal aussieht, eine Person, die aussieht wie du und ich. Wir meinen eine Person in einer respektierten, beruflichen Rolle, einen Tierfreund, ein Elternteil, einen Ehepartner, oder vielleicht einen charmanten Menschen, mit

dem wir zum Abendessen - oder mehr - zusammen waren. Und mit "abscheulich verhalten" meinen wir eine negative Handlung, die für uns unerklärlich grotesk ist, da wir uns auf der Grundlage unserer eigenen Gefühle und normalen Beweggründe unmöglich erklären können, warum sich jemand überhaupt so verhalten sollte. Warum sollte ein aufgeweckter, ansehnlicher, privilegierter Junge wie Skip kleine Tiere abschlachten wollen? Warum sollte der als Erwachsener fabelhaft erfolgreiche Skip, mit der attraktiven Tochter eines Milliardärs verheiratet, seinen

Ruf aufs Spiel setzen, indem er einer Angestellten den Arm bricht? Warum sollte Dr. Littlefield, Psychologin und der netteste Mensch der Welt, plötzlich eine brutale psychologische Attacke auf einen rekonvaleszenten Patienten, überdies einen VIP, ausüben? Warum sollte sie, eine etablierte Ärztin, eine sinnlose, plumpe Lüge erfinden, nur um eine junge Assistenzärztin zu erschrecken wohl wissend, dass sie ertappt werden würde? Dies ist die Art von Fragen, die wir uns stellen, wenn wir mit soziopathischem Verhalten

konfrontiert werden, und meistens können wir keine plausibel klingenden Antworten finden. Wie immer wir auch spekulieren mögen, wir können uns nicht vorstellen, war u m . Nichts klingt glaubhaft, und so meinen wir, es müsse sich um ein Missverständnis handeln, oder vielleicht, dass wir einer Beobachtung zuviel Bedeutung beigemessen hätten. Wir denken so, weil der von einem Gewissen beherrschte Verstand sich qualitativ von einem gewissenlosen Verstand unterscheidet. Was Soziopathen wollen und was sie motiviert, liegt völlig außerhalb unserer

Erfahrungswelt. Um einen psychisch Kranken absichtlich zu schädigen wie Doreen oder jemandem den Arm zu brechen wie Skip, müssten die meisten Menschen sich von der jeweiligen Person ernsthaft bedroht fühlen oder von einem übermächtigen Gefühl, zum Beispiel Wut, besessen sein. Sich mit kühlem Kopf, aus einer Laune heraus, so zu verhalten, gehört nicht zum emotionalen Repertoire normaler Menschen. Soziopathen - Menschen ohne ein intervenierendes Gefühl der Verpflichtung, dass auf ihren

Bindungen zu anderen beruht widmen ihr Leben typischerweise zwischenmenschlichen Spielen, dem "Gewinnen", der Dominanz um ihrer selbst willen. Wir anderen, die wir ein Gewissen haben, mögen in der Lage sein, dieses Motivationsschema rational zu verstehen - wenn wir ihm aber im realen Leben begegnen, erscheinen uns seine Konturen als so fremdartig, dass wir es nur selten überhaupt "sehen". Viele Menschen ohne ein Gewissen verhalten sich selbstzerstörerisch, nur für die Zwecke des Spiels. Stamp Man verbrachte sein halbes Leben im

Gefängnis, nur für den Nervenkitzel, alle paar Jahre einige Postbeamte und Polizisten für vielleicht eine Stunde umherspringen zu lassen. Doreen hat freudig ihre eigene Karriere riskiert, nur um ihrer Kollegin ein wenig zu schaden. Dies sind Verhaltensweisen, die wir nicht verstehen, ja, kaum glauben können. Eher zweifeln wir unsere eigene Wahrnehmung der Realität an. Und oft sind unsere Selbstzweifel extrem. Zur Illustration mag die erstaunliche öffentliche Reaktion die noch dreißig Jahre nach ihrem

Tod anhielt - auf die kriminelle Karriere einer gewissen Barbara Graham dienen. Im Jahr 1955 wurde Graham im Alter von 32 Jahren für ihre Beteiligung an der besonders brutalen Ermordung einer betagten Witwe namens Mabel Monahan in San Quentin hingerichtet. Gerüchten zufolge hielt Mrs. Monahan - wie die ermordete Tante von Ingrid Bergman im Film "Gaslight" wertvollen Schmuck in ihrem Haus versteckt. Graham brach mit drei Komplizen in das Haus ein und, als sie kein Geschmeide finden konnten, schlug Graham (in den

Medien unter dem Spitznamen "Bloody Babs" bekannt) der alten Frau mit ihrer Pistole ins Gesicht, bis sie fast zur Unkenntlichkeit entstellt war und erstickte sie dann mit einem Kissen. Die letzte Äußerung von Bloody Babs, die vor ihrer Hinrichtung protokolliert wurde, lautete: "Gute Menschen sind sich immer so gewiss, im Recht zu sein." Diese Feststellung traf sie in aller Ruhe, fast mit einem Anflug von Mitgefühl - es war ein passables suggestives Manöver. Daraufhin kamen vielen Menschen Zweifel an ihrer Wahrnehmung von Graham,

und so richtete sich die öffentliche Aufmerksamkeit vermehrt auf ihre Rolle als attraktive Mutter von drei Kindern und weniger auf ihr grausiges Verhalten. Nach ihrem Tod wurde sie Gegenstand einer emotional geführten Debatte, und bis heute wird vielfach entgegen handfester Beweise behauptet, dass sie unschuldig gewesen sei. Solcherlei öffentlichen Zweifeln entsprangen zwei Filme über sie, beide unter dem Titel I want to Live! (Ich will leben!). Im ersten Film spielte Susan Hayward die Hauptrolle, die ihr einen Oscar einbrachte, und 1983 erschien ein

Remake als Fernsehfilm mit Lindsay Wagner in der Hauptrolle. In beiden Versionen wurde die sadistische Mörderin Barbara Graham als tragisch verkannte Frau dargestellt, die einem Komplott zum Opfer gefallen war. Barbara Grahams letzte Worte "Gute Menschen sind sich immer so sicher, im Recht zu sein" - hatten eine so suggestive Wirkung, weil das genaue Gegenteil der Fall ist. Tatsächlich ist es eine der markanteren Eigenschaften guter Menschen, dass sie sich nie ganz sicher sind, im Recht zu sein. Gute Menschen ziehen reflexartig und

permanent ihr Urteil in Zweifel und unterwerfen ihre Entscheidungen und Handlungen der strengen Prüfung des intervenierenden Gefühls der Verpflichtung, das ihren Bindungen zu anderen Menschen entspringt. Die Selbstkritik des Gewissens gesteht dem Verstand nur selten absolute Gewissheit zu, und selbst dann erscheint uns Gewissheit als trügerisch, da sie uns dazu verführen kann, jemanden zu Unrecht zu bestrafen oder eine andere ungerechtfertigte Handlung zu begehen. Selbst im juristischen Sinne sprechen wir von "jenseits

vernünftiger Zweifel" und nicht von völliger Gewissheit. Letztlich hat uns Barbara Graham sehr viel besser verstanden als wir sie, und mit ihrer letzten Bemerkung hat sie auf einen irrationalen, aber sehr empfindlichen psychologischen Knopf bei den Menschen gedrückt, die sie überlebt haben - die Sorge, eine Entscheidung auf der Basis zu großer Gewissheit getroffen zu haben. Überdies wird unsere Unsicherheit dadurch noch verstärkt, dass wir zumeist instinktiv begreifen, dass es Zwischentöne von Gut und Böse

gibt anstatt absoluter Kategorien. Wir wissen in unseren Herzen, dass es keinen vollkommen guten Menschen gibt, und so nehmen wir an, dass es auch keinen durch und durch bösen Menschen geben könne. Und vielleicht trifft das im philosophischen Sinne - und gewiss im theologischen Sinne - durchaus zu. Schließlich ist in der judäischchristlichen Tradition der Teufel selbst ein gefallener Engel. Wahrscheinlich gibt es keine absolut guten und auch keine vollkommen schlechten Menschen. Wie dem auch sei - psychologisch gesprochen, gibt es definitiv

Menschen, die ein in ihren emotionalen Bindungen verwurzeltes, intervenierendes Gefühl der Einschränkung haben, während anderen Menschen ein solches Gefühl fehlt. Wird das nicht erkannt, geraten alle gewissenhaften Menschen - und alle Mabel Monahans der Welt - in Gefahr. Wie können wir Scheuklappen vermeiden? Die fünfte Klasse meiner Tochter machte einen Ausflug, und ich war eine der begleitenden Mütter. Wir

wollten uns ein Theaterstück namens Freedom Train ("Zug in die Freiheit") ansehen, das Harriet Tubman* und die "Underground Railroad" zum Thema * Anmerkung des Übersetzers: Harriet Tubman (ca. 1826 - 1913) war die bekannteste Fluchthelferin der "Underground Railroad", einer geheimen Hilfsorganisation für Sklaven, die aus den Südstaaten der USA fliehen wollten. Sie spielte eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die Sklaverei. hatte. Auf der ziemlich lauten

Busfahrt zurück in die Schule piesackte einer der Schüler einen Klassenkameraden, indem er ihn schubste und an den Haaren zog. Ich hatte gehört, dass der stille Junge, den er ärgerte, in seiner Entwicklung zurückgeblieben war und keine Freunde hatte. Er hatte keine Ahnung, wie er sich verteidigen sollte. Noch bevor einer der Erwachsenen einschreiten konnte, tippte ein zierliches, kleines Mädchen, das direkt hinter den beiden Jungen saß, dem Rabauken auf die Schulter und sagte: "Das ist echt gemein. Hör auf damit." Die Person, die dieses antisoziale

Verhalten erkannt und öffentlich dagegen Stellung bezogen hat, war zehn Jahre alt und vielleicht gerade 1,20 Meter groß. Der Junge, den sie angesprochen hatte, streckte ihr die Zunge heraus und setzte sich auf einen anderen Sitz zu einem seiner Kumpels. Sie beobachtete, wie er sich verzog und spielte dann seelenruhig weiter Schere-SteinPapier mit dem Mädchen, das neben ihr saß. Was passiert mit uns, wenn wir heranwachsen? Warum unterlassen wir es als Erwachsene, den Tyrannen "Hör auf damit" zu sagen? Erwachsene Tyrannen sind

stärker, aber wir sind es auch. Wird dieses gesunde kleine Mädchen sich ebenso souverän und selbstsicher verhalten, wenn sie dreißig Jahre älter und einen halben Meter größer ist? Wird sie zu einer zweiten Harriet Tubman werden, wenn auch mit anderen Zielen? Leider stehen die Chancen schlecht, bedenkt man unsere heutigen Erziehungspraktiken. Wir erziehen unsere Kinder, namentlich Mädchen, dazu, ihre spontanen Reaktionen zu 30 ignorieren - wir lehren sie, kein Aufsehen zu erregen -, und das ist eine gute und notwendige Lektion,

wenn die jeweilige spontane Reaktion darin bestünde, gewalttätig mit Fäusten oder Worten zuzuschlagen, einen verlockenden Gegenstand in einem Laden zu stehlen, oder einen fremden Menschen in einer Warteschlange im Supermarkt zu beleidigen. Aber eine andere Art von spontaner Reaktion, die ebenso von unserer konfliktscheuen Gesellschaft unterdrückt wird, ist die "Pfui!"-Reaktion, das natürliche Gefühl moralischer Entrüstung. Wenn sie erst einmal dreißig ist, könnte das "Pfui!" des tapferen kleinen Mädchens - ihr Impuls, zu

reagieren und Krach zu schlagen, wenn sich jemand "echt gemein" verhält - aus ihrem Verhalten und vielleicht sogar aus ihrem Empfinden eliminiert worden sein. In ihrem Buch Women's Anger: Clinical and Developmental P er s pec t i v es ("Weibliche Wut: Klinische Ergebnisse und Entwicklungsperspektiven") haben die Psychologen Deborah Cox, Sally Stabb und Karin Bruckner dokumentiert, wie Mädchen und Frauen gesellschaftliche Reaktionen auf ihre Wut erleben. Cox, Stabb und Bruckner schreiben, dass "die Mehrheit der

Interaktionen, die sie [Mädchen und Frauen] beschreiben, ablehnend sind; entweder wird die Wut, das Mädchen bzw. die Frau oder beides abgelehnt. Die Ablehnung kann sich durch einen direkten Angriff in Form von Kritik äußern, oder durch eine defensive Reaktion oder eher passiv durch Rückzug und Herabwürdigung der Motive und Gefühle des Mädchens oder der Frau." Und auf der Basis ihrer Studien an heranwachsenden Mädchen stellt die Erzieherin Lyn Mikel Brown fest, dass eine idealisierte Weiblichkeit auf bedenkliche Weise ein "stilles"

Verhalten auf Kosten eines "kritischen" Verhaltens begünstigen könne. Um unseren bereichernden siebten Sinn vor Scheuklappen zu bewahren, müssen wir, wie bei den meisten Verbesserungen des menschlichen Daseins, bei unseren Kindern anfangen. Zu einem gesunden Gewissen gehört die Fähigkeit, sich mit Gewissenlosigkeit auseinander zu setzen. Wenn Sie ihre Tochter lehren - explizit oder durch passive Ablehnung -, dass sie ihre Wut ignorieren und freundlich und duldsam sein muss bis hin zu

einem Punkt, an dem sie sich selbst oder andere nicht verteidigt, und dass sie unter keinen Umständen Aufsehen erregen darf, dann stärken Sie nicht etwa ihren Gemeinsinn, sondern schädigen ihn - und die erste Person, die sie nicht mehr schützen wird, ist sie selbst. Cox, Stabb und Bruckner vertreten nachdrücklich die Ansicht, dass "die Forderung, anderen gegenüber seine Wut zu unterdrücken, der Frau die Möglichkeit nimmt, diese Art von Autonomie zu entwickeln." Stattdessen müssen wir, um mit Lyn Mikel Brown zu sprechen, "die Möglichkeit gewähren, selbst unter

den repressivsten Umständen, konstruktive Verweigerung und Widerstand auszudrücken". Lassen Sie sie nicht zum Opfer von Suggestion werden. Wenn sie feststellt, dass ein gemeiner Mensch "echt gemein" ist, geben Sie ihr Recht und bestärken Sie sie darin, das auch laut auszusprechen. Jackie Rubenstein hat sich entschieden, ihrem Patienten Dennis zu glauben und nicht ihrer gefährlichen Kollegin Doreen Littlefield. Das war eine gute, moralische Entscheidung. Sinngemäß hat sie gesagt: "Das ist echt gemein. Hör auf damit", wenn

sie auch wegen dieser Äußerung von einigen weniger klarsichtigen Menschen in ihrer Umgebung zur Querulantin abgestempelt wurde. Was die Jungen betrifft - in ihrem Buch Raising Cain: Protecting the Emotional Life of Boys31* ("Die Erziehung des Kain: Schutz des Gefühlslebens von Knaben") zeigen sich die führenden Kinderpsychologen Dan Kindion und Michael Thompson besorgt über die Häufigkeit, mit der "verunsicherte Väter zu altbewährten Abwehrreaktionen greifen, um die Illusion 'Vater weiß es am besten' aufrechtzuerhalten."

Eltern, namentlich Väter, lehren ihre Söhne, Autoritäten unter allen Umständen zu gehorchen, und unter den falschen kulturellen und politischen Umständen - Umstände, die sich im Laufe der Geschichte mit krankhafter * Anmerkung des Übersetzers: Dieses Buch ist 2001 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Was braucht mein Sohn? Wie Eltern die emotionale Entwicklung fördern k ö n n e n im Krüger-Verlag (Frankfurt am Main) erschienen. Regelmäßigkeit wiederholt haben

- ist dies eine Lektion, die Selbstmord bedeuten kann. Dass Eltern einen gewissen Respekt vor legitimer Autorität fördern wollen, ist verständlich, und wahrscheinlich wichtig für das Funktionieren einer Gesellschaft, wie wir sie kennen. Aber die Mühe, Kinder in reflexartigem, unkritischem Gehorsam zu drillen, kann man sich sparen. Unterordnung unter vermeintliche Autorität ist auch ohne Drill bei den meisten Menschen ein Reflex, und durch Fördern dieses Reflexes machen wir unsere Kinder zu leichten Opfern aggressiver oder soziopathischer

"Autoritäten", die womöglich ihren späteren Lebensweg kreuzen könnten. Zum Schaden eines jeden können Gehorsam und die höheren Ideale des Patriotismus und der Pflicht zu nicht unterscheidbaren Motiven werden. Auf diese Weise überhöht kann reflexartiger Gehorsam einen Menschen beherrschen, bevor er überhaupt dazu kommt zu reflektieren, ob nicht vielleicht er selbst die maßgebliche Autorität ist, wenn es um sein eigenes Leben und sein Vaterland geht, und lange bevor er sich zum Beispiel fragen kann: "Wollen ich und meine

Landsleute wirklich für die Ziele dieser externen 'Autorität' kämpfen und vielleicht sterben?" Und doch glaube ich, dass wir heute an der Schwelle einer neuartigen Alternative stehen könnten, die sich im Laufe der Jahrtausende entwickelt hat. Vormals mussten menschliche Wesen aus Gründen des nackten Überlebens dafür sorgen, dass ihre Kinder die mühsam erreichten Errungenschaften nicht gefährdeten, die gegebene Ordnung nicht allzu sehr infrage stellten und Anweisungen befolgten. Das Leben war beschwerlich und unsicher, und

Kinder, die unsere Autorität infrage stellten, konnten sehr wohl als tote Kinder enden. Daher zogen wir bis vor einigen hundert Jahren Menschen heran, für die moralische Empörung ein großer Luxus war und die das Anzweifeln von Autorität als lebensbedrohlich empfanden. Und so wurden wir unwissentlich über viele Generationen hinweg zu leichten Opfern soziopathischer Manipulationen konditioniert. Aber heutzutage gelten die Überlebensregeln für die meisten Menschen der entwickelten Welt nicht mehr. Wir können uns

besinnen. Wir können unseren Kindern erlauben, die Dinge infrage zu stellen. Und wenn sie herangewachsen sind, können sie, ohne ihre eigenen Wahrnehmungen anzuzweifeln, den erwachsenen Tyrannen in die Augen sehen und sagen: "Das ist echt gemein. Hör auf damit." Aber wie steht es um diejenigen von uns, die seit Jahrzehnten gewohnt sind, ihre eigenen Instinkte zu missachten? Wie können wir uns davor schützen, manipuliert zu werden, und wie können wir es lernen, die Gewissenlosen in unserem Umfeld

zu erkennen? Dieser Frage widmet sich das nächste Kapitel. Es ist eine interessante Frage mit einer durchaus überraschenden Antwort. SECHS wie man die erbarmungslosen erkennt Mitten in der Wüste belehrte einst ein alter Mönch einen Reisenden, dass die Stimme Gottes sich von der des Teufels kaum unterscheiden ließe. —Loren Eiseley

Eine der Fragen, die mir in meiner Praxis am häufigsten gestellt werden, lautet: "Wie kann ich erkennen, wem ich trauen kann?" Da meine Patienten Überlebende psychischer Traumata sind und die meisten von ihnen durch andere menschliche Wesen zugrunde gerichtet wurden, ist diese Frage nicht überraschend. Andererseits bin ich der Überzeugung, dass es sich hier um ein dringliches Problem für die meisten Menschen handelt, auch für diejenigen, die keine schweren Traumata erlitten haben, und dass wir alle sehr darum bemüht sind einzuschätzen,

inwieweit andere Menschen ein Gewissen haben. Besonders interessiert uns der "Gewissensquotient" von Menschen, zu denen wir eine enge Beziehung haben; und wenn wir eine attraktive Person kennen lernen, wenden wir oft erhebliche geistige Energie für Argwohn, Spekulation und Wunschdenken im Zusammenhang mit dieser Frage auf. Die Unzuverlässigen tragen keine besonderen Hemden oder Markierungen auf der Stirn, und die Notwendigkeit, häufig aufs Geratewohl kritische

Einschätzungen anderer Menschen vornehmen zu müssen, führt zu irrationalen Strategien, die leicht zu lebenslangen Vorurteilen werden können. "Trau keinem über dreißig", "Trau nie einem Mann", "Trau nie einer Frau" sind die beliebtesten Beispiele. Wir wollen eine klare, ja umfassende Regel, weil es so wichtig für uns ist zu wissen, vor wem wir uns hüten müssen, aber diese pauschalen Strategien sind ineffektiv und, schlimmer noch, können uns Ängste und Kummer bringen. Es gibt kein narrensicheres Kriterium oder einen Lackmustest

für Vertrauenswürdigkeit, es sei denn, man kennt jemanden seit langer Zeit sehr gut, und man muss diese Tatsache akzeptieren, wenn es auch lästig sein mag. Diese Unsicherheit ist schlichtweg ein Teil des menschlichen Daseins, und ich kenne niemanden, der völlig davor gefeit wäre, außer vielleicht durch sehr glückliche Umstände. Überdies bedeutet die Vorstellung, es gäbe dafür eine effektive Methode - eine Methode, die man nur bisher noch nicht entdeckt hat , sich das Leben auf demütigende und unfaire Weise zu erschweren. Wenn es darum geht, anderen

Menschen zu vertrauen, machen wir alle Fehler. Einige dieser Fehler sind größer als andere. Dies vorausgeschickt antworte ich, wenn mich jemand nach Vertrauen fragt, dass es gute und schlechte Nachrichten gibt. Die schlechte Nachricht ist, dass es tatsächlich Individuen gibt, die kein Gewissen haben und dass man ihnen unter keinen Umständen trauen kann. Im Durchschnitt sind vielleicht vier von einer zufällig ausgewählten Gruppe von hundert Menschen auf diese Weise eingeschränkt. Die gute Nachricht - die sehr gute Nachricht - ist, dass mindestens 9 6 von

hundert Menschen an die Einschränkungen des Gewissens gebunden sind und daher von diesen Menschen zu erwarten ist, dass ihr Verhalten einem annehmbar hohen Standard von Anstand und Verantwortung genügt - dass sie sich, mit anderen Worten, mehr oder weniger so gut benehmen wie Sie oder ich. Und aus meiner Sicht ist diese zweite Tatsache sehr viel wichtiger als die erste. Sie bedeutet erstaunlicherweise, dass nach einem bestimmten Maß an sozialverträglichem Verhalten unsere zwischenmenschliche Welt

zu etwa 9 6 Prozent sicher sein sollte. Aber warum scheint dann unsere Welt so schrecklich unsicher zu sein? Wie können wir die Abendnachrichten erklären oder auch nur unsere eigenen persönlichen schlechten Erfahrungen? Was geht hier vor? Ist es denkbar, dass nur vier Prozent der Bevölkerung für fast alle menschlichen Katastrophen verantwortlich sind, die auf der Welt und in unseren individuellen Lebensläufen passieren? Dies ist eine alarmierende Frage, die möglicherweise viele unserer

Annahmen über die menschliche Gesellschaft erschüttern könnte. So will ich wiederholen, dass das Phänomen des Gewissens außerordentlich mächtig, beständig und dem Gemeinwohl dienlich ist. Sofern er nicht unter dem Einfluss von Wahnvorstellungen, extremer Wut, unentrinnbarer Not, Drogen oder einer destruktiven Autorität steht, wird ein durch sein Gewissen gebundener Mensch nicht - im gewissen Sinne kann er es nicht kaltblütig töten, vergewaltigen oder foltern oder jemanden um seine Ersparnisse bringen, zum Vergnügen in eine lieblose

Beziehung locken oder absichtlich sein Kind im Stich lassen. Könnten Sie so etwas fertig bringen? Wenn wir sehen, wie Menschen solche Taten verüben, sei es in den Nachrichten oder in unserem eigenen Leben, fragen wir uns: Was sind das für Menschen? In seltenen Fällen sind sie geisteskrank oder haben unter dem Druck eines extremen Affekts gehandelt. Manchmal sind sie Mitglieder einer Gruppe, die verzweifelte Not erleiden muss, oder sie sind drogenabhängig oder Anhänger eines bösartigen Führers. Meistens

jedoch trifft all dies nicht zu, sondern es sind Menschen, die kein Gewissen haben. Es sind Soziopathen. Gewiss reflektieren die allerschlimmsten der unsäglichen Taten, über die wir in der Zeitung lesen und die wir stillschweigend der "menschlichen Natur" zuschreiben - obwohl solche Ereignisse uns als normale Menschen schockieren keineswegs die normale menschliche Natur, und wir beleidigen und demoralisieren uns selbst, wenn wir das annehmen. Die gewöhnliche menschliche Natur,

wenn sie auch weit davon entfernt ist, vollkommen zu sein, wird in hohem Maße durch ein disziplinierendes Gefühl der Verbundenheit beherrscht, und der wahre Horror, den wir im Fernsehen beobachten und manchmal in unserem eigenen Leben ertragen müssen, ist nicht typisch für die Menschheit. Vielmehr wird er durch etwas ermöglicht, was unserer Natur durchaus fremd ist - das kalte und völlige Fehlen eines Gewissens. Dies ist wohl, meine ich, für viele Menschen schwer zu akzeptieren. Es fällt uns schwer anzuerkennen,

dass gewisse Menschen von Natur aus schamlos sind, während wir anderen nicht so sind, zum Teil wegen der von mir so genannten "Schatten-Theorie" der menschlichen Natur. Die SchattenTheorie - die einfache und wahrscheinlich zutreffende Vorstellung, dass wir alle eine "Schattenseite" haben, die sich nicht unbedingt in unserem normalen Verhalten zeigt - stellt in ihrer extremsten Form die These auf, dass alles, was ein bestimmter Mensch tun oder fühlen kann, potenziell auch von allen anderen Menschen getan oder gefühlt

werden kann. Anders ausgedrückt könnte zum Beispiel jeder beliebige Mensch unter bestimmten Umständen (wenn es auch schwer fällt, sich diese Umstände vorzustellen) der Kommandant eines Todeslagers sein. Ironischerweise sind gute und warmherzige Menschen am ehesten bereit, sich diese Theorie in ihrer radikalen Form, die unterstellt, sie könnten in einer extremen Situation zu Massenmördern werden, zu eigen zu machen. Es wirkt demokratischer und weniger verdammend (und irgendwie weniger beunruhigend)

anzunehmen, dass jeder Mensch seine Schattenseiten hat, als zu akzeptieren, dass einige wenige Menschen in ständiger und völliger moralischer Dunkelheit leben. Zuzugeben, dass einige Menschen buchstäblich kein Gewissen haben, ist formal betrachtet nicht gleichbedeutend mit der Aussage, dass einige Menschen böse sind aber es kommt ihr sehr nahe. Und ein guter Mensch sträubt sich mit Händen und Füßen dagegen, an die Verkörperung des Bösen zu glauben. Wenn auch nicht jeder Mensch der Kommandant eines Todeslagers

sein könnte, so sind doch viele, wenn nicht gar die meisten Menschen fähig, über die grausigen Aktivitäten einer solchen Person hinwegzusehen, und zwar wegen der Geschmeidigkeit psychischer Verdrängung, moralischer Ausgrenzung und blinder Unterordnung unter Autoritäten. Als er einst gefragt wurde, warum wir uns in unserer Welt nicht sicher fühlen würden, antwortete Albert Einstein: "Die Welt ist ein gefährlicher Ort - nicht wegen der Menschen, die böse sind, sondern wegen der Menschen, die nichts dagegen tun."

Um etwas gegen schamlose Menschen tun zu können, müssen wir sie zuerst erkennen. Wie können wir also in unserem eigenen Leben die eine Person von (mehr oder weniger) fünfundzwanzig erkennen, die kein Gewissen hat und eine potenzielle Gefahr für unseren Besitz und unser Wohlergehen darstellt? Die Entscheidung, ob jemand vertrauenswürdig ist oder nicht, erfordert für gewöhnlich, dass man diese Person seit langer Zeit gut kennt. Und wenn es um das Erkennen eines Soziopathen geht, müsste man ihn länger und besser

kennen, als man es zulassen würde, wenn er eine Markierung auf der Stirn trüge. Dieses schreckliche Dilemma ist schlicht ein Teil des menschlichen Daseins. Aber selbst, wenn eine gewisse Vertrautheit besteht, bleibt die drängende Frage: "Wie kann ich erkennen, wem ich trauen kann?" - oder vielmehr, wem ich nicht trauen kann. Nachdem ich seit fast fünfundzwanzig Jahren den Geschichten meiner Patienten über Soziopathen, die sich in ihr Leben gedrängt und sie verletzt haben, zugehört habe, ist man für gewöhnlich überrascht durch meine

Antwort auf die Frage: "Wie kann ich erkennen, wem ich nicht trauen kann?". Natürlich erwartet man, dass ich ein finster klingendes Detail des Verhaltens oder der Körpersprache oder bedrohliche verbale Äußerungen als subtiles Erkennungsmerkmal beschreibe. Stattdessen verblüffe ich mein Gegenüber durch die Versicherung, dass der entscheidende Hinweis nichts von alledem ist, denn keines dieser Merkmale ist zuverlässig vorhanden. Vielmehr ist das beste Indiz ausgerechnet das Betteln um Mitleid. Das zuverlässigste Merkmal, das universellste

Verhalten skrupelloser Menschen richtet sich nicht, wie man denken sollte, an unsere Furchtsamkeit - es ist absurderweise ein Appell an unser Mitgefühl. Ich bin darauf gestoßen, als ich noch Doktorandin der Psychologie war und die Gelegenheit hatte, einen gerichtlich eingewiesenen Patienten zu befragen, der vom System bereits als "Psychopath" diagnostiziert worden war. Er war nicht gewalttätig; er zog es vor, den Menschen durch raffinierten Anlagebetrug das Geld aus der Tasche zu ziehen. Fasziniert durch diesen Menschen und seine

möglichen Beweggründe - ich war jung genug, zu glauben, dass er ein ungewöhnlicher Mensch sei - fragte ich ihn: "Was ist Ihnen in Ihrem Leben wichtig? Was wollen Sie mehr als alles andere?" Ich dachte, er würde antworten "zu Geld kommen" oder "nicht in den Knast gehen" - die Aktivitäten, denen er den größten Teil seiner Zeit widmete. Stattdessen antwortete er, ohne auch nur einen Moment zu zögern: "Oh, das ist einfach. Was mir besser gefällt als alles andere, ist, wenn man mich bemitleidet. Was ich mir mehr als alles andere im Leben wünsche, ist das Mitleid

anderer Menschen." Ich war erstaunt und ziemlich abgestoßen. Ich glaube, er wäre mir sympathischer gewesen, wenn er gesagt hätte "nicht in den Knast gehen" oder gar "zu Geld kommen". Außerdem war ich verwirrt. Warum sollte dieser Mann - warum sollte überhaupt ein Mensch - sich wünschen, bemitleidet zu werden oder gar vor allen anderen seiner Wünsche danach streben? Ich konnte es mir nicht erklären. Aber mittlerweile, nachdem ich fünfundzwanzig Jahre den Opfern zugehört habe, ist mir klar, dass es einen sehr guten Grund für diese

soziopathische Vorliebe für Mitleid gibt. Die Erklärung ist so offensichtlich wie die Nase im Gesicht und ohne Spiegel ebenso schlecht zu erkennen: Gute Menschen lassen einen Jammerlappen sogar mit einem Mord davonkommen, sozusagen, und darum will jeder Soziopath, der sein Spiel - was immer es auch sein mag - weiter spielen will, immer wieder nichts anderes als Mitleid erheischen. Mehr als Bewunderung - ja, sogar mehr als Angst - ist das Mitleid guter Menschen eine Carte blanche. Wenn wir Mitleid empfinden, sind

wir, zumindest für den Moment, wehrlos. Und wie so viele der eigentlich positiven menschlichen Eigenschaften, die uns zu Gemeinschaften verbinden - soziale und berufliche Rollen, sexuelle Bindungen, Achtung für Wohltätige und Kreative, Respekt für unsere Vorbilder -, wird unsere emotionale Blöße, wenn wir Mitleid empfinden, durch die Gewissenlosen gegen uns verwendet. Die meisten Menschen werden es nicht für klug halten, jemandem Dispens zu gewähren, der keine Schuld empfinden kann; aber oft tun wir gerade das, wenn sich jemand als bemitleidenswert

darstellt. Mitleid und Anteilnahme sind gut, wenn sie Reaktionen auf das Unglück würdiger Menschen sind. Wenn uns aber diese Empfindungen von Unwürdigen abgerungen werden, von Menschen, deren Verhalten beharrlich asozial ist, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, ein potenziell nützliches Alarmsignal, das wir oft ignorieren. Das vielleicht eingängigste Beispiel ist die geprügelte Ehefrau, deren soziopathischer Ehemann sie routinemäßig schlägt und dann mit in den Händen vergrabenem Kopf

am Küchentisch sitzt und jammert, dass er sich nicht unter Kontrolle habe und dass er ein armer Teufel sei, dem sie vergeben müsse. Es gibt zahllose andere Beispiele, in anscheinend endlosen Varianten, einige noch eklatanter als der gewalttätige Ehemann, während andere eher unterschwellig sind. Und für diejenigen von uns, die ein Gewissen haben, scheint ein solches Verhalten, wie unverschämt es auch sein mag, sozusagen eine emotionale Farbtafel zu sein, in der das Hintergrundmuster (die Bitte um Mitleid) ständig unsere Wahrnehmung des wichtigeren

Vordergrundbildes (das asoziale Verhalten) überlagert. In langer Rückschau sind soziopathische Appelle an unser Mitleid absurd und beklemmend. Skip hat insinuiert, er verdiene Mitleid, weil er jemandem einen Arm gebrochen hat. Doreen Littlefield hat sich als eine arme, überarbeitete Seele dargestellt, die zu sensibel war, die Qualen ihres Patienten zu ertragen. Aus dem Gefängnis heraus hat eine bezaubernde und liebenswerte Barbara Graham den Reportern erklärt, dass die Gesellschaft sie daran hindern würde, ordentlich für

ihre Kinder zu sorgen. Und was die erwähnten Aufseher in Todeslagern angeht: In den Vernehmungen, die 1945 den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen32 vorausgingen, beschrieben die tatsächlichen Aufseher der Todeslager in ihren Aussagen, wie entsetzlich es gewesen sei, für die Krematorien verantwortlich zu sein - wegen des Gestanks. In Interviews, die der englische Historiker Richard Overy zitiert hat, beklagten sich die Aufseher darüber, dass sie Schwierigkeiten hatten, auf der Arbeit ihre belegten Brote zu essen.

Soziopathen haben keinerlei Achtung vor dem Gesellschaftsvertrag, aber sie wissen ganz genau, wie sie ihn zu ihrem Vorteil ausnutzen können. Und summa summarum glaube ich, dass der Teufel - sollte er denn existieren - sich von uns allen wünschen würde, ihn über die Maßen zu bemitleiden. Bei der Entscheidung, wem man trauen kann, sollte man sich darüber klar sein, dass beständig schlechtes oder sehr ungehöriges Verhalten in Verbindung mit häufigem Betteln um Mitleid ein so deutliches Warnsignal ist, wie man

es sich - außer einer Markierung auf der Stirn eines gewissenlosen Menschen - jemals erhoffen kann. Ein Mensch, dessen Verhalten diese beiden Merkmale aufweist, ist nicht notwendigerweise ein Massenmörder oder überhaupt gewalttätig, aber wohl trotzdem jemand, dem Sie nicht Ihre Freundschaft anbieten, mit dem Sie keine Geschäfte machen, den Sie nicht bitten sollten, auf Ihre Kinder aufzupassen und den Sie nicht heiraten sollten. Armer Luke

Wie steht es denn um den wertvollsten Teil des Gesellschaftsvertrages? Wie steht es um Liebe? Im Folgenden wird die Geschichte einer Frau erzählt, eine stille Leidensgeschichte, die niemals in den Abendnachrichten erscheinen wird. Meine Patientin Sydney war nicht hübsch. Sie war 45 Jahre alt, hatte schmutzig-blondes Haar, das allmählich ergraute und eine runde, mütterliche Figur, die nie glamourös gewesen war. Aber sie besaß einen scharfen Verstand und hatte eine lange Liste akademischer und beruflicher Leistungen

vorzuweisen. Noch bevor sie dreißig wurde, war ihr an einer Universität im heimischen Florida eine außerordentliche Professur im Fach Epidemiologie übertragen worden. Sie erforschte die Auswirkungen von Wirkstoffen, die in der jeweiligen Medizin von Naturvölkern verwendet wurden, auf das Wachstum der entsprechenden Bevölkerung; und bevor sie heiratete, hatte sie ausgedehnte Reisen nach Malaysia, Südamerika und in die Karibik unternommen. Als sie von Florida nach Massachusetts umzog, wurde sie Beraterin einer ethno-

pharmazeutischen Firmengruppe in Cambridge. Am besten gefiel mir aber ihr sanftes Wesen und ihre nachdenkliche, introspektive Lebenseinstellung. Ich kann mich gut an die sanfte Wärme ihrer Stimme erinnern, die mir während unserer kurzen Therapie von fünfzehn gemeinsamen Sitzungen aufgefallen war. Sydney war von einem Mann namens Luke geschieden. Die Scheidung hatte ihre Ersparnisse aufgefressen und sie gezwungen, sich zu verschulden, da sie sicherstellen musste, das Sorgerecht für ihren Sohn Jonathan

zu bekommen. Jonathan war acht, als ich Sydney kennen lernte, und zum Zeitpunkt der Scheidung war er erst fünf Jahre alt gewesen. Luke hatte eine kostspielige Auseinandersetzung herbeigeführt, nicht etwa, weil er Jonathan liebte, sondern weil er wütend auf Sydney war, da sie ihn gezwungen hatte, aus ihrem Haus auszuziehen. Das Haus in Florida hatte einen Swimmingpool, den Luke sehr schätzte. "Luke wohnte in dieser schäbigen kleinen Wohnung, als ich ihn kennen gelernt habe", erzählte mir Sydney. "Es hätte von vornherein

ein Alarmsignal für mich sein sollen, dass ein 35J ähriger Mann, der Stadtplanung an der New York University studiert hatte, in diesem miesen kleinen Loch lebte. Aber ich habe es ignoriert. Er sagte, dass er den großen Swimmingpool in seinem Appartementkomplex sehr mochte. Als er sah, dass ich meinen eigenen Swimmingpool hatte, freute er sich unbändig. Was soll ich sagen? Mein Mann hat mich wegen meines Swimmingpools geheiratet. Na ja, das stimmt nicht ganz, aber im Rückblick hat das bestimmt eine Rolle gespielt." Sydney ignorierte Lukes

Lebensstil und den Reiz, den ihr eigener Lebensstil für ihn hatte, da sie glaubte, eine Rarität gefunden zu haben: Einen sehr intelligenten, attraktiven Mann im Alter von 35 Jahren, der weder verheiratet noch geschieden war, ähnliche Interessen wie sie zu haben schien und sie gut behandelte. "Am Anfang hat er mich sehr gut behandelt, muss ich sagen. Er hat mir immer Blumen mitgebracht. Ich erinnere mich an all die Paradiesvogelblumen in langen Schachteln, die vielen orangefarbenen Blumen. Ich musste losgehen und einige sehr

hohe Vasen kaufen. Ich weiß nicht. Er war sanft und auf stille Art charmant wir hatten wunderbare Gespräche. Er war auch Akademiker, so wie ich - das dachte ich zumindest. Als ich ihn kennen lernte, arbeitete er an einem Planungsprojekt zusammen mit einem Freund von der Universität. Er trug immer Anzüge. Da habe ich ihn übrigens getroffen, an der Uni. Das ist doch ein respektabler Ort, um jemanden kennen zu lernen, nicht wahr? Er sagte mir, er sehe große Ähnlichkeiten zwischen uns, und ich habe ihm wohl geglaubt." Im Laufe der Zeit erfuhr Sydney,

dass Luke mit einer Reihe von Frauen zusammengelebt hatte, seit er etwa zwanzig war, immer bei der jeweiligen Frau; eine eigene Wohnung zu haben, selbst eine billige, war eine ungewöhnliche Abweichung von seinem bevorzugten Lebensstil. Aber auch diesen Umstand ignorierte sie, da sie dabei war, sich in Luke zu verlieben. Und sie dachte, dass auch er in sie verliebt sei, denn das hatte er ihr gesagt. "Ich bin nur eine graue Akademikerin. Nie war jemand so romantisch mit mir. Es war eine schöne Zeit - das muss ich wohl

zugeben. Schade, dass sie so kurz sein musste. Wie auch immer ... da saß ich nun, eine unattraktive, 35jährige Karrierefrau, und träumte plötzlich von einer weißen Hochzeit, einer endlos langen Schleppe und dem ganzen Drum und Dran. Das war mir vorher noch nie passiert. Also, ich hatte immer gedacht, das sei ein albernes Märchen, das man kleinen Mädchen erzählt, nichts, was ich jemals erleben - oder wollen würde; aber da saß ich nun und sehnte mich danach, ja, ich habe es sogar geplant." "Und was den Umstand angeht,

dass er sich von den anderen Frauen aushalten ließ - können Sie glauben, dass er mir tatsächlich Leid getan hat? Ich dachte, er sucht nach der richtigen Partnerin oder so; aber normalerweise haben sie ihn einfach nach einer Weile hinausgeworfen. Inzwischen verstehe ich, warum, aber damals natürlich nicht. Ich dachte: 'Wie einsam und traurig'. Er hat mir erzählt, dass eine dieser Frauen bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Er weinte, als er davon erzählte. Er hat mir so Leid getan." Sechs Wochen, nachdem sie sich

kennen gelernt hatten, zog Luke bei Sydney ein, und acht Monate später heirateten sie, mit einer aufwändigen kirchlichen Trauung und einem offiziellen Hochzeitsbankett, das von ihrer Familie ausgerichtet wurde. "Wird die Hochzeit nicht immer von der Familie der Braut bezahlt?", fragte sie mich trocken. Zwei Monate nach der Hochzeit stellte Sydney fest, dass sie schwanger war. Sie hatte sich zwar immer Kinder gewünscht, aber geglaubt, dass sie nie heiraten würde. Nun wurde ihr Traum, Mutter zu werden, wahr, und sie

war überglücklich. "Es kam mir wie ein Wunder vor, besonders, als das Baby anfing, sich zu bewegen. Ich sagte mir immer wieder: 'Da ist ein ganz neuer Mensch in mir, jemand, der noch nie gelebt hat und den ich für den Rest meines Lebens lieben werde.' Es war unglaublich. Luke war anscheinend sehr viel weniger aufgeregt als ich, aber auch er behauptete, dass er sich das Baby wünsche. Er sagte, er sei einfach nur nervös. Er fand mich hässlich, als ich schwanger war, aber ich dachte, er sei darin einfach nur ehrlicher als andere Männer. Ist das

nicht ironisch?" "Ich war so glücklich wegen des Babys, dass ich nicht wahrhaben wollte, was ich eigentlich schon wusste, verstehen Sie? Ich glaube, mir wurde während der Schwangerschaft klar, dass die Ehe nicht funktionieren würde. Der Arzt sagte, dass das größte Risiko einer Fehlgeburt nach drei Monaten vorüber war, und natürlich nahm ich das wörtlich und kaufte im vierten Monat ein Kinderbett. Ich erinnere mich, es war an dem Tag, als es geliefert wurde, dass Luke nach Hause kam und erzählte, er hätte seinen Job gekündigt. Einfach

so. Es schien, als wüsste er, dass er mich jetzt in der Falle hatte. Ich würde bald ein Baby bekommen, und daher würde ich mich mit Sicherheit um alles kümmern. Ich würde ihn finanziell unterstützen, da ich keine Wahl mehr hatte. Darin hat er sich getäuscht, aber ich kann jetzt verstehen, warum er das gedacht hat. Er muss gedacht haben, dass ich praktisch alles tun würde, um den Anschein einer heilen Familie zu bewahren." Natürlich hat Luke das nicht ausgesprochen, weder Sydney noch ihrer Familie gegenüber. Der hatte er erzählt, dass er depressiv sei, viel

zu depressiv, um arbeiten zu können. Und in Gegenwart anderer Menschen verstummte er, gab sich zerknirscht und spielte den Depressiven. Die Lage wurde für Sydney noch verwirrender, nachdem sie verschiedentlich gehört hatte, dass Depressionen bei frischgebackenen Vätern häufig vorkommen. "Aber ich habe nie wirklich geglaubt, dass er depressiv ist", erzählte mir Sydney. "Irgendetwas stimmte nicht. Ich habe auch schon manchmal leichte Depressionen gehabt, aber sein Verhalten war anders. Zum einen brachte er viel

zu viel Energie auf für Dinge, die er gerne machen wollte. Außerdem das klingt wie eine Kleinigkeit, aber es hat mich verrückt gemacht - war er nicht bereit, sich helfen zu lassen. Ich habe ihm gesagt, dass wir ein bisschen Geld für einen Therapeuten oder vielleicht für Medikamente ausgeben sollten. Aber er scheute diese Idee wie der Teufel das Weihwasser." Nachdem Jonathan zur Welt gekommen war, nahm Sydney zwei Monate Mutterschaftsurlaub von ihrer lehrenden Tätigkeit, was bedeutete, dass alle drei Mitglieder der Familie die Tage zu Hause

verbrachten, da Luke nicht arbeitete. Aber Luke schaute sich kaum einmal seinen neuen Sohn an - er zog es vor, am Pool Zeitschriften zu lesen oder mit seinen Freunden auszugehen. Und wenn Jonathan weinte, wie es Neugeborene nun einmal tun, wurde Luke ärgerlich, manchmal sogar wütend und forderte Sydney auf, etwas gegen den Lärm zu tun. "Er spielte den Märtyrer; ich glaube, so kann man es am besten ausdrücken. Er hielt sich die Ohren zu, machte ein gequältes Gesicht und lief auf und ab, als ob das Baby nur weinte, um i h n zu ärgern. Ich

glaube, ich sollte ihn bemitleiden oder so. Es war unheimlich. Ich hatte einen Kaiserschnitt, und ich hätte wirklich am Anfang ein bisschen Hilfe gebrauchen können; aber zum Schluss habe ich mir nur noch gewünscht, mit Jonathan allein zu sein." Dieselben Leute, die Sydney über depressive Erstväter erzählt hatten, versicherten ihr nun, dass frischgebackene Väter sich manchmal nicht wohlfühlen mit ihrem Nachwuchs und daher für einige Zeit einen gewissen Abstand hielten. Sie bestanden darauf, dass Luke Verständnis und Geduld

brauchte. "Aber Luke hielt nicht etwa 'Abstand', so wie die das meinten. Jonathan existierte für ihn überhaupt nicht. Für ihn hätte Jonathan auch ein Bündel Lumpen sein können - ein lästiges kleines Bündel Lumpen. Und trotzdem wollte ich diesen Leuten unbedingt glauben. Ich wollte glauben, dass irgendwie, irgend wie, wenn ich genügend Verständnis und Geduld aufbringen könnte, sich alles einrenken würde. Wir würden schließlich zu einer richtigen Familie werden - ich wollte so sehr daran glauben."

Als ihr Mutterschaftsurlaub vorüber war, ging Sydney wieder arbeiten, während Luke am Swimmingpool blieb. Sydney wandte sich an eine Au PairAgentur, um eine Tagesmutter für das Kind zu finden, da es klar war, dass Luke sich nicht um Jonathan kümmern würde. Nach einigen Wochen vertraute das junge Au Pair-Mädchen Sydney an, dass sie sich "komisch" fühlen würde, wenn sie auf das Baby aufpasste, während der Vater stets anwesend war, aber nie auch nur das geringste Interesse zeigte. "Ich kann nicht verstehen, warum

er sein Baby niemals auch nur anschaut. Sind Sie sicher, dass es ihm gut geht?", erkundigte sich das Mädchen vorsichtig bei Sydney. Die peinlich berührte Sydney antwortete mit einer Variante der Ausrede, die Luke selbst benutzt hatte: "Er ist im Moment in einer schwierigen Phase seines Lebens. Sie können ihn einfach ignorieren, dann ist alles in Ordnung." Sydney berichtete, wie das Mädchen durch die Glastür des Arbeitszimmers hinaus zum Swimmingpool schaute, wo sie wahrscheinlich einen entspannten und sonnengebräunten Luke in der

späten Nachmittagssonne Floridas sitzen sah. In einem Anflug von Neugier neigte sie den Kopf zur Seite und sagte leise: "Der Arme." Sydney fuhr fort: "Das werde ich nie vergessen: 'Der Arme'. Armer Luke. Manchmal tat er mir auch Leid, trotz meiner Probleme." Aber in Wahrheit war die Person, die Sydney geheiratet hatte, keineswegs der 'arme Luke'; weder war er ein depressiver Erstvater noch befand er sich in einer schwierigen Lebensphase. Stattdessen war er soziopathisch. Luke hatte kein intervenierendes Gefühl der Verpflichtung gegenüber

anderen Menschen, und sein Verhalten, wenn auch nicht physisch gewalttätig, reflektierte diese unheilvolle Tatsache. Für Luke existierten gesellschaftliche Regeln und zwischenmenschliche Erwartungen nur, um seinem Vorteil zu dienen. Er hatte Sydney erzählt, dass er sie liebe, und war dann so weit gegangen, sie zu heiraten - vornehmlich, um sich wohlversorgt in ihrem ehrlich verdienten und komfortablen Leben einrichten zu können. Er benutzte die liebsten und privatesten Träume seiner Frau, um sie zu manipulieren, und ihr gemeinsamer

Sohn war ein Ärgernis, das er nur widerwillig hinnahm, weil das Baby ihre Bereitschaft, seine Anwesenheit zu tolerieren, zu besiegeln schien. Ansonsten ignorierte er sein eigenes Kind. Bald begann er, auch Sydney zu ignorieren. "Es war, als hätte man einen Untermieter - einen Untermieter, den man nicht besonders mag und der keine Miete zahlt. Er war einfach irgendwie da. Meistens haben wir nebeneinander her gelebt. Da waren Jonathan und ich, immer zusammen, und dann war da Luke. Ich weiß wirklich nicht, was

er die ganze Zeit gemacht hat. Manchmal verschwand er für einen oder zwei Tage. Ich weiß nicht, wo er war - es war mir nicht mehr wichtig. Oder manchmal hatte er einen Freund zu Besuch, zum Trinken, immer unangekündigt, was manchmal etwas problematisch war. Und er hat hohe Telefonrechnungen auflaufen lassen. Aber meistens saß er einfach nur am Swimmingpool herum oder, wenn das Wetter schlecht war, kam er ins Haus und sah fern oder spielte Computerspiele. Sie wissen schon, diese Computerspiele für dreizehnjährige Jungs."

"Oh, und beinahe hätte ich's vergessen - für ein paar Monate hat er Lithographien gesammelt. Ich weiß nicht, wie er darauf gekommen ist, aber für eine Weile war er davon ganz begeistert. Manchmal kaufte er eine - sie waren teuer, das sage ich Ihnen und brachte sie nach Hause, um sie mir zu zeigen - wie ein Kind, als ob alles in Ordnung sei zwischen uns und er wolle, dass ich den Neuzugang in seiner Kunstsammlung bewundere. Er muss wohl dreißig davon gesammelt haben - er hat sie nie eingerahmt -, und eines Tages hat

er die ganze Sache einfach aufgegeben. Kein Interesse mehr an Lithographien. Vorbei." Gelegentlich zeigen Soziopathen eine kurze, intensive Begeisterung für Hobbies, Projekte, Kontakte zu anderen Menschen -, die jedoch unverbindlich und kurzlebig ist. Solcherlei Interessen scheinen plötzlich und ohne Grund aufzutreten und genauso wieder zu verschwinden. "Ich hatte einen neuen Ehemann und ein neues Baby. Es hätte eine der glücklichsten Phasen meines Lebens sein sollen, aber es war eine der schlechtesten. Ich kam von der

Arbeit nach Hause, völlig erledigt, und das Au Pair-Mädchen ließ mich wissen, dass Luke den ganzen Tag lang Jonathan keines Blickes gewürdigt hatte, und nach einer Weile widerte mein eigener Ehemann mich so sehr an, dass ich nicht einmal mehr im Schlafzimmer schlafen konnte. Es ist mir peinlich, Ihnen das zu erzählen, aber ich habe ein Jahr lang in meinem eigenen Gästezimmer geschlafen." Sydneys größte Schwierigkeit, als sie mir ihre Geschichte erzählte, bestand in ihrer schmerzlichen Verlegenheit über das, was ihr

widerfahren war. Sie drückte es so aus: "Sie können sich nicht vorstellen, wie erniedrigend es ist, einzugestehen, sogar sich selbst gegenüber, einen solchen Menschen geheiratet zu haben. Und ich war auch kein Kind mehr, als ich das getan habe. Ich war schon fünfunddreißig, und ganz abgesehen davon war ich bereits mehrfach um die Welt gereist. Ich hätte es besser wissen müssen. Aber ich habe es einfach nicht vorausgesehen. Ich habe es in keiner Weise gesehen, und, das muss ich mir allerdings zugute halten, auch kein anderer in

meinem Umfeld hat es vorausgesehen, glaube ich. Heute sagen mir alle, sie hätten sich niemals vorstellen können, dass er sich so verhalten würde. Und jeder hat eine andere Theorie darüber, 'was mit Luke nicht stimmt'. Wenn es nicht so peinlich wäre, müsste man lachen. Diverse Freunde haben beschlossen, es sei irgendetwas zwischen Schizophrenie und einem Aufmerksamkeitsdefizit - können Sie sich das vorstellen?" Es ist nicht überraschend, dass keine einzige Person vermutet hat, dass Luke einfach kein Gewissen hat und deswegen seine

Verpflichtungen gegenüber seiner Frau und seinem Kind ignorierte. Lukes Verhaltensmuster passt nicht zu den Vorstellungen, die man von Soziopathie hat, auch nicht von nicht-gewalttätiger Soziopathie, denn Luke - wenn er auch einen hohen IQ hatte - war im Wesentlichen passiv. Er hat niemandem die Kehle durchgeschnitten, weder wörtlich noch im übertragenen Sinne, bei dem Versuch, Macht oder Wohlstand zu erlangen. Er war kein skrupelloser Manager und mit Sicherheit kein dynamischer Überredungskünstler wie Skip. Er

hatte nicht einmal genug Energie, um einen gewöhnlichen Heiratsschwindler abzugeben, oder genug physischen Mut, um Banken (oder Postämter) auszurauben. Er war nicht aktiv, sondern letztlich ein lethargischer Mensch. Sein Hauptinteresse bestand darin, untätig zu sein, Arbeit zu vermeiden und sich von anderen einen komfortablen Lebensstil ermöglichen zu lassen, und er strengte sich gerade genug an, um dieses fragwürdige Ziel zu erreichen. Und woran hat Sydney dann schließlich seine Skrupellosigkeit

erkannt? Am Betteln um Mitleid. "Selbst nach dieser wirklich hässlichen Scheidung hing er immer noch im Haus herum, und zwar fast jeden Tag. Er besorgte sich wieder eine schäbige kleine Wohnung, wo er auch immer übernachtete; aber tagsüber hing er in meinem Haus herum. Ich weiß inzwischen, dass ich es nicht hätte zulassen dürfen, aber er tat mir Leid, und außerdem schenkte er Jonathan ein bisschen mehr Beachtung. Wenn er aus dem Kindergarten kam, holte Luke ihn manchmal sogar vom Bus ab, begleitete ihn nach Hause und übte

mit ihm schwimmen oder dergleichen. Ich habe nichts für den Mann empfunden. Ich wollte ihn wirklich nicht mehr sehen, aber ich hatte auch keinen neuen Freund wie hätte ich wohl einem anderen Mann vertrauen können? Und ich dachte, es wäre gut für Jonathan, wenn er seinen Vater kennen lernen und etwas Zuwendung von ihm bekommen würde. Ich dachte, es wäre den Ärger wert, wenn mein Kind wenigstens zeitweise einen Vater haben könnte." "Nun, das war ein Fehler. Meine Schwester war es, die mir das klargemacht hat. Sie hat gesagt:

'Luke hat keine Beziehung zu Jonathan. Er hat eine Beziehung zu deinem Haus.' Meine Güte, wie Recht sie doch hatte. Aber dann konnte ich ihn nicht loswerden. Die Lage wurde immer schlimmer und komplizierter und ... unheimlich. Es war richtig unheimlich." Sie schauderte, holte tief Luft und fuhr fort. "Als er - Jonathan - in die erste Klasse ging, wurde mir klar, dass wir Luke loswerden mussten, und zwar endgültig. Wir hatten einfach keinen Frieden - also, wie soll ich sagen ... keine Freude. Wenn sich jemand so gar nicht für einen

interessiert, dann raubt es einem den Frieden und die Freude am Leben, wenn er ständig da ist. Er tauchte einfach immer wieder auf. Er kam ins Haus oder ging hinaus an den Pool und machte es sich bequem, als ob er immer noch dort wohnen würde, und ich bekam schlechte Laune und wurde angespannt. Ich blieb im Haus und ließ die Jalousien herunter, so dass er nicht in meinem Blickfeld war. Es war verrückt. Dann merkte ich, dass Jonathans Stimmung sich auch verschlechterte. Eigentlich wollte auch er Luke nicht da haben."

"Und so begann ich, ihn aufzufordern zu gehen. Also, wenn ich bei jemandem zu Gast wäre und man würde mich auffordern zu gehen, dann würde ich gehen - Sie nicht auch? -, und sei es nur um meiner eigenen Würde willen. Aber Luke nicht. Er tat so, als hätte er mich nicht gehört, was schon ziemlich unheimlich war, oder er ging für eine Weile und kam dann wieder, als sei nichts geschehen. Und dann bin ich richtig wütend geworden, und anstatt ihn nur zu bitten zu gehen, habe ich ihn angeschrieen, endlich zu verschwinden, und gedroht, die

Polizei zu rufen. Und wissen Sie, was er dann gemacht hat?" "Er hat Jonathan benutzt", sagte ich. "Genau. Woher haben Sie das gewusst? Er hat Jonathan benutzt. Zum Beispiel waren wir einmal draußen am Pool, wir alle drei, und Luke fing an zu weinen. Der Mann ließ richtige Tränen fließen. Und dann, ich erinnere mich, nahm er den Kescher, mit dem wir Blätter und Insekten aus dem Pool fischten, und fing an, den Pool zu reinigen, als sei er ein leidender Märtyrer, der nur helfen wolle, und dann kamen Jon auch die Tränen,

und er sagte - und das werde ich mein Lebtag nicht vergessen -, Jonathan sagte: 'Oh nein. Armer Papa. Muss er wirklich gehen?' " "Und dann sah Luke mich an, genau in die Augen, und es schien, als sei ich ihm noch nie vorher begegnet. Er sah so anders aus. Das waren die unheimlichsten Augen, die ich jemals gesehen habe, wie Eisstrahlen - es ist sehr schwer zu beschreiben. Und plötzlich wurde mir klar, dass es für Luke eine Art Machtspiel war. Es war eine Art Spiel, und ich hatte verloren, haushoch. Ich war fassungslos." Innerhalb eines Jahres nach

dieser Szene am Swimmingpool gab Sydney ihre Stelle an der Universität auf, verließ Florida und zog mit Jonathan in die Gegend von Boston, um näher bei ihrer Schwester zu wohnen - und 1500 Meilen von Luke entfernt. Einige Monate danach begann sie eine kurze Therapie bei mir. Sie wollte einige Probleme aufarbeiten, die ihr aus ihrer Ehe nachhingen, insbesondere ihre Selbstvorwürfe, dass sie Luke überhaupt geheiratet hatte. Sie ließ sich nicht unterkriegen, und ich bin sicher, dass sie jetzt ein glücklicheres Leben führt. Manchmal hat sie

gescherzt, dass für ihr Problem mit Luke die berühmte "geographische Lösung" funktioniere - wenn sie auch wusste, dass die lange Reise zur Selbstvergebung komplizierter sein würde. Sydney war in der Lage, das Fehlen des Gewissens bei ihrem ExMann in gewissem Maße zu verstehen, und diese neue Erkenntnis half ihr. Ihre größte noch verbleibende Sorge war die emotionale Verletzlichkeit ihres achtjährigen Sohnes Jonathan. Bei unserer letzten Begegnung erzählte mir Sydney, dass sie und Jonathan immer noch tränenreiche

Gespräche über Florida führten und darüber, wie sehr ihm Papa Leid tat. SIEBEN die wurzeln der Selbstgerechtigkeit: was verursacht soziopathie? Seit meiner Jugend habe ich gerätselt, warum so viele Menschen es genießen, andere zu demütigen. Die Tatsache, dass einige Menschen empfindsam für die Leiden anderer sind, beweist eindeutig, dass der zerstörerische Drang, andere zu verletzen, kein universeller Aspekt

des menschlichen Wesens ist. —Alice Miller In vielerlei Hinsicht sind Luke, Doreen und Skip sehr unterschiedlich. Luke schätzt den Müßiggang. Er lungert gern herum, während verantwortungsbewusste "Freunde" und Familienmitglieder sich um alles andere kümmern. Doreen ist voller Neid und chronischer Unzufriedenheit. Sie verwendet viel Energie darauf, andere Menschen kleiner erscheinen zu lassen, so dass sie sich größer fühlen kann. Und Skip würde gern die ganze Welt

beherrschen, natürlich zum eigenen Vorteil und als eine grandiose Form der Unterhaltung. Was aber diese drei so unterschiedlich motivierten Menschen gemein haben ist, dass sie bei der Verfolgung ihrer individuellen Interessen fähig sind, alles Erdenkliche zu tun - ohne den geringsten Anflug eines Schuldgefühls. Jeder von ihnen hat andere Wünsche, aber sie alle erreichen ihr Ziel auf die genau gleiche Weise, nämlich ohne jegliches Schamgefühl. Skip bricht das Gesetz und ruiniert Karrieren und Leben und fühlt dabei nichts. Doreen macht ihr ganzes Leben zu

einer Lüge und quält Hilflose für den Nervenkitzel, ihre Kollegen zu blamieren, und das alles ohne die geringste Verlegenheit oder Verantwortlichkeit. Um jemanden zu haben, der ihn versorgt, für eine mietfreie Unterkunft und einen Swimmingpool, heiratet Luke ohne Liebe eine grundanständige Frau, die sich eine Familie wünscht, und nimmt dann seinem Sohn einen Teil seiner kindlichen Lebensfreude, um seine eigene kindliche Abhängigkeit zu bewahren. Und solche Entscheidungen trifft er, ohne nachzudenken, geschweige denn,

von Schuldgefühlen geplagt zu sein. Keiner dieser Menschen hat ein intervenierendes Gefühl der Verpflichtung, das auf emotionalen Bindungen basiert. Während diese Gemeinsamkeit zwischen ihnen sie leider nicht gerade zu Ausnahmeerscheinungen macht, unterscheiden sie sich doch in dieser Hinsicht fundamental von allen Menschen, die ein Gewissen haben. Alle drei sind Mitglieder einer separaten Gruppe, einer Kategorie von Menschen, deren charakteristisches Merkmal - das Fehlen des Gewissens - alle anderen Eigenschaften ihrer

Persönlichkeit und sogar ihres Geschlechts überlagert in Hinsicht auf ihre Wahrnehmung der Umwelt und ihre Einstellung zum Leben. Doreen ist Luke und Skip ähnlicher als einer beliebigen anderen Frau auf der Welt, die ein Gewissen hat, und der wortkarge Luke und der getriebene Skip ähneln einander mehr als einer beliebigen anderen Person, Mann oder Frau jeglichen Naturells, die an ein Gewissen gebunden ist. Welche Ursachen hat diese tiefe und doch seltsam unsichtbare Kluft, die die menschliche Rasse teilt? Warum haben einige

Menschen kein Gewissen? Was verursacht Soziopathie? Wie bei so vielen menschlichen Eigenschaften, sowohl physischen als auch psychischen, stellt sich auch hier zuerst die Frage nach Anlage und Umwelt. Ist die Eigenschaft angeboren oder entsteht sie durch Einflüsse der Umwelt? Für die meisten komplexen psychischen Eigenschaften ist die - sehr wahrscheinliche - Antwort: Sowohl als auch. Mit anderen Worten: Eine Prädisposition für die Charaktereigenschaft ist bereits bei der Empfängnis vorhanden, aber

die Umwelt beeinflusst ihre Ausprägung. Das gilt gleichermaßen für Eigenschaften, die wir als negativ ansehen, wie für solche, die wir als positiv empfinden. So scheint zum Beispiel die Intelligenz in hohem Maße durch die genetische Ausstattung bestimmt zu sein, wird aber wohl zum Teil auch durch einen umfangreichen Werkzeugkasten von Umweltfaktoren geprägt, zum Beispiel durch pränatale Vorsorge, frühkindliche Stimulation, Ernährung und sogar die Geburtenfolge. Die soziopathische Abweichung, mit Sicherheit eine

eher negative Charaktereigenschaft, bildet vermutlich keine Ausnahme dieses Sowohl-als-auchParadigmas. Die Forschung zeigt, dass sowohl Anlage als auch Umwelt eine Rolle spielen. Unter Psychologen ist es seit langem bekannt, dass viele Aspekte der Persönlichkeit, wie zum Beispiel Extraversion und neurotische Neigungen, in gewissem Maße durch genetische Faktoren beeinflusst werden. Ein großer Teil der wissenschaftlichen Grundlagen dieser Erkenntnis stammt aus Studien, die eineiige und zweieiige Zwillinge verglichen

haben. Solchen Studien liegt die Prämisse zugrunde, dass eineiige Zwillinge dieselbe Umwelt und genetische Ausstattung haben, während zweieiige Zwillinge zwar ihre Umwelt, aber nur etwa die Hälfte ihrer Gene gemein haben. Wissenschaftler nehmen für jede gegebene Charaktereigenschaft an, dass sie zumindest zum Teil genetischen Einflüssen unterliegt, wenn die Korrelation (oder Ähnlichkeit) bei genetisch identischen Zwillingen signifikant größer ist als die Korrelation bei genetisch unterschiedlichen Zwillingen.

Forscher verwenden eine Zahl, die sich aus dem Doppelten der Differenz zwischen der jeweiligen Korrelation bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen ergibt, um das Quantum an Variation auszudrücken, das man auf genetische Faktoren zurückführt. Diese Zahl wird als die "Erblichkeit" der Charaktereigenschaft bezeichnet, und Studien an Zwillingen33 haben gezeigt, dass Persönlichkeitsmerkmale, die durch Fragebögen ermittelt werden (wie zum Beispiel Extraversion, Neurotizismus, eine autoritäre Gesinnung, Empathie, etc.), eine

Erblichkeit zwischen 35 und 50 Prozent aufweisen. Anders ausgedrückt: Zwillingsstudien zeigen, dass die meisten messbaren Aspekte der Persönlichkeitsstruktur zu 35 bis 50 Prozent angeboren sind. Erblichkeitsstudien liefern wichtige Informationen über Soziopathie. In einer ganzen Reihe solcher Studien34 wurde die Skala 'psychopathische Deviation' (Pd) d e s Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI) verwendet. Die Pd-Skala des MMPI besteht aus Multiple-ChoiceFragen, die statistisch so formuliert

sind, dass sie Personen mit soziopathischen Charaktereigenschaften von anderen Gruppen trennen. Der Fragebogen enthält außerdem mehrere Validitätsmessungen, darunter eine "Lügen-Skala", die Versuche, den Test zu verfälschen, entlarven sollen. Insgesamt haben diese Studien gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, einander ähnelnde Ergebnisse auf der PdSkala zu erzielen, bei eineiigen Zwillingen doppelt so hoch ist wie bei zweieiigen Zwillingen. Dies ist ein bedeutsamer Hinweis darauf, dass das Muster der

"psychopathischen Deviation" zumindest teilweise genetischen Einflüssen unterliegt. Im Jahr 1995 wurde eine wichtige Langzeitstudie35 veröffentlicht, die soziopathische Charaktereigenschaften bzw. ihr Fehlen an 3.226 männlichen Zwillingspaaren untersucht hat, die anhand eines Registers von Personen ausgesucht worden waren, die während des Vietnamkrieges in der Armee der Vereinigten Staaten gedient hatten. Durch das vorstehend beschriebene, mathematische Verfahren wurde festgestellt, dass

acht soziopathische Symptome bzw. ihr Fehlen signifikant vererblich sind. Es sind, in absteigendem Rang der theoretischen Erblichkeit: "hält sich nicht an gesellschaftliche Normen", "aggressiv", "risikofreudig", "impulsiv", "missachtet finanzielle Verpflichtungen", "unbeständige Arbeitsergebnisse", "niemals monogam" und "fehlendes Reuegefühl". Wieder andere 36 Studien haben ergeben, dass Soziopathen "wenig kompromissbereit" sind und mangelnde "Sorgfalt" und "Risikovermeidung" aufweisen. Alle

diese Persönlichkeitsmerkmale haben eine genetische Komponente. Das "Texas Adoption Project",37 das inzwischen seit mehr als dreißig Jahren läuft, ist eine hoch angesehene Langzeitstudie an mehr als fünfhundert adoptierten Kindern. Die Studie untersucht den Erwerb von Intelligenz und verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen, darunter das Muster "psychopatische Deviation", indem sie adoptierte und mittlerweile erwachsene Kinder sowohl mit ihren leiblichen als auch den

Adoptiveltern vergleicht. Das "Texas Adoption Project" hat ergeben, dass Individuen in Hinsicht auf die PdSkala ihren biologischen Müttern, denen sie nie begegnet sind, signifikant mehr ähneln als den Adoptiveltern, die sie großgezogen haben. Aus diesen Untersuchungen ergibt sich eine geschätzte Erblichkeit von 54 Prozent, und interessanterweise ist dieser Wert für "psychopathische Deviation" kongruent mit den Schätzungen 35 bis 50 Prozent - von Studien, die die Erblichkeit anderer, eher neutraler Persönlichkeitsmerkmale (Extraversion, Empathie, etc.)

untersucht haben. Immer wieder liefern Erblichkeitsstudien statistische Ergebnisse, die emotional aufgeladene soziale und politische Implikationen haben - dass nämlich in der Tat die Tendenz einer Person, bestimmte soziopathische Eigenschaften aufzuweisen, zum Teil angeboren ist, wohl bis zu etwa 50 Prozent. Die Brisanz dieser Forschungsergebnisse liegt auf der Hand - sie würden zum Beispiel besagen, dass Doreen, Luke und Skip schon vor ihrer Geburt, ja, bereits zum Zeitpunkt der Empfängnis, in gewissem Maße

dazu prädestiniert gewesen wären, hinterlistige, rücksichtslose, treulose und erbarmungslose Menschen zu werden. Wenn wir Aussagen über die Erblichkeit einer sportlichen Begabung oder Introvertiertheit oder gar bipolarer Störungen oder Schizophrenie machen, wirkt das nicht so schockierend. Aber solcherlei Feststellungen über antisoziale Tendenzen klingen ungeheuerlich, obwohl sie auf denselben statistischen Methoden beruhen. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass solche extrem komplexen Charakteristika wahrscheinlich

nicht durch ein einzelnes Gen bestimmt werden, sondern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit oligogenisch sind, also durch das Zusammenwirken mehrerer Gene verursacht werden. Und die genaue Funktion dieser Gene bei der Formung von Hirnfunktionen und späteren Ausprägung von Verhaltensweisen ist bis jetzt nicht bekannt. Der Weg von der DNS eines Menschen zu einem vielschichtigen Verhaltensmuster, wie zum Beispiel "missachtet finanzielle Verpflichtungen", ist eine lange, verschlungene Reise mit

biochemischen, neurologischen und psychologischen Aspekten, die entsprechend schwierig zu erforschen sind. Aber die Forschung hat uns bereits einige bedeutsame Hinweise geliefert. Ein wichtiges Bindeglied im Segment des neurobiologisch gesteuerten Verhaltens in der Kette könnte eine abnorme Funktion der Großhirnrinde bei Soziopathen sein. Einige der interessantesten Erkenntnisse über die Funktion der Großhirnrinde bei Soziopathen sind durch Studien39 gewonnen worden, die untersucht haben, wie Sprache von Menschen verarbeitet wird. Es

hat sich herausgestellt, dass normale Menschen sogar auf der Ebene der elektrischen Aktivität im Gehirn auf emotionale Wörter (wie zum Beispiel Liebe, Hass, gemütlich, Schmerz, glücklich, M u tter) schneller und intensiver reagieren als auf relativ neutrale W ö r t e r (Tisch, Stuhl, fünfzehn, später, etc.). Wenn mir die Aufgabe gestellt wird, zwischen sinnvollen und sinnlosen Wörtern zu unterscheiden, werde ich Terror im Gegensatz zu L i s t e r sehr viel schneller, also in viel kürzerer Zeit, erkennen, als ich mich zwischen Fens ter u n d En d o ck entscheiden

kann. Meine schnellere Reaktion auf das emotionale Wort Terror kann gemessen werden, indem eine winzige elektrische Reaktion in meiner Großhirnrinde aufgezeichnet wird, die man als "evoziertes Potenzial" bezeichnet. Solche Studien haben gezeigt, dass die Gehirne normaler Menschen Wörter, die sich auf Emotionen beziehen, im Vergleich zu emotional neutralen Wörtern bevorzugt beachten, erinnern und erkennen. Liebe wird schneller als ein Wort erkannt als sehen und löst im Gehirn ein höheres evoziertes Potenzial aus, als ob der

Informationsgehalt von Liebe ursprünglicher und wichtiger sei als der von sehen. Das gilt aber nicht für soziopathische Probanden, die anhand von Sprachverarbeitungsaufgaben untersucht wurden. In Hinsicht auf Reaktionszeit und evozierte Potenziale haben soziopathische Probanden auf emotional geladene Wörter nicht anders reagiert als auf neutrale Wörter. Bei Soziopathen ist das evozierte Potenzial für Schluchzen oder Kuss nicht größer als das für bar oder Liste, als ob emotionale Wörter nicht wichtiger

oder tiefer in ihren Gehirnen eingeprägt seien als beliebige andere Wörter. Bei ähnlichen Untersuchungen40 unter Verwendung der "SinglePhoton Emission-Computed Tomography" (SPECT), einem bildgebenden Verfahren der Hirnforschung, zeigten Soziopathen im Vergleich zu anderen Probanden eine verstärkte Durchblutung der Schläfenlappen, wenn ihnen eine Auswahlaufgabe mit emotionalen Wörtern gestellt wurde. Eine solche verstärkte Durchblutung der Schläfenlappen könnte bei Ihnen oder mir auftreten, wenn wir ein

nicht völlig triviales intellektuelles Problem zu lösen hätten. Mit anderen Worten: Bei dem Versuch, eine Aufgabe mit emotionalen Wörtern zu lösen, haben Soziopathen physiologisch mehr oder weniger so reagiert, als wären sie aufgefordert worden, eine Rechenaufgabe zu lösen. Insgesamt lassen solche Studien erkennen, dass mit Soziopathie eine abnorme Verarbeitung emotionaler Stimuli in der Großhirnrinde einhergeht. Der Grund für diese abweichenden Prozesse ist noch nicht bekannt, aber er ist wahrscheinlich das Ergebnis eines

erblichen Unterschiedes der neurologischen Entwicklung, der durch Einflüsse von Erziehung oder Kultur leicht abgemildert oder deutlich verschlimmert werden kann. Diese Abweichung der neurologischen Entwicklung ist zumindest teilweise für den bislang noch nicht ausgeloteten psychologischen Unterschied zwischen Soziopathen und allen anderen Menschen verantwortlich, und seine Implikationen sind alarmierend. Soziopathie ist mehr als das schlichte Fehlen eines Gewissens, was für sich genommen schon tragisch genug wäre.

Soziopathie ist die Unfähigkeit, emotionale Erlebnisse wie Liebe und Fürsorge zu verarbeiten, es sei denn, ein solches Erlebnis kann kühl als eine intellektuelle Aufgabe kalkuliert werden. Ebenso wie das Gewissen nicht nur die Präsenz von Schuldgefühl und Reue ist, sondern auf unserer Fähigkeit basiert, Gefühle und die daraus resultierenden Bindungen zu empfinden, ist Soziopathie nicht nur das Fehlen von Schuldgefühl und Reue. Soziopathie ist eine Störung der Fähigkeit, echte (nichtberechnende) emotionale Erlebnisse zu haben und zu

würdigen und somit echte (nichtberechnende) Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen zu können. Um die Sachlage etwas prägnanter und vielleicht unbequem deutlich auszudrücken: Keine Moral zu haben, zeigt einen tiefergehenden Zustand an, ebenso wie das Vorhandensein eines Gewissens, denn das Gewissen existiert nie ohne die Fähigkeit zu lieben, und Soziopathie basiert letztlich auf Lieblosigkeit. Ein Soziopath ist ein Mensch, der "sich nicht an gesellschaftliche Normen hält", "niemals monogam" ist oder "finanzielle

Verpflichtungen missachtet", weil jegliche Verpflichtung aus einem Gefühl erwächst, das man für ein Wesen empfindet, das einem emotional etwas bedeutet. Und einem Soziopathen bedeuten seine Mitmenschen eben nichts. Soziopathie ist im Kern ihres Wesens eiskalt wie eine leidenschaftslose Schachpartie. In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich von gewöhnlicher Verlogenheit, Narzissmus und sogar Gewalttätigkeit, die oft mit Leidenschaft erfüllt sind. Wenn es sein muss, würden die meisten Menschen lügen, um einem

Angehörigen das Leben zu retten, und es ist fast schon ein Klischee, dass ein gewalttätiges Bandenmitglied (womöglich im Gegensatz zu seinem soziopathischen Anführer) für seine Kumpane durchaus Loyalität und Wärme empfinden kann sowie Zärtlichkeit für seine Mutter und Geschwister. Aber für Skip hat, selbst als Kind, nie ein anderer Mensch etwas bedeutet; Dr. Littlefield empfand keine Anteilnahme für ihre Patienten, und Luke konnte selbst seine Frau oder sein eigenes Kind nicht lieben. Für solche Gemüter sind andere

Menschen, selbst "Freunde" oder Angehörige, bestenfalls disponible Spielfiguren. Liebe kommt bei ihnen nicht vor und kann überdies nicht verstanden werden, wenn sie bei anderen Menschen beobachtet wird. Die einzigen Emotionen, die Soziopathen anscheinend wirklich empfinden, sind die sogenannten "primitiven" affektiven Reaktionen, die aus unmittelbaren körperlichen Schmerzen oder Freuden resultieren oder aus kurzfristigen Frustrationen oder Erfolgserlebnissen. Frustration kann bei Soziopathen Ärger oder

Wut hervorrufen. Und ein räuberischer Erfolg, ein Sieg in einem Katz-und-Maus-Spiel (zum Beispiel Doreens Erfolg, Jenna über den durchweichten Rasen einer Klinik auf eine sinnlose Mission zu schicken), löst typischerweise aggressive Affekte und Erregung aus, einen Nervenkitzel, der als ein Moment der Schadenfreude erlebt werden kann. Diese emotionalen Reaktionen sind selten von Dauer, und sie werden als neurologisch "primitiv" bezeichnet, weil sie - wie alle Emotionen - ihren Ursprung im entwicklungsgeschichtlich frühzeitlichen limbischen System

des Gehirns haben, jedoch im Gegensatz zu den "höheren" Emotionen nicht signifikant durch die Funktionen der Großhirnrinde beeinflusst werden. Als Kontrapunkt zur Soziopathie ist der Befund des Narzissmus besonders interessant und aufschlussreich. Narzissmus ist gewissermaßen nur die Hälfte dessen, was Soziopathie ausmacht. Auch klinische Narzissten sind fähig, die meisten Emotionen ebenso intensiv zu empfinden wie andere Menschen, von Schuldgefühl und Traurigkeit bis zu verzweifelter Liebe und

Leidenschaft. Die fehlende Hälfte ist die wichtige Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen. Narzissmus ist kein Versagen des Gewissens, sondern des Mitgefühls, also der Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren. Der bedauernswerte Narzisst kann in emotionaler Hinsicht nicht über seine Nasenspitze hinaus sehen, und wie beim "Pillsbury Doughboy"* prallt jede äußere Einwirkung von ihm ab, als sei nichts geschehen. Im Gegensatz zu Soziopathen haben Narzissten

häufig seelische Schmerzen zu ertragen und unterziehen sich gelegentlich einer Psychotherapie. Wenn ein Narzisst Hilfe sucht, ist gewöhnlich eines der zugrundeliegenden Probleme, dass er unwissentlich seine sozialen Beziehungen durch fehlendes Mitgefühl zerstört und sich dann verwirrt, verlassen und einsam fühlt. Ihm fehlen die Menschen, die er liebt, und er ist kaum in der Lage, sie zurückzugewinnen. Für Soziopathen hingegen bedeuten andere Menschen nichts, und daher fehlen sie ihnen nicht, wenn sie entfremdet oder verschwunden

sind, außer vielleicht, wie man ein nützliches Gerät vermisst, das irgendwie verloren gegangen ist. * Anmerkung des Übersetzers: Der "Pillsbury Doughboy" war eine animierte Comic-Figur aus Brotteig, die jahrelang in den FernsehWerbespots eines Teigherstellers in den USA auftrat. Trotz vielfältiger Misshandlungen behielt sie stets ihre Form und gute Laune. Aus heiraten aber nie können

eigennützigen Gründen Soziopathen manchmal; heiraten sie aus Liebe. Sie nicht wahrhaftig lieben,

weder Partner noch Kinder oder auch nur ein Haustier. Kliniker und Forscher haben angemerkt, dass Soziopathen, wenn es um höhere Gefühle geht, vielleicht "den Text kennen, aber nicht die Melodie". Sie müssen es erlernen, Gefühle zu zeigen, so wie Sie und ich eine Fremdsprache erlernen müssen, also durch Beobachtung, Nachahmung und Übung. Und ebenso wie Sie oder ich durch Übung eine Fremdsprache fließend zu beherrschen lernen könnten, so könnte ein intelligenter Soziopath einigermaßen fließend in "emotionaler Konversation"

werden. Tatsächlich erscheint das als eine nicht sonderlich schwierige intellektuelle Herausforderung, sehr viel einfacher als Französisch oder Chinesisch zu lernen. Jede Person, die in der Lage ist, menschliches Verhalten auch nur oberflächlich zu beobachten oder alte Romane zu lesen und alte Filme anzuschauen, kann es lernen, sich romantisch zu geben oder interessiert oder gutmütig. Fast jeder Mensch kann es lernen, "Ich liebe dich" zu sagen oder sich verzückt zu geben und die Worte zu sprechen, "Du meine Güte! Welch ein entzückender kleiner Welpe!"

Aber nicht jeder Mensch kann auch die Gefühle empfinden, die durch ein solches Verhalten ausgedrückt werden. Soziopathen können es nicht. Umwelt Und doch sind genetische Prädispositionen und neurobiologische Unterschiede kein unentrinnbares Schicksal, wie wir aus der Erforschung so vieler anderer menschlicher Eigenschaften wissen. Der genetische Marmor unserer Lebensläufe existiert schon vor

unserer Geburt; aber nachdem wir zur Welt gekommen sind, nimmt die Umwelt den Bildhauermeißel zur Hand und beginnt, mit Macht zu meißeln an dem Material, das die Natur zur Verfügung gestellt hat. Erblichkeitsstudien haben gezeigt, dass gerade bei Soziopathie die Biologie höchstens das halbe Bild ist. Außer den genetischen Faktoren gibt es Umwelteinflüsse, die die Abwesenheit eines Gewissens beeinflussen, wenn es auch, wie wir gleich sehen werden, bislang ziemlich unklar ist, um welche Einflüsse es sich genau handelt. Ein Verdacht, der sofort und

intuitiv einleuchtet, ist Kindesmissbrauch. Möglicherweise werden einige Menschen mit einer genetischen und neurologischen Prädisposition für Soziopathie - im Gegensatz zu anderen - zu Soziopathen, weil sie als Kinder missbraucht wurden und der Missbrauch ihr psychisches Befinden und womöglich ihre ohnehin beeinträchtigten neurologischen Funktionen geschädigt hat. Immerhin wissen wir mit Sicherheit, dass Kindesmissbrauch zahlreiche andere negative Folgen hat, darunter gewöhnliche (nicht-

soziopathische) Jugendkriminalität und Gewalttätigkeit, Depressionen im Erwachsenenalter, Suizidneigung, Dissoziation und vielfältige Bewusstseinsspaltungen, Magersucht, chronische Angstzustände und Drogenmissbrauch. Psychologische und soziologische Studien zeigen uns ohne den Schatten eines Zweifels, dass Kindesmissbrauch ein potentes Gift für die Psyche ist. Allerdings ist es problematisch, Soziopathie auf frühen Missbrauch zurückzuführen, da es hier, im Gegensatz zu nichtsoziopathischer Jugendkriminalität und

gewöhnlicher Gewalttätigkeit, keine überzeugenden Belege dafür gibt, dass das wichtigste Merkmal der Soziopathie - also das Fehlen eines Gewissens - mit Misshandlung im Kindesalter zusammenhängt. Darüber hinaus sind Soziopathen als Gruppe nicht von den anderen tragischen Folgen von Kindesmissbrauch - wie zum Beispiel Depressionen und Angststörungen - betroffen, und wir wissen aus einem reichhaltigen Fundus an Forschungsergebnissen, dass die Überlebenden frühen Missbrauchs, seien sie nun straffällig geworden oder nicht,

vorhersehbar von solchen Problemen geplagt werden. Tatsächlich gibt es einige Belege dafür, dass Soziopathen weniger stark durch frühe Erfahrungen beeinflusst werden als 41 Nichtsoziopathen. Zum Beispiel hatte in Robert Hares diagnostischen und statistischen Studien an Gefängnisinsassen bei Häftlingen, die anhand der von Hare entwickelten PsychopathieC h e c k l i s t e als Psychopathen diagnostiziert worden waren, die Qualität des Familienlebens im Kindesalter keinerlei Auswirkungen auf das zeitliche Auftreten

kriminellen Verhaltens. Unabhängig davon, ob ihr Familienleben stabil gewesen war oder nicht, erschienen die diagnostizierten Psychopathen in einem durchschnittlichen Alter von vierzehn Jahren erstmalig vor Gericht. Im Gegensatz dazu hing bei Insassen, die nicht als Psychopathen diagnostiziert worden waren (Häftlinge, deren zugrundeliegende Persönlichkeitsstruktur eher normal war), das Alter der erstmaligen Straffälligkeit stark von der Qualität des familiären Hintergrundes ab. Diejenigen mit

einer stabileren Vergangenheit erschienen erstmals im durchschnittlichen Alter von vierundzwanzig vor Gericht, während jene mit einem problematischen Umfeld erstmals im Alter von etwa fünfzehn Jahren straffällig wurden. Anders ausgedrückt: Eine schwere Kindheit begünstigt und beschleunigt gewöhnliche kriminelle Aktivitäten, wie es zu erwarten wäre; aber die Straftaten, die aus der Unerbittlichkeit der Soziopathie resultieren, scheinen aus sich selbst heraus und nach ihrem eigenen Zeitplan zu entstehen.

Beharrlich auf der Suche nach Einflüssen der Umwelt auf die Entstehung von Soziopathie haben viele Forscher an Stelle des Kindesmissbrauchs per se das Konzept der Beziehungsstörung ("attachment disorder") aufgegriffen. Die normale Bindung ist ein angeborener Mechanismus des Gehirns, der einen Säugling dazu veranlasst, die Nähe seiner Mutter - oder einer anderen verfügbaren Bezugsperson - zu suchen, so dass sich die allererste zwischenmenschliche Beziehung entwickeln kann. Diese erste Beziehung ist entscheidend, nicht

nur für das Überleben des Säuglings, sondern auch, weil es dem unreifen limbischen System des Säuglings ermöglicht, die reifen Funktionen des erwachsenen Gehirns zu "nutzen", um sich selbst zu organisieren. Wenn ein Elternteil mitfühlend auf einen Säugling reagiert, werden die positiven Gefühle des Kindes, zum Beispiel Zufriedenheit und Begeisterung, bestärkt, und seine potenziell übermächtigen negativen Gefühle wie Frustration und Angst können gedämpft werden. Dieses Arrangement fördert ein Gefühl der Ordnung und Sicherheit, das

schließlich im Gedächtnis des Babys verankert wird und so für das Kind zu einer mobilen Version einer "sicheren Basis" in der Welt wird, wie sie John Bowlby in seinem Buch Attachment and Loss ("Bindung und Verlust") beschrieben hat.42 Die Forschung zeigt, dass 43 adäquate Bindung im Säuglingsalter viele beglückende Ergebnisse zeitigt, darunter die gesunde Entwicklung emotionaler Selbstkontrolle, ein autobiographisches Gedächtnis und die Fähigkeit, seine eigenen Erfahrungen und Handlungen zu

reflektieren. Die frühesten Bindungen bilden sich bis zum siebten Lebensmonat, und die meisten menschlichen Säuglinge können sich an eine erste Bezugsperson in einer Weise binden, die diese wichtigen Fähigkeiten entwickelt. Eine Beziehungsstörung ist ein tragischer Zustand, der entsteht, wenn die Entwicklung der Bindung im Säuglingsalter gestört wird durch elterliche Unfähigkeit (zum Beispiel durch eine schwere emotionale Störung der Eltern), oder einfach, weil das Kind zu viel allein gelassen wird (zum Beispiel

in einem altmodischen Waisenhaus). Kinder und Erwachsene mit einer schweren Beziehungsstörung, für die es unmöglich war, in den ersten sieben Lebensmonaten eine Bindung zu entwickeln, sind unfähig, sich emotional an andere Menschen zu binden, und somit zu einem Schicksal verdammt, das man für schlimmer als den Tod halten könnte. In den ultrahygienischen Waisenhäusern der Vereinigten Staaten des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts stellte man im Extremfall fest, dass

Säuglinge, die aus Gründen aseptischer Perfektion überhaupt nicht berührt wurden, buchstäblich dem Tode geweiht waren. Auf rätselhafte Weise erlagen sie einem Zustand, der seinerzeit als m a r a s m u s bezeichnet wurde, einem Wort aus dem Griechischen, das einen "fortschreitenden Verfall der körperlichen und geistigen Kräfte" beschreibt - eine Störung, die heute als "alimentär bedingte Dystrophie" ("nonorganic failure to thrive") bezeichnet wird. Fast alle der unberührten Babys in diesen Waisenhäusern starben. In den seither verstrichenen hundert

Jahren haben Entwicklungspsychologen und Kinderärzte gelernt, dass es lebenswichtig ist, Babys im Arm zu halten, mit ihnen zu schmusen, zu sprechen und sie zu liebkosen, und dass die Folgen herzzerreißend sind, wenn das gänzlich unterlassen wird. In Westeuropa und den Vereinigten Staaten (deren Gesellschaft ironischerweise eine der berührungsfeindlichsten der Welt ist) sind die Trauer und das Gefühl des Verlustes, die durch Beziehungsstörungen verursacht werden können, von vielen

Familien unmittelbar erlebt worden, als in den frühen Neunzigerjahren in einer Welle des Mitgefühls der vielfache Wunsch entstand, rumänische Waisenkinder zu adoptieren. Als 1989 das kommunistische Regime in Rumänien gestürzt wurde, gelangten grauenhafte Fotos aus hunderten von Waisenhäusern, deren Existenz unter dem psychopathischen Diktator Nicolae Ceausescu geheimgehalten worden war, an die Weltöffentlichkeit. Unter seinem Regime war Rumänien ein Land lebensbedrohlicher Armut, und

trotzdem hatte Ceausescu sowohl Abtreibung als auch Verhütung verboten.44 Die Folge waren Hunderttausende verhungernder Kinder, und fast 100.000 Waisenkinder endeten in staatlichen Anstalten. Insgesamt war das Verhältnis von Waisenkindern zu Betreuern in diesen Waisenhäusern ungefähr 40 zu 1. Die Lebensbedingungen waren abenteuerlich unhygienisch; abgesehen von einer Ernährung, die gerade ausreichte, um die meisten von ihnen am Leben zu erhalten, wurden diese Babys und Kinder völlig vernachlässigt.

Die barmherzigste Lösung schien eine Adoption möglichst vieler dieser Kinder durch gut situierte Ausländer zu sein. Wohlmeinende Westeuropäer und Nordamerikaner nahmen rumänische Babys mit nach Hause und versuchten liebevoll, sie wieder aufzupäppeln. Und bald stellte ein Paar in Paris fest, dass seine wunderschöne, zehn Monate alte rumänische Tochter nicht zu trösten war und nur umso lauter schrie, wenn sie versuchten, sie auf den Arm zu nehmen.45 Oder ein Paar in Vancouver betrat das Schlafzimmer seines dreijährigen Sohnes, um festzustellen, dass er

soeben das neu erworbene Kätzchen aus dem Fenster geschleudert hatte. Oder Eltern in Texas mussten sich schließlich eingestehen, dass sie ihren fünfjährigen Adoptivsohn nicht davon abbringen konnten, seine Tage damit zu verbringen, in eine Ecke zu starren, und dass er manchmal mitten in der Nacht, wenn sie schliefen, ihre anderen Kinder brutal attackierte. Westeuropa und Nordamerika hatten einen Albtraum an Beziehungsstörungen importiert, heraufbeschworen durch einen sadistischen rumänischen

Soziopathen, der nicht einmal mehr am Leben war. Nachdem ihnen als Säugling eine Bindung gänzlich vorenthalten worden war, konnten viele dieser geretteten Kinder keine Liebe empfinden. Im Juni 2001 erließ die neue Führung Rumäniens ein Verbot von Auslandsadoptionen, nicht etwa aus humanitären Erwägungen, sondern aus politischen und finanziellen Gründen. Die Europäische Union hatte kurz zuvor verkündet, dass das verarmte Rumänien mit seinem Strom von Waisen ein "Marktplatz für Kinder" geworden sei und dass eine Mitgliedschaft Rumäniens in

der florierenden Union von fünfzehn Nationen wohl nicht erreicht werden könne, solange die "politisch inkorrekten" Adoptionen ins Ausland anhielten. Während ich dies schreibe, leben immer noch mehr als vierzigtausend Kinder - die Bevölkerung einer kleinen Stadt - in Anstalten der Republik Rumänien, die sich um eine EU-Mitgliedschaft im Jahr 2007 bemüht. Seit das Leiden der rumänischen Waisen bekannt geworden ist, haben Psychologen verstärkt überlegt, ob eine Beziehungsstörung die umweltbedingte Ursache der

Soziopathie sein könnte. Die Ähnlichkeiten liegen auf der Hand: Kinder, die unter einer Beziehungsstörung leiden, sind impulsiv und gefühlskalt und manchmal bedrohlich gewalttätig gegenüber ihren Eltern, Geschwistern, Spielkameraden und Haustieren. Sie neigen zu Diebstahl, Vandalismus und Zündelei, und häufig trifft man sie wie Soziopathen - als Jugendliche in Erziehungsanstalten und als Erwachsene im Gefängnis an. Und Kinder mit schweren Beziehungsstörungen sind die einzigen Kinder, die auf uns fast so

fundamental beängstigend wirken wie junge Soziopathen. Diese Ähnlichkeiten sind in vielen Ländern der Welt festgestellt worden. In der Kinderpsychiatrie skandinavischer Länder46 wird zum Beispiel eine Störung, die als "frühe emotionale Frustration" bezeichnet wird, auf einen Mangel an gegenseitiger Bindung zwischen Mutter und Kind zurückgeführt. In Skandinavien wird diese Diagnose (frühe emotionale Frustration) als Anzeichen einer überdurchschnittlich hohen Wahrscheinlichkeit angesehen, bis zum Erwachsenenalter eine

soziopathische Persönlichkeitsstörung zu entwickeln. Frühe emotionale Frustration geht statistisch mit Faktoren einher, die die MutterKind-Bindung erschweren, wie zum Beispiel eine zu frühe Geburt, ein sehr niedriges Geburtsgewicht oder Drogenmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft. Der Aufbau solcher Studien hat allerdings gewisse systematische Schwächen. So könnten gewisse Faktoren, wie zum Beispiel Drogenmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft, durchaus soziopathische Mütter

implizieren, womit man dann wieder zu einer genetischen Erklärung käme. Aber das Hauptproblem der Gleichsetzung von Beziehungsstörung und Soziopathie sind, trotz der verlockenden wissenschaftlichen Gemeinsamkeiten der beiden, ihre beständigen und nicht zu b e s t r e i t e n d e n Unterschiede hinsichtlich der bestimmenden Merkmale der Soziopathie. Im Gegensatz zu Soziopathen sind Kinder und Erwachsene, die unter einer Beziehungsstörung leiden, nur selten charmant oder sozial geschickt. Im Gegenteil, diese

bedauernswerten Menschen sind für gewöhnlich nicht sonderlich sympathisch und bemühen sich kaum, Normalität "vorzutäuschen". Viele von ihnen sind Einzelgänger. Ihr emotionaler Auftritt ist flach und unattraktiv, ja, zuweilen regelrecht feindselig, und sie neigen dazu, zwischen den wenig attraktiven Extremen von streitlustigem Desinteresse und unerfüllbarer Bedürftigkeit zu pendeln. Nichts von alledem ermöglicht die chamäleonartigen Manipulationen und Hochstapeleien eines Soziopathen mit seinem falschen Lächeln und

entwaffnenden Charisma oder den zeitweiligen Erfolg in der materiellen Welt, den ein geselliger Soziopath häufig erzielt. Viele Kliniker und Eltern haben berichtet, dass soziopathische Kinder es ablehnen, innige Beziehungen mit Familienmitgliedern einzugehen. Sie neigen dazu, sich zu entziehen, sowohl auf emotionaler als auch körperlicher Ebene, und natürlich verhalten sich Kinder mit Beziehungsstörungen genauso. Aber völlig im Gegensatz zu der Situation des bedauernswerten beziehungsgestörten Kindes ist die

familiäre Verweigerung des jungen Soziopathen sehr viel wahrscheinlicher das Ergebnis seiner Lebenseinstellung als deren Ursache. Insgesamt haben wir also eine gewisse Vorstellung von einem der neurobiologischen Defizite, die der Soziopathie zugrunde liegen könnten. Die untersuchten Soziopathen haben eine signifikante Abweichung gezeigt in ihrer Fähigkeit, emotionale Informationen auf der Ebene der Großhirnrinde zu verarbeiten. Und aufgrund von Erblichkeitsstudien können wir spekulieren, dass das

neurobiologische Fundament der wesentlichen Persönlichkeitsmerkmale von Soziopathie mit einem Anteil von bis zu 50 Prozent erblich ist. Die verbleibenden Ursachen, die anderen 50 Prozent, sind sehr viel undurchsichtiger. Weder Missbrauch im Kindesalter noch Beziehungsstörungen scheinen den Einfluss der Umwelt auf das l i e b l o s e , m a n i p u l a t i v e und selbstgerechte Dasein zu erklären, das Psychologen als Soziopathie bezeichnen. Der Einfluss nichtgenetischer Faktoren auf die Entstehung dieser tiefgreifenden

Störung - und sie haben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen Einfluss bleibt zum großen Teil rätselhaft. Die Frage bleibt: Nachdem ein Kind mit dem Handicap dieses neurologischen Webfehlers geboren ist - welche Umwelteinflüsse bestimmen, ob es später die vollen Symptome der Soziopathie zeigen wird oder nicht? Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wissen wir es einfach nicht. Kultur Es ist sehr gut möglich, dass die

Einflüsse der Umwelt auf Soziopathie in stärkerem Maße von allgemeinen kulturellen Aspekten abhängen als von spezifischen Faktoren der Kindeserziehung. In der Tat ist es für Forscher bisher ergiebiger gewesen, das Auftreten von Soziopathie mit verschiedenen Kulturkreisen in Beziehung zu setzen, als in bestimmten Variablen der Kindeserziehung Antworten zu suchen. Anstatt das Produkt von Kindesmissbrauch in der Familie oder von Beziehungsstörungen zu sein, spielt vielleicht eine wie auch immer geartete Wechselwirkung zwischen der angeborenen

neurologischen Verdrahtung von Individuen und der Gesellschaft, in der sie dann leben, eine Rolle für die Entstehung von Soziopathie. Diese Hypothese wird für viele Menschen enttäuschend sein, denn wenn auch das Ändern der Bedingungen von Schwangerschaft, Geburt und Erziehung im großen Rahmen kein kleines Projekt wäre die Werte und Glaubenssätze einer ganzen Kultur zu verändern, wäre ein wahrhaft gigantisches Unterfangen mit einem langen und entmutigenden Zeithorizont. Vielleicht würden wir uns etwas weniger entmutigt fühlen, wenn wir

einige Erziehungspraktiken benennen könnten, die wir zu unseren Lebzeiten zu korrigieren versuchen könnten. Aber vielleicht liegt die wahre Urheberschaft für manche Entwicklung bei der Gesellschaft, und so könnten wir letztendlich zu demselben Schluss kommen, den William Ralph Inge im frühen 20. Jahrhundert formuliert hat: "Der beste Zeitpunkt, den Charakter eines Kindes zu beeinflussen, liegt etwa 100 Jahre vor seiner Geburt." Aus schriftlichen Aufzeichnungen wissen wir indes, dass es in den verschiedensten Kulturen weltweit

und zu allen Zeiten unter wechselnden Bezeichnungen Soziopathen gegeben hat. Zum Beispiel hat die psychiatrische Anthropologin Jane M. Murphy47 den von den Inuit geprägten Begriff kunlangeta beschrieben, der einen Menschen bezeichnet, dessen "Verstand weiß, was zu tun ist, es aber nicht tut". Murphy schreibt, dass im Nordwesten Alaskas der Au sdru ck kunlangeta "auf einen Mann angewendet werden könnte, der zum Beispiel immer wieder lügt und betrügt und Dinge stiehlt, nicht auf die Jagd geht und, wenn die anderen Männer nicht im Dorf sind,

viele Frauen sexuell missbraucht". Die Inuit nehmen stillschweigend an, dass kunlangeta nicht geheilt werden kann. Und so war es laut Murphy unter den Inuit üblich, einen solchen Mann zu zwingen, auf die Jagd zu gehen, um ihn dann ohne Zeugen über die Eiskante zu stoßen. Obwohl Soziopathie überall und immer vorzukommen scheint, gibt es glaubhafte Belege dafür, dass einige Kulturen weniger Soziopathen hervorbringen als andere. Interessanterweise scheint Soziopathie in gewissen ostasiatischen Ländern relativ

selten aufzutreten,48 insbesondere in Japan und China. Im Rahmen von Studien, die sowohl in ländlichen Regionen als auch in den Städten Taiwans durchgeführt worden sind, wurde eine bemerkenswert niedrige Verbreitung der antisozialen Persönlichkeitsstörung festgestellt, die im Bereich von 0,03 bis 0,14 Prozent lag - zwar nicht Null, aber doch deutlich geringer als der ungefähre Durchschnitt von 4 Prozent in der westlichen Welt, also einer von fünfundzwanzig. Und irritierenderweise scheint die Verbreitung der Soziopathie in den

USA zuzunehmen. Die vom "National Institute of Mental Health" (Staatliches Institut für geistige Gesundheit) 1991 d u r c h g e f ü h r t e "Epidemiologie Catchment Area Study"49(Studie zur Ermittlung von Inzidenz- und Prävalenzraten wichtiger psychischer Störungen) berichtet, dass sich die Verbreitung der antisozialen Persönlichkeitsstörung unter jungen US-Bürgern in den fünfzehn Jahren vor der Studie fast verdoppelt habe. Es wäre schwierig, wenn nicht gar unmöglich, einen so dramatischen Anstieg genetisch oder neurobiologisch zu erklären.

Offenkundig spielen kulturelle Einflüsse eine wichtige Rolle bei der Entstehung (oder dem Ausbleiben) von Soziopathie in einer gegebenen Bevölkerung. Kaum jemand würde bestreiten wollen, dass die amerikanische Gesellschaft - vom Wilden Westen bis hin zur heutigen Wirtschaftskriminalität ein egoistisch geprägtes Dominanzstreben erlaubt oder gar begünstigt. Robert Hare schreibt,50 dass "unsere Gesellschaft sich dahingehend entwickelt, dass manche der in der PsychopathieC h e c k l i s t e aufgeführten

Eigenschaften - wie zum Beispiel mangelnde Selbstbeherrschung, Verantwortungslosigkeit, mangelnde Reue, etc. - zunehmend toleriert, begünstigt und in einigen Fällen sogar belohnt werden". In dieser Meinung wird er von Theoretikern bestärkt, die die Auffassung vertreten, dass die nordamerikanische Kultur, für die Individualismus ein zentraler Wert ist, tendenziell die Entstehung antisozialen Verhaltens fördert und auch tarnt. Anders ausgedrückt: In Amerika "verschmilzt" die skrupellose Manipulation anderer Menschen in viel höherem Maße

mit den gesellschaftlichen Erwartungen, als das in China oder anderen, eher gruppenorientierten Gesellschaften der Fall wäre. Ich glaube, dass es auch eine andere, glänzendere Seite dieser Medaille gibt, die die Frage aufwirft, warum einige Kulturen sozialverträgliches Verhalten fördern. Wie kommt es, dass entgegen aller Wahrscheinlichkeit manche Gesellschaften einen positiven Einfluss auf heranwachsende Soziopathen haben, mit ihrer angeborenen Unfähigkeit, zwischenmenschliche Gefühle normal zu verarbeiten? Ich

möchte zur Diskussion stellen, dass die primären Wertesysteme mancher Kulturen geborene Soziopathen dazu bewegen könnten, kognitiv zu kompensieren, was ihnen emotional entgeht. Im Gegensatz zu dem extremen Stellenwert, den wir Individualismus und Selbstbestimmtheit einräumen, ist die theologische Basis bestimmter Kulturen, darunter viele in Ostasien, die gegenseitige Verbundenheit aller Lebewesen. Interessanterweise ist diese Maxime auch die Basis des Gewissens, einem in emotionaler

Verbundenheit zu anderen verwurzeltes, intervenierendes Gefühl der Verpflichtung. Wenn ein Mensch seine Bindung zu anderen nicht emotional erlebt oder neurologisch bedingt nicht erleben kann, so vermag vielleicht eine Kultur, für die Verbundenheit ein zentraler Wert ist, ihm ein rein kognitives Verständnis zwischenmenschlicher Verpflichtung zu vermitteln. Ein intellektuelles Verständnis seiner Verpflichtungen anderen gegenüber ist nicht dasselbe wie das mächtige, lenkende Gefühl, das wir Gewissen nennen; aber vielleicht

reicht es aus, um sozialverträgliches Verh alten zumindest bei einigen Individuen hervorzubringen, die sich völlig antisozial verhalten würden, wenn sie in einer Gesellschaft lebten, für die Individualismus wichtiger ist als gegenseitige Verbundenheit. Wenn ihnen auch der innere Mechanismus fehlt, der ihnen ein Gefühl der Verbundenheit mit anderen vermittelt, so zwingt sie doch die Gesellschaft in eine solche Verbundenheit - im Gegensatz zu unserer Kultur, die ihnen nachdrücklich beibringt, dass skrupelloses Verhalten zum

eigenen Vorteil ihnen den größten Nutzen bringt. Das würde erklären, warum eine westliche Familie einen geborenen Soziopathen nicht aus eigener Kraft erretten kann. Zu viele andere Stimmen in der Gesellschaft vermitteln ihm, dass seine Einstellung zum Leben die richtige ist. Ein winziges Beispiel: Falls Skip, der Amerikaner, in eine stark buddhistisch oder schintoistisch geprägte Kultur hineingeboren worden wäre, hätte er all die Frösche umgebracht? Vielleicht oder vielleicht auch nicht. Sein Gehirn wäre dasselbe gewesen, aber

seinen Mitmenschen wäre die Achtung vor dem Leben zwingend gewesen. Jeder Mensch in seiner Welt hätte dieselbe Haltung an den Tag gelegt, seine wohlhabenden Eltern, seine Lehrer, seine Spielkameraden und vielleicht sogar die Prominenten, die er im Fernsehen gesehen hat. Skip wäre immer noch Skip gewesen. Er hätte keine Achtung verspürt vor den Fröschen, kein Schuldbewusstsein, wenn er sie umbrachte, keinen Ekel, aber vielleicht hätte er es doch unterlassen, weil ihm seine Kultur eindeutig eine Lektion erteilt hätte, wie man sich zu verhalten hat. Eine

Lektion vergleichbar mit guten Tischmanieren, die sein völlig adäquater Intellekt verstanden hätte. Soziopathen interessieren sich nicht für ihr soziales Umfeld, aber sie spüren den Willen und die Notwendigkeit, sich darein zu fügen. Natürlich unterstelle ich, dass unsere eigene Kultur einem Kind wie Skip beibringt, dass es kleine Tiere quälen und trotzdem relativ unauffällig unter uns leben kann. Ich meine, dass das eine leider zutreffende Beurteilung unserer gegenwärtigen, beklagenswerten Situation ist.

Krieger Aus Sicht der menschlichen Gesellschaft als Ganzes, über alle Kulturen hinweg: Hat das Fehlen von Anteilnahme und die Abwesenheit eines Gewissens auch Aspekte, die man als positiv oder zumindest nützlich ansehen könnte? Zufällig gibt es, von einem bestimmten Standpunkt aus gesehen, einen solchen Aspekt. Sei das Opfer ein Frosch oder ein Mensch: Soziopathen können töten, ohne Gewissensqualen auszustehen; daher geben

Menschen, die kein Gewissen haben, hervorragende, von keinerlei Zweifeln geplagte Krieger ab. Und fast alle Gesellschaften - seien sie nun buddhistisch, schintoistisch, christlich oder rein kapitalistisch geprägt - führen Kriege. Wir können uns Soziopathen in gewissem Maße als von der Gesellschaft geformt und unterstützt vorstellen, denn Nationalstaaten brauchen immer wieder kaltblütige Killer, vom anonymen Infanteristen bis hin zu den Eroberern, die Menschheitsgeschichte geschrieben haben und weiterhin schreiben.

Soziopathen sind furchtlose und überlegene Krieger,51 Scharfschützen, aus dem Hinterhalt operierende Attentäter, Spezialagenten, V-Männer und Einzelkämpfer, da sie nicht von Entsetzen gepackt werden, wenn sie töten (oder wenn sie Tötungsbefehle geben) und keine Schuldgefühle haben, nachdem die Tat vollbracht ist. Die allermeisten Menschen - der größte Teil unserer Armeen - können nicht so gefühllos sein, und wenn sie nicht sorgfältig konditioniert werden, geben die meisten normalen Menschen bestenfalls viertklassige Killer ab,

selbst wenn das Töten anderer Menschen als notwendig erachtet wird. Jemand, der einem anderen Menschen in die Augen sehen und ihn kaltblütig erschießen kann, ist ungewöhnlich - und im Krieg sehr nützlich. So seltsam es klingen mag gewisse Taten sind dermaßen emotional bankrott, dass sie das Fehlen eines Gewissens erfordern, so wie Astrophysik Intelligenz erfordert und Kunst Begabung. Über Krieger, die ohne Gewissen operieren können, schreibt Oberstleutnant Dave Grossman in seinem Buch On Killing: "Ob man

sie nun Soziopathen, Bluthunde, Krieger oder Helden nennen will es gibt sie; sie sind eine klar abgegrenzte Minderheit, und in Zeiten der Gefahr werden sie von einer Nation verzweifelt gebraucht." Aber im eigenen Land zahlen eben diese Nationen einen versteckten Preis für den Ruhm, den sie ihren eiskalten Killern des Schlachtfelds verleihen. Die Laufbahn zu diesem Ruhm bleibt nicht unbemerkt von anderen, die ein besonderes Talent für skrupelloses Töten haben, anderen, die nie hinter den feindlichen Linien ihr Werk verrichten werden. Diese

selbsternannten Helden bleiben daheim, unter uns, weitgehend unerkannt. Von Rambo bis Bagdad ist die Glorifizierung des Tötens die Verherrlichung des schwersten Verstoßes gegen ein normales Gewissen ein beständiges Merkmal unserer vorherrschenden Kultur gewesen und mag durchaus der bei weitem schädlichste Einfluss der Umwelt auf anfällige soziopathische Charaktere unter uns sein. Ein Mensch mit einem solchen Charakter wird nicht notwendigerweise töten - wenn er aber doch zum Täter wird, ist er nicht immer der Mensch, für den

man ihn halten würde, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden. ACHT der soziopath von nebenan Es mag sein, dass wir Marionetten sind - Marionetten an den Fäden der Gesellschaft. Aber zumindest sind wir Marionetten mit Wahrnehmung und Bewusstsein. Und vielleicht ist unser Bewusstsein der erste Schritt zu unserer Befreiung. — Stanley Milgram

"Ich muss mit jemandem reden ich glaube, ich muss mit jemandem reden, weil mein Vater im Gefängnis ist." Hannah, meine hübsche, schmallippige, 22 Jahre alte neue Patientin, machte diese kaum hörbare Äußerung in Richtung des Bücherregals zu ihrer Rechten. Nach einem Moment sah sie mich direkt an, schüchtern, und wiederholte sich: "Ich brauche jemanden, mit dem ich reden kann. Mein Vater ist im Gefängnis." Sie seufzte leise, als ob die Anstrengung so vieler Worte sie erschöpft habe, und dann war sie still.

Gerade, wenn Menschen sehr verängstigt sind, besteht ein gewisser Teil des therapeutischen Prozesses darin zu wissen, wie man die Äußerungen eines Patienten interpretieren kann, ohne wertend oder herablassend zu klingen. Ich beugte mich ein wenig vor, meine Hände über dem Knie verschränkt, und versuchte, Hannahs Blick wieder einzufangen, der sich nun auf den rostfarbenen Orientteppich zwischen unseren Stühlen gesenkt hatte. Ich sagte ruhig: "Ihr Vater ist im Gefängnis?" "Ja." Sie blickte langsam auf, als

sie antwortete, fast überrascht, als hätte ich diese Information auf telepathischem Wege erhalten. "Er hat einen Mann getötet. Also, er wollte das nicht, aber er hat einen Mann getötet." "Und jetzt ist er im Gefängnis?" "Ja. Ja, das ist er." Sie errötete, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Ich werde immer wieder berührt durch den Umstand, dass selbst ein bisschen Zuhören, die auch nur angedeutete Möglichkeit einer freundlichen Behandlung, eine so spontane Gefühlswallung hervorrufen kann. Das liegt wohl

daran, dass uns kaum jemals jemand wirklich zuhört. In meiner Arbeit als Psychologin werde ich täglich daran erinnert, wie selten uns zugehört wird, jedem vom uns, und unser Verhalten auch nur ansatzweise verstanden wird. Eine gewisse Ironie meines "zuhörenden Berufes" liegt in der Lektion, dass jeder von uns letztlich in vielerlei Hinsicht ein Rätsel für seine Mitmenschen bleibt. "Wie lange ist Ihr Vater schon im Gefängnis?", fragte ich sie. "Ungefähr 41 Tage. Es war ein sehr langes Gerichtsverfahren. Während des Verfahrens war er nicht im

Gefängnis." "Und Sie hatten das Bedürfnis, mit jemandem zu reden?" "Ja. Ich kann nicht ... es ist so ... deprimierend. Ich glaube, ich werde depressiv. Ich muss mit meinem Studium an der medizinischen Hochschule anfangen." "Medizinstudium? Im September?" Es war Juli. "Ja. Ich wünschte, ich müsste nicht an die Uni." Die Tränen flossen, leise, ohne Schluchzen, als ob der Rest von ihr nicht merkte, dass sie weinte. Ihre Tränen strömten und tropften

hinab auf ihre weiße Seidenbluse, wo sie durchsichtige Flecken bildeten. Davon abgesehen blieb ihre Miene unverändert, stoisch. Sie ließ sich die Tränen nicht anmerken. Ich finde Stoizismus anrührend. Hannahs Unerschütterlichkeit war bemerkenswert, und mein Interesse war geweckt. Mit beiden Zeigefingern ordnete sie ihre glatten schwarzen Haare und schob sie hinter ihre Ohren. Ihr Haar glänzte sehr, als hätte es jemand poliert. Sie sah an mir vorbei zum Fenster und fragte: "Wissen Sie, wie es ist, wenn der

eigene Vater im Gefängnis sitzt?" "Nein", antwortete ich, "vielleicht können Sie es mir erzählen." Und so erzählte mir Hannah ihre Geschichte - oder zumindest einen Teil davon. Ihr Vater war der Direktor der staatlichen High School des bürgerlichen Vorortes gewesen, in dem Hannah aufgewachsen war, in einem anderen Bundesstaat, tausend Meilen westlich von Boston. Hannah beschrieb ihn als außerordentlich liebenswürdigen Mann, der ganz natürlich Menschen anzog - ein "Star", wie Hannah es ausdrückte. Er wurde von Schülern,

Lehrern und fast allen anderen Bürgern der kleinen Gemeinde verehrt, in der die Schule lag. Immer war er beim Training der Cheerleader dabei und sah sich alle Football-Spiele an. Es war ihm sehr wichtig, ob die heimische Mannschaft gewann oder nicht. Geboren und aufgewachsen im ländlichen Mittelwesten, hatte er "sehr konservative Überzeugungen", sagte Hannah. Er war Patriot und trat für eine machtvolle Landesverteidigung ein, für Bildung und das Recht der Bürger, sich zu bewaffnen. Hannah war sein einziges Kind, und so lange

sie zurückdenken konnte, hatte er ihr immer vermittelt, dass sie alles erreichen könne, obwohl sie kein Junge sei. Ein Mädchen könne werden, was immer es wolle. Ein Mädchen könne Arzt werden. Hannah konnte Arzt werden. Hannah liebte ihren Vater sehr. "Er ist der netteste, moralischste Mann der Welt. Ja, das ist er wirklich", erzählte sie mir. "Sie hätten alle die Menschen sehen sollen, die zu seinem Prozess gekommen sind. Sie haben einfach dagesessen und geweint um ihn, geweint und geweint. Er hat ihnen so Leid getan, aber sie konnten

nichts für ihn tun, verstehen Sie? Sie konnten nichts tun." Die Tat war eines Nachts im März geschehen, als Hannah, damals im fünften Semester, ihre Semesterferien zu Hause verbrachte. In den frühen Morgenstunden erwachte sie durch ein lautes Geräusch vor ihrem Elternhaus. "Ich habe erst später erfahren, dass es ein Schuss war", erzählte sie mir. Schlaftrunken stand sie auf, um nachzusehen, was passiert war, und begegnete ihrer Mutter, die an der offenen Haustür stand, weinte und

sich die Haare raufte. Die kühle Märzluft strömte herein. "Wissen Sie, es ist seltsam. Ich kann immer noch die Augen schließen und sie da so stehen sehen - der Wind blähte ihren Bademantel - und es war, als wüsste ich schon alles, alles, was passiert war, schon in dem Moment, bevor ich überhaupt irgendetwas wusste. Ich wusste, was passiert war. Ich wusste, dass mein Vater verhaftet werden würde. Ich habe es alles gesehen. Also, das ist wie ein Bild aus einem Albtraum, verstehen Sie? Die ganze Geschichte war wie ein Albtraum. Man kann nicht glauben,

dass es tatsächlich geschieht, und man denkt die ganze Zeit, man würde aufwachen. Manchmal denke ich immer noch, dass ich aufwachen werde und alles nur ein fürchterlicher Traum war. Aber woher wusste ich alles, bevor ich überhaupt irgendetwas wusste? Ich sah meine Mutter dort stehen wie ... als ob es in der Vergangenheit passieren würde, wie ein de-já vu oder so. Es war merkwürdig. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht scheint es heute nur so, wenn ich daran zurückdenke; ich weiß es nicht." Sobald ihre Mutter sie sah, packte

sie Hannah, als ob sie ihre Tochter aus dem Weg eines herannahenden Zuges ziehen müsste, und schrie: "Geh nicht hinaus! Geh nicht hinaus!" Weder machte Hannah Anstalten hinauszugehen, noch forderte sie von ihrer Mutter eine Erklärung. Sie stand einfach da, und ihre entsetzte Mutter umarmte sie. "So hatte ich sie vorher noch nie erlebt", sagte Hannah. "Und immer noch, ich muss das immer wieder sagen, war es fast so, als ob ich das alles schon erlebt hätte. Ich wusste, dass es besser war, im Haus zu bleiben." Nach einer Weile - Hannah ist

nicht sicher, wie lange es dauerte kam ihr Vater durch die weit offen stehende Haustür herein, zu Hannah und ihrer Mutter, wo sie aneinander geklammert standen. "Er hatte die Pistole nicht in der Hand. Er hatte sie irgendwo draußen fallen lassen." Nur mit einer Schlafanzughose bekleidet stand er vor seiner kleinen Familie. "Er sah ganz normal aus. Er war ein bisschen außer Atem, aber er sah nicht ängstlich aus oder so, und für einen kleinen Moment, vielleicht eine halbe Sekunde, dachte ich, dass alles in Ordnung

sei." Als Hannah mir das erzählte, kamen ihr wieder die Tränen. "Aber ich hatte zu viel Angst, um ihn zu fragen, was passiert war. Nach einer Weile ließ Mama mich los. Sie ging, um die Polizei zu rufen. Ich entsinne mich, dass sie ihn fragte: 'Ist er verletzt?' Und er sagte: 'Ich glaube schon. Ich glaube, ich habe ihn schwer verletzt.' Und dann ging sie in die Küche und rief die Polizei an. Das soll man doch tun, oder?" "Ja", sagte ich. Es war keine rhetorische Frage gewesen. Nach und nach erfuhr Hannah,

was passiert war. Früher an jenem furchtbaren Abend hatte Hannahs Mutter, die schon immer einen leichten Schlaf hatte, Geräusche aus dem Wohnzimmer gehört, als ob Glas zerbrechen würde, und hatte ihren schlafenden Mann geweckt. Die Geräusche hielten an. Der Herr des Hauses gewann den Eindruck, dass ein Einbrecher im Haus sei, mit dem er fertig werden müsse und stand auf, um sich vorzubereiten. Vorsichtig (nach der späteren Aussage seiner Frau) nahm er - nur im spärlichen Licht einer winzigen Leselampe - die Pistole aus ihrer Schatulle, die er im

Schlafzimmerschrank aufbewahrte, entsicherte und lud sie. Seine Frau beschwor ihn, doch einfach die Polizei anzurufen, doch er antwortete nicht auf ihr Flehen, sondern zischte ihr im Befehlston zu: "Bleib hier!" Und noch immer in fast völliger Dunkelheit machte er sich auf den Weg ins Wohnzimmer. Als der Eindringling ihn sah oder wahrscheinlicher - hörte, machte er sich auf die Flucht zur Haustür hinaus. Hannahs Vater setzte ihm nach, schoss auf ihn und traf ihn "durch puren Zufall", wie es einer seiner Anwälte später ausdrückte, in den Hinterkopf. Der Mann war

sofort tot. Zufällig fiel er auf den Gehsteig zwischen Rasen und Bordstein; das bedeutete, formal betrachtet, dass Hannahs Vater einen unbewaffneten Mann auf offener Straße erschossen hatte. Es war seltsam, ja, unglaublich, aber keiner der Nachbarn kam auf die Straße. "Danach war es so still. Absolut totenstill", sagte Hannah dort in meinem Büro zu mir. Die Polizei kam sehr schnell, nachdem Hannahs Mutter angerufen hatte, gefolgt von einigen weiteren Leuten und einem geräuschlosen Krankenwagen.

Schließlich wurden ihr Vater und ihre Mutter zum Polizeirevier mitgenommen. "Meine Mutter rief ihre Schwester und meinen Onkel an und bat sie, für den Rest der Nacht bei mir zu bleiben, als wäre ich plötzlich wieder ein kleines Mädchen. Sie waren keine große Hilfe. Sie waren ziemlich hysterisch. Ich glaube, ich war einfach wie betäubt." Am nächsten Tag und in den darauffolgenden Wochen fand das Ereignis großes Interesse bei den lokalen Medien. Der Schuss war in einem ruhigen, bürgerlichen Vorort gefallen. Der Schütze war ein

normaler, bürgerlicher Mann, der nie durch gewalttätiges Verhalten aufgefallen war. Er war nicht betrunken und hatte keine Drogen konsumiert. Der tote Mann war ein bekannter Verbrecher, ein Drogensüchtiger, und unmittelbar, bevor auf ihn geschossen wurde, war er durch ein Fenster in das Haus eingebrochen. Außer dem Staatsanwalt bestritt niemand, dass er ein Räuber war oder dass Hannahs Vater ihn verfolgt und erschossen hatte, weil er in das Haus eingedrungen war. In diesem Fall ging es um Opferrechte. Es ging um das Recht

auf Waffenbesitz. Es ging um "get tough on crime" (unnachsichtige Strafverfolgung). Der Fall illustrierte deutlich die Gefahren, die es mit sich bringt, wenn Bürger das Recht in die eigene Hand nehmen. Oder vielleicht zeigte er auch schlüssig, dass Hauseigentümer weiter gefasste Rechte haben sollten. Die ACLU* echauffierte sich und die NRA** noch mehr. Wie Hannah gesagt hatte, fand ein langer Prozess statt und dann ein ebenso langes Berufungsverfahren. Schließlich wurde Hannahs Vater des Totschlags für schuldig

befunden und zu einer Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren verurteilt. Die Anwälte waren der Meinung, dass es wahrscheinlich auf "nur" zwei oder drei Jahre hinauslaufen würde. Die Nachricht, dass der Direktor einer High School zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden war, weil er einen Einbrecher * Anmerkung des Übersetzers: Die American Civil Liberties Union (ACLU) ist eine US-amerikanische nichtstaatliche Organisation, die 1920 gegründet wurde. Sie setzt sich für Bürgerrechte und Anliegen

des Liberalismus ein. Eine ähnliche Organisation in Deutschland ist die Humanistische Union. ** Anmerkung des Übersetzers: Die National Rifle Association (NRA) ist eine US-amerikanische nichtstaatliche Organisation, die den Waffensport fördert und für das Recht auf Waffenbesitz eintritt. Die NRA bezeichnet sich selbst als "die älteste Bürgerrechtsorganisation der USA". Nach eigenen Angaben sind 4,2 Millionen Personen und 10.700 Vereine Mitglieder der NRA.

auf dem Rasen vor seinem Haus erschossen hatte, erregte die Gemüter. Von allen Seiten hagelte es Protest: Das Urteil sei verfassungswidrig. Es sei gegen den gesunden Menschenverstand und das Rechtsempfinden. Der Verurteilte hätte Selbstjustiz verübt und das Recht verletzt. Er sei ein amerikanischer Held und hätte seine Familie beschützt. Er sei ein gewalttätiger Irrer. Er sei ein Märtyrer für ein hehres Ziel, für viele hehre Ziele. Inmitten all dieser Aufregung studierte Hannah an der Universität und schrieb, kaum vorstellbar,

Einsen, und bewarb sich an medizinischen Hochschulen Aktivitäten, auf denen ihr bedrängter Vater dogmatisch bestand. "Er wollte es einfach nicht zulassen, dass mein Leben durch all die 'Dummheit' ruiniert würde. So hat er es gesagt." Und Hannah wurde von fast jeder medizinischen Hochschule angenommen, bei der sie sich beworben hatte, trotz des Dilemmas, in dem ihr Vater steckte. Sie sagte zu mir: "Wenn überhaupt, hat mir die ganze Geschichte wohl geholfen, angenommen zu werden.

Sein Fall war ein Grund dafür." Als sie ihre Erzählung beendet hatte, nahm Hannah aus ihrer kleinen Lederhandtasche ein Papiertaschentuch und begann, ihre Wangen und die Flecken auf ihrer Bluse abzutupfen - obwohl sich gut sichtbar auf dem kleinen Tisch zu ihrer Linken eine volle Schachtel mit Papiertüchern befand. "Sie sehen also, ich brauche nicht wirklich eine 'Therapie'. Aber ich würde wirklich gerne mit jemandem reden. Ich will auf keinen Fall so deprimiert sein, wenn ich mit dem Medizinstudium anfange. Ich weiß nicht - meinen

Sie, dass wir uns einige Male treffen könnten?" Hannah hatte mich gerührt mit ihrer Geschichte und ihrem Verhalten. Ich empfand großes Mitgefühl für sie, und das sagte ich ihr auch. Im Stillen fragte ich mich, wie viel Hilfe sie wohl tatsächlich würde annehmen können, von mir, der psychologischen Traumatherapeutin, die sie angerufen hatte, weil sie meinen Namen in einem Zeitungsartikel gelesen hatte. Wir vereinbarten, dass wir uns für eine Weile einmal wöchentlich treffen würden, so dass Hannah mit jemandem reden

konnte. Die medizinische Hochschule, für die sie sich letztlich entschieden hatte, war in Boston, und auf das Drängen ihrer Mutter hin war sie unmittelbar nach ihrem Abschluss am College in den Osten gezogen, damit sie sich einleben konnte, bevor die Vorlesungen begannen, weit weg von dem Wahnsinn zu Hause. Ihre Mutter meinte, die Angelegenheit mit ihrem Mann sei "negativ" für ihre Tochter. Ich hatte selten eine solche Untertreibung gehört und versicherte Hannah, dass es vollkommen in Ordnung sei, wenn wir uns hin und wieder treffen

würden. Nachdem sie gegangen war, ging ich eine Weile in meinem Büro auf und ab und sah aus dem Fenster hinaus über die "Back Bay" von Boston, ging hinüber zum Schreibtisch und schob einige Papiere auf dem breiten, unaufgeräumten Schreibtisch hin und her, um dann wieder an das Fenster zu treten, wie ich es häufig zu tun pflege nach einer Sitzung, in der mir jemand vieles erzählt hat, aber nicht annähernd die ganze Geschichte. Als ich so auf- und abging, interessierten mich weniger die juristischen und politischen

Fragen des Wer, Was, Wann und Wo als vielmehr die ewige Frage der Psychologie nach dem Warum. Hannah hatte nicht nach dem Warum gefragt - "Warum hat mein Vater geschossen? W aru m hat er den Mann nicht einfach laufen lassen?" Ich überlegte, dass sie es vielleicht emotional nicht fertig bringen konnte, nach dem Warum zu fragen, da die Antwort zu belastend hätte sein können. Die gesamte Beziehung zu ihrem Vater stand auf dem Spiel. Und vielleicht war dies der Grund, warum sie mich brauchte - um ihr bei der Navigation durch die möglichen

Antworten auf diese bedrohliche Frage zu helfen. Vielleicht war ihr Vater im Affekt des Moments gefangen gewesen, hatte fast versehentlich den Schuss abgefeuert und den Eindringling tödlich in den Kopf getroffen, "durch puren Zufall", wie es der Anwalt ausgedrückt hatte. Oder vielleicht hatte ihr Vater tatsächlich geglaubt, dass seine Familie in Gefahr sei, und sein Beschützerinstinkt war mit ihm durchgegangen. Oder vielleicht war Hannahs Vater, der Familienmensch, dieser normale, bürgerliche Schuldirektor, ein

Killer. In den folgenden Sitzungen, im Sommer und später im Herbst, als Hannah ihr Medizinstudium aufnahm, erzählte sie mir mehr über ihren Vater. Bei meiner Arbeit höre ich oft von Verhaltensweisen und Ereignissen, an die sich der Patient selbst im Laufe seines Lebens gewöhnt hat, die mir aber entschieden abnorm und manchmal alarmierend erscheinen. Diese Art von Schilderung bekam ich bald von Hannah zu hören. Als sie ihren Vater beschrieb - wenn sie auch offenkundig glaubte, von gänzlich unspektakulären Begebenheiten zu

erzählen -, gewann ich das Bild eines gefühlskalten Menschen, dessen niederträchtiges und herrschsüchtiges Verhalten mich schaudern ließ. Ich verstand immer besser, warum meine intelligente junge Patientin wie in einem Nebel verloren war, wenn es darum ging, ihren Vater als das zu sehen, was er war. Ich erfuhr, dass seine hübsche Frau und seine Tochter, die exzellente Schülerin, für Hannahs Vater eher Trophäen waren als menschliche Wesen, und dass er sie völlig ignorierte, wenn sie krank waren oder andere Probleme

hatten. Aber liebevoll legte Hannah die herzlose Behandlung durch ihren Vater anders aus. "Er ist sehr stolz auf mich", erzählte sie, "oder zumindest habe ich das immer geglaubt - und deswegen erträgt er es nicht, wenn ich Fehler mache. Als ich in der vierten Klasse war, hat ein Lehrer einmal eine Notiz an meine Eltern geschickt, dass ich meine Hausaufgaben nicht machen würde. Danach hat Papa zwei Wochen lang nicht mit mir gesprochen. Ich weiß, dass es zwei Wochen waren, weil ich diesen kleinen Kalender hatte ich habe ihn immer noch irgendwo

-, auf dem ich die Tage durchgestrichen habe, einen nach dem anderen. Es war, als würde ich plötzlich nicht mehr existieren. Es war furchtbar. Oh, ich weiß noch ein gutes Beispiel, noch nicht so lange her: Ich war schon an der High School - seiner High School, wissen Sie? -, als ich diesen riesigen, hässlichen Fleck auf meiner Wange bekam." Sie zeigte auf eine makellos glatte Stelle in ihrem hübschen Gesicht. "Er hat drei Tage lang kein Wort mit mir gesprochen, mich nicht mal angesehen. Er ist so perfektionistisch. Ich glaube, er will

mit mir angeben, und wenn etwas nicht in Ordnung ist, kann er das nicht. Manchmal mache ich mir deswegen Vorwürfe, aber ich glaube, ich kann ihn verstehen, mehr oder weniger." Hannah beschrieb einen Zeitraum in ihrer Kindheit, als ihre Mutter schwer krank und fast drei Wochen im Krankenhaus gewesen war. Hannah glaubte, dass ihre Mutter sich eine Lungenentzündung zugezogen hatte, aber sie sagte: "Ich war zu klein, ich kann mich kaum daran erinnern". Hannahs Tante hatte sie in dieser Zeit gelegentlich mitgenommen, um ihre Mutter zu

besuchen. Aber ihr Vater hatte seine Frau kein einziges Mal besucht, als sie im Krankenhaus lag, und als sie wieder nach Hause kam, war er verärgert und aufgebracht - er befürchtete, wie Hannah es ausdrückte, dass seine blasse und geschwächte Frau "nicht wieder so schön werden würde, wie sie es früher gewesen war". Über Hannahs hübsche Mutter "gibt es nicht viel zu erzählen", erzählte sie mir. "Sie ist lieb und sanft. Sie hat sich immer liebevoll um mich gekümmert, vor allem, als ich noch klein war. Sie mag gern im Garten arbeiten und engagiert sich

für wohltätige Zwecke und so. Sie ist wirklich eine wunderbare Dame. Oh, und sie war 'homecoming queen'* ihrer High School. Papa erzählt das gerne. * Anmerkung des Übersetzers: "Homecoming" ist ein jährlich wiederkehrendes traditionelles Fest, das von vielen USamerikanischen High Schools, Fachhochschulen und Universitäten begangen wird, meist im späten September oder im Oktober. Dabei werden ehemalige Schüler und Studenten festlich empfangen, meist im Rahmen einer

zentralen Veranstaltung, zum Beispiel einem Bankett oder Football-Spiel. Traditionell werden Ehemalige, die sich besondere Verdienste um die Schule erworben haben, von ihren Klassenkameraden zur Wahl für den "Homecoming Court" vorgeschlagen. Nachdem die Kandidaten aufgestellt worden sind, werden der "Homecoming King" und die "Homecoming Queen" von der gesamten Schülerschaft durch geheime Abstimmung gewählt. Als ich Hannah eindringlich nach der Reaktion ihrer Mutter auf das

gleichgültige Verhalten ihres Vaters fragte, antwortete sie: "Ich weiß nicht. Also, um ehrlich zu sein, es gab Vorfälle, die mich an Mamas Stelle wirklich wütend gemacht hätten; aber sie hat sich nie beklagt. Sie geht einfach so ihre eigenen Wege. Wie gesagt, sie ist eine liebe, sanfte Dame - das würde Ihnen wohl jeder sagen, der sie kennt und ich glaube, dass ihr sanftes Wesen es mit sich bringt, dass sie sich nie wirklich durchgesetzt hat. Jedenfalls geht sie jeder Konfrontation mit Papa aus dem Weg. Ich glaube, ich würde tot umfallen, wenn sie jemals mit ihm

streiten würde. Sie ist die perfekte Dame. Ihre einzige kleine Schwäche, wenn man das überhaupt so nennen will, ist ihre Eitelkeit. Sie ist wunderschön, und ich glaube, sie weiß das, und sie verbringt viel Zeit damit, ihr Haar und ihren Körper zu pflegen und so. Ich glaube, das sieht sie als ihre einzige Stärke auf der Welt an, wenn Sie verstehen, was ich meine." Hannah sah mich fragend an, und ich nickte, um zu zeigen, dass ich verstand, was sie meinte. "Und das muss man ihm lassen was das angeht, ist Papa sehr nett

zu ihr. Er schickt ihr Blumen, wenn er nicht da ist, und immer sagt er ihr, wie schön sie ist. Ich glaube, so etwas bedeutet ihr sehr viel." "Er schickt ihr Blumen, wenn er nicht da ist?", fragte ich sie. "Wo ist er dann?" Als ich diese Frage stellte - "Wo ist er dann?" -, wurde Hannahs Haltung etwas unsicher. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und sagte eine Weile gar nichts. Schließlich antwortete sie: "Ich weiß es eigentlich nicht. Ich weiß, dass das wohl ein bisschen dürftig klingt, aber ich weiß es nicht. Manchmal ist er sehr spät nachts

nach Hause gekommen, oder manchmal war er sogar das ganze Wochenende weg. Mama hat er Blumen geschickt - also wirklich, es war eine Sache zwischen den beiden. Es war sehr seltsam, also habe ich versucht, es nicht zu beachten." "Seine Abwesenheiten waren seltsam?" "Ja, also ... so habe ich das jedenfalls empfunden. Ich weiß nicht, was Mama darüber denkt." "Haben Sie eine Idee, wo er bei solchen Gelegenheiten gewesen sein könnte?", insistierte ich, vielleicht etwas zu hartnäckig; aber

es schien ein wichtiger Punkt zu sein. "Nein. Ich habe immer versucht, es zu ignorieren", wiederholte sie. Dann begann sie erneut, meine Bücherregale zu studieren. In der darauffolgenden Woche stellte ich Hannah die naheliegende Frage, ob ihr Vater ihr oder ihrer Mutter gegenüber jemals körperlich gewalttätig gewesen sei. Hatte er sie jemals geschlagen? Ihre Miene hellte sich auf und sie antwortete eifrig: "Nein, nein. So was hat er nie gemacht. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen. Also, wenn irgendjemand mir oder

Mama wehtun würde, ich glaube, er würde ihn umbringen." Ich wartete einen Moment, um ihr die Tragweite ihrer Aussage klar werden zu lassen, aber sie blieb ungerührt. Sie änderte wieder ihre Körperhaltung und bekräftigte ihre Antwort: "Nein. Er hat uns nie geschlagen. Nichts dergleichen ist jemals passiert." Sie war unerklärlich erleichtert, mir so zu antworten, und irgendwie wollte ich ihr glauben, dass ihr Vater im Kreis seiner Familie nie gewalttätig gewesen war. Aber nachdem ich fünfundzwanzig Jahre lang Traumapatienten behandelt

habe, weiß ich, dass körperliche Gewalt tatsächlich eine der erträglicheren Arten ist, einen Menschen zu missbrauchen. Ich versuchte es mit einer anderen Taktik. Ich sagte: "Ich weiß, dass Sie Ihren Vater lieben, und gerade jetzt müssen Sie diese Liebe festhalten. Aber alle Beziehungen haben ihre Probleme. Gibt es nichts, was Sie an ihm ändern würden, wenn Sie könnten?" "Ja, das stimmt vollkommen. Ich muss ihn halten. Und er verdient wirklich die größte Anteilnahme von allen Leuten, gerade jetzt...". Sie machte eine Pause, drehte sich

und blickte in Richtung der Doppeltür meines Büros hinter sich. Dann drehte sie sich wieder um und sah mich lange an, als ob sie meine Beweggründe einschätzen wollte, und sagte schließlich: "Aber da Sie wissen wollen, was ich ändern würde - es gibt da tatsächlich eine Sache." Sie lachte kurz und freudlos auf und errötete bis an die Wurzeln ihres glänzenden schwarzen Haares. "Und zwar?", fragte ich so sachlich wie möglich. "Also, es ist ziemlich albern, wirklich. Es ist, also ... manchmal

flirtet er mit meinen Freundinnen, auf eine gewisse Art, und das stört mich sehr. Also wirklich, jetzt, wo ich es laut ausspreche, klingt es noch lächerlicher. Ich sollte mich wohl nicht so sehr daran stören. Aber ich kann nicht anders." "Er flirtet mit Ihren Freundinnen? Wie meinen Sie das?" "Ungefähr seit der siebten Klasse ... Einige meiner Freundinnen sind wirklich hinreißend, wissen Sie? Besonders eine, sie heißt Georgia ... Na ja, jedenfalls flirtet er mit ihnen. Er zwinkert ihnen zu, packt sie und kitzelt sie. Und manchmal macht er Bemerkungen, die ich ziemlich

gewagt finde - also zum Beispiel: 'Na, Georgia, heute ohne BH unterwegs?' oder so was - aber vielleicht lege ich das auch falsch aus. Oh Mann, jetzt, wo ich darüber rede, klingt es wirklich bescheuert, finden Sie nicht auch? Ich sollte mich wirklich überhaupt nicht davon stören lassen." Ich antwortete: "Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde es mich sehr stören, glaube ich." "Wirklich?" Einen Moment lang richtete sie sich ermutigt auf, sackte dann aber wieder zusammen. "Wissen Sie, an der High School, die er leitet - die High School, die ich

besucht habe -, haben einige Eltern tatsächlich behauptet, dass sein Verhalten ihren Kindern gegenüber 'unpassend' sei. Es gab drei Vorfälle dieser Art, glaube ich; zumindest habe ich dreimal davon gehört. Ich erinnere mich, dass die Eltern einmal wirklich aufgebracht waren. Sie nahmen ihre Tochter von der Schule. Danach unterstützten ihn alle. Sie meinten, dass es wirklich traurig sei, dass heutzutage ein so herzensguter, freundlicher Mann einer solchen Perversität beschuldigt werden könne, nur weil er eine Schülerin umarmt habe oder so."

"Und was meinen Sie?" "Ich weiß nicht. Wahrscheinlich werde ich dafür, dass ich das sage, in der Hölle schmoren oder so, aber ich weiß es wirklich nicht wahrscheinlich, weil ich so viel von seinem Verhalten mitbekommen habe, das man sehr leicht falsch auslegen könnte, wissen Sie? Ich meine, wenn Sie der Schuldirektor sind, sich an eine bildhübsche Sechzehnjährige von hinten heranmachen und sie an den Hüften packen, können Sie wohl erwarten, dass die Eltern ziemlich sauer werden, wenn sie davon erfahren. Ich weiß nicht, warum er

das nicht begreift." Dieses Mal versuchte Hannah nicht, eine Bestätigung ihrer Meinung von mir zu hören. Sie starrte wieder die Bücherregale an und schwieg. Schließlich sprudelte es in einem kurzen, gehetzten Wortschwall aus ihr hervor: "Und wissen Sie noch etwas? Ich habe das noch nie jemandem erzählt, und ich hoffe, dass Sie nicht schlecht von mir denken, weil ich es Ihnen sage; aber einmal kam dieses Mädchen, das ich kenne - nicht sehr gut, aber sie war auch an der Schule - in der Bücherei zu mir, setzte sich neben

mich und fing an, etwas zu schreiben. Sie lächelte und schrieb: 'Weißt du, was dein Vater mir über Central High gesagt hat?' und schob mir den Zettel zu. Ich schrieb, 'Keine Ahnung. Was denn?', und daraufhin schrieb sie: 'Er hat zu mir gesagt, dass Central High wie ein Sex-Büfett* ist.' Sex-Büfett hatte sie in große Anführungszeichen gesetzt. Ich war so wütend, dass ich beinahe geheult hätte. Ich lief hinaus, und dann wusste ich nicht, was ich mit dem Zettel machen sollte; also habe ich ihn zusammengeknüllt und in die Tasche gesteckt, und als ich nach

Hause gekommen bin, habe ich Streichhölzer geholt und ihn in der Spüle verbrannt." Der Wortschwall war vorüber, und sie blickte hinunter auf den rostfarbenen Teppich. "Das tut mir so Leid, Hannah. Sie haben so etwas wirklich nicht verdient. Es muss sehr peinlich für Sie gewesen sein und herzzerreißend. Aber warum haben Sie befürchtet, ich würde schlecht von Ihnen denken, wenn Sie mir das erzählen?" Mit einer Stimme, die viel jünger klang als ihre 22 Jahre, antwortete sie: "Ich hätte es geheim halten

sollen. Es ist illoyal." Hannah und ich setzten unsere gemeinsamen Sitzungen fort. Am Anfang von vielen unserer Treffen erzählte sie mir von merkwürdigen telefonischen Nachrichten, die ihre Mutter zu Hause erhielt. "Nach der Nacht des Einbruchs konnten wir eigentlich keine Anrufe mehr beantworten. Es riefen so viele sogenannte Reporter an und so viele Verrückte. Inzwischen lässt Mama einfach den * Anmerkung des Übersetzers: In der englischen Ausgabe wird der Ausdruck "sexual Cafeteria"

verwendet. Eine "Cafeteria" ist im amerikanischen Sprachgebrauch ein Restaurant oder eine Imbissstube mit Selbstbedienung. Anrufbeantworter laufen, und wenn jemand anruft, mit dem sie sprechen will, nimmt sie den Hörer ab. Es ist wohl in Ordnung so; die Nachrichten von den Verrückten löscht sie einfach. Aber seit kurzem erhält sie diese seltsamen Nachrichten über Drogen oder so. Sie regt sich furchtbar darüber auf. Sie sind völlig irre - ich meine, noch irrer als die der anderen Verrückten."

"Hat sie Ihnen vom Inhalt dieser Nachrichten erzählt?", fragte ich. "Ja, schon. Sie regt sich so auf; es ist ein bisschen schwierig, sich einen Reim drauf zu machen, was sie am Telefon erzählen, aber hauptsächlich geht es wohl darum, dass sie Papa beschuldigen, Drogen gestohlen zu haben oder so. Lächerliches Zeug - aber es geht Mama wirklich an die Nieren. Sie hat gesagt, dass sie irgendwelche 'Informationen' aus unserem Haus gefordert hätten, sonst würden sie ihm wehtun. Ich glaube, sie haben immer wieder von 'Informationen' geredet und dass sie ihm wehtun

würden. Aber es ist nichts im Haus, und, also, Papa ist ja nicht da. Er ist im Gefängnis." "Hat Ihre Mutter der Polizei von diesen Nachrichten erzählt?" "Nein. Sie befürchtet, dass sie Papa damit in Schwierigkeiten bringen könnte." Für einen Moment fiel mir keine passende Antwort auf diese letzte Bemerkung ein, und als ich still war, ergänzte Hannah sich und sagte: "Ich weiß, ich weiß. Es ist unlogisch." Während Hannahs erstem Jahr an der medizinischen Hochschule hatte ihre Mutter vielleicht ein

Dutzend dieser unverständlichen und beängstigenden Nachrichten erhalten, und immer noch hatten weder die Mutter noch die Tochter der Polizei davon berichtet. Im Mai beschloss Hannah, hinüberzufliegen und ihren inhaftierten Vater zu besuchen. Wir sprachen darüber, wie emotional schmerzlich ein solcher Besuch für sie sein würde, aber sie war dazu entschlossen. Wir führten mehrere Gespräche über ihre bevorstehende Reise, um sie vorzubereiten auf unterschiedliche Situationen, denen sie ausgesetzt sein könnte, und auf die Gefühle, mit denen sie würde

fertig werden müssen, wenn sie ihren Vater im Gefängnis besuchte. Aber nichts hätte Hannah oder mich auf das vorbereiten können, was dann tatsächlich passiert ist. Rückblickend betrachtet meine ich, dass er ein Stadium erreicht hatte, in dem er ein Publikum für seine Gerissenheit suchte, eine Gemütsverfassung ähnlich der von Skip, als er seine kleine Schwester an das Seeufer lockte. Mir fällt kein anderer plausibler Grund dafür ein, warum Hannahs Vater seiner Tochter gegenüber plötzlich so mitteilsam hätte sein sollen. Was Hannah betrifft - sie hatte mir nicht

mitgeteilt, dass sie die Absicht hatte, ihren Vater zur Rede zu stellen. Vielleicht war sie sich vorher selbst nicht darüber klar. Aus meiner Sicht ist ihr Verhalten bei ihrem Besuch im Gefängnis eines der besten Beispiele dafür, wie viel ein Mensch über einen anderen Menschen wissen kann, ohne sich dessen bewusst zu sein, das ich jemals erlebt habe. Als sie nach Boston zurückgekehrt war, erzählte sie mir Folgendes von ihrem Gespräch. Ich vermute, dass noch mehr besprochen wurde; aber dies ist alles, was Hannah mir davon erzählt hat. Sie begann unter

Tränen und beschrieb die abstoßende und entwürdigende Prozedur, der man sich unterziehen muss, wenn man einen Häftling im Gefängnis besuchen will. Dann hörte sie auf zu weinen und erzählte den Rest in völliger Ruhe, mit einem gewissen rationalen Abstand. Sie sagte: "Ich hatte befürchtet, dass er jämmerlich und niedergeschlagen aussehen würde; aber so war es überhaupt nicht. Er sah gut aus. Er sah ... ich weiß nicht - l ebend ig aus, ja, das ist das richtige Wort. Seine Augen funkelten. Ich habe ihn früher

schon so gesehen, aber ich habe wirklich nicht erwartet, dass er im Gefängnis so sein würde. Er schien sich über meinen Besuch zu freuen, er hat nach meinen Zensuren gefragt. Ich hatte erwartet, dass er auch nach Mama fragen würde, aber das tat er nicht. Also habe ich mir gedacht: Warum soll ich es aufschieben? Und so habe ich ihn gefragt." Sie erzählte das, als ob ich wüsste, was sie meinte, aber ich hatte keine Ahnung. Ich sagte: "Was haben Sie ihn gefragt?" "Ich habe ihn gefragt: 'Was hat der Mann im Haus gesucht, Papa?' Er

sagte: 'Welcher Mann?' Aber ich bin sicher, dass er wusste, wen ich meinte. Er schien nicht verlegen oder peinlich berührt zu sein oder so. Ich sagte: 'Der Mann, den du erschossen hast.' Er hat nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Er sagte nur: 'Ach so, der Mann. Er hat ein paar Namen gesucht. Aber er hat sie nicht gefunden, das kann ich dir garantieren.' " Hannah hatte geredet, ohne mich anzusehen. Jetzt suchte sie Blickkontakt zu mir und sagte: "Dr. Stout, sein Gesichtsausdruck ... Er sah aus, als ob wir über etwas redeten, was ihm S p a ß machen

würde. Am liebsten wäre ich weggelaufen, aber ich bin geblieben." "Ich wusste nicht, dass Sie ihn das fragen wollten. Sie sind großartig." "Es war furchtbar", fuhr sie fort, anscheinend, ohne gehört zu haben, dass ich ihr Verhalten bewunderte. "Ich sagte: 'Also kanntest du ihn?' Und er sagte: 'Natürlich kannte ich ihn. Warum sollte ich einen völlig Unbekannten umbringen?' Und dann hat er gelacht. Er hat gelacht, Dr. Stout." Sie sprach mich immer noch direkt an, wenn auch mit beträchtlicher emotionaler Distanz

zum Thema, und fuhr fort: "Und dann sagte ich: 'Hast du etwas mit Heroin zu tun?' Darauf hat er nicht direkt geantwortet. Er hat mir nur gesagt, ich sei clever. Ist das zu fassen? Er hat zu mir gesagt, ich sei clever." Sie schüttelte ungläubig den Kopf und schwieg eine Weile. Schließlich half ich ihr weiter und fragte: "Haben Sie ihm noch andere Fragen gestellt, Hannah?" "Ja. Ja, das habe ich. Ich habe gesagt: 'Hast du jemals jemanden anders umgebracht?' Und wissen Sie, was er geantwortet hat?" Dann war sie wieder still.

Nach einer Weile antwortete ich: "Nein, das weiß ich nicht. Was hat er gesagt?" "Er hat gesagt: 'Ich nehme den fünften Verfassungszusatz* in Anspruch.'" Erst dann begann Hannah wieder zu weinen, dieses Mal völlig ungehemmt. Ihre plötzliche, herzzerreißende Trauer um den Vater, den zu haben sie geglaubt hatte, erinnerte mich an ein Zitat von Emerson**, nach dem von allen Arten, einen Menschen zu verlieren, der Tod die freundlichste ist. Sie weinte lange. Nachdem ihre

Tränen aber schließlich versiegt waren, stellte ich erleichtert fest, dass sie in der Lage war, an ihre eigene Sicherheit zu denken. Sie trocknete ihr Gesicht mit einer Handvoll Papiertüchern aus der Schachtel neben ihr, sah mich an und sagte mit fester Stimme: "Die Anwälte werden ihn rausholen, wissen Sie. Aber was soll ich denn nun machen?" Und ich hörte mich selbst antworten, resolut und mit sehr viel mehr mütterlicher Entschlossenheit, als ich gewöhnlich in Therapiesitzungen an den Tag lege: "Sie werden sich

selbst schützen, Hannah." * Anmerkung des Übersetzers: Der fünfte Verfassungszusatz ("Fifth Amendment") der USA bestimmt unter anderem, dass ein Angeklagter sich nicht selbst belasten muss. ** Anmerkung des Übersetzers: Ralph Waldo Emerson, 1803 -1882, US-amerikanischer Schriftsteller. Was kann der gegen den unternehmen?

Gewissenhafte Skrupellosen

Soziopathen sind keineswegs dünn gesät. Im Gegenteil, sie stellen einen beachtlichen Anteil der Bevölkerung. Wenn auch Hannahs Erlebnis besonders bewegend und persönlich war, ist es nahezu unmöglich, dass ein in der westlichen Welt lebender Mensch auf seinem Lebensweg nicht mindestens einer solchen Person begegnet, auf die eine oder andere Art. Menschen ohne ein Gewissen erleben Gefühle sehr viel anders als Sie oder ich, und Liebe können sie überhaupt nicht fühlen - oder eine beliebige andere positive Bindung

zu ihren Mitmenschen. Dieses Defizit, das nur schwer zu verstehen ist, reduziert das Leben auf ein endloses Spiel versuchter Dominanz über andere Menschen. Manche Soziopathen sind physisch gewalttätig, wie Hannahs Vater. Viele sind es jedoch nicht und ziehen es vor, gegen andere zu "gewinnen", indem sie ihre Raubzüge im Geschäftsleben, als Freiberufler oder in der Politik ausüben - oder einfach, indem sie einen Menschen nach dem anderen in parasitären Beziehungen ausnutzen, wie Sydneys NichtEhemann Luke.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist Soziopathie "unheilbar"; überdies haben Soziopathen fast nie das Bedürfnis, "geheilt" zu werden. In der Tat erscheint es als wahrscheinlich, dass bestimmte Kulturkreise, gerade unser westlicher, antisoziale Verhaltensweisen aktiv fördern, darunter Gewalt, Mord und Kriegstreiberei. Diese Fakten sind für die meisten Menschen nur schwer zu akzeptieren. Sie sind anstößig, diskriminierend und beängstigend. Aber sie als einen realen Aspekt unserer Welt zu begreifen und zu

akzeptieren ist die erste der "Dreizehn Regeln für den Umgang mit Soziopathen im Alltag", die ich Patienten wie Hannah und anderen Menschen, die sich und ihre Lieben schützen wollen, mit auf den Weg gebe. Hier sind die dreizehn Regeln: DREIZEHN REGELN FÜR DEN UMGANG MIT SOZIOPATHEN IM ALLTAG 1. Die erste Regel lautet, dass man es akzeptieren muss, dass einige Menschen buchstäblich kein Gewissen haben.

Diese Menschen sehen nur selten aus wie Charles Manson oder ein Marsmensch. Sie sehen aus wie wir. 2 . Im Konflikt zwischen Ihrem Instinkt und dem Ansehen, das die vermeintliche Rolle Lehrer, Arzt, Führungsperson, Tierfreund, Humanist, Vater oder Mutter - einer Person impliziert, vertrauen Sie Ihrem Instinkt. Ob Sie es nun wollen oder nicht Sie sind ein ständiger Beobachter menschlichen Verhaltens, und Ihre ungefilterten Eindrücke, mögen sie auch alarmierend und vermeintlich abwegig erscheinen, könnten Ihnen

weiterhelfen, sofern Sie das zulassen. Ihr inneres Ich begreift, ohne dass es ihm gesagt wird, dass beeindruckende und ehrbar klingende Etiketten keineswegs einem Menschen ein Gewissen verleihen, der von Anfang an keines hatte. 3 . Wenn Sie eine neue, wie auch immer geartete Beziehung erwägen, beachten Sie den Dreisatz der Lüge hinsichtlich der Behauptungen und Versprechungen einer Person und der Verpflichtungen, die sie hat. Machen Sie den Dreisatz der Lüge

zu ihrer persönlichen Leitlinie. Eine Lüge, ein gebrochenes Versprechen oder eine einmal vernachlässigte Verpflichtung könnte durchaus ein Missverständnis sein. Zwei könnten die Folge eines schwerwiegenden Fehlers sein. Aber d r e i Lügen bedeuten, dass Sie es mit einem Lügner zu tun haben, und Verlogenheit ist die Quintessenz gewissenlosen Verhaltens. Begrenzen Sie den Schaden und suchen Sie das Weite, so schnell Sie können. Sofort zu gehen - wenn es auch schwer fallen mag - ist einfacher, als es später sein wird,

und weniger kostspielig. Ihr Geld, ihre Arbeit, ihre Geheimnisse, ihre Zuneigung sollten Sie nicht einem DreifachLügner anvertrauen. Ihre kostbaren Zuwendungen wären verschwendet. 4 . Stellen Sie Autorität infrage. Abermals - trauen Sie ihrem Instinkt und Ihren Bedenken, vor allem, wenn Sie es mit einem Menschen zu tun haben, der behauptet, dass Unterdrückung, Gewalt, Krieg oder eine beliebige andere Missachtung Ihres Gewissens die Patentlösung für ein

bestimmtes Problem sei. Verhalten Sie sich auch dann, oder gerade dann, so, wenn alle anderen um Sie herum vollständig aufgehört haben, Autorität infrage zu stellen. Rufen Sie sich in Erinnerung, was uns Stanley Milgram über den Gehorsam gelehrt hat: Mindestens sechs von zehn Menschen werden einer offiziell wirkenden Autoritätsperson in ihrer Mitte blind und bis zum bitteren Ende gehorchen. Die gute Nachricht ist, dass Unterstützung von anderen die Menschen dazu ermutigt, Autorität infrage zu stellen.5 2 Bestärken Sie

Ihre Mitmenschen darin, so wie Sie selbst Autoritäten mit Skepsis zu begegnen. 5 . Fallen Sie nicht auf Schmeichelei herein. Komplimente sind wunderbar besonders, wenn sie ehrlich gemeint sind. Im Gegensatz dazu ist Schmeichelei übertrieben und in trügerischer Weise an unser Ego gerichtet. Sie ist das Rohmaterial gefälschten Charmes und deutet fast immer auf manipulative Absichten hin. Manipulation durch Schmeichelei ist manchmal harmlos und gelegentlich

heimtückisch. Setzen Sie sich über Ihr geschmeicheltes Ego hinweg und denken Sie daran, Schmeicheleien mit Vorsicht zu begegnen. Diese Regel über Schmeichelei gilt für Einzelpersonen, aber auch auf der Ebene von Gruppen und sogar ganzen Nationen. Durch die gesamte menschliche Geschichte hindurch bis heute ist stets der Aufruf zum Krieg durch die schmeichelhafte Behauptung begleitet worden, dass die eigenen Streitkräfte einen Sieg erringen würden, der die Welt zum Besseren ändern würde, einen Triumph der

Moral, gerechtfertigt durch sein humanistisches Ergebnis, einzigartig in seiner übermenschlichen Anstrengung, rechtschaffen und Anlass zu großer Dankbarkeit. Seit den Anfängen der Geschichtsschreibung sind alle großen Kriege auf diese Weise in Szene gesetzt worden, auf allen Seiten des jeweiligen Konflikts, und in allen Sprachen wurde stets in Verbindung mit dem Wort Krieg das Adjektiv heilig am häufigsten verwendet. Man könnte sich leicht auf den Standpunkt stellen, dass die Menschheit Frieden erlangen würde, wenn die Völker der

Nationen endlich diese meisterhafte Schmeichelei durchschauen würden. Ebenso wie ein Individuum sich, angespornt durch die Schmeicheleien eines Manipulators, töricht verhalten kann, ist übertriebener Patriotismus mit einem Treibsatz aus Schmeichelei eine gefährliche Sache. 6 . Falls erforderlich, überdenken Sie Ihre Vorstellung von Respekt. Nur allzu oft verwechseln wir Furcht und Respekt. Und je mehr wir uns vor einem Menschen

fürchten, desto mehr halten wir ihn für eine Respektsperson. Ich habe einen gefleckten Bengalkater, den meine damals noch sehr kleine Tochter auf den Namen "Muscle Man" getauft hat, da er selbst als kleines Kätzchen schon wie ein Profiringer aussah. Inzwischen ist er erwachsen und sehr viel größer als die meisten anderen Hauskatzen. Seine gewaltigen Krallen ähneln denen seiner wilden asiatischen Vorfahren, aber er hat ein sanftes und friedliches Gemüt. Die kleine buntgefleckte Katze meiner Nachbarn besucht ihn gelegentlich.

Anscheinend hat diese Nachbarkatze eine furchteinflößende, raubtierhafte Ausstrahlung und versteht sich hervorragend darauf, andere Katzen durch ihren bösen Blick einzuschüchtern. Muscle Man, mit einem Lebendgewicht von fünfzehn Pfund im Gegensatz zu ihren sieben, krümmt sich und zieht den Kopf ein, schlotternd vor Angst und in hündischer Ergebenheit, wann immer sie im Umkreis von 20 Metern auftaucht. Muscle Man ist ein wunderbarer Kater. Er ist warmherzig und liebevoll und liegt mir sehr am

Herzen. Trotzdem würde ich gerne glauben, dass einige seiner Reaktionen primitiver sind als meine eigenen. Ich hoffe, dass ich nicht den Fehler mache, Furcht und Respekt zu verwechseln, denn damit würde ich mich selbst zum Opfer machen. Wir sollten unsere großen Primatengehirne dazu verwenden, unsere animalische Neigung zu überwinden, sich Raubtieren zu beugen, sodass wir die reflexhafte Verwechslung von Furcht und Ehrfurcht entwirren können. In einer perfekten Welt würden wir nur auf die Starken, Gütigen und moralisch

Couragierten instinktiv mit menschlichem Respekt reagieren. Eine Person, die ihren Nutzen daraus zieht, jemanden einzuschüchtern, ist schwerlich ein solcher Mensch. Für Gruppen und Nationen ist die Entschlossenheit, Respekt und Furcht zu unterscheiden, noch wichtiger. Der Politiker, sei er nun unbedeutend oder überragend, der das Volk ständig durch Warnungen vor der Bedrohung durch Verbrechen, Gewalt oder Terrorismus verängstigt und dann seine solchermaßen geschürte Furcht dazu benutzt, Zustimmung zu

erlangen, ist wahrscheinlich eher ein geschickter Hochstapler als ein legitimer politischer Führer. Dies hat sich ebenfalls im Laufe der menschlichen Geschichte immer wieder gezeigt. 7 . Lassen Sie sich nicht auf das Spiel ein. Intriganz ist das Werkzeug des Soziopathen. Widerstehen Sie der Versuchung, sich mit einem verführerischen Soziopathen zu messen, ihn auszutricksen, ihn psychologisch zu analysieren oder auch nur mit ihm herumzualbern. Abgesehen davon, dass Sie sich auf

seine Ebene herabließen, würden Sie sich auch davon ablenken, was wirklich wichtig ist, nämlich sich selbst zu schützen. 8 . Am besten kann man sich vor einem Soziopathen schützen, indem man ihm aus dem Weggeht und jede Art von Kontakt oder Kommunikation ablehnt. Psychologen pflegen nur ungern zu empfehlen, jeglichen Kontakt zu vermeiden, aber in diesem Falle mache ich mit voller Absicht eine Ausnahme. Die einzig wirksame Methode, mit einem Menschen umzugehen, den Sie als

Soziopathen erkannt haben, ist es, ihn gänzlich aus Ihrem Leben zu verbannen. Ein Soziopath lebt völlig außerhalb des Gesellschaftsvertrags und daher ist es gefährlich, ihn in Beziehungen oder andere gesellschaftliche Arrangements einzubinden. Fangen Sie in Ihren eigenen Beziehungen und Ihrem gesellschaftlichen Leben damit an, ihn zu meiden. Sie werden seine Gefühle nicht verletzen. So seltsam es auch klingen mag: Soziopathen haben keine Gefühle, die verletzt werden könnten, auch wenn sie etwas anderes vorzutäuschen versuchen.

Vielleicht werden Sie Ihrer Familie und Ihren Freunden nicht erklären können, warum Sie eine bestimmte Person meiden. Soziopathie ist erstaunlich schwierig zu erkennen und noch schwieriger zu erklären. Meiden Sie die Person trotzdem. Falls eine völlige "Kontaktsperre" unmöglich ist, versuchen Sie, diesem Ziel so nahe wie möglich zu kommen. 9. Stellen Sie Ihren Hang infrage, allzu leicht Mitleid zu empfinden. Respekt sollte den Gütigen und moralisch Couragierten vorbehalten

bleiben. Mitleid ist eine weitere, sozial wertvolle Reaktion, und es sollte für unschuldige Menschen reserviert sein, die reale Schmerzen zu ertragen oder einfach Pech gehabt haben. Stellen Sie hingegen fest, dass Sie häufig eine Person bemitleiden, die fortgesetzt Sie oder andere Menschen verletzt und die sich aktiv um Ihr Mitgefühl bemüht, ist es fast sicher, dass Sie es mit einem Soziopathen zu tun haben. In diesem Zusammenhang empfehle ich, dass Sie Ihr Bedürfnis, immer und unter allen U m s t ä n d e n h ö f l i c h zu sein,

ernsthaft infrage stellen. Für normale Erwachsene in unserem Kulturkreis ist es wie ein Reflex, ein Benehmen an den Tag zu legen, das wir für "zivilisiert" halten, und häufig ertappen wir uns dabei, unwillkürlich die Form zu wahren, obwohl uns jemand in Rage gebracht, wiederholt angelogen hat oder in den Rücken gefallen ist. Scheuen Sie sich nicht, ernsthaft, ruhig und sachlich aufzutreten. 1 0 . Versuchen Sie nicht, die Unverbesserlichen zu bessern. Eine zweite (dritte, vierte und fünfte) Chance ist für Menschen,

die ein Gewissen haben. Haben Sie es mit einer Person zu tun, die kein Gewissen hat, dann sollten sie versuchen, tief durchzuatmen und Ihren Schaden zu begrenzen. Irgendwann müssen die meisten Menschen die wichtige, wenn auch enttäuschende Lektion des Lebens lernen, dass wir, unseren noch so noblen Absichten zum Trotz, das Verhalten - geschweige denn den Charakter - anderer Menschen nicht steuern können. Akzeptieren Sie diese Tatsache des menschlichen Lebens und vermeiden Sie es, sich ironischerweise in demselben

Verlangen zu verstricken, das er hat - dem Verlangen, andere zu beherrschen. Falls Sie nicht nach Dominanz streben, sondern h e l f e n wollen, dann sollten Sie nur denjenigen helfen, die auch tatsächlich Hilfe wünschen. Ich nehme an, dass Sie feststellen werden, dass ein Mensch ohne Gewissen nicht dazu zählt. Das Verhalten des Soziopathen ist nicht Ihre Schuld, in keiner Weise wie auch immer. Es ist auch nicht Ihr Auftrag. I h r Auftrag ist Ihr eigenes Leben. 1 1 . Lehnen Sie es ab, aus Mitleid

oder einem beliebigen anderen Grund einem Soziopathen dabei zu helfen, seinen wahren Charakter zu verheimlichen. "Bitte erzähl das niemandem" dieser Appell, oft unter Tränen und enorm zerknirscht hervorgebracht, ist das Markenzeichen von Dieben, Kinderschändern und Soziopathen. Hören Sie nicht auf diesen Sirenengesang. Andere Menschen verdienen es sehr viel mehr, gewarnt zu werden, als es Soziopathen verdienen, dass Sie ihre Geheimnisse bewahren. Falls jemand ohne Gewissen darauf besteht, Sie würden ihm

etwas "schulden", rufen Sie sich ins Gedächtnis, was Sie jetzt hier lesen werden: "Du schuldest mir etwas" ist - durchaus wörtlich genommen seit Jahrtausenden und auch heute noch die Standardzeile von Soziopathen. Rasputin hat das zur russischen Zarin gesagt; Hannahs Vater hat es impliziert, als sie im Gefängnis das aufschlussreiche Gespräch mit ihm hatte. Wir neigen dazu, die Behauptung "du schuldest mir etwas" als verpflichtend zu empfinden, aber es stimmt einfach nicht. Hören Sie nicht darauf. Und außerdem ignorieren Sie bitte den Spruch: "Du

bist genau wie ich". Sie sind es nicht. 12. Schützen Sie Ihre Psyche. Lassen Sie es nicht zu, dass ein Mensch ohne Gewissen - oder gar eine Serie solcher Individuen Ihnen den Glauben an das Gute im Menschen nimmt. Die meisten Menschen haben ein Gewissen. Die meisten Menschen können lieben. 13. Ein erfülltes Leben ist die beste Rache. Nachwort

Noch immer treffe ich mich gelegentlich mit Hannah. Ihr Vater wurde auf Bewährung aus der Haft entlassen, aber in den letzten sechs Jahren hat sie ihn weder getroffen noch auch nur mit ihm gesprochen. Dieser Verlust und die Gründe dafür bleiben für sie eine Quelle großer Traurigkeit. Ihre Mutter und ihr Vater sind inzwischen geschieden, nicht aufgrund seiner gewalttätigen, kriminellen Aktivitäten - die Hannahs Mutter und die restliche Gesellschaft nach wie vor nicht wahrhaben wollen - sondern, weil sie ihn mit einer neunzehnjährigen

ehemaligen Schülerin im Bett erwischt hat. Hannah hat ihr Medizinstudium mit Auszeichnung abgeschlossen, ein Beweis ihrer Intelligenz und Stärke. Aber bald erkannte sie das Offensichtliche - dass es ihres Vaters Ehrgeiz gewesen war, der sie zur Ärztin werden ließ, und nicht ihr eigener Wunsch. Er hatte damit nur sein eigenes Prestige steigern wollen. Allen Widrigkeiten zum Trotz hat Hannah sich - neben ihrem trockenen Humor - die Fähigkeit bewahrt, liebevollen und vertrauenswürdigen Menschen

nahe zu sein. Als sie der Medizin den Rücken gekehrt hatte, erzählte sie mir zum Beispiel, dass der Eid des Mediziners, "vor allen Dingen keinen Schaden zu verursachen", überhaupt nicht auf ihren Vater passt. Sie hat sich an mehreren juristischen Hochschulen beworben und ist angenommen worden. Sie hat sich entschieden, ein Institut zu besuchen, das eine Spezialisierung zum Fachanwalt für Menschenrechte anbietet. NEUN

die Ursprünge des gewissens Warum sollte irgendein Tier, auf sich selbst gestellt und durch allerlei Signale als eigenständiges Wesen definiert und beschrieben, sich entscheiden, sein Leben hinzugeben, um einem anderen zu helfen? —Lewis Thomas Da es jenseits eines Zweifels belegt ist, dass in der Natur das Recht des Stärkeren gilt53 - warum sind nicht alle Menschen Killer wie Hannahs Vater? Warum gehorcht die Mehrzahl der Menschen

meistenteils einem siebten Sinn, der ihnen befiehlt, nicht zu töten, obwohl sie von einer solchen Tat auf die eine oder andere Art profitieren könnten? Und diese Frage gilt auch für weniger schwerwiegende Übertretungen: Warum fühlt man sich in der Regel schuldig, wenn man stiehlt, lügt oder andere Menschen verletzt? Wir haben bereits die Frage erörtert, was Soziopathie verursacht, und so liegt es nahe, die damit verbundene Frage zu stellen: Was sind die Ursprünge des Gewissens? In gewisser Hinsicht ist dies eine nicht nur verbundene,

sondern bessere und tiefgründigere Frage. Seit Charles Darwin 1859 sein Werk The Origin of Speeles ("Die Entstehung der Arten") veröffentlichte, haben vielfältige wissenschaftliche Theorien sich mit der Vorstellung auseinandergesetzt, dass alle Lebewesen - einschließlich des Menschen - sich nach dem Gesetz der natürlichen Auslese entwickelt haben könnten. Nach diesem Gesetz, das auch volkstümlich als das "Gesetz des Dschungels" bekannt ist, werden Eigenschaften, die das Überleben und die Fortpflanzung - und somit das Fortbestehen - der jeweils

eigenen genetischen Komponenten begünstigen, die Tendenz haben, in der jeweiligen Population erhalten zu bleiben. Wenn ein körperliches Merkmal oder ein bestimmtes Verhalten den Individuen unzähliger Generationen in vielen Lebenslagen und Lebensräumen solchermaßen einen glücklichen Überlebensvorteil verschafft, dann kann es in kleinen Schritten und im Laufe undenklicher Zeiträume zum Bestandteil des allgemeinen genetischen Bauplans der jeweiligen Art werden. Das Gesetz der natürlichen Auslese hat dazu geführt, dass Tiger

Krallen haben, Chamäleons ihre Farben wechseln, Ratten offene Räume meiden, Opossums sich tot stellen und Affen große Gehirne haben, weil Tiger mit Krallen, getarnte Eidechsen, unauffällige Nagetiere, simulierende Beutelratten und schlaue Primaten tendenziell länger überleben und mehr Nachkommen zeugen können als ihre Artgenossen. Diese Nachkommen wiederum können besser als ihre weniger glücklichen Spielkameraden, die nicht durch ihre Gene mit natürlichen Waffen, Tarnungstechniken, überlebensfördernder Ängstlichkeit,

schauspielerischen Fähigkeiten oder überlegener Intelligenz ausgestattet sind, überleben und sich fortpflanzen. Aber nach diesem völlig amoralischen Gesetz des Dschungels - welchen möglichen Nutzen könnten die Einschränkungen und Interventionen eines mächtigen Moralempfindens für die Individuen einer räuberischen Art denn der Mensch ist aus technischer Sicht ein Raubtier haben? Man stelle sich zum Beispiel einen großen weißen Hai mit einem anspruchsvollen

Gewissen vor. Wie lange würde er überleben? Was könnten also womöglich die evolutionären Ursprünge des menschlichen Gewissens sein? Lassen Sie uns diese ungewöhnliche Frage anders formulieren. Bitte stellen Sie sich eine Gruppe von Menschen auf einer kleinen, abgelegenen Insel mit begrenzten Ressourcen vor. Welche Art von Individuum hätte auf lange Sicht die besseren Überlebenschancen - eine ehrliche, moralische Person oder ein rücksichtsloser Mensch wie Skip? Die liebenswürdige und

mitfühlende Jackie Rubenstein oder Doreen Littlefield? Sydney oder der unbeirrbar mit sich selbst beschäftigte Luke? Hannah oder Hannahs Vater? Falls einige andere Menschen auf der Insel wären, mit denen die Überlebenden über viele Generationen Nachkommen zeugen könnten - und angenommen, dass Soziopathie zumindest teilweise erblich bedingt ist -, würden wir nicht schließlich eine Insel haben, die hauptsächlich durch Menschen ohne Gewissen bevölkert wäre? Würde nicht dann diese soziopathische Bevölkerung sich gedankenlos daranmachen, die

Ressourcen der Insel vollständig zu erschöpfen und anschließend aussterben? Und falls dann doch noch Menschen mit Gewissen auf der Insel zu finden wären, wo das Überleben schwierig wäre und Rücksichtslosigkeit sich auszahlen würde welche natürlichen Einflüsse könnten womöglich ihren Sinn für Moral gefördert haben? Gerade wegen dieser für die Evolutionstheorie anscheinend unmöglichen Herausforderung haben Naturalisten, Soziobiologen, vergleichende Psychologen und Philosophen sich seit langem für die Ursprünge der Selbstlosigkeit

bei den Menschen und anderen Tieren interessiert. Wann immer wir das Verhalten der sogenannten höheren Tiere sorgfältig beobachten, stellen wir eine scheinbar unüberwindliche Zweiteilung zwischen eigennützigem Überlebenswillen und starkem Gemeinschaftsinteresse fest. Und natürlich ist diese Zweiteilung nirgendwo extremer ausgeprägt als bei der menschlichen Art. Wir konkurrieren erbittert miteinander und lehren unsere Kinder, sich dem Wettbewerb zu stellen. Wir finanzieren Kriege und

Massenvernichtungswaffen. Wir finanzieren aber auch Stiftungen, soziale Wohlfahrtsprogramme und Obdachlosenheime und versuchen, unsere Kinder - genau dieselben Kinder - zu lehren, gutherzig zu sein. Unsere Art hat sowohl einen Napoleon als auch eine Mutter Teresa hervorgebracht. Allerdings hätte nach der fundamentalen Evolutionstheorie Mutter Teresa niemals geboren werden dürfen, da anscheinend weder Nächstenliebe noch ein Gefühl für Gut und Böse irgendetwas mit dem Gesetz des Dschungels zu tun haben. Was geht

hier also vor? Wie David Papineau in seiner in der New York Times erschienenen Kritik von Matt Ridleys Buch The Origins of Virtue ("Ursprünge der Tugend") gefragt hat: "Wenn die netten Kerle immer die Letzten waren, als unsere Vorfahren die afrikanische Savanne nach Nahrung durchkämmten, warum ist Moral für uns heute so selbstverständlich?" Und Menschen sind keineswegs die einzigen Tiere, die sich selbstlos verhalten können. Thomsongazellen hüpfen zur Warnung ihrer Artgenossen auf und ab, wenn sie ein Raubtier sehen,

womit sie ihre eigenen Überlebenschancen schmälern, aber die Fluchtchancen der Herde verbessern. Schimpansen teilen ihr Fleisch und manchmal sogar ihre liebsten Früchte untereinander. Der Psychobiologe Frans de Waal hat berichtet, dass Raben mit lauten Rufen die Entdeckung eines kostbaren Kadavers dem Schwarm mitteilen und sich damit der Gefahr eines Angriffs durch Wölfe 54 aussetzen. Geht es ans Überleben, besteht offensichtlich ein gewisser Interessenskonflikt zwischen dem Individuum und der Herde / der

Gemeinschaft / dem Schwarm. Erklärungen für die Ursprünge der von Evolutionspsychologen so bezeichneten "altruistischen Verhaltensweisen" beziehen sich zumeist auf die Selektionseinheit der Evolution. Werden nur Individuen durch die natürliche Selektion als Überlebende "ausgewählt" oder könnte vielleicht die Auslese auf der Ebene der Gruppe stattfinden und somit das Überleben ganzer Populationen vor anderen begünstigen? Falls das "Überleben des Tüchtigsten" sich nur auf das Individuum als Selektionseinheit

bezieht, ist es fast unmöglich, die Entstehung von Selbstlosigkeit zu erklären - aus demselben Grund, aus dem der gnadenlose Skip, Doreen, Luke und Hannahs Vater sehr wahrscheinlich als Individuen die anderen auf der einsamen Insel überleben würden. Falls jedoch die Selektionseinheit die Gruppe als Ganzes ist, kann ein gewisses Maß an Altruismus erklärt werden. Es ist ganz einfach so, dass eine Gruppe, die sich aus Individuen zusammensetzt, die kooperieren und füreinander sorgen, sehr viel wahrscheinlicher als Gruppe überleben wird, als andererseits ein

Kollektiv von Individuen, die lediglich miteinander konkurrieren können oder keine gegenseitige Anteilnahme hegen. Geht es ums Überleben, wird diejenige Gruppe erfolgreich sein, die in gewissem Maße als Einheit agiert und nicht die Gruppe, in der jedes einzelne Individuum ohne Rücksicht auf die anderen nach dem eigenen Vorteil strebt. Gruppenselektion und ihre gesamten Implikationen auf unsere wahre Natur wird unter den Anhängern der Evolutionstheorie sehr kontrovers diskutiert, was zeigt, dass die Theorie der

Evolution an sich noch nicht abgeschlossen ist. Frühe Theorien zur Gruppenselektion zogen die Möglichkeit in Betracht, dass es am Anfang eng verbundene Gruppen altruistischer Individuen gegeben haben könnte (Säugetiere, die durch ihr Verhalten Artgenossen warnten, Vögel, die ihrem Schwarm Nahrung signalisierten, großzügige Primaten, etc.), die durch Gruppenselektion begünstigt werden konnten. Diese nur dürftig begründete Annahme Ansammlungen von Altruisten aus blauem Himmel heraus - irritierte viele Gelehrte, die sie dann als

unwissenschaftlich verdammt haben. Im Jahr 1966 veröffentlichte George C. Williams von der Universität Chicago den mittlerweile klassischen Artikel Adaptation and Natural Selection55("Anpassung und natürliche Auslese"), in dem er die Auffassung vertrat, dass Gruppenselektion theoretisch möglich sei, aber wahrscheinlich nicht in freier Natur vorkommen würde. Williams vertrat die Meinung, dass weder die Gruppe n o c h das Individuum die fundamentale Selektionseinheit sei,

sondern das Gen selbst. Bei Lebewesen, die sich sexuell fortpflanzen - im Gegensatz zu Organismen, die Klone erzeugen -, sei das Gen das einzige Element, das sich (mehr oder weniger) genau im Laufe der Zeit selbst reproduziere. Kinder seien keine exakten Kopien ihrer Eltern, aber G e n e s i n d ziemlich genaue Nachbildungen ihrer selbst. Und daher beharrte Williams darauf, dass das Gen das einzige Element sein müsse, das von der natürlichen Auslese effektiv benutzt werden könne. Mit anderen Worten: Das "Überleben des Tüchtigsten" sei das

Überleben der tüchtigsten Gene (oder vielmehr der in ihnen kodierten Informationen), nicht notwendigerweise das Überleben der tüchtigsten einzelnen Tiere oder Gruppen. Für Williams existierten Individuen und Gruppen lediglich, um als temporäre Träger genetischer Informationen zu dienen. Und zehn Jahre später, 1976, erweiterte Richard Dawkins in seinem noch immer populären Buch The Selfish Gene56* Williams' genzentrierte Theorie und die durch den Biologen W. D. Hamilton57 eingeführte Idee der

V e r w a n d t e n s e l e k t i o n , die paradoxerweise die Entstehung selbstlosen Verhaltens bei Individuen durch die Einführung von "Egoismus" auf der Ebene des Gens neu erklärt. Dies ist eine etwas seltsam anmutende Idee und bedarf daher der Erklärung. Verwandtenselektion bedeutet, dass Teile des genetischen Bauplans eines Individuums (der einzige biologische Aspekt des Individuums, der sozusagen eine Chance auf "Unsterblichkeit" hat) besser bestehen könnten, wenn das Individuum nicht nur seine eigenen Überlebensund

Fortpflanzungschancen würde,

schützen

* Anmerkung des Übersetzers: Dieses Buch ist 1 978 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Das egoistische Gen im Springer-Verlag (Berlin) erschienen. sondern auch diejenigen anderer Individuen, die Teile seiner genetischen Konstruktion mit ihm gemein haben. Verhielte es sich seinen Blutsverwandten gegenüber großzügig und beschützend, würde ihr verbesserter Überlebens- und Reproduktionserfolg die Anzahl

seiner eigenen Gene in künftigen Generationen erhöhen, da es viele Gene mit seinen Verwandten gemein hätte. Natürlich soll der Begriff "egoistisches Gen" nicht etwa implizieren, dass die DNS ein denkendes, fühlendes Ding mit eigenen Bedürfnissen sei. Dawkins hat den Ausdruck "egoistisches Gen" als Metapher verwendet. Er meinte damit, dass die Merkmale einer Art durch Gene bestimmt werden, die die Individuen so denken, fühlen und agieren lassen, dass dadurch der Fortbestand derselben Gene im Genpool

optimiert wird, unabhängig von den Auswirkungen dieser Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen auf das Individuum selbst. Wenn zum Beispiel mein Gehirn es mir ermöglicht, emotionale Bindungen einzugehen und ich für meine Vettern und Kusinen eine so große Zuneigung empfinde, dass ich mein Obst mit ihnen allen teilen würde, mag vielleicht mein individuelles Leben verkürzt werden; aber im Durchschnitt ist die Wahrscheinlichkeit, dass meine Gene in der Bevölkerung fortbestehen werden, um ein Vielfaches gestiegen, da meine

Vettern und Kusinen einen Teil meiner Gene mit mir gemein haben. Und zu denjenigen Genen, die ich zum Genpool beigesteuert habe, indem ich die Leben meiner Vetter und Kusinen verlängert habe, könnten sehr wohl die Gene zählen, die mich meine emotionalen Bindungen fühlen lassen. Mit anderen Worten: Die Gene für emotionale Bindungen sind "egoistisch" in dem Sinne, dass sie existieren, um ihre eigene Verbreitung zu steigern, und zwar ohne Rücksicht auf das Wohlbefinden oder sogar das

Weiterleben der einzelnen Kreatur. Wie es in dem berühmten Zitat von Samuel Butler heißt: "Ein Huhn ist die Methode eines Eis, ein anderes Ei zu machen." Da wir mit unseren Eltern, Geschwistern und Kindern den größten Anteil unserer genetischen Ausstattung teilen, sind viele Evolutionisten der Meinung, dass Verwandtenselektion der Grund dafür ist, dass wir mit unseren Eltern, Geschwistern und Kindern selbstloser umgehen als mit entfernteren Verwandten oder Fremden. Zudem erklärt Verwandtenselektion, warum wir

unsere Kinder ernähren und beschützen, obwohl wir dadurch unsere eigenen Kräfte schwächen und unsere zum Überleben notwendigen Ressourcen mindern. Aus dieser Sicht ist das Gewissen der genetisch programmierte Mechanismus, der sicherstellt, dass wir nicht etwa die kleinen ExtraPakete unseres genetischen Materials, die zufällig vor unseren Füßen herumlaufen, vernachlässigen. Was nun unser genetisch konstruiertes Gefühl eines Gewissens gegenüber den erwähnten entfernteren

Verwandten und Fremden angeht genzentrische Evolutionisten schlagen vor, dass ihre Version der natürlichen Auslese Gene bevorzugt, die "gegenseitigen Altruismus" zum Ergebnis hätten, oder Verhaltensweisen, deren Summe mehr als Null ergibt, bei denen also alle Beteiligten gewinnen würden ("win-win behaviors"), wie zum Beispiel Arbeitsteilung, Streben nach Freundschaft, Kooperation und Konfliktvermeidung. Solche Verhaltensweisen würden durch Gefühle wie Dankbarkeit, Anteilnahme und das Gewissen

vermittelt werden, und so würden solche Emotionen bei der natürlichen Auslese der Gene einen Vorteil bedeuten. Aber in einer Neuauflage der Idee der Gruppenselektion haben andere Evolutionstheoretiker, darunter David Sloan Wilson und Stephen Jay Gould, die biologischen und Verhaltenswissenschaften beschworen, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die Evolution durchaus auf mehr Ebenen als nur der genzentrischen stattgefunden haben könnte. Der Naturalist Gould hat Forschungsergebnisse aus der

Paläontologie erneuert untersucht und besteht darauf, dass die natürliche Auslese auf mehreren Ebenen stattfindet, vom Gen über das Individuum bis hin zur Gruppe und sogar - oder gerade - der Art. Überdies vertritt er die Auffassung, dass Kräfte, die sehr viel abrupter als die natürliche Auslese und sehr viel schneller als in biologischen Zeiträumen wirken - Ereignisse wie globale oder fast globale Katastrophen -, den Lauf der Evolution merklich beeinflusst haben und das wieder tun könnten. Die verschiedenen Ebenen der natürlichen Auslese stehen

wahrscheinlich im Widerstreit zueinander, insbesondere in Hinsicht auf altruistische Verhaltensweisen und Emotionen wie dem Gewissen. Auf der Ebene des Gens und auch auf der Ebene der Gruppe ist das Gewissen adaptiv, und die natürliche Auslese würde es bevorzugen. Aber auf der Ebene des individuellen Lebewesens könnte das Fehlen eines Gewissens manchmal noch vorteilhafter für das Überleben sein. Somit ist es denkbar, dass die Natur ständig bei der Mehrzahl der Menschen ein Gewissen fördert, während sie auf einer anderen

Ebene permanent einen kleineren Anteil von Individuen unterstützt, der ohne die neurobiologischen Fundamente der emotionalen Bindung und des Gewissens gedeiht. Der Evolutionist David Sloan Wilson hat gesagt: "Es gibt zwingende intellektuelle und praktische Gründe, zwischen Verhaltensweisen zu unterscheiden, die erfolgreich sind, weil sie auf der Ebene der Gruppe zur Organisation beitragen und solchen, die erfolgreich sind, weil sie die Organisation auf Gruppenebene stören. Darin liegt die Bedeutung

der Worte 'egoistisch' und 'selbstlos', 'moralisch' und 'unmoralisch' im allgemeinen Sprachgebrauch."59 Was Wilson auf diese Weise beschreibt, ist dieselbe verwirrende und nur allzu vertraute Zweiteilung: Die Mehrheit, die in ihrem Denken und Fühlen danach strebt, Konflikte zu minimieren, bei Bedarf zu teilen und ihr Leben mit den von ihnen geliebten Menschen gemeinsam zu leben, und die Minderheit, die von Konflikten profitiert und für die das Leben nicht mehr und nicht weniger ist als ein ewiger Wettstreit um Dominanz.

Und so erkennen wir, dass selbst auf der fundamentalsten biologischen Ebene der Zwist zwischen Gut und Böse älter ist als die Menschheit. Allerdings wird der Wettstreit wohl in uns sein Ende finden, und sein Endergebnis wird davon abhängen, wie wir den gewaltigen Herausforderungen begegnen, die der Mensch in die Welt getragen hat, darunter auch das Problem der Soziopathie. Auf Wegen, die wir gerade erst zu verstehen beginnen, hat die natürliche Auslese ein gewisses Maß an Altruismus unter den Menschen entstehen lassen und

dabei geholfen, eine menschliche Art zu formen, die mit der Fähigkeit zu lieben ausgestattet ist und sich durch die leise Stimme des Gewissens untereinander verbunden fühlt. Mindestens 96 Prozent von uns sind im Grunde so beschaffen. Wie wir letztlich die von den anderen 4 Prozent verursachten Probleme des Überlebens der Art lösen können, kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht wissen. Heinz im Dilemma Wenn

wir

nun

unsere

Aufmerksamkeit von der Evolutionspsychologie auf die Entwicklungspsychologie richten, kommen wir zu der interessanten Frage, wie sich das Gewissen bei menschlichen Kindern entwickelt. Erblüht das Gewissen auf natürliche Weise in der Psyche der Kinder, während ihre anderen geistigen Fähigkeiten entstehen, oder erwerben und justieren Kinder ihr Gefühl für Moral durch Lebenserfahrung, durch Lektionen, die ihnen von Familie, Gesellschaft und Kultur vermittelt werden? Das Gewissen als Emotion ist aus dieser Sicht noch nicht erforscht

worden; aber wir können viel daraus lernen, was über seinen intellektuellen Partner, die moralische Abwägung, bekannt ist. Moralische Abwägung ist der Denkprozess, der dem Gewissen assistiert und ihm hilft zu entscheiden, was zu tun ist. Wenn wir es versuchen, können wir unsere moralische Abwägung mit Worten, Konzepten und Prinzipien beschreiben. Joe war mit moralischer Abwägung beschäftigt, als er mit gequältem Gewissen in seinem Audi auf dem Weg zur Arbeit war und versuchte, sich darüber klar zu

werden, ob er an dem wichtigen Meeting im Büro teilnehmen oder nach Hause zurückkehren sollte, um seinen Hund Reebok zu füttern. Das Gewissen war, wie wir wissen, Joes intervenierendes Gefühl der Verpflichtung, das seiner emotionalen Bindung zu seinem Hund entsprang. Moralische Abwägung war der Prozess, durch den er entschieden hat, worin genau diese Verpflichtung bestand und wie sie zu erfüllen war. (Wie sehr wird der Hund unter seinem Hunger leiden? Könnte er verdursten? Was ist wichtiger, das Meeting oder Reebok? Was ist das

richtige Verhalten?) Woher kommt sie, diese beinahe universelle Fähigkeit, moralische und ethische Fragen jeglicher Art abzuwägen, von der Frage, ob man nun den Hund füttern sollte oder nicht, bis hin zu der Frage, ob man eine Atomrakete abschießen sollte oder nicht? Die systematische Untersuchung der moralischen Abwägung begann um 1930 mit dem Schweizer Psychologen Jean Piaget. In einem seiner einflussreichsten Werke, Das moralische Urteil beim Kinde,60hat Piaget die Ansichten von Kindern über Autorität, Lügen, Stehlen und

das Konzept der Gerechtigkeit untersucht. Er begann, indem er detaillierte Beobachtungen von Kindern unterschiedlichen Alters über ihr Verständnis von Regeln und durchgeführten Spielen und ihre Interpretation moralischer Dilemmata protokollierte. Piaget hatte einen "strukturellen" Ansatz; das heißt, dass seiner Meinung nach menschliche Wesen sich schrittweise psychologisch und philosophisch entwickeln, dass also jeder kognitive Entwicklungsschritt auf den vorangegangenen aufbaut und dass alle Kinder die Schritte dieser Entwicklung in derselben

Reihenfolge vollziehen. Piaget beschrieb zwei allgemeine Stufen der Moralentwicklung. Die erste Stufe ist die "Moral des Zwangs" oder "moralischer Realismus", auf der Kinder Regeln gehorchen, weil sie Regeln als unabänderlich ansehen. Auf dieser schwarz-weißen Stufe der Abwägung glauben kleine Kinder, dass eine bestimmte Handlung entweder absolut richtig oder absolut falsch ist und dass ein Mensch zwangsläufig für falsches und aufgedecktes Verhalten bestraft wird; eine Erwartung, die von Piaget als "immanente Sanktionen"

bezeichnet wurde. Die zweite von Piaget beschriebene Stufe ist die "Moral der Kooperation" oder "Reziprozität". Auf dieser Stufe empfinden Kinder Regeln als relativ und als unter bestimmten Umständen modifizierbar, und ihr Konzept von Gerechtigkeit berücksichtigt die Absichten anderer Menschen. Ältere Kinder können ihren Standpunkt "dezentrieren" (ihn weniger egozentrisch machen), und moralische Regeln werden als wichtig für das Funktionieren der Gesellschaft angesehen und nicht nur als ein Weg, ein für den

Einzelnen unerwünschtes Ergebnis zu vermeiden. In der Tradition von Piaget und auch beeinflusst von dem USamerikanischen Philosophen John Dewey begann der Psychologe und Pädagoge Lawrence Kohlberg61 seine Arbeit über moralisches Urteilsvermögen in den späten Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts am Zentrum für moralische Bildung der HarvardUniversität. Kohlbergs Ziel war es, herauszufinden, ob es tatsächlich universelle Stufen der Moralentwicklung gibt. Kohlbergs Theorie basiert auf

Interviews mit Knaben im Alter zwischen sechs und sechzehn Jahren in den USA, Taiwan, Mexiko, der Türkei und auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan. Im Laufe dieser Interviews hörten sich die Kinder zehn Geschichten an, die jeweils ein wie auch immer geartetes moralisches Dilemma enthielten. Die bekannteste dieser Geschichten, eine kleine, vor fast vierzig Jahren entstandene Skizze, weckt direkte Assoziationen zu der gegenwärtigen Kontroverse um Pharmakonzerne und die Kosten rezeptpflichtiger Medikamente. Sie beschreibt das Dilemma des Heinz

und lautet sinngemäß folgendermaßen: Heinz' Frau liegt mit einer seltenen Art von Krebs im Sterben. Die Ärzte sagen, dass es ein Medikament gäbe, das sie retten könnte; eine Radiumverbindung, die ein Drogist in Heinz' Heimatstadt kürzlich entdeckt hat. Die Zutaten für die Droge sind ohnehin teuer, und der Drogist berechnet überdies das Zehnfache dessen, was es ihn kostet, das Medikament herzustellen. Der Drogist bezahlt zweihundert Dollar für das Radium und berechnet seinen Kunden zweitausend Dollar

für eine kleine Dosis. Heinz bittet jeden, der ihm einfällt, ihm Geld zu leihen. Trotzdem bekommt er nur tausend Dollar zusammen. Heinz erklärt dem Drogisten, dass seine Frau ohne die Droge sterben würde und bittet ihn, ihm das Medikament billiger oder auf Kredit zu verkaufen. Aber der Drogist antwortet: "Nein, ich habe die Droge entdeckt will damit Geld verdienen." Heinz verzweifelt. Er bricht in den Laden des Drogisten ein und stiehlt die Droge für seine Frau. Durfte Heinz das tun? Kohlberg interessierte sich vorrangig weniger für das Ja oder

Nein der Antworten der Kinder auf die Frage "Durfte Heinz das tun?", als vielmehr für ihre zu der jeweiligen Antwort führende Argumentation, die er protokollierte. Auf der Basis seiner zahlreichen Interviews kam er zu dem Ergebnis, dass Kinder einer universellen Route von Eigeninteresse zu prinzipiengesteuertem Verhalten folgen, die als ein dreistufiges Modell der Moralentwicklung beschrieben werden kann. Die drei Stufen der Moralentwicklung erfordern zunehmend komplexe und abstrakte Denkmuster, wobei

jede Stufe die vorangegangene ersetzt, während das Kind kognitiv heranreift. Nach Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung argumentieren Kinder zwischen sieben und zehn Jahren auf der "präkonventionellen Stufe", auf der sie sich der Autorität von Erwachsenen unterordnen und Regeln ausschließlich auf der Basis ihrer Erwartungen von Strafe und Belohnung befolgen. Kohlberg hielt die präkonventionelle Argumentation kleiner Kinder für im Wesentlichen "prämoralisch". Die typische "prämoralische" Antwort auf Heinz' Dilemma wäre:

"Nein, Heinz hätte das nicht tun sollen, weil er nun bestraft werden wird." Im Alter ab etwa zehn Jahren beginnen Kinder, auf der "konventionellen Stufe" der Moral zu argumentieren (konventionell im Sinne der Gesellschaft), auf der ihr Verhalten durch die Ansichten anderer und dem Bedürfnis nach Konformität bestimmt wird. Auf dieser Stufe wird die Unterordnung unter Autoritäten zu einem Wert an sich, ohne Bezug zu unmittelbaren Belohnungen oder Strafen oder übergeordneten Prinzipien. Kohlberg war der Meinung, dass

mit dem Erreichen des dreizehnten Lebensjahres die meisten moralischen Fragen auf der konventionellen Stufe beantwortet sind. Die konventionelle Argumentation zu Heinz' Diebstahl wäre: "Nein, er hätte die Droge nicht stehlen sollen. Diebstahl verstößt gegen das Gesetz, das weiß doch jeder." Im Laufe des Heranwachsens entwickeln sich einige wenige Menschen laut Kohlberg über die konventionelle Stufe hinaus auf die dritte und höchste Stufe, die er "postkonventionelle Moral" genannt hat. Diese dritte Stufe

erfordert es, dass das Individuum abstrakte moralische Prinzipien formuliert und nach ihnen handelt, um sein Gewissen zufrieden zu stellen, anstatt die Zustimmung anderer zu erstreben. Auf der postkonventionellen Stufe lässt die moralische Abwägung die konkreten Regeln der Gesellschaft hinter sich; das Individuum hat inzwischen erkannt, dass diese Regeln ohnehin häufig im Widerspruch zueinander stehen. Seine Abwägung wird stattdessen von flexiblen, abstrakten Konzepten wie Freiheit, Würde, Gerechtigkeit und der Achtung für das Leben

geleitet. Im Falle von Heinz könnte eine Person, die auf der postkonventionellen Stufe argumentiert, durchaus darauf bestehen, dass menschliches Leben wertvoller sei als Geld und dass der Schutz des Lebens ein moralisches Gebot sei, das vor dem gesellschaftlichen Verbot des Diebstahls Vorrang habe. ("Ja, das ist ein schwieriges Problem, aber es ist verständlich, dass Heinz die lebensrettende Droge gestohlen hat, die ihm der Drogist aus Gründen des Geldes vorenthalten hat.") Kohlberg meinte, dass die meisten Menschen die Stufe der

postkonventionellen moralischen Abwägung nicht vollständig erreichen, auch als Erwachsene nicht; denn als er ältere Knaben und junge Männer für seine Studien interviewte, fand er, dass weniger als 10 Prozent eindeutig auf der dritten Stufe argumentierten. Als eine Fußnote möchte ich hier anmerken, dass diese Meinung von Kohlberg, sollte sie denn zutreffen, helfen könnte, den befremdlichen Umstand zu erklären, dass die öffentliche Empörung über die vorstehend erwähnten reichen Pharmakonzerne sich in sehr engen

Grenzen hält. Vielleicht neigen die meisten Menschen, insbesondere US-Amerikaner, dazu, die Eigentumsansprüche des Drogisten zu akzeptieren: "Ich habe die Droge entdeckt und will damit Geld verdienen." Die Achtung des Eigentums vor allen anderen Aspekten einer Situation ist ein Merkmal konventioneller moralischer Abwägung - zumindest unter in Nordamerika aufgewachsenen Männern. Geschlecht und Kultur Welcher

Faktor

wird

von

Kohlbergs Modell der Moralentwicklung, selbst auf der höchsten Stufe, nicht berücksichtigt? Antwort: Die Beziehung zwischen Heinz und seiner Gattin, die sehr viel persönlicher und vielleicht zwingender ist, als selbst das höchstentwickelte Verständnis der allgemeinen Achtung vor dem Leben. Und was ist sehr wahrscheinlich der Hauptfehler von Kohlbergs Versuchsaufbau? Er besteht darin, dass er ursprünglich seine moralischen Fragen nur an Knaben gerichtet hat. Irgendwie ist es dem

brillanten Sozialwissenschaftler Kohlberg gelungen, die Hälfte der menschlichen Rasse zu übersehen. Dieser Unterlassung widmete sich 1982 Carol Gilligan in ihrem bahnbrechenden Buch In a Different Voice: Psychological Theory and Women's 62 Development * . Als Studentin von Kohlberg war auch Gilligan daran interessiert, ein universelles Stufenmodell der Moralentwicklung weiterzuentwickeln; aber sie war in keiner Weise einverstanden mit der eingeschränkten Substanz der moralischen Stufen, die Kohlberg

vorgeschlagen hatte. Kohlberg hatte ihrer Meinung nach ein Modell der moralischen Abwägung entwickelt, das auf einer "Ethik der Gerechtigkeit" basierte, einer Voreingenommenheit für "die Regeln", seien sie nun konkret oder abstrakt. Gilligan war der Auffassung, dass Kohlberg lediglich eine "Ethik der Gerechtigkeit" erarbeitet hatte, weil er nur männliche Probanden interviewt hatte, und dass ein sehr unterschiedliches Wertesystem zutage treten würde, wenn man Frauen interviewen würde. Sie befragte Frauen, die wichtige

Entscheidungen für ihr Leben zu treffen hatten, und stellte fest, dass diese Frauen sich von fürsorglichen Motiven leiten ließen, anstatt über "die Regeln" zu grübeln. Frauen, beschloss Gilligan, folgten moralisch einer "Ethik der Fürsorge", im Gegensatz zu einer männlichen "Ethik der Gerechtigkeit". Sie entwickelte die Theorie, dass dies so sei, weil * Anmerkung des Übersetzers: Dieses Buch ist 1982 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Die andere Stimme - Lebenskonflikte und Moral der Frau im Piper-

Verlag (München) erschienen. Mädchen sich mit ihren Müttern identifizierten und mit größerer Wahrscheinlichkeit im familiären Umfeld Erfahrungen machten, bei denen zwischenmenschliche Sensibilität eine wichtige Rolle spielte. Gilligan führte eloquent aus, dass keiner dieser Standpunkte dem anderen überlegen war, dass aber die beiden Ethiken schlicht mit zwei unterschiedlichen Stimmen sprachen. Männer sprachen von Bindungen an gesellschaftliche und persönliche Regeln, während

Frauen von Bindungen an Menschen sprachen. Die Moralentwicklung von Frauen basierte laut Gilligan nicht nur auf Änderungen der kognitiven Fähigkeiten, sondern auch auf reifebedingten Änderungen der Wahrnehmung des Selbst und des gesellschaftlichen Umfelds. Das postkonventionelle Urteil einer Frau über Heinz' Dilemma würde die Bedeutung seiner Beziehung zu seiner Frau berücksichtigen und womöglich auch betonen, dass die Forderung des Drogisten unmoralisch sei, da er einen Menschen dem Tode

anheim geben würde, obwohl er in der Lage sei, das abzuwenden. Gilligan war davon überzeugt, dass die postkonventionelle Abwägung sich bei Frauen darauf konzentriert, sich selbst oder anderen keinen Schaden zuzufügen, was konkreter und beziehungsorientierter ist - und in vielerlei Hinsicht anspruchsvoller als ein allgemeines Prinzip wie die Achtung vor dem Leben. Dank Carol Gilligan wissen Psychologen und Pädagogen inzwischen, dass moralische Abwägung mehrere Dimensionen hat und dass die Entwicklung der

Moral bei Menschen sehr viel komplexer ist, als wir zunächst geglaubt haben. In den vergangenen zwanzig Jahren haben neuere Studien gezeigt, dass Frauen wie Männer sowohl eine "Ethik der Fürsorge" als auch eine "Ethik der Gerechtigkeit" in ihrer jeweiligen moralischen Abwägung anwenden mögen. Diese beiden Stimmen sprechen in einem komplexen Chor, und die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind sehr viel verschlungener als eine einfache, unzweideutige Trennlinie zwischen allen Frauen und allen Männern. Wir wissen inzwischen auch, dass

es wahrscheinlich keine universellen Stufen der Moralentwicklung gibt, die alle menschlichen Wesen überall durchlaufen, selbst wenn wir die menschliche Rasse qua Geschlecht zweiteilen. Kultureller Relativismus existiert selbst in der Domäne der Moral. Und wenn moralische Abwägung zwei Dimensionen hat, einerseits Gerechtigkeit und andererseits Fürsorge, warum dann nicht drei Dimensionen - oder Hunderte oder mehr? Warum nicht so viele Perspektiven, wie es menschliche Lebenslagen, Ideale und Wege gibt, Kinder zu erziehen?

Ein Beispiel für die Bedeutung von Umfeld und Kultur für das moralische Urteilsvermögen ist die Arbeit von Joan Miller und David Bersoff an der Universität Yale.64 Miller und Bersoff haben USamerikanische Kinder und Erwachsene aus New Haven, Connecticut, im Vergleich mit hinduistischen Kindern und Erwachsenen aus Mysore in Südindien untersucht. Sie weisen darauf hin, dass die USamerikanische Kultur ein sehr individualistisches Selbstbild fördert - Selbstbestimmung und persönliche Leistung, für Knaben

wie auch für Mädchen -, im Gegensatz zur hinduistischen Kultur, die beide Geschlechter ein Konzept wechselseitiger Abhängigkeiten lehrt - den Wert dauerhafter Bindungen an andere Menschen und der Unterordnung persönlichen Ehrgeizes unter die Ziele der Gemeinschaft. In ihren Untersuchungen der Moralentwicklung fanden Miller und Bersoff, dass indische Hindus dazu neigen, zwischenmenschliche Verpflichtungen als gesellschaftlich durchsetzbare moralische Gebote anzusehen, im Gegensatz zu der US-amerikanischen Sicht, dass

solche Pflichten Gegenstand persönlicher Entscheidungen seien. So würde zum Beispiel die Frage, ob man für seine Schwester mit DownSyndrom sorgen solle, nachdem die Eltern dazu nicht mehr in der Lage wären, von einem US-Amerikaner als eine Entscheidung angesehen werden, die zwar moralische Implikationen hätte, aber doch seine freie Entscheidung wäre. Dieselbe Situation würde von einem indischen Hindu als ein feststehender moralischer Imperativ (Dharma) angesehen werden. Er würde erwarten, dass die Familie die Erfüllung dieser

Pflicht durchsetzen würde, sollte das notwendig sein. Überdies glauben Inder, dass zwischenmenschliche Verpflichtungen ohnehin natürlicher Bestandteil des selbstverständlichen Verhaltens der meisten Menschen seien, im Gegensatz zu der Haltung von USAmerikanern, die glauben, dass gesellschaftliche Erwartungen und persönliche Wünsche fast immer im Gegensatz zueinander stünden und dass man irgendwie einen "Kompromiss" zwischen ihnen finden müsse. Solche Unterschiede in

Wertesystem und früher Erziehung sind bedeutsam, und sie führen zu vielfältigen Unterschieden bei der moralischen Abwägung in verschiedenen Kulturen. Miller und Bersoff berichten, dass hinduistische Inder, Männer wie Frauen, in ihrer Entwicklung von einer "Perspektive der Pflichterfüllung" geprägt werden, einer Dimension des moralischen Urteils, die sowohl von der "Ethik der Gerechtigkeit" als auch der "Ethik der Fürsorge" abweicht. Abschließend stellen sie fest: "Unsere Ergebnisse implizieren, dass sich qualitativ

unterschiedliche Normen der zwischenmenschlichen Moral in der US-amerikanischen und der hinduistischen indischen Kultur entwickelt haben, die die gegensätzlichen in der jeweiligen Kultur vorherrschenden Selbstbilder reflektieren." Und doch, trotz der vielen unterschiedlichen Prozesse des moralischen Urteils, die sich in verschiedenen menschlichen Kulturkreisen entwickelt haben, ergibt die abschließende Analyse, dass im Kern der Sache etwas Tieferes und Konstanteres existiert. Dieses konstante psychische

Element ist das Gefühl eines unlösbaren Widerstreits zwischen moralischen Kräften. Eine allgemeine Vorstellung von Gut und Böse als Dualität des menschlichen Lebens scheint erstaunlicherweise völlig universell zu sein (zumindest für Sozialwissenschaftler erstaunlich).65 Gut gegen Böse ist das zeitlose, kulturübergreifende menschliche Drama; und die Untertöne eines anscheinend universellen moralischen Konflikts werden ohne weiteres von beiden Geschlechtern in allen Kulturen erkannt. Ich würde erwarten, dass

eine Frau aus Südindien dieses fundamentale Verständnis einer Teilung der moralischen Domäne hätte, und sie würde dasselbe von mir erwarten. Wenn es zum Beispiel um den armen, verzweifelten Heinz geht, wird es unabhängig von einem Urteil, wie er sein Dilemma auflösen sollte, was er also t u n oder unterlassen sollte - eine allgemeine, womöglich stillschweigende Übereinstimmung zwischen den Kulturen darüber geben, dass Heinz sich in seiner Verpflichtung einem geliebten Menschen gegenüber von Beginn an auf höherem moralischen

Niveau bewegt und dass der egoistische Drogist sich verwerflich verhält. Es gibt keine globale Übereinstimmung im intellektuellen Prozess der moralischen Abwägung selbst - der Art, wie wir moralische Dilemmata reflektieren und zu einer spezifischen Entscheidung gelangen. Aber gibt es Übereinstimmung in unseren emotionalen Reaktionen auf den moralischen Konflikt zwischen Gut und Böse, einen fast universellen siebten Sinn, der verlässlich alle unsere kulturellen Unterschiede

und staatlichen Grenzen ignoriert? Und falls ja - wie ist er beschaffen? Die universelle Bindung Den letzten Abschnitt dieses Kapitels über die Ursprünge des Gewissens beginne ich am Morgen des 11. September 2003 zu schreiben. Gewöhnlich schätze ich Ruhe, während ich arbeite; aber an diesem Morgen habe ich den Fernseher im Nebenzimmer eingeschaltet, so dass ich die Stimmen der Kinder hören kann, die dort, wo früher die Türme des

World Trade Centers gestanden haben, die einzelnen Namen der Menschen verlesen, die an diesem Ort umgekommen sind. Früher an diesem Morgen hatte ich mich von meiner Tochter verabschiedet, als sie sich auf den Weg zur Schule machte, ebenso wie am Morgen des 11. September zwei Jahre zuvor. Der Unterschied war, dass vor zwei Jahren die ganze Welt sich zwischen unserem Abschied und ihrer Rückkehr aus der Schule verändert hatte. Ich spüre, wie leicht die Flut von Emotionen noch immer kommt, obwohl seitdem zwei Jahre

verstrichen sind. Von allen unerwarteten Reaktionen, die ein Mensch während einer Katastrophe empfinden kann, war für mich eine der erstaunlichsten das plötzliche und sehr bewusste Gefühl der Verbundenheit mit allen Menschen, die ich jemals im Leben seit meiner Kindheit kennen gelernt hatte, mit allen Menschen, die mir jemals, vielleicht auch nur kurz, wichtig gewesen waren, mit jedem Menschen, für den ich jemals Zuneigung empfunden hatte. In den Tagen nach dem 11. September 2001 erinnerte ich mich an

Menschen, die ich seit Jahren - oder zum Teil seit Jahrzehnten - nicht getroffen oder an die ich womöglich nicht einmal gedacht hatte. Ich habe ihre Gesichter in fast irritierender Klarheit vor mir gesehen. Ich hatte keine Ahnung, wo viele dieser Menschen inzwischen lebten, da es so lange her war, seit wir uns getroffen hatten; aber ich hatte das hilflose Verlangen, zum Telefon zu greifen und sie alle anzurufen. Ich wollte sie fragen, wie es ihnen ging meine Englischlehrerin vor vielen Jahren an der High School in North Carolina, eine Zimmergenossin am

College, der gutherzige Ladeninhaber in Philadelphia, bei dem ich gelegentlich einkaufte und der manchmal Lebensmittel an Bedürftige verschenkte, nicht ohne seine anderen Kunden zur Diskretion zu verpflichten. Wie ging es ihnen? Die, die ich erreichen konnte, rief ich an. Niemand war darüber auch nur im geringsten erstaunt. Wir meldeten uns einfach untereinander. Moralische Abwägung - die Art, wie wir über moralische Dilemmata nachdenken - ist alles andere als einheitlich und universell. Sie wird von Alter und Geschlecht

beeinflusst. Sie unterscheidet sich zwischen verschiedenen Kulturen und sehr wahrscheinlich Landstrichen oder gar einzelnen Haushalten. So werden zum Beispiel meine Ansichten über den Terrorismus und das, was wir dagegen tun sollten, sich ein wenig von denen meines Nachbarn unterscheiden, und sie werden sich fast zwangsläufig unterscheiden von den Überzeugungen von Menschen, die durch Ozeane und Kontinente von mir getrennt sind. Aber gewissermaßen als menschliches Rätsel bleibt bei fast allen von uns - mit einigen

bemerkenswerten Ausnahmen eine Konstante, und zwar das tiefe Gefühl der Verbundenheit zu unseren Mitmenschen. Emotionale Verbundenheit ist ein Teil der meisten Menschen, bis hinunter zu den Molekülen, aus denen unsere Körper und Gehirne konstruiert sind, und manchmal werden wir nachdrücklich daran erinnert. Es fängt in unseren Genen an und durchdringt von dort aus alle unsere Kulturen, Überzeugungen und viele Religionen - es ist der Schatten eines Flüsterns über den Keim der Einsicht, dass wir alle Eins sind. Und was immer ihre

Ursprünge auch sein mögen - dies ist die Quintessenz des Gewissens. ZEHN bernies entscheidung: warum ein leben mit gewissen besser ist Glücklich bist du, wenn deine Gedanken, Reden und Taten im Einklang sind. —Mahatma Gandhi Falls Sie völlig frei von Gewissen sein könnten, moralische Skrupel und jegliches Schuldbewusstsein

einem ohne ohne - was

würden Sie wohl aus Ihrem Leben machen? Wenn ich jemandem diese Frage stelle, was ich oft getan habe, ist die typische Antwort: "Großartig!" oder "Ach, du meine Güte ..." - gefolgt von Schweigen, das von angestrengt nachdenklichem Stirnrunzeln begleitet wird, als sei die Frage in einer Sprache gestellt worden, die nur halb verständlich sei. Dann grinsen oder lachen die meisten Menschen, anscheinend peinlich berührt von der Autorität des Gewissens über ihr Leben und antworten sinngemäß: "Ich weiß nicht genau, was ich tun würde,

aber ich würde mich sicherlich anders verhalten als jetzt." Nach dem "Großartig" und einer kurzen Pause lachte ein besonders phantasievoller Mann leise in sich hinein und sagte: "Vielleicht wäre ich der Diktator eines Kleinstaates oder so etwas." Er sagte das, als ob eine solche Ambition schlauer und beeindruckender sei als die gesellschaftlich wertvolle freiberufliche Laufbahn, die er tatsächlich eingeschlagen hatte. Wäre es schlauer, kein Gewissen zu haben? Wären wir glücklicher? Wir wissen, dass menschliche Gemeinschaften in Schwierigkeiten

wären - ganze Nationen von Soziopathen, jeder von ihnen nur auf seinen eigenen Vorteil aus. Aber realistisch auf der persönlichen Ebene betrachtet - wären Sie oder ich als Individuen glücklicher und besser gestellt, wenn wir die Einschränkungen des Gewissens abschütteln könnten? Manchmal scheint es so. Unehrenhafte Menschen halten Positionen der Macht und Wirtschaftsbetrüger kaufen Privatjets und Yachten, während wir verantwortungsvoll arbeiten und mit "vernünftigen" Ratenzahlungen das Auto abbezahlen. Aber wie lautet die

wahre Antwort? Haben Soziopathen aus psychologischer Sicht wirklich ein besseres Leben als unsereins, oder ist es doch irgendwie das glücklichere Schicksal, ein Gewissen zu haben? In ironisch funktioneller Weise sind wir von Anfang an von der Natur selektiert worden, um soziale, teilende Wesen zu sein; unsere Gehirne sind in emotionaler Verbundenheit untereinander verdrahtet und mit einem Gewissen ausgestattet. Oder vielmehr sind wir alle bis auf einige, wenige Ausnahmen diesem Pfad gefolgt. Manche haben von einem anderen,

aber ebenso geschäftsmäßigen Ausleseprozess profitiert und sind zu Gaunern geworden, gleichgültig gegenüber ihren Brüdern und Schwestern, mit emotional unverdrahteten Gehirnen, die durch und durch selbstsüchtige Pläne ausbrüten. Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts mit den Augen der Psychologie beurteilt: Über welches dieser beiden uralten Lager lässt sich sagen, dass es das bessere Geschäft mit der menschlichen Natur gemacht hätte, die sozial Verantwortungsvollen oder die Soziopathen?

Die Schattenseite des Gewinnens Es wäre schwierig, die Feststellung zu widerlegen, dass Menschen, die in keiner Weise durch ein Gewissen beeinträchtigt werden, manchmal zu Macht und Reichtum kommen, zumindest für eine Weile. Zu viele Kapitel der menschlichen Geschichtsschreibung, von der allerersten Zeile bis hin zu den jüngsten Einträgen, handeln von den enormen Erfolgen militärischer Invasoren und Eroberer, von Räuberbaronen und Begründern von Imperien. Solche Menschen

sind entweder schon zu lange tot oder zu privilegiert, um formell mit den Mitteln der klinischen Psychologie untersucht zu werden. Geht man allerdings von einigen ihrer wohlbekannten und vielfältig dokumentierten Verhaltensweisen aus, müssen wir - auch ohne ihre Punktzahl auf der Pd-Skala zu kennen - annehmen, dass eine erkleckliche Anzahl von ihnen kein in emotionalen Bindungen zu anderen verwurzeltes, intervenierendes Gefühl der Verpflichtung zeigen würde. Mit anderen Worten: Manche von ihnen waren - und sind -

Soziopathen. Die Lage wird dadurch noch fataler, dass ihre Zeitgenossen für gewöhnlich brutalen Eroberern und Staatengründern mit Ehrfurcht begegnen; zu Lebzeiten werden sie gerne als Vorbilder für die gesamte menschliche Rasse angesehen. Zweifellos sind unzählige Mongolenjungen im 13. Jahrhundert mit Geschichten über den unbezwingbaren Dschingis Khan zu Bett gebracht worden, und man fragt sich, welche der modernen Helden, die wir unseren eigenen Kindern anpreisen, letztlich als von rücksichtslosem Egoismus

getrieben in die Geschichte eingehen werden. Auch für sexuelle Eroberungen ist die Abwesenheit eines Gewissens durchaus nützlich. Zur Illustration möge ein Sprössling desselben legendären Tyrannen dienen: Tushi Khan, dem ältesten Sohn von Dschingis Khan, wurde nachgesagt, vierzig Söhne gezeugt zu haben qua Geburtsrecht konnte er sich die schönsten Frauen unter den eroberten Völkern aussuchen. Die anderen Besiegten wurden routinemäßig zusammen mit ihren Söhnen abgeschlachtet. Einer von Dschingis Khans zahlreichen

Enkelsöhnen, der Gründer der Yuan-Dynastie Kublai Khan, hatte zweiundzwanzig legitime Söhne und stockte seinen Harem jährlich um dreißig Jungfrauen auf. Und während ich dies schreibe, haben fast 8 Prozent der männlichen Bevölkerung in der Region des früheren mongolischen Imperiums, fast 16 Millionen an der Zahl, annähernd identische YChromosomen.66 Dies bedeutet nach Ansicht von Genetikern, dass etwa 16 Millionen Menschen des 21. Jahrhunderts den Stempel von Dschingis Khans Erbe von Völkermord und Vergewaltigung im

13. Jahrhundert in sich tragen.

Dschingis Khan war eine Ausnahme unter den soziopathischen Tyrannen, da er kein gewaltsames oder schmachvolles Ende fand. Stattdessen stürzte er 1227 während der Jagd vom Pferd. Die meisten Übeltäter, die Völkermord oder Massenvergewaltigungen begangen haben, nehmen sich schließlich selbst das Leben oder werden umgebracht, häufig durch ihre aufgebrachte Gefolgschaft, der es zuviel geworden war. Caligula wurde durch einen seiner eigenen Leibwächter gemeuchelt. Von Hitler nimmt man an, dass er sich in den

Mund geschossen hat; seine Leiche soll mit Dieseltreibstoff verbrannt worden sein. Mussolini wurde erschossen und seine Leiche auf einem öffentlichen Platz an den Füßen aufgehängt. Rumäniens Diktator Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena wurden am Weihnachtstag 1989 durch ein Erschießungskommando getötet. Der kambodschanische Pol Pot starb in einer kleinen Hütte als Gefangener seiner ehemaligen Genossen; seine Leiche wurde unter einem Haufen Müll und Autoreifen verbrannt. Globale Soziopathen finden

gewöhnlich kein gutes Ende, und dieser Hang zu einem steilen Niedergang findet sich auch unter den lokalen Größen. Letzten Endes scheint Soziopathie ein Spiel für Verlierer zu sein, unabhängig von seiner Dimension. So hat zum Beispiel Hannahs Vater alles verloren, was ihm lieb und teuer hätte sein sollen. Als er fünfzig wurde, hatte er seinen Job verspielt, seine Stellung in der Gemeinde, seine wunderschöne Frau und seine liebende Tochter, und das alles für das Hochgefühl, ein kleines Rädchen im Heroinhandel zu sein. Und am Ende wird er wohl an einer

Kugel durch seinen Kopf sterben, aus der Waffe eines anderen Kleinkriminellen. Luke, der bettelarme Ex meiner Patientin Sydney, hat auch alles verloren, was wertvoll war - seine Frau, seinen Sohn, ja, sogar seinen Swimmingpool. Super Skip, der sich in seiner Arroganz für zu unangreifbar und clever hält, um von einem Gremium wie der "Securities and Exchange Commission" zu Fall gebracht zu werden, wird wohl eine Überraschung erleben, sobald die SEC ihm ernsthaft zusetzt. "Dr." Doreen Littlefield wird - obwohl sie

genug Verstand hat, tatsächlich einen Doktorgrad zu erwerben stattdessen als Hochstaplerin von einer zunehmend obskureren Stellung zur anderen wechseln und dabei dieselben ermüdenden Spiele mit den von ihr beneideten anständigen Leuten spielen, bis sie sich nicht länger verstecken kann. Mit fünfzig werden ihre Reisen und ihre unkontrollierten Begehrlichkeiten ihr Bankkonto geleert und ihr Gesicht zu dem einer gelangweilten Siebzigjährigen verunstaltet haben. Die Liste solcher trostlosen Lebensläufe ließe sich beliebig

fortsetzen. Im Gegensatz zu einem anscheinend populären Glauben bringt rücksichtsloses Verhalten am Ende keineswegs einen Löwenanteil der guten Dinge des Lebens ein. Ganz im Gegenteil, man könnte sogar sagen, dass für einen außerordentlich geduldigen Beobachter eine probate Methode zur Erkennung eines Soziopathen wäre, bis zu dessen Lebensende zu warten und festzustellen, ob er sich ruiniert hat, teilweise oder gar vollständig. Hat er wirklich das, was Sie gerne in ihrem Leben sehen würden, oder ist er stattdessen isoliert, ausgebrannt und

gelangweilt? Ist es nicht schockierend, wie tief die Mächtigen fallen können? Seit wir begonnen haben, Aufzeichnungen über Kriege, Besetzungen und Projekte des Völkermords zu machen, haben die Historiker immer wieder festgestellt, dass ein bestimmter Typus eines katastrophalen, amoralischen Schurken wieder und wieder in die menschliche Rasse hineingeboren wird. Kaum haben wir uns von einem befreit, taucht irgendwo auf dem Planeten ein anderer auf. Aus Sicht der Bevölkerungsgenetik enthält diese

Beobachtung wohl ein Körnchen Wahrheit. Und da wir solche Menschen nicht verstehen, da ihre Psychologie den meisten von uns so fremd ist, können wir sie oft nicht erkennen oder abwehren, bevor sie nicht die Menschheit auf unergründliche Weise geschädigt haben. Aber, wie Gandhi mit Staunen und Erleichterung festgestellt hat: "Am Ende kommen sie immer zu Fall - man denke nur, immer!" Das gleiche Phänomen spielt sich auch im kleineren Rahmen ab. Alltägliche Menschen ohne ein Gewissen bringen Kummer über

ihre Familien und Gemeinden; aber am Ende haben sie einen Hang zur Selbstzerstörung. Kleine Soziopathen könnten lange genug überleben, um einige der anderen auf unserer imaginären Wüsteninsel zu dominieren, womöglich auch einige Gene vererben; aber in letzter Konsequenz würden sie wahrscheinlich an den Füßen aufgehängt werden. Einer der Gründe für dieses letztliche Scheitern ist offensichtlich, besonders bei Fällen infamer Despoten wie Mussolini oder Pol Pot, die von wütenden

vormaligen Anhängern getötet und verstümmelt worden sind: Wenn man genug Menschen unterdrückt, beraubt, ermordet und vergewaltigt, werden schließlich einige von ihnen sich zusammentun und Rache üben. Wir können das auch in der wesentlich weniger epischen Geschichte von Doreen Littlefield erkennen: Die Chancen standen immer gegen sie, und schließlich beging sie zufällig den Fehler, die falsche Person gegen sich aufzubringen. Aber es gibt weitere, weniger offensichtliche Gründe für das letztliche Scheitern eines Lebens ohne Gewissen - Gründe,

die nicht in der Wut anderer Menschen, sondern in der Psychologie der Soziopathie selbst liegen. Und der erste dieser Gründe ist schlicht und ergreifend Langeweile. Ist das alles? Wenn wir auch alle wissen, was Langeweile ist, erleben doch die meisten normalen Erwachsenen nur selten pure Langeweile. Wir sind gestresst, gehetzt und besorgt, aber selten wirklich gelangweilt zum Teil, eben weil wir so gestresst, gehetzt und besorgt sind. Wenn wir

uns einmal nicht um irgendetwas kümmern müssen, empfinden wir das gewöhnlich als eine Atempause, nicht als Monotonie. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie schiere Langeweile sich anfühlt, müssen wir an unsere Kindheit zurückdenken. Kinder und Heranwachsende sind oft gelangweilt, so sehr gelangweilt, dass sie es kaum ertragen können. Ihr während der Entwicklung völlig normales Bedürfnis nach Stimulation, der Drang, Entdeckungen zu machen und ständig etwas Neues zu lernen, wird oft in einer Welt langer

Autofahrten, regnerischer Nachmittage und Schulaufgaben nicht befriedigt. Für ein Kind kann Langeweile qualvoll sein, wie eine Migräne oder ein starker Durst, der nicht gelöscht werden kann. Sie kann so sehr schmerzen, dass das arme Kind am liebsten laut schreien oder mit lautem Gepolter etwas an die Wand werfen würde. Man könnte extreme Langeweile als eine Art Schmerz bezeichnen. Zum Glück haben wir Erwachsenen nicht mehr dieses Bedürfnis nach ständiger Stimulation. Trotz unserer Belastungen leben wir zumeist auf

einem durchaus zu bewältigenden Niveau der Erregung, weder unerträglich überreizt noch unterstimuliert - mit Ausnahme von Soziopathen. Soziopathen haben berichtet, dass sie fast ständig nach zusätzlicher Stimulation gieren. Manche haben das Wort süchtig verwendet, also zum Beispiel s ü c h t i g nach Nervenkitzel, süchtig nach Risiko. Solche Süchte entstehen, weil die beste (und vielleicht die einzige) nachhaltige Therapie für Unterstimulation unser Gefühlsleben ist, und zwar so sehr, dass in einigen Lehrbüchern der

Psychologie die Begriffe Erregung u n d emotionale Reaktion fast austauschbar verwendet werden. Wir werden stimuliert durch unsere bedeutsamen Bindungen, Interaktionen und glücklichen und unglücklichen Momente, die wir zusammen mit anderen Menschen erleben; und Soziopathen haben kein solches Gefühlsleben, das sie erleben könnten. Sie sind nicht in der Lage, die manchmal entsetzliche, manchmal spannende, aber immer vorhandene Erregung zu erleben, die mit echten Bindungen zu anderen Menschen unvermeidlich einhergeht.

Laborexperimente mit elektrischen Schlägen und lauten Geräuschen67 haben gezeigt, dass selbst die physiologischen Reaktionen (Schwitzen, Herzrasen etc.), die normalerweise durch gespannte Erwartung und erlernte Furcht hervorgerufen werden, bei Soziopathen sehr viel schwächer ausgeprägt sind. Als adäquate Stimulation bleiben den Soziopathen nur ihre Machtspiele, und solche Spiele werden sehr schnell alt und schal. Wie bei einer Droge muss das Spiel wieder und wieder gespielt werden, größer und besser, und das könnte - abhängig

von den Ressourcen und Talenten des jeweiligen Soziopathen unmöglich sein. Und so können für einen Soziopathen die Qualen der Langeweile fast chronisch sein. Das Bedürfnis, die Langeweile gelegentlich auf chemischem Wege zu lindern, ist einer der Gründe dafür, warum Soziopathen anfällig für Alkoholund Drogenmissbrauch sind. Eine wichtige Komorbiditätsstudie,68 die 1990 im Journal of the American Medical Association veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass bis zu 75 Prozent der Soziopathen alkoholabhängig sind

und 50 Prozent andere Drogen missbrauchen. Und so sind Soziopathen häufig Süchtige im herkömmlichen Sinne, zusätzlich zu ihrer im übertragenen Sinne bestehenden Sucht nach Risiko. Mit ihren "Höhepunkten" und Gefahren bietet die Drogenszene mehr als eine Attraktion für die Gewissenlosen; in der Drogenszene fühlen sich viele Soziopathen am wohlsten. Eine andere, 1993 im American Journal of Psychiatry 69 veröffentlichte Studie ergab, dass unter den Süchtigen, die ihre Drogen intravenös konsumierten

und mit antisozialer Persönlichkeitsstörung diagnostiziert worden waren, 18 Prozent HIV-positiv waren. Dagegen wurden unter Süchtigen, die ihre Drogen intravenös konsumierten und nicht mit antisozialer Persönlichkeitsstörung diagnostiziert worden waren, nur 8 Prozent HIV-positiv getestet. Das höhere Risiko einer HIV-Infektion unter Soziopathen ist vermutlich auf ihr riskanteres Verhalten zurückzuführen. Diese Zahlen bringen uns zurück zu einer Frage, die ich im ersten Kapitel gestellt habe: Ist das Fehlen

eines Gewissens das Ergebnis einer Anpassung, oder ist es eine Geistesstörung? Eine funktionelle Definition des Begriffs Geistesstörung ist ein psychischer Zustand, der eine schwerwiegend "gestörte Lebenstüchtigkeit" ("life disruption") verursacht, also gravierende und außergewöhnliche Einschränkungen der Fähigkeit einer Person, gemäß ihrer allgemeinen Gesundheit und Intelligenz zu funktionieren. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass das Vorhandensein einer der bekannten Geistesstörungen schwere Depressionen, chronische

Ängste, Paranoia, etc. wahrscheinlich eine leidvoll "gestörte Lebenstüchtigkeit" verursachen würde. Aber wie steht es um das Fehlen von etwas, das wir gewöhnlich als rein moralische Eigenschaft ansehen? Wie steht es um das Fehlen eines Gewissens? Wir wissen, dass Soziopathen sich fast nie in Therapie begeben. Leiden sie aber trotzdem unter "gestörter Lebenstüchtigkeit"? Ein Weg, sich dieser Thematik zu nähern, ist die Überlegung, was einem Soziopathen im Leben wichtig ist: Gewinnen und Dominanz. Und sich dann die

seltsame Frage zu stellen: Warum erreichen n i c h t alle Soziopathen Positionen mit großer Machtfülle? Bedenkt man ihre fokussierte Motivation und die Handlungsfreiheit, die aus dem Fehlen eines Gewissens erwächst, sollten sie alle überragende politische Leitfiguren oder internationale Topmanager sein oder zumindest hochgestellte Berater oder Diktatoren von Kleinstaaten. Warum gewinnen sie nicht immer? Denn das tun sie nicht. Stattdessen sind die meisten von ihnen ziemlich unbedeutend und

darauf beschränkt, ihre kleinen Kinder oder eine deprimierte Frau zu beherrschen oder vielleicht ein paar Angestellte oder Arbeitskollegen. Eine erhebliche Anzahl von ihnen ist im Gefängnis, wie Hannahs Vater, oder gefährden ihre Karriere oder ihr Leben. Nur sehr wenige sind märchenhaft reich wie Skip. Noch weit weniger sind berühmt. Ohne jemals einen großen Eindruck auf der Welt zu hinterlassen, sind die meisten von ihnen im Niedergang begriffen und werden völlig ausgebrannt sein, wenn sie in die Jahre gekommen sind. Zeitweilig können sie uns

berauben und quälen, ja, aber letztlich sind sie gescheiterte Existenzen. Aus der Sicht des Psychologen sind selbst jene in prestigeträchtigen Positionen, selbst die berühmten Namen, nur gescheiterte Existenzen. Für die meisten Menschen entsteht Glück durch die Fähigkeit, zu lieben, sein Leben nach höheren Prinzipien zu leben (jedenfalls meistens) und einigermaßen zufrieden mit sich selbst zu sein. Soziopathen können nicht lieben, sie haben per definitionem keine höheren Prinzipien, und fast nie fühlen sie

sich wohl in ihrer Haut. Sie sind lieblos, amoralisch und chronisch gelangweilt, selbst die wenigen unter ihnen, die reich und berühmt werden. Und sie fühlen sich nicht nur aus Langeweile unwohl in ihrer Haut. Die absolute Egozentrik von Soziopathen schafft ein individuelles Bewusstsein, das für jedes kleine Wehwehchen und Ziepen des Körpers überaus sensibel ist, für jeden flüchtigen Schmerz in Kopf oder Brustkasten. Und Ohren, die sehr begierig und besorgt jeder Sendung in Radio und Fernsehen lauschen, die von

Ungeziefer, Umweltgiften oder ähnlichem Ungemach berichtet. Da seine Sorge und sein Bewusstsein ausschließlich auf ihn selbst gerichtet ist, leidet der Mensch ohne Gewissen manchmal unter quälenden hypochondrischen Reaktionen,70 gegen die selbst der quengeligste Neurotiker rational wirkt. Eine kleine Verletzung durch eine Papierkante ist ein gravierendes Ereignis, und ein Herpesbläschen ist der Anfang vom Ende. Das vielleicht bekannteste Beispiel der Obsession des Soziopathen mit seinem Körper ist Adolf Hitler, der

Zeit seines Lebens ein Hypochonder war und panische Angst hatte, an Krebs zu erkranken.71 In dem Versuch, den Krebs in Schach zu halten und um eine lange Liste anderer eingebildeter Krankheiten zu heilen, schluckte er "Heilmittel", die von seinem bevorzugten Leibarzt Dr. Theodor Morell eigens für ihn zusammengebraut wurden. Viele seiner Tabletten enthielten halluzinogene Gifte, und so vergiftete sich Hitler allmählich selbst, bis er tatsächlich krank wurde. Wahrscheinlich aus diesem Grunde wurde ein - reales - Zucken

seiner rechten Hand immer auffälliger, und ab Mitte 1944 verbot er Filmaufnahmen von sich. Manchmal verwenden Soziopathen ihre Hypochondrie als Strategie zur Vermeidung von Arbeit. Gerade geht es ihnen noch gut; aber dann wird es Zeit, Rechnungen zu bezahlen oder sich einen Job zu suchen oder einem Freund beim Umzug zu helfen, und plötzlich haben sie Schmerzen im Brustkasten oder fangen an zu humpeln. Und eingebildete gesundheitliche Probleme und Gebrechen tragen einem oft eine bevorzugte Behandlung ein, zum

Beispiel den letzten Sitzplatz in einem überfüllten Raum. Durchweg besteht Abneigung gegen beständige Leistung und strukturierte Projekte, und natürlich steht diese Vorliebe für Müßiggang einem Erfolg in der realen Welt sehr im Wege. Tag für Tag morgens aufzustehen und für lange Stunden zu arbeiten wird fast nie ernsthaft in Betracht gezogen. Soziopathen ziehen ein Betrugsmanöver, den schnellen "Deal" oder eine geschickte Intrige bei weitem dem täglichen Engagement im Beruf, einem langfristigen Ziel oder einem Plan

vor. Selbst wenn Soziopathen in hochrangigen Jobs angetroffen werden, sind das in der Regel Positionen, in denen sich das tatsächlich (oder auch nicht) vollbrachte Pensum an harter Arbeit leicht verschleiern lässt oder in denen sich andere so manipulieren lassen, dass sie die Arbeit verrichten. In einem solchen Rahmen kann bisweilen ein cleverer Soziopath durch vereinzelte, spektakuläre Leistungen die Dinge am Laufen halten oder durch Schmeichelei und Charme oder Einschüchterung. Er stellt sich als abwesender

Verantwortlicher oder als "Regenmacher" oder das unersetzliche "kapriziöse Genie" dar. Er braucht häufig Urlaub oder Auszeiten, in denen seine tatsächlichen Aktivitäten etwas undurchsichtig bleiben. Beständige Arbeit, der wahre Schlüssel zu dauerhaftem Erfolg Beharrlichkeit, Verlässlichkeit, Sorgfalt -, schmeckt zu sehr nach Verantwortung. Leider gelten diese einschränkenden Faktoren auch für jene Soziopathen, die mit besonderen Begabungen und Talenten geboren wurden. Zu

intensiver Hingabe und täglicher Arbeit, die notwendig wären, um seine Kunst, Musik oder ein beliebiges anderes kreatives Projekt zu entwickeln und zu vermarkten, ist ein Soziopath gewöhnlich nicht fähig. Wenn Erfolg zufällig erreicht werden kann, mit nur sporadischem Einsatz, dann vielleicht; wenn aber die Kunst einen stetigen persönlichen Einsatz verlangt, dann ist sie verloren. Letztlich hat ein Mensch ohne Gewissen das gleiche Verhältnis zu seinen eigenen Begabungen wie zu anderen Menschen: Er vernachlässigt sie. Und Soziopathie ist fast immer ein

Solo-Programm, eine weitere Strategie, die gelegentlich für eine gewisse Zeit funktionieren mag, aber nur selten auf lange Sicht. Da sie beharrliche Egoisten sind, haben Menschen ohne Gewissen keinen Teamgeist. Der Soziopath kümmert sich nur um sich selbst. Im Umgang mit anderen Menschen oder einer Gruppe probiert er es zunächst mit Lüge, Schmeichelei und Einschüchterung. Diese Erfolgsstrategien sind sehr viel dürftiger und kurzlebiger als echte Beziehungen, Führung und persönlicher Einsatz. Ziele, die in einer Partnerschaft oder einer

Gruppe durch eine gemeinschaftliche Anstrengung hätten erreicht werden können, werden gewöhnlich durch den absoluten Egoismus des Soziopathen torpediert. Diese Laufbahn hin zum letztlichen Scheitern wird typischerweise von berüchtigten Tyrannen genommen und auch von unzähligen weniger prominenten soziopathischen Arbeitgebern, Kollegen und Ehegatten. Wenn der Nervenkitzel der Manipulation anderer Menschen die Oberhand gewinnt, wie es bei Soziopathie der Fall ist, werden alle

anderen Ziele überschattet. Die resultierende "gestörte Lebenstüchtigkeit" kann - wenn sie sich auch davon unterscheidet ebenso schwerwiegend sein wie die durch schwere Depressionen, chronische Angstzustände, Paranoia und andere Geisteskrankheiten verursachten Einschränkungen. Und der emotionale Bankrott der Soziopathie bringt es mit sich, dass der Soziopath nie in der Lage sein wird, authentische emotionale Intelligenz zu entwickeln, ein Verständnis dafür, wie Menschen funktionieren - eine unersetzliche Leitlinie für das Leben in der Welt

der Menschen. Wie Doreen, die tatsächlich glaubt, sie könne ihre persönliche Macht durch das Verunglimpfen anderer Menschen ausbauen, wie Skip, der sich allzeit immun wähnt gegen die Gesellschaft und ihre Regeln, wie der gestürzte Diktator, der fassungslos ist angesichts des hasserfüllten, verhandlungsunwilligen Mobs "seiner Genossen", neigt ein Mensch ohne Gewissen - selbst ein gerissener - dazu, ein kurzsichtiges und überraschend naives Individuum zu sein, das schließlich durch Langeweile, finanziellen Ruin

oder eine Kugel umkommen wird. Das extreme Gewissen Und doch ist der bezwingendste Grund für den Wunsch, ein Gewissen zu besitzen, statt frei von ihm zu sein, nicht etwa die Liste der ruinösen Nachteile, die Soziopathie mit sich bringt. Nein, das Beste daran, mit Moral ausgestattet zu sein, ist die profunde und strahlend schöne Gabe, die uns in der Hülle des Gewissens - und nur darin zuteil wird. Die Fähigkeit zu lieben ist mit dem Gewissen verbunden, so wie der Geist mit dem Körper

verbunden ist. Das Gewissen ist die Verkörperung der Liebe und durchdringt umfassend unsere biologische Konstruktion. Es lebt in dem Teil des Gehirns, der emotional reagiert, und zum Nutzen unserer Lieben, wenn sie Aufmerksamkeit, Hilfe oder gar ein Opfer von uns brauchen. Wir haben bereits gesehen, dass ein Mensch, der außerstande ist zu lieben, auch kein echtes Gewissen haben kann, da das Gewissen ein auf unseren emotionalen Bindungen zu anderen Menschen beruhendes, intervenierendes Gefühl der Verantwortlichkeit ist. Jetzt kehren

wir diese psychologische Gleichung um: Die andere Wahrheit ist, dass ein Mensch, der kein Gewissen hat, auch nie wirklich lieben kann. Subtrahiert man den Imperativ der Verantwortlichkeit von Liebe, bleibt nur ein dünnes, drittklassiges Ding - der Wille zu besitzen, und das ist mitnichten Liebe. Kurz nach den Anschlägen des 11. September 2001, mit denen ein besonders finsteres und aggressives Kapitel unserer Geschichte begonnen hat, sagte mir mein Freund Bernie, der Psychologe, ohne zu zögern, dass er sich für ein Gewissen entscheiden würde, trotz

der scheinbaren Zweckmäßigkeit eines Daseins ohne Gewissen, dass er aber nicht sagen könne, warum. Ich glaube, dass Bernies intuitive Entscheidung auf der unauflöslichen Verbindung zwischen dem Gewissen und der Fähigkeit zu lieben beruhte, und dass Bernie, vor die Wahl gestellt zwischen aller Macht, allem Geld und Ruhm der Welt und dem Privileg, seine eigenen Kinder lieben zu können, sich auf der Stelle für Letzteres entscheiden würde. Zum Teil, weil er ein guter Mensch ist; aber auch, weil Bernie ein guter Psychologe ist und etwas darüber

weiß, was wirklich die Menschen glücklich macht. Es gibt das Streben nach Besitz und Dominanz, und es gibt die Liebe. Ob er nun seine Beweggründe in dem betreffenden Moment benennen konnte oder nicht - durch seine Entscheidung für das Gewissen hat der Psychologe Bernie de facto die Liebe gewählt, und das überrascht mich keineswegs. Dominanz kann einen temporären Nervenkitzel produzieren, aber sie macht den Menschen nicht glücklich - im Gegensatz zur Liebe. Aber kann es nicht auch ein Zuviel

an Gewissen geben? Gibt es nicht Psychologen, die behauptet haben, dass Menschen - weit davon entfernt, glücklich zu sein - durch ihr Gewissen tyrannisiert und in schwere Depressionen getrieben werden können? Ja und nein. Freud hat beobachtet, dass ein zu aktives Über-Ich seinen Besitzer in die Depression und womöglich gar den Selbstmord treiben könne. Aber das Über-Ich, diese maulende, disziplinierende, nach frühen Erlebnissen verinnerlichte Stimme ist nicht das Gewissen. Und auch nicht das, was Psychologen als "ungesunde

Scham" ("unhealthy shame") bezeichnen - wobei es sich nicht wirklich um Scham handelt im Sinne einer Reaktion auf begangene Missetaten, als vielmehr um den irrationalen, durch negative Botschaften während der Kindheit eingeimpften Glauben, dass die gesamte eigene Person irgendwie schlecht, abstoßend, wertlos sei. Selbst ein bisschen ungesunde Scham ist zu viel, aber ungesunde Scham ist kaum das normale Gewissen, das ein intervenierendes Gefühl der Verantwortlichkeit ist und nicht ein destruktives Gefühl von Wertlosigkeit und Elend. Wenn

zeitgenössische Psychologen behaupten, zuviel Gewissen sei Gift, ist ihre Wortwahl unüberlegt. Stattdessen meinen sie ungesunde Scham - oder ein schrilles Über-Ich, das Überstunden macht. Das Gewissen, unser siebter Sinn, ist ein völlig anderes Phänomen. Es ist ein Gefühl der Verpflichtung, das auf Liebe basiert. Und so bleibt die Frage: Ist ein extremes Gewissen belastend oder erhebend? Um zu verstehen, wie sich ein stark ausgeprägtes Gewissen auf die Psyche auswirkt, können wir die Lebensläufe und Zufriedenheit von Menschen betrachten, die ihr

angeborenes Gefühl eines Gewissens zu einem besonders starken emotionalen Muskel ausgebildet haben. Jeder von uns könnte verschiedene Personen als seine moralischen Helden benennen, von historischen oder öffentlichen Figuren bis hin zu Menschen, die wir persönlich gekannt oder die uns mit ihrem moralischen Verhalten beeindruckt haben. In einer systematischen Studie über solche Menschen haben Anne Colby am "Radcliffe's Henry Murray Research Center" und William Dämon am "Department of Education" der Brown University

ihre eigene Auswahl getroffen.72 Beunruhigt wegen des gegenwärtigen von ihnen so empfundenen Mangels an moralischer Führung haben Colby und Dämon dreiundzwanzig Personen ausgewählt, die sie für moralische Vorbilder hielten, elf Männer und zwölf Frauen, deren moralisches Engagement hervorragende Beiträge in vielen Feldern erbracht hat, darunter Bürgerrechte und bürgerliche Freiheiten, die Bekämpfung von Armut und Hunger, Religionsfreiheit, Umweltschutz und Frieden. Diese dreiundzwanzig

Personen gehören unterschiedlichen Rassen, Religionen und Gesellschaftsschichten an und haben unterschiedliche Ziele, aber ein Merkmal verbindet sie: Ein außergewöhnlich stark ausgeprägtes Gewissen, ein "überentwickeltes" Gefühl der Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Mitmenschen. Aus der Perspektive eines Psychologen repräsentieren sie in emotionaler und geistiger Hinsicht das den hier dargestellten Soziopathen diametral entgegengesetzte Extrem.

Unter den moralischen Vorbildern von Colby und Dämon finden sich Virginia Foster Durr, die zur Bürgerrechtsaktivistin gewandelte Südstaatenschönheit, die als erste Rosa Parks* in die Arme schloss, als diese aus dem Gefängnis entlassen wurde; Suzie Valadez, die viele Jahre damit verbracht hat, für Tausende von armen Mexikanern in Ciudad Juarez Nahrung, Kleidung und medizinische Versorgung zu organisieren; Jack Coleman, vormals Rektor des Haverford College, der für seine Auszeiten bekannt wurde, in denen er als Straßenarbeiter, Müllmann und

Obdachloser gelebt hat; der Geschäftsmann Cabell Brand, der sich der Gründung des Vereins "Total Action Against Poverty" in Roanoke, Virginia, verschrieben hatte; und Charleszetta Waddles, Gründerin der "Perpetual Mission", die ihr Leben der Fürsorge für Alte und Arme, ledige Mütter, Prostituierte und misshandelte Kinder in Detroit, Michigan, gewidmet hatte. Die Forscher studierten Autobiographien und mündliche Überlieferungen und führten ausführliche Interviews mit jedem ihrer dreiundzwanzig Vorbilder und

deren Mitarbeitern. In ihrem Buch Some Do Care: Contemporary Lives of Moral Commitment ("Manche haben Mitgefühl: Zeitgenössische Lebensläufe moralischen Engagements") präsentieren sie ihre Ergebnisse und berichten, dass es verblüffende Übereinstimmungen zwischen Personen mit einem extrem ausgeprägten Gewissen gibt. Die Autoren bezeichnen diese gemeinsamen Charakteristika als (1) "Gewissheit", (2) "Positivität" und (3) "Einheit des Selbst mit moralischen Zielen". "Gewissheit" beschreibt eine außergewöhnliche

Klarheit der Überzeugungen der Vorbilder darüber, was rich* Anmerkung des Übersetzers: Rosa Louise Parks (1913 - 2005) war eine farbige US-amerikanische Bürgerrechtlerin. Sie wurde am 1. Dezember 1955 in Montgomery, Alabama, verhaftet, weil sie sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen männlichen weißen Fahrgast zu räumen. Ihr ziviler Ungehorsam gegen die Rassendiskriminierung löste den "Montgomery Bus Boycott" aus, der neben anderen Protesten als Anfang der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA

gilt. tig sei, und auch ihr Empfinden einer eindeutigen persönlichen Verantwortung, nach diesen Überzeugungen zu handeln. "Positivität" drückt die lebensbejahende Einstellung der Vorbilder aus, die außerordentliche Freude an ihrer Arbeit und ihren oft auch angesichts von Entbehrungen oder gar Gefahren ausgeprägten Optimismus. Und die "Einheit des Selbst mit moralischen Zielen" der Vorbilder beschreibt die Integration ihrer moralischen Haltung mit ihrem Verständnis der

eigenen Identität und die subjektiv empfundene Gleichheit ihrer moralischen und persönlichen Ziele. "Einheit" bedeutet, dass das Gewissen für solche Menschen nicht nur eine Orientierungshilfe ist. Es ist ihr Wesen. In dem Versuch, sein Verständnis seiner persönlichen Identität zu beschreiben, erklärte eines der Vorbilder, Cabell Brand, in einem Interview: "Ich bin, was ich tun kann und wie ich mich jederzeit fühle - an jedem Tag, in jedem Moment ... Es fällt mir schwer, zwischen meiner Person, meinen

Zielen und meinen Handlungen zu trennen." Colby und Dämon hielten dieses dritte Merkmal, die "Einheit des Selbst mit moralischen Zielen", für ihr wichtigstes Ergebnis und von entscheidender Bedeutung für das Verständnis des Gewissens und seiner Auswirkungen. Wenn das Gewissen hinreichend mächtig wird, vereint es anscheinend die menschliche Psyche in einzigartiger und nützlicher Weise, und statt eine "gestörte Lebenstüchtigkeit" zu verursachen, kann ein extremes Gewissen das Lebensglück deutlich steigern. Colby und Dämon

schreiben dazu: "Unsere Vorbilder haben sich durch die entmutigenden Eindrücke von Armut und Not nicht beirren lassen, da alles, was sie für ihren persönlichen Erfolg brauchten, die produktive Erfüllung ihrer moralischen Mission war." In unbewusster Missachtung der Tendenz unserer Kultur, Gewissen und Eigeninteresse als Gegensätze zu sehen, haben Colbys und Dämons Vorbilder "ihr eigenes Wohlbefinden und persönliches Interesse in moralischen Begriffen definiert und waren - mit sehr wenigen Ausnahmen -

außerordentlich glücklich und erfüllt". Weit davon entfernt, ihnen Leid zu bringen oder sie zu Trotteln zu machen, hat ihr außergewöhnliches Gefühl der Verpflichtung gegenüber anderen Menschen sie glücklich gemacht. Das Gewissen, unser Gefühl der Verantwortlichkeit untereinander, ermöglicht uns ein Zusammenleben, in unserem Zuhause und auf unserem Planeten. Es hilft, unserem Leben Sinn zu verleihen, und steht zwischen uns und einem öden Dasein sinnloser Wettkämpfe. Ein stark ausgeprägtes Gefühl des

Gewissens kann moralische Ziele, persönliche Wünsche und Selbstverständnis integrieren - wir werd en zu unseren guten Taten; und daher scheint ein extremes Gewissen ein seltener, passgenauer Schlüssel für menschliches Glück zu sein. Und so folgt hier der beste psychologische Rat, den ich anzubieten habe: Wenn Sie sich in unserer Welt umsehen und versuchen herauszufinden, was vor sich geht und wer "gewinnt" wünschen Sie sich nicht, weniger Gewissen zu haben. Wünschen Sie sich mehr.

Preisen Sie Ihr Schicksal. Mit einem Gewissen werden Sie vielleicht nie genau das tun können, was Ihnen beliebt, oder das, was Sie tun müssten, um leichte oder dauerhafte Erfolge in der materiellen Welt zu erreichen. Und so werden Sie vielleicht nie große finanzielle oder politische Macht über andere Menschen erringen. Vielleicht werden Sie nie über den Respekt der Massen gebieten oder über ihre Furcht. Im Gegenteil, Sie könnten schmerzlichen Attacken des Gewissens ausgesetzt sein, die

Sie durchaus dazu bringen könnten, gegen Ihre eigennützigen Bestrebungen zu handeln. Und vielleicht werden Sie Ihr ganzes Leben lang hart arbeiten und die Verlockungen kindlicher Abhängigkeit aufgeben müssen, um Ihre eigenen Kinder gedeihen zu sehen. Sie könnten sich selbst von Zeit zu Zeit in der Schlinge eines Soziopathen verfangen, und wegen Ihrer Skrupel werden Sie vielleicht nie in der Lage sein, sich zufriedenstellend an den Menschen zu rächen, die Sie verletzt haben. Und, ja, wahrscheinlich werden Sie nie der Diktator eines Kleinstaates

werden. Aber Sie werden Ihre schlafenden Kinder im Bett ansehen und diese unerträgliche Woge der Ehrfurcht und Dankbarkeit erleben können. Sie werden andere Menschen in Ihrem Herzen tragen können, nachdem sie längst verblichen sind. Sie werden wahre Freunde haben. Im Gegensatz zu den Wenigen, die hohl und auf Risiko versessen sind und denen ein siebter Sinn fehlt, werden Sie Ihren Lebensweg im vollen Bewusstsein der warmen und tröstenden, provozierenden, verwirrenden, bezwingenden und manchmal beglückenden

Gegenwart anderer menschlicher Wesen gehen, und in Begleitung Ihres Gewissens werden Sie die Möglichkeit haben, das allergrößte Risiko einzugehen - das, wie wir alle wissen, darin besteht zu lieben. Das Gewissen ist wahrlich das bessere Angebot von Mutter Natur. Sein Wert ist im grandiosen Rahmen der Geschichte offensichtlich, und wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, ist es für uns selbst im alltäglichen Umgang mit Freunden und Nachbarn wertvoll. Lassen Sie uns nun versuchen, in Gesellschaft der gesamten Nachbarschaft einen Tag

mit einer bedauernswerten Soziopathin namens Tillie zu verbringen. Von Tillie können wir lernen - wenn auch sie selbst es nie lernen wird -, dass dank eines Gewissens auch alltägliche Erlebnisse sich lohnen. ELF der tag des murmeltiers* Was nicht gut für den Schwarm ist, ist auch nicht gut für die Biene. —Marc Aurel Tillie ist ein Mensch, den der

Persönlichkeitstheoretiker Theodore Millon73 als "streitlustige Psychopathin" ("abrasive psychopath") bezeichnen würde. Sie ist eine Soziopathin, aber ihr fehlt für sie betrüblich - der bei Soziopathen übliche Charme und die Raffinesse. Stattdessen verhält sie sich, um mit Millon zu sprechen, "unverhohlen und grob streitlustig und zänkisch", und "alles und jeder ist ein willkommenes Ziel für ihre Nörgeleien und Attacken". Tillies besondere Begabung besteht darin, auch die kleinste, subtilste Andeutung eines Konflikts

aufzugreifen und sie mit großen Gezeter aufzubauschen. Sie brilliert darin, Feindseligkeit und Bitterkeit zu erzeugen, wo vorher keine war und ist darauf spezialisiert, für gewöhnlich sanftmütige und friedliebende Menschen zu provozieren. In Tillies Universum hat Tillie immer Recht, und sie erbaut * Anmerkung des Übersetzers: Der "Groundhog Day" (Tag des Murmeltiers) ist ein traditionelles Fest, das mancherorts in den USA und Kanada gefeiert wird. Am 2. Februar eines jeden Jahres, dem

"Candlemas Day" (Lichtmess), wird eine Prognose über den weiteren Verlauf des Winters getroffen. Dazu werden öffentlich und manchmal im Rahmen von Volksfesten Waldmurmeltiere ("groundhogs") aus ihrem Bau gelockt. Wenn das Tier "seinen Schatten sieht", also die Sonne scheint, soll der Winter noch weitere sechs Wochen anhalten. Die Voraussage basiert also auf einer Art Bauernregel zum Wetter an diesem Tag. sich selbstgerecht daran, ihren anscheinend allgegenwärtigen und stets irgendwie irrigen Gegnern zu

widersprechen und sie zu frustrieren. Ihre Mission im Leben ist es, die Welt zu korrigieren, eine Berufung, der sie ohne Zögern oder Gewissen nachgeht. Auf dieser Mission vermisst sie die Wertschätzung ihrer Mitmenschen, womit sie zusätzlich ihr Verhalten ihnen gegenüber rechtfertigt. Heute morgen hat Tillie ein Murmeltier im Garten hinter ihrem Haus entdeckt. Während sie es von ihrem Wintergarten aus beobachtet, setzt es sich auf seinen runden Schenkeln im Gras auf und wendet sein wachsames kleines Gesicht in jede Richtung, als würde es Tillies

Grundstück vermessen. Als Tillie die Schiebetür öffnet, um es besser sehen zu können, erstarrt das Tier für einen Moment, bevor es davon watschelt und am Rande des Rasens im Boden verschwindet, an einem Punkt, wo Tillies Grundstück an das ihrer Nachbarn Catherine und Fred grenzt. Tillie merkt sich, wo sein Bau sein muss, und stellt sich dann auf die Terrasse, eine weißhaarige, siebzigjährige Frau in einem blaukarierten Hauskleid - sie könnte der Welt wie der Archetyp einer gütigen und weisen alten Frau erscheinen. Wie sie interessiert

über den Rasen schaut, könnte ein zufälliger Beobachter denken, dass ihre Miene und untersetzte Gestalt sich nicht allzu sehr von der Erscheinung des Murmeltiers unterscheiden. Tillies Nachbarn am Hang auf der anderen Seite ihres Hauses, Greta und Jerry, frühstücken zufällig auch im Wintergarten und können Tillie auf ihrer Terrasse sehen. Sie sind zu weit entfernt, um das Murmeltier zu bemerken. Alles, was sie sehen können, ist die siebzigjährige Tillie, wie sie regungslos in ihrem blauweißen Kleid dasteht.

Die fünfunddreißigjährige Greta, Leiterin des örtlichen Warenhauses, sagt zu ihrem Mann Jerry, einem Bauunternehmer: "Verdammt, ich wünschte, diese fürchterliche Frau würde einfach von hier wegziehen. Wie lange wohnt sie inzwischen hier?" "Fünfzehn Monate", antwortet Jerry. Greta lächelt grimmig. "Aber wer zählt schon die Tage, oder? Ich weiß, ich sollte mir nicht wünschen, dass jemand von hier verschwindet; aber sie ist so unglaublich gemein. Und dominant. Ich weiß nicht, wie sie sich überhaupt selbst ertragen

kann." Jerry seufzt und sagt: "Vielleicht könnten wir ihr Haus kaufen." Greta will lachen, als ihr klar wird, dass Jerry es ernst meint. Plötzlich erkennt sie, dass ihr für gewöhnlich gleichmütiger Ehemann Tillie ebenso verabscheut wie sie selbst. Sie fröstelt und fühlt sich ein bisschen schuldig und geht zurück in die Küche, um noch etwas frischen Kaffee zu holen. Als sie zurückkommt, starrt Jerry immer noch die alte Frau auf ihrer Terrasse an. Er sagt: "Nein, wir können es uns nicht leisten, ihr Haus zu kaufen. Vielleicht zieht sie

ja einfach weg. Man sollte denken, dass jemand wegziehen würde, wenn er in der gesamten Nachbarschaft so verhasst ist wie sie." Greta stellt fest: "Na ja, also die Sache ist ja, dass man bestimmt überall, wo sie auftaucht, so auf sie reagiert." "Ja, wahrscheinlich. Wo hat sie früher gelebt?" "Keine Ahnung", antwortet Greta. Dann, mit einem aufkeimenden Gefühl der Dankbarkeit, dass Jerry ihre Gefühle teilt, sagt sie: "Ist es zu fassen? Ich glaube, es war letzte Woche, als sie mich angerufen und

gesagt hat, wir sollten in unserem Kamin kein Feuer mehr machen. Sie sei 'allergisch gegen Holzrauch' wie findest du das?" "Was7. Davon hast du mir nichts erzählt! Das ist irre!" Jerry ballt die Fäuste und ändert dann sein Urteil. "Nein, das ist nicht irre. Es ist einfach nur dummes Zeug. Wir werden ein Feuer in dem verdammten Kamin machen und zwar heute Abend. Also, ich werde noch etwas mehr Holz hereinbringen, bevor ich zur Arbeit fahre." "Aber es soll heute richtig warm werden."

"Ja, und?" Diesmal lacht Greta tatsächlich. "Weißt du, wie wir uns anhören?" Jerry sieht seine Frau verlegen an, und seine Mundwinkel wandern nach oben. Er öffnet die geballten Fäuste und knackt ein paarmal mit den Knöcheln, um sich zu entspannen. Die Nachbarin von Greta und Jerry auf der gegenüberliegenden Straßenseite und drei Häuser weiter ist eine ältliche Witwe namens Sunny. Genau in diesem Moment denkt auch Sunny daran, wie gemein Tillie doch sei, obwohl sie Tillie nicht auf deren rückwärtiger

Terrasse sehen kann wie Greta und Jerry. Gestern hatte Tillie die Polizei gerufen, weil Sunny ihr Auto auf der Straße vor ihrem eigenen Haus geparkt hatte. Sunny hatte schon immer ihr Auto auf der breiten Fläche zwischen der Straße und ihrem Haus geparkt, seit ihr Mann vor zehn Jahren das Zeitliche gesegnet hatte, weil sie Angst davor hat, mit dem Auto von der Einfahrt in den Verkehr zurückzusetzen. Ein junger Polizist kam und forderte sie auf, ihr Auto in der Einfahrt zu parken. Er entschuldigte sich mehrfach, sagte aber trotzdem, dass Tillie im Recht sei. Es sei ein

Verstoß. Sunny hat ihr Frühstück noch nicht beendet, und schon graut ihr vor der bevorstehenden Fahrt zum Lebensmittelgeschäft, da sie ganz allein das Auto wird zurücksetzen müssen. Sie könnte heulen. Und das Auto war nicht einmal in der Nähe von Tillies Haus! Während Sunny betrübt auf die Straße schaut, beschließt Tillie auf ihrer hinteren Terrasse, dass das Murmeltier fürs Erste nicht wieder auftauchen wird. Sie geht zurück ins Haus, wo sie nicht mehr von Greta und Jerry, die immer noch am Hang frühstücken, gesehen

werden kann. Während Greta und Jerry ihren Kaffee austrinken und versuchen, über etwas anderes zu reden, geht Tillie in ihrer Küche ans Telefon und ruft Catherine an, ihre direkte Nachbarin, mit der sie nunmehr ein Murmeltier teilt. Catherine ist Lehrerin in der sechsten Klasse. Sie ist seit ihrem zweiundzwanzigsten Lebensjahr Lehrerin gewesen, und nun naht ihr sechzigster Geburtstag heran. Sie überlegt, sich zur Ruhe zu setzen; aber der Gedanke macht sie traurig. Ihr Unterricht und die Kinder bedeuten ihr alles in der Welt, und sie will nicht ernsthaft aufhören zu

arbeiten. Ihr Mann Fred, der sieben Jahre älter ist und bereits im Ruhestand, hat Verständnis für sie und Geduld. "Wann immer du bereit bist", pflegt er zu sagen. "Ich mag ohnehin gern im Haus herumwuseln und Kleinigkeiten reparieren." Und dann lachen sie beide. Fred ist kaum in der Lage, eine kaputte Glühbirne zu ersetzen. Bis er widerwillig vor einem Jahr den Posten aufgegeben hatte, war er Redakteur bei der Lokalzeitung gewesen. Er ist ein guter, ruhiger, gebildeter Mann, der ebenfalls seine Arbeit geliebt hat; er schreibt

noch immer ehrenhalber in der Rubrik "Menschliches" eine Kolumne unter dem Titel: "Menschen, die man kennen sollte." Als das Telefon klingelt, sitzt Fred im Wohnzimmer und liest, während Catherine in der Küche ist und im Begriff, zeitig zur Arbeit zu fahren. Das Klingeln des Telefons so früh am Morgen erschreckt Catherine. Schnell nimmt sie den Hörer ab. "Hallo?" "Catherine", sagt Tillie unvermittelt und stößt das Wort aus, als sei sie verärgert. "Ja, hier spricht Catherine. Tillie?

Meine Güte, Tillie, es ist sieben Uhr morgens. Geht es Ihnen gut?" "Ja, mir geht es gut. Ich habe eben ein Murmeltier im Garten gesehen und dachte mir, dass Sie das vielleicht interessieren würde." "Ein was? Ein Murmeltier?" "Ja, hinten zwischen unseren Grundstücken." "Tja, das ist ... interessant. Muss wohl niedlich gewesen sein, oder?" "War es wohl. Na ja, ich weiß, dass Sie beschäftigt sind. Ich dachte nur, dass Sie von dem Tier wissen sollten. Wir können später darüber sprechen, bis dann." "Äh, ja. Wir reden später, also bis

dann, Tillie." Catherine legt verwundert den Hörer auf und Fred ruft: "Was war denn das?" Sie geht ins Wohnzimmer, wo er mit seinem Buch sitzt, und antwortet: "Das war Tillie." "Aha", sagt Fred und rollt mit den Augen. "Und was hat sie gewollt?" "Sie wollte mir mitteilen, dass sie hinter dem Haus ein Murmeltier gesehen hat." "Warum wollte sie dir das mitteilen?" Catherine schüttelt langsam den Kopf und sagt: "Ich habe nicht die geringste Ahnung."

"Ach, Tillie!", exklamiert Fred und hebt den rechten Arm in spöttischem Salut über den Kopf. Als Catherine ihre morgendliche Routine beendet, fühlt sie sich ein bisschen beunruhigt und etwas unwohl, da sie weiß, dass bei Tillie die Handlung sich stets verdichtet und die Auflösung wahrscheinlich anmaßend und unerfreulich sein wird. Aber sie kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, was es mit dem Murmeltier auf sich haben könnte. Will Tillie es loswerden? Holt Tillie indirekt ihre Erlaubnis ein? Und davon einmal abgesehen - Catherine und Fred

haben seit dreißig Jahren in genau diesem Haus gelebt und noch kein einziges Mal ein Murmeltier auf dem Gelände gesehen. Wie seltsam. Als sie im Begriff ist, sich auf den Weg zur Schule zu machen, klingelt das Telefon ein zweites Mal. Sie nimmt an, dass es wieder Tillie sein muss, aber stattdessen ist es eine andere Nachbarin, die nette, zurückhaltende Sunny, und sie ist in Tränen aufgelöst. Sunny erzählt Catherine, dass Tillie sie genötigt hätte, ihr Auto in ihrer Einfahrt zu parken, und nun säße sie in der Falle. Könnte ihr vielleicht jemand helfen? Könnten Catherine und

Fred sie vielleicht heute zum Laden fahren? Als sie von dieser neuesten Heldentat Tillies hört, rötet sich Catherines Gesicht vor Wut; aber sie versichert Tillie so ruhig sie kann, dass Fred sie selbstverständlich zum Laden fahren würde. Vielleicht gegen Mittag? Außerdem würde Fred den Polizeichef sehr gut kennen, und vielleicht könne man ja irgendwie das Problem mit Sunnys Parkplatz lösen. Während sie im Laufe des Tages ihre sechste Klasse unterrichtet, vergisst Catherine die Angelegenheit mit Tillie; als sie

aber gegen halb fünf nach Hause kommt, fällt ihr der Anruf am frühen Morgen wieder ein, und wieder fühlt sie sich zunehmend unwohl. Sie hatte beabsichtigt, vor dem Abendessen ein Nickerchen zu machen; aber als sie sich auf das Bett setzt, wird ihr ungutes Gefühl plötzlich stärker, und es zieht sie ans Fenster. Das Schlafzimmer ist im ersten Stock, und von hier aus hat Catherine einen freien Blick über den gesamten hinteren Teil des Grundstücks und auch Tillies Rasen hinter dem Haus. Der Tag war für die Jahreszeit ungewöhnlich warm gewesen, und

die hübschen Forsythien, die Fred am hinteren Ende ihres Grundstücks gepflanzt hatte, hatten zu blühen begonnen. Sie blickt hinaus über den ausgedehnten Rasen hinter dem Haus auf die lange Forsythienhecke mit kleinen gelben Blüten; dahinter liegt der graubraune Schatten des noch unbelaubten, unter Naturschutz stehenden Waldes, der alle Grundstücke auf dieser Straßenseite begrenzt. Und außerdem sieht sie seltsamerweise Tillie, die mitten auf ihrem Rasen steht. Sie trägt immer noch ihr blauweiß kariertes

Kleid und außerdem inzwischen einen breitkrempigen Strohhut, als wolle sie damenhaft ein wenig Gartenarbeit verrichten. Aber Tillie gärtnert nie. Catherine beobachtet aus ihrem Schlafzimmerfenster, wie Tillie sich auf dem Gelände umsieht, etwas zu erspähen scheint und zu der betreffenden Stelle marschiert. Sie bückt sich und hebt mit offensichtlicher Anstrengung ein Objekt vom Boden auf, das für Catherine wie ein großer, weißer Stein aussieht, der in Größe und Form einer Wassermelone ähnelt. Als sie etwas genauer hinschaut,

stellt Catherine fest, dass es sich tatsächlich um einen Stein handelt, um einen kleinen Findling, fast zu schwer für Tillie. Aber Tillie umklammert den Stein mit beiden Armen und beginnt in gekrümmter, unsicherer Haltung in Richtung Forsythien zu watscheln. Eine Bemerkung aus dem Telefongespräch am Morgen kommt Catherine in den Sinn "hinten zwischen unseren Grundstücken" -, und in diesem Moment weiß Catherine genau, was Tillie vorhat. Der Bau des Murmeltiers! Tillie will mit dem Stein die Höhle des Murmeltiers

verstopfen, von dem sie Catherine erzählt hat. Catherine ist entsetzt. Sie fühlt sich benommen und ihr ist übel, als ob sie Zeugin eines Mordes würde. Sie muss etwas tun; aber hinauszugehen und Tillie frontal zur Rede zu stellen wäre so, als wolle sie mit einer tollwütigen Wölfin diskutieren. In Wirklichkeit hat Catherine - obwohl sie sich das nur ungern eingesteht - generell Angst vor Tillie aus Gründen, die sie nicht einmal in Worte fassen kann. Warum sollte sie vor einer ziemlich unbedeutenden, siebzigjährigen Frau Angst haben?

Und wie konnte Tillie wissen, dass sie sie gerade jetzt vom Haus aus beobachten würde? Wusste sie es tatsächlich? Catherine fängt an, im Schlafzimmer auf- und abzugehen, vom Fenster zu dem alten Kleiderschrank aus Eiche und wieder zurück ans Fenster. Sie sieht, wie Tillie unbeholfen den Stein an einer Stelle kurz hinter den Forsythien fallen lässt, in der Mitte zwischen zwei kleinen Weidenbäumen am Waldrand. Catherine merkt sich die Stelle sorgfältig. Dann geht sie zurück zum Kleiderschrank und starrt sich

in dem antiken Spiegel an. Während Tillie versucht, lose Erde von ihrem Kleid zu schütteln, und dann über den Rasen zurück zur Terrasse stolziert, starrt Catherine weiterhin im Spiegel in ihre eigenen Augen. Das arme, kleine Tierchen, denkt sie ständig. Was soll es machen, wenn es in der Höhle eingesperrt ist? Schließlich weiß Catherine, was sie zu tun hat. Und sie muss es Fred erzählen; er kann helfen. Fred hatte im Zeitungsverlag einige seiner alten Freunde besucht. Als er nach Hause kam, erzählte Catherine ihm, was Tillie

getan hatte. Er sagte: "Na, diesmal hat Tillie wohl zwei Fliegen mit einer Klappe erwischt." "Wieso?" "Dich und das kleine Murmeltier, euch beide." "Ach so. Ja, das stimmt wohl, oder?", sagt Catherine schlechtgelaunt. "Sieht so aus. Bist du sicher, dass ich nicht rübergehen und es mit ihr ausdiskutieren soll?" "Ja. Sie würde es einfach wieder machen. Ich will dem Murmeltier helfen, so dass es in Sicherheit ist. Kommst du mit?" "Habe ich eine Wahl?" Catherine lächelt und nimmt ihn

in die Arme. "Eigentlich nicht", sagt sie. Sie bereiten gemeinsam das Abendessen zu, wie es ihre Gewohnheit ist, und warten bis etwa neun Uhr. Draußen ist es jetzt völlig dunkel. Fred will Taschenlampen mitnehmen; aber Catherine befürchtet, dass Tillie sie sehen könnte. "Sie wird wissen, dass wir ihn befreit haben, und ihn einfach morgen wieder einsperren." "Wir müssen wenigstens eine mitnehmen, um seinen Bau zu finden, wenn wir da sind." "Ja, das stimmt. Okay, vielleicht

eine ganz kleine Lampe? Aber wir schalten sie erst an, wenn wir da sind." Sie setzen sich im Schneckentempo auf dem Rasen in Bewegung, um in der Dunkelheit nicht zu stolpern. Fred führt und Catherine folgt ihm, mit den Armen ausgestreckt wie eine Schlafwandlerin, um ihr Gleichgewicht zu halten. Als sie das hintere Ende des Rasens erreicht haben, folgen sie der Forsythienhecke bis zum Ende. Dann macht Catherine in gespannter Erwartung, wie ein Kind, einen Schritt in die noch

tiefere Dunkelheit dahinter und hofft, dass sie mit den Händen und nicht ihrem Gesicht eine der Weiden finden wird. Sie ertastet einen Zweig, holt tief Luft und flüstert: "Okay, Fred. Die Taschenlampe." Fred nimmt die Lampe aus seiner Tasche, hält sie dicht über dem Boden und schaltet sie an. Nach einer Weile finden sie den melonengroßen Stein, schneller, als sie hoffen konnten, da er glatt und weiß ist und sich von der dunklen Erde abhebt. Catherine atmet aus und schiebt eine lose Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr. Sie und Fred

bücken sich und heben den Stein hoch. Es kommt ein erstaunlich kleines Loch im Boden zum Vorschein, bedenkt man, dass es von einem fetten kleinen Murmeltier benutzt wird. Catherine hat den Impuls, mit der Lampe in das Loch zu leuchten, um nach dem Bewohner zu sehen. Aber dann wird ihr klar, dass sie nicht viel würde sehen können und dass sie das Tier verschrecken könnte. Arm in Arm stolpert sie mit Fred unter Flüstern und unterdrücktem Gelächter zurück zum Haus. Tillie hat sie nicht gesehen. Als sie von ihrer Mission zurückkommen,

hatte Tillie bereits, wie üblich, seit mehreren Stunden getrunken und geschmollt. Sie sitzt auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer und schenkt sich Glenlivet ein in dem Versuch, die Monotonie ihres Lebens und die Idiotie, mit der sie sich ständig herumplagen muss, zu ertränken. Das einzige, was diesen Abend von einem beliebigen anderen unterscheidet, ist die Ansammlung von Umzugskartons um sie herum. In ihrem benebelten Zustand beglückwünscht sie sich zu ihrer brillanten Idee, dieses Mal kein "ZU VERKAUFEN"-Schild aufzustellen. Sie denkt bei sich: "Ich werde diese

Kretins überraschen - sie werden Augen machen, diese Idioten!" Der Nichtsnutz von Grundstücksmakler erzählt ihr ständig, dass sie sich selbst schadet, wenn sie kein Schild aufstellt, und eigentlich meint sie, dass sie auf eine bessere Offerte warten sollte. Der Käufer hat weniger als den von ihr geforderten Preis geboten. Aber Tillie kann nicht warten. Sie mochte noch nie warten. Ihre Zeit wird kommen, und zwar morgen früh. Und dann wird jedermann in dieser ganzen fürchterlichen Nachbarschaft durch ihren Umzug völlig schockiert sein. Das steht für

sie fest. Der Makler begreift nicht, warum Diskretion wichtig ist, aber er ist ein Trottel - warum also auf ihn hören? Sie hat schon früher Verluste weggesteckt, wenn sie schnell aus einem Haus ausziehen wollte. Es gehört alles zum Spiel, denkt sie sich. Gehört alles zum Spiel. Man kann nicht an einem Ort leben, wo die Leute nicht auf einen hören. Und ihnen zum Abschied einen kräftigen Hieb zu versetzen ist äußerst wichtig. Tillie hat von ihrem verstorbenen Vater ein Treuhandvermögen geerbt, aus dem sie den größten Teil ihres Lebens ihren Unterhalt

bestritten hat. Heutzutage pflegt sie zu sagen, sie sei "im Ruhestand", aber sie hat nie richtig gearbeitet. Als sie noch jünger war, hat sie manchmal Aquarelle gemalt, aber nie eines davon verkauft. Sie würde gerne stattlichere Häuser kaufen, aber ihre elende Mutter ist immer noch am Leben, und so kann sie nicht an den Rest des Geldes heran. Ihre Mutter ist fast hundert Jahre alt und immer noch nicht gestorben. Tillie sitzt in diesen schrecklichen bürgerlichen Vororten fest, wohl wissend, dass sie sich von Rechts wegen einen aufwändigeren Lebensstil leisten

können sollte. Sie besucht regelmäßig ihre Mutter, da sie keinesfalls enterbt werden will; und die bettlägerige alte Frau erinnert sie immer an einen halbgerupften Wellensittich, der in seinem Käfig krächzt. Was sie zu sagen hat, ist ungefähr genauso interessant. Eigentlich ist gar nichts sonderlich interessant, wirklich. Das Nagetier zu ersticken war für ein paar Minuten eine Abwechslung, und sie hofft, dass Catherine zugesehen hat. Es würde sie der Schlag treffen. Aber dann war das Projekt abgeschlossen, und es gab nichts anderes zu tun. Sie kann sich nicht

vorstellen, was diese absurden Leute um sie herum tun; sie scheinen immer so ausgelastet zu sein, während sie durch ihre belanglosen Leben hetzen. Sie müssen erbsengroße Gehirne haben. Sie schenkt sich noch einen Drink ein und kippt ihn hinunter. Ein Bild, das sie gemalt hat als sie etwa zwanzig war, ist noch nicht in einen Karton gepackt und hängt über dem unbenutzten Kamin, so ausgeblichen, dass man das Motiv im Schatten des spärlich erleuchteten Zimmers kaum erkennen kann.

Zusammengekauert sitzt sie auf dem Sofa, blickt hinauf zu dem Bild und erinnert sich dunkel an die Strandszene, die sie vor vielen Jahrzehnten gemalt hat. Dann sieht sie nur noch die funkelnden Sterne vor ihren Augen, auf die sie an den meisten Abenden ihres Lebens wartet, bevor sie ins Koma sinkt. Der nächste Tag ist ein Samstag, ein bisschen kühler als gestern, mit keiner Wolke am Himmel. Auf der anderen Seite der Straße, ein paar Häuser weiter, öffnet Sunny die Spitzengardinen vor ihrem Vorderfenster, und als das Sonnenlicht hereinströmt, genießt

sie den erhebenden Anblick ihres Autos, das dort geparkt ist, wo es hingehört - auf der Straße. Und dort wird sie es auch weiterhin parken. Fred hat gestern nach dem Mittagessen mit dem Polizeichef gesprochen und alles für sie g e r e g e l t . "F rei h ei t ", atmet sie erleichtert auf. Sie überlegt, was sie für Fred und Catherine tun kann. Vielleicht könnte sie ihnen etwas backen. Bei der Vorstellung, wie sehr die beiden sich darüber freuen würden, bekommt sie noch bessere Laune. In dem Haus am Hang hat Greta ein freies Wochenende, und sie und

Jerry schlafen lang. Als sie allmählich wach werden und hinaus in den Wintergarten gehen, um Kaffe zu trinken, bemerken sie einen großen Umzugswagen in Tillies Einfahrt. "Ist das wirklich wahr?", fragt Jerry und starrt den Lastwagen an. "Oder sind wir noch im Bett und träumen?" "Das muss ein Traum sein", sagt Greta und starrt ebenfalls. "Ich habe nie ein Verkaufsschild gesehen. Hast du jemals ein Schild da drüben gesehen?" "Nein." In diesem Moment kommen zwei

Männer in Overalls aus Tillies Haus; zwischen sich tragen sie ein Sofa. Greta und Jerry sehen sich an und beginnen zu lachen. Jerry lacht so sehr, dass er etwas von seinem Kaffee verschüttet. Greta fragt ihn, "Was meinst du, warum hat sie das geheimgehalten?" "Was sind überhaupt ihre Gründe? Aber das ist doch jetzt nicht mehr wichtig, oder? Unglaublich." Greta wird für einen Moment nachdenklich und sagt dann: "Was meinst du, wie alt ist sie?" "Ich weiß nicht. Jedenfalls nicht

mehr jung." "Ich frage mich, ob sie jemals Kinder hatte. Herrje - kannst du dir vorstellen, eines ihrer Kind er zu sein?" "Noch schlimmer - kannst du dir vorstellen, sie zu sein?" "Also, meinst du, sie müsste uns Leid tun?", fragt Greta. Jerry grinst und macht eine abschätzige Handbewegung in Richtung der entfernten Umzugsszene. "Nun, da bin ich nicht sicher, mein Schatz. Aber wenn wir sie bemitleiden wollen, dann doch bitte beim Frühstück, okay? Denk an den Strudel!"

"Ja!", sagt Greta und schmatzt genüsslich. Sie nimmt die Kaffeebecher, und die beiden geben den Blick aus dem Wintergarten auf, um sich dem Gebäck in der Küche zu widmen. Da sie in dem Haus neben Tillie wohnen, bemerken auch Catherine und Fred die Aktivitäten der Männer aus dem Umzugswagen und fragen sich, warum sie nie ein Verkaufsschild gesehen oder von Tillie gehört haben, dass sie wegzieht. Fred rollt wieder mit den Augen, und Catherine schüttelt den Kopf. Aber dann werden sie erneut von einem Anruf abgelenkt, dieses

Mal von ihrer Tochter und dem Schwiegersohn, die ankündigen, dass sie in zwei Wochen mit ihrer vierjährigen Tochter Katie zu einem Besuch herüberfliegen werden. Catherine ist außer sich vor Aufregung, und Tillies Umzug, der weiterhin draußen stattfindet, ist vergessen. Zwei Stunden später, als der Lastwagen vor Tillies Haus abfährt, bekommt das niemand mit. Alles ist wieder ruhig. Hinter dem Haus von Catherine und Fred, bei den Forsythien am entfernten Ende der Hecke, kraxelt das Murmeltier aus seinem zweiten

Loch und richtet sich so weit wie möglich auf seinen kurzen Hinterbeinen auf. Seine schwarzen Äuglein glitzern im hellen Sonnenlicht, als es zu einem großen weißen Stein hinübersieht, der in der Nähe seines ersten Loches liegt, am anderen Ende der gelben Hecke. Dann blickt es auf, in Richtung des leeren Hauses von Tillie. Schließlich wird seine Aufmerksamkeit von einem Büschel Löwenzahn gefesselt, das aus der weichen Erde vor ihm sprießt. Ein weiteres, etwas kleineres Murmeltier zwängt sich aus dem Loch. Sie setzen sich in

Murmeltier-Fasson hin, genießen gemeinsam ein entspanntes Mittagessen frischer Stiele, und trollen sich dann in den Wald. ZWÖLF das gewissen in seiner reinsten form: die Wissenschaft plädiert für die moral Er ist kein perfekter Muslim, der sich satt isst und seinen Nachbarn hungern lässt. —Mohammed Was nützt es einem Menschen,

wenn er die ganze Welt gewinnt und seine eigene Seele verliert? —Jesus Der Mann, der das Atom zu spalten weiß, aber keine Liebe im Herzen trägt, wird zu einem Ungeheuer. —Krishnamurti Auf die eine oder andere Weise ist ein Leben ohne Gewissen ein gescheitertes Leben. Diejenigen unter uns, die lieben und ein Gewissen besitzen, haben wirklich großes Glück, selbst im alltäglichen Leben von Arbeit, reflexartigem

Geben und Nehmen und kleinen Freuden. Und in der Regel ist das Gewissen genau das: reflexartig und alltäglich. Ohne Fanfaren und zumeist unbemerkt verleiht das Gewissen unseren normalen und spontanen alltäglichen Interaktionen mit jedem und allem um uns herum stückchenweise Sinn. Catherine und Fred haben nicht an hochfliegende Ideale gedacht, als sie sich daranmachten, das Murmeltier zu befreien - das, wie sich dann herausstellte, überhaupt nicht eingesperrt war. Sie waren nicht pflichtbewusst oder

mutig, nicht sonderlich effektiv und bestimmt nicht rational. Es erschien ihnen einfach richtig, dem Tier zu helfen, und es gab ihnen irgendwie ein gutes Gefühl. Den Stein zu versetzen war, um eine alte und universell verstandene Redewendung zu verwenden, "gut für ihre Seelen". Was das Gewissen betrifft, ist die westliche Kultur im Laufe der Jahrhunderte vom Glauben an ein unabänderliches, gottgesandtes Wissen um Richtig und Falsch über den Glauben an das Freudsche Konzept eines strafenden Über-Ichs zu der Auffassung gelangt, dass das

Gewissen auf unserer normalen und positiven Verbundenheit untereinander basiert. Als ein intervenierendes Gefühl der Verantwortlichkeit, das in unseren emotionalen Bindungen wurzelt, hat sich das Gewissen zu einem rein psychologischen Konstrukt entwickelt. Aber in gewisser Hinsicht schließt sich der philosophische Kreis zu seinen kirchlichen Anfängen und lässt so das Gewissen zu einem Berührungspunkt zwischen Psychologie und Spiritualität werden, zu einem Thema, bei dem die Empfehlungen der Psychologie

und die Lehren der bedeutendsten religiösen und spirituellen Traditionen der Welt völlig übereinstimmen. In einer bemerkenswerten Konvergenz selbst die radikalen Materialisten und die Mystiker treffen sich hier in stillschweigender Übereinkunft stimmen Verhaltenswissenschaften, Evolutionspsychologie und alle traditionellen Theologien darin überein, dass es außerordentlich vorteilhaft ist, ein starkes Gewissen zu haben, und dass das völlige Fehlen eines Gewissens in aller Regel in die Katastrophe führt,

sowohl für Gruppen als auch Individuen. Ein Psychologe würde sagen, dass unser Verhalten uns natürlich erscheint (oder "ichgerecht"), wenn wir Verantwortung für das Wohlergehen anderer übernehmen, und dass unser Lebensglück dadurch gesteigert wird. In der Bibel heißt es schlicht: "Geben ist seliger denn Nehmen". Als Psychologin kann ich Ihnen versichern, dass das Fehlen eines auf emotionalen Bindungen basierenden, intervenierenden Gefühls der Verantwortlichkeit zu einem endlosen und für gewöhnlich

vergeblichen Streben nach Dominanz führt und eine schwer gestörte Lebenstüchtigkeit und schließlich Verfall mit sich bringt. Buddha hat es so gesagt: "Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Spricht oder handelt ein Mann mit reinen Gedanken, folgt ihm das Glück wie ein Schatten, der ihn nie verlässt." In ihrer psychologischen Studie von Menschen mit einem außergewöhnlichen Gewissen schreiben Anne Colby und William Dämon: "Eine Positivität, die Optimismus, Liebe und Freude umfasst, ist ... eng verbunden mit

Moral, wie wir an den Lebensläufen unserer Vorbilder erkennen können." Und auch hier stimmt Buddha zu; er sagt: "Um sicher durch das Labyrinth des menschlichen Lebens zu gehen, braucht man das Licht der Weisheit und die Führung der Tugend." Und natürlich gibt es auch die Goldene Regel, die die älteste wechselseitige Ethik der menschlichen Rasse ist und die vielleicht prägnanteste und funktionellste Moralphilosophie, die jemals ersonnen wurde. Konfuzius hat lediglich ein noch älteres chinesisches Sprichwort zu

Papier gebracht, als er schrieb: "Was man selbst nicht wünscht, das füge man anderen nicht zu", und als Jesus gesagt hat: "Alles nun, was ihr wollt, das die Menschen euch tun, ebenso sollt auch ihr ihnen tun", bezog er sich auf ein altüberkommenes jüdisches Sprichwort, das befahl: "Was dir verhasst ist, das tu auch deinem Nächsten nicht an! Dies ist das Gesetz: Der ganze Rest ist Kommentar." Das Mahabharata sagt den Anhängern des Hinduismus: "Dies ist die Summe des Dharmas: Füge keinem anderen zu, was dir Schmerzen bereiten

würde, wenn es dir zugefügt würde." Und auch in den Naturreligionen findet sich die Goldene Regel - die Joruba in Nigeria sagen: "Bevor einer mit spitzem Stock ein Küken sticht, soll er es erst an sich selbst probieren, um zu fühlen, wie es schmerzt." Und Schwarzer Elch, der religiöse Führer der Lakota*, hat gelehrt: "Alle Dinge sind unsere Verwandten; was wir allem zufügen, das fügen wir uns selbst zu. Alles ist in Wirklichkeit Eins." Die wenigen Religionen, die das Prinzip der wechselseitigen Moral nicht befolgen, sind in heutiger Zeit

entstanden und lassen im Grunde genommen durch ihren eisigen Charakter die warmherzige Moral der urtümlichen Goldenen Regel als noch attraktiver erscheinen. Zur Illustration könnte man das "Creativity Movement" anführen, eine militant antisemitische und antichristliche Gruppierung, die sich früher als "World Church of the Creator" bezeichnet hat. Diese Religion beruht auf der Liebe zur "Weißen Rasse" und schreibt vor, alle Menschen anderer Rassen zu hassen. Innerhalb dieser Doktrin ist jeder, der nicht "Weiß" ist, per definitionem ein Angehöriger der

"Schlammrassen". Die zentrale Maxime des Creativity Movement lautet: "Ist etwas gut für die Weiße Rasse, ist es höchste Tugend; ist etwas schlecht für die Weiße Rasse, ist es schlimmste Sünde." Es ist nicht überraschend, dass es das langfristige Ziel des Creativity Movement ist, die Weltherrschaft der "Weißen Rasse" herbeizuführen. Im willkommenen Gegensatz dazu glauben die meisten religiösen und spirituellen Traditionen an die Goldene Regel und auch an die eine oder andere Variante der Überzeugung von Schwarzer Elch:

"Alles ist in Wirklichkeit Eins". Die Unteilbarkeit, das Einssein ("oneness") ist für einige Religionen ein fundamentalerer Grundsatz als für andere. Während zum Beispiel die judäischchristliche Tradition ihre Anhänger anweist, ihre Nachbarn zu lie* Anmerkung des Übersetzers: Die Lakota sind ein Unterstamm der Sioux-Indianer und gehören zur nordamerikanischen Urbevölkerung. ben, lehrt der fernöstliche Mystizismus, dass Individualität -

das Ego - von vornherein eine Illusion ist, dass wir nicht von Gott oder einander verschieden sind und daher, in einem spirituellen Sinne, unsere Nachbarn sind . In seinem B u c h Peace Is Every Step74* versucht der vietnamesische Buddhismus-Lehrer Thich Nhat Hanh diesen Aspekt fernöstlichen Denkens für Abendländer zu erklären, indem er von "inter-sein" spricht. Wir seien unentrinnbar und untrennbar mit jedem und allem im Universum verbunden, und dieser Zustand des Interseins sei der Grund, warum wir nicht egoistisch (und eitel) individuelle Besitztümer

und Macht anstreben sollten. Der Glaube an die Unteilbarkeit ist ebenfalls - wenn auch weniger offensichtlich - ein Bestandteil der judäisch-christlichen Tradition. Als 1939 abermals ein verheerender Versuch, die Weltherrschaft zu erlangen, Europa erschütterte, hielt der jüdische Theologe und Philosoph Martin Buber in Tel Aviv vor dem Nationalkongress jüdischer Lehrer Palästinas eine Rede.75 Er beendete seine Ausführungen mit den Worten: "Nichts bleibt, als was über dem Problemungetüm des heutigen Abgrunds, wie über den Abgründen von je, sich erhebt, der

Flügelschlag des Geistes und das schaffende Wort. Aber wer aus der Einheit sehen und hören kann, wird auch wieder schauen und vernehmen, was sich ewig schauen und vernehmen lässt. Der Erzieher, der dazu hilft, den Menschen wieder zur eigenen Einheit zu bringen hilft dazu, ihn wieder vor das Angesicht Gottes zu stellen." In welcher Tradition auch immer sie angewandt werden mögen spirituelle Praktiken mit dem Ziel, ein Bewusstsein für Intersein zu schaffen, haben oft den faszinierenden psychischen

* Anmerkung des Übersetzers: Dieses Buch ist 1991 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Ich pflanze ein Lächeln: Der Weg der Achtsamkeit im Goldmann-Verlag (München) erschienen. Nebeneffekt, dass sie ihren ergebensten Anhängern ein hohes Maß irdischen Glücks vermitteln, fast unabhängig von den äußeren Umständen. In dem Buch Destructive Emotions: A Scientific Dialogue with the Dalai Lama76*, einer Kollaboration des Psychologen Daniel Goleman und Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama,

schreibt Goleman: "Der reine Akt der Anteilnahme am Wohlergehen anderer scheint von sich aus das eigene Wohlergehen zu steigern." In jüngerer Vergangenheit hat sich eine wachsende Zahl von Wissenschaftlern diesem Eindruck angeschlossen. Auf einem Kongress über Wissenschaft und Geist im Jahr 2002, der auch vom Dalai Lama besucht wurde, merkte der renommierte australische Neurobiologe Jack Pettigrew an: "Wenn man nach Dharamsala [Heimstatt der tibetischen Gemeinde im indischen Exil] reist, steigt man im mittwinterlichen

Nebel auf und kommt im hellen Sonnenschein heraus - es ist, als stiege man zum Himmel auf. Was einem sofort auffällt, sind die glücklichen, lächelnden Gesichter der Tibeter, die nicht viel haben, schreckliche Entbehrungen ertragen mussten und doch glücklich sind. Nun denn: Warum also sind sie glücklich?" Der Dalai Lama selbst ist daran interessiert, diese Frage wissenschaftlich zu beantworten und eine weltliche Methode zu finden, um das mitfühlende Bewusstsein für Intersein zu schaffen, das von überzeugten

Anhängern der tibetischbuddhistischen Meditation erlangt wird. Zu diesem Zweck hat er eine internationale Serie von Dialogen zwischen Wissenschaftlern und Buddhismus-Gelehrten initiiert, deren bislang letzter 2003 stattgefunden hat und unter anderem vom "Mind and Life Institute" in Colorado und dem "McGovern Institute of the Massachusetts Institute of * Anmerkung des Übersetzers: Dieses Buch ist 2003 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Dialog mit dem Dalai Lama: Wie wir

destruktive Emotionen überwinden k ö n n e n im Hanser-Verlag (München) erschienen. Technology" gefördert wurde. Er erhofft sich von diesen Dialogen praktische Lösungsansätze für die destruktiven Stimmungen, die sowohl die Buddhisten als auch die Wissenschaftler für die Ursachen menschlicher Konflikte und Leiden halten. Als Psychologin bin ich besonders angetan von der Beschreibung des Dalai Lama jener Menschen, die ich als Soziopathen bezeichnen würde oder als frei von einem auf der

Verbundenheit mit anderen basierenden, intervenierenden Gefühl der Verpflichtung. Er bezeichnet solche Individuen als "Menschen, die kein gut entwickeltes menschliches Leben haben." Namentlich hat der Dalai Lama über die Anschläge auf das World Trade Center gesagt: "Technologie ist eine gute Sache, aber ihr Einsatz durch Personen, die keine gut entwickelten menschlichen Leben haben, kann katastrophal sein."77 In dem Maße, wie die Fähigkeit einer Person, ein gut entwickeltes menschliches Leben zu haben,

durch ihre eigenen grauen Zellen erleichtert oder beschränkt wird, unterstreicht diese buddhistische Sicht der Soziopathie eine der interessantesten Konvergenzen überhaupt, und zwar die von Religion und Neurobiologie. Vielleicht ist Soziopathie eine Lektion des Lebens, die nicht durch eine bestimmte körperliche Fähigkeit oder Behinderung gelehrt wird, sondern durch emotionale Debilität. Mit anderen Worten: Manche Menschen müssen lernen wie es ist, keine Beine zu haben oder sehr schön oder ein Bettler zu sein, während andere, die kein

Gewissen haben, lernen müssen, was es bedeutet, sich nicht um andere Menschen sorgen zu können. Darin liegt eine Ironie, denn dieser Zustand des Karmas könnte, wenn man so will, einen Grund darstellen, Soziopathen bemitleidenswert zu finden - so wie wir ein blindes Waisenkind bemitleiden würden, ob wir nun an die Wege des Karmas glauben oder nicht. Wenn auch die Bedeutung von Anteilnahme und dem Gefühl des Einsseins von der Psychologie erkannt worden ist, hat allerdings die psychologische Forschung

bislang noch keine direkten Verfahren entwickelt, dieses Bewusstsein zu erlangen - und so lässt sie Soziopathen und insbesondere unsere gesünderen Jünger ziemlich im Stich, wenn es um die Stärkung des Gewissens geht. Als Wege, die Lebenszufriedenheit zu steigern, empfehlen Psychologen zunehmend eine Moralerziehung für normale Kinder und Wohltätigkeit und ehrenamtliche Betätigungen für Erwachsene; aber Psychologen haben sich traditionell mehr für Bestrebungen interessiert, die "interpersonelle Abgrenzung zu

stärken" und die "Selbstsicherheit zu trainieren". In dieser Hinsicht erinnert mich die Psychologie im Vergleich zur Spiritualität an den hungrigen Reisenden in der uralten indischen Parabel "Der Stein der weisen Frau". Eine Version dieser Parabel, deren Urheber seit Menschengedenken vergessen ist, findet sich in einer Sammlung von Erzählungen,79 die von Arthur Lenehan zusammengetragen wurde und 1994 - ironischerweise - bei "The Economics Press" erschienen ist: Eine weise Frau reiste durch die

Berge und fand in einem Fluss einen kostbaren Edelstein. Am nächsten Tag traf sie einen anderen Reisenden, der hungrig war, und die weise Frau öffnete ihren Beutel, um ihren Proviant zu teilen. Der hungrige Reisende sah den kostbaren Edelstein und bat die Frau, ihm den Stein zu geben, was sie ohne Zögern tat. Der Reisende zog von dannen und frohlockte ob seines Glücks. Er wusste, dass der Wert des Steins unermesslich war und ihm bis ans Ende seiner Tage ein sorgenfreies Leben bieten würde. Aber einige Tage darauf kehrte er zurück, um

der weisen Frau den Stein zurückzugeben. "Ich habe nachgedacht", sagte er. "Ich weiß, wie wertvoll der Stein ist - aber ich gebe ihn dir zurück in der Hoffnung, dass du mir etwas noch Wertvolleres geben kannst. Gib mir das, was du in dir trägst und was dich bewog, mir den Stein zu geben." Die weisen und glücklichen tibetischen Buddhisten, und mit Sicherheit der Dalai Lama selbst, erinnern an Colby und Dämons Vorbilder mit extrem ausgeprägtem Gewissen, wie zum Beispiel Suzie

Valadez, die die Armen in Mexiko speiste und den ehemaligen College-Rektor Jack Coleman, der versucht hat, sein Gefühl des Interseins und seine Anteilnahme zu stärken, indem er als Straßenarbeiter, Müllmann, Obdachloser lebte. Sowohl die buddhistischen Mönche als auch die psychologischen Vorbilder illustrieren, dass das durch ein extremes Gewissen entstehende Bewusstsein das Leben eines Menschen besser und ihn selbst glücklicher macht. Dieses Glück ist nicht das Produkt einer kognitiven Strategie und entsteht auch nicht

durch Abschieben der Verantwortung für vorübergehende Misserfolge auf den Kosmos, während man dauerhafte Erfolge der eigenen Leistung zuschreibt. Im Gegenteil, Colby und Dämon haben berichtet, dass die meisten ihrer moralischen Vorbilder hartnäckige Realisten waren in Hinsicht auf die Umstände des menschlichen Lebens und ihre eigenen, beschränkten Möglichkeiten, diese Umstände zu verändern. Nein, statt auf bloßer kognitiver Anpassung beruht ein außergewöhnliches Gewissen auf der starken und bestärkenden Empfindung, Teil

eines größeren Ganzen zu sein. In der Tat, das Gewissen scheint der Nexus von Psychologie und Spiritualität zu sein; er offenbart sich durch die mittlerweile gewonnenen Erkenntnisse der Psychologen über die einzigartig erhebenden Auswirkungen einer Moral, die auf emotionaler Verbundenheit beruht. In religiösen und spirituellen Begriffen wird das Erleben an diesem Genlocus durch Einssein, Unteilbarkeit oder Intersein bezeichnet; in der Psychologie wird es Gewissen oder Moral genannt. Wie immer man es auch nennt, es ist ein starker

Integrator menschlichen Denkens, Fühlens und Verhaltens, der in unserer urzeitlichen biologischen Vergangenheit verwurzelt ist. Durch unsere Gene, unser Gehirn und vielleicht letztlich durch unsere Seele ist es zu einer schützenden, produktiven und ausgleichenden Kraft in unserem psychischen und sozialen Leben geworden, und seit Jahrtausenden hat es unsere transzendenten Traditionen und die vortrefflichsten Exponenten der menschlichen Rasse beeinflusst. Das Gewissen ist die kleine, leise Stimme, die seit den Ursprüngen unserer Art uns sagen will, dass wir

evolutionär, emotional und spirituell Eins sind, und dass wir uns entsprechend verhalten müssen, wenn wir Frieden und Glück erlangen wollen. Das Gewissen, und zwar einzig und allein das Gewissen, kann uns aus unserer Haut in die Haut eines anderen zwingen oder gar zum Kontakt mit dem Absoluten. Es basiert auf unseren emotionalen Bindungen zu anderen. In seiner reinsten Form wird es Liebe genannt. Und, wie wunderbar, sowohl Mystiker als auch Evolutionspsychologen, die sich über nicht viel anderes einig sind,

stimmen darin überein, dass ein Mensch kraft seines normalen Wesens mit größerer Wahrscheinlichkeit liebevoll sein wird als bösartig. Diese Schlussfolgerung signalisiert eine atemberaubende Abweichung von unserem üblichen, zynischeren Selbstbild. Theologen und Wissenschaftler sind sich ebenfalls darüber einig, dass es zweierlei menschliche Fehler gibt, die unsere im Allgemeinen gütige Natur konterkarieren. Der erste Fehler ist der Drang des Einzelnen, andere Menschen und die Welt zu

beherrschen. Dieser Impuls bringt die Illusion mit sich, dass Dominanz ein erstrebenswertes Ziel sei - eine Illusion, die in der soziopathischen Psyche am hartnäckigsten fixiert ist. Und der zweite tragische Fehler ist die moralische Ausgrenzung. Wir kennen die endlosen Gefahren, die es mit sich bringt, den "Anderen" zum Untermenschen abzustempeln - das andere Geschlecht, die andere Rasse, den Ausländer, den "Feind", vielleicht sogar den Soziopathen selbst -, und deshalb ist die Frage, wie man mit dem moralisch Geächteten verfahren solle, eine

aus theologischer und psychologischer Sicht so schwierige. Wie begegnen wir der potenziell katastrophalen Herausforderung durch Menschen, die schlechterdings "kein gut entwickeltes menschliches Leben haben"? Bis jetzt hat die Psychologie diese Frage völlig unbeantwortet gelassen, obwohl sie zunehmend dringlicher wird, da die Zeit verstreicht und Technologie größere Verbreitung findet. Denn schließlich lernt auch der Teufel dazu. Geht es um die Frage, wer sich glücklicher schätzen kann - der

Mensch, der rücksichtslos nur seine eigenen Interessen verfolgt, oder Sie, der Sie ihrem Gewissen verpflichtet sind - nun, ich bitte Sie erneut, sich vorzustellen, welch ein Mensch Sie wären, wenn Sie keinen siebten Sinn hätten. Aber dieses Mal, während Sie sich Ihren enormen Einfluss und Reichtum ausmalen oder Ihr Leben als unbekümmerter Müßiggänger, denken Sie bitte daran, wie das Gewissen - und nur das Gewissen ein Leben bereichern kann und wie es Ihres bereichert hat. Stellen Sie sich in aller Klarheit das Gesicht eines Menschen vor, den Sie mehr

als Ihren gesamten irdischen Besitz lieben, jemanden, für den Sie ohne Zögern in ein brennendes Gebäude laufen würden, sollte das notwendig sein - Vater oder Mutter, einen Bruder, eine Schwester, einen lieben Freund, Ihren Lebenspartner, Ihr Kind. Versuchen Sie, sich dasselbe Gesicht vorzustellen - das Gesicht des Vaters, der Mutter, einer Tochter, eines Sohnes -, wenn es weint vor Kummer oder friedlich und fröhlich lächelt. Und nun stellen Sie sich für einen Moment lang vor, dass Sie dieses Gesicht endlos anschauen könnten,

ohne irgendetwas zu fühlen - keine Liebe, keinen Wunsch zu helfen oder auch nur zurückzulächeln. Aber verweilen Sie nicht zu lange bei dieser beklemmenden Leere wenn sie auch lebenslang anhalten würde, wären Sie ein Mensch ohne Gewissen, ein Mensch, der ohne Reue jegliche Schandtat begehen könnte. Kehren Sie stattdessen zurück zu Ihren Gefühlen. In Ihrer Vorstellung, schauen Sie das Gesicht an, das Sie lieben, streicheln Sie eine Wange, hören Sie ein Lachen. So segnet das Gewissen jeden Tag unsere individuellen Leben mit

Sinn. Ohne es wären wir emotional hohl und gelangweilt und würden unsere Tage damit vertun, selbst erfundenen, eintönigen, törichten Spielen nachzugehen. Für die meisten von uns ist das Gewissen fast immer so normal, so alltäglich und so spontan, dass wir es gar nicht bemerken. Aber das Gewissen ist auch viel größer, als wir es sind. Es ist die eine Seite einer Konfrontation zwischen der uralten Splittergruppe des amoralischen Egoismus, die schon immer psychologisch und spirituell verdammt war, und einem Kreis moralischer Seelen, der ebenso

zeitlos ist. Als Psychologin und Mensch entscheide ich mich ich für die Menschen, die ein Gewissen haben, die liebevoll und fürsorglich sind, für die großzügigen und sanftmütigen Seelen. Ich werde am meisten berührt von Persönlichkeiten, die der Überzeugung sind, dass man niemanden verletzen darf und dass Herzensgüte richtig ist und deren Handlungen in aller Stille und an jedem Tag ihres Lebens diese Moral befolgen. Sie sind eine autonome Elite. Sie sind alt oder jung. Sie sind seit Jahrhunderten von uns gegangen, sie sind das Ungeborene,

das morgen zur Welt kommen wird. Sie entstammen jeglicher Nation, Kultur und Religion. Sie sind die Exponenten unserer Art mit einem hervorragenden Bewusstsein und klaren Zielen. Und sie sind - und waren es schon immer - unsere Hoffnung. anmerkungen Einführung: Ein Gedankenspiel Siehe K. Barry et al. (1997), "Conduct Disorder and Antisocial Personality" in "Adult Primary Care P a t i e n t s " , J o u r n a l o f Family Practice 45: 151-158; R. Bland, S.

N e w m a n und H. Orn (1988), "Lifetime Prevalence of Psychiatric D i s o r de r s in Edmonton", Acta Psychiatrica Scandinavica 77: 2432; J. Samuels et al. (1994), "DSMIII Personality Disorders i n the Community", American Journal of Psychiatry 151: 1055-1062; und U.S. Department o f Health and Human Se rv i ce s , Substance Abuse and Mental Health Statistical S o u r c e b o o k , Rockville, MD: Substance Abuse and Mental Health Services Administration 1991. 1 Seit zweihundert Jahren wurde die Soziopathie in der westlichen

Welt unterschiedlich definiert und mit einer Reihe verschiedener Bezeichnungen belegt. Eine detaillierte Darstellung solcher Bezeichnungen und Diagnosen findet sich in T. Millon, E. Simonsen und M. Birket-Smith, " H i s t o r i c a l Conceptions of Psychopathy i n t h e United States and Europe" i n Psychopathy: Antisocial, Criminal, and Violent Behavior (T. Millon et al., Hrsg.), New York: Guilford Press 1998. 2 American Psychiatric A s s o c i a t i o n , Diagnostic and Statistical Manual o f Mental Disorders, 4. Ausg., Washington,

D.C.: American Psychiatric Association 1994. Für detaillierte Beschreibungen und Kritiken der Feldversuche der APA zur Validierung der aktuellen Diagnosekriterien, siehe The DSMIV Personality D i s o r d e r s (W. Livesley, Hrsg.), New York: Guilford Press 1995. 3 Siehe zum Beispiel R. Hare (1996), "Psychopathy: A Clinical Construct Whose Time Has Come", Criminal Justice and Behavior 23: 25-544 Der allgemein akzeptierte Begriff ist "Flachheit des Gefühls" ("shallowness of emotion"), obwohl

im Falle der Soziopathie "Abwesenheit von Gefühl" ( " a b s e n c e o f emotion") eine zutreffendere Beschreibung wäre. 5 M . Stout (2001), The Myth of Sanity: Divided Consciousness and the Promise of Awareness, New York: Viking Penguin. 6 R. Hare e t a l . (1990), "The Revised Psychopathy Checklist: Descriptive Statistics, Reliability, and Factor Structure", Psychological Assessment 2: 338341. 7 R. Hare ( 1999) , Without Conscience: The Disturbing World of the Psychopaths Among Us, New

York: Guilford Press, S. 207. 8 H. Cleckley (1976), The Mask of Sanity, 5. Ausg., St. Louis, MO: Mosby, S. 90. 10 Für eine Übersicht der Forschung über Probleme, die Soziopathie mit sich bringt, siehe D. Black und C. Larson (2000), Bad Boys, Bad Men: Confronting Antisocial Personality Disorder, Oxford: Oxford University Press. Siehe auch D. Dutton mit S. Golant ( 1 9 9 5 ) , The Batterer: A Psychological Profile, New York: Bas ic Books; G. Abel, J. Rouleau und J. Cunningham-Rathner (1986), "Sexually Aggressive

Behavior" i n Forensic Psychiatry and Psychology (J. Curran, A. M c G a r r y u n d S. Shah, Hrsg.), Philadelphia: F. A. Davis; L. G r o s s m a n u n d J. Cavenaugh (1990), "Psychopathology and Denial in Alleged Sex Offenders", Journal of Nervous and Mental Disease 178: 739-744; J. Fox u nd J. L e v i n ( 1 9 9 4 ) , Overkill: Mass Murder and Serial Killing Exposed, New York: Plenum Press; u n d R. Simon (1996), Bad Men Do What Good Men Dream, Washington, D.C.: American Psychiatric Press. 11 Black Sabbath (1970), "Luke's Wall/War Pigs", Paranoid. Warner

Bros. Records. 1 2 Fitzgerald, Tender Is the Night. Kapitel 1. Der siebte Sinn 13 Siehe G. Evans (2002), Mediaeval Commentaries on the S e n t e n c e s of Peter Lombard, Leiden, NY: E. J. Brill. 14 Siehe Augustinus, Confessions (H. Chadwick, Übers.), Oxford, OH: Oxford Press 1998; und R. Saarinen (1994), Weakness of the Will in Medieval Thought from Augustine to Buridan, Leiden, NY: E. J. Brill. 15 Siehe Summa Theologiae: A Concise Translation (T.

M cD e rm o t t , H r s g . ) , Allen, TX: Thomas More 1997; B. Kent (1989), "Transitory Vice: Thomas Aquinas on Incontinence", The Journal of the History of Philosophy 27: 199223; und T. Potts (1980), Conscience in Medieval Philosophy, Cambridge: Cambridge University Press. 16 Siehe S. Freud, The Ego and the Id i n The Standard Edition of the Complete Psychological Works o f Sigm u n d F r e u d ( ] . Strachey, Hrsg.), New York: W. W. Norton 1990; und S. Freud, Civilisation and Its Discontents, ibid.

Kapitel 2. Menschen aus Eis: Die Soziopathen R . Hare , Without Conscience, S. 208. 17 J. Goodall (2000), Through a Window: My Thirty Years with the Chimpanzees ofGombe, New York: Houghton Mifflin, S. 210-211. K a pi t e l 3 . Wenn das normale Gewissen schläft E. Staub (1989), The Roots of Evil: The Origins of Genocide and Other Group Violence, Cambridge: Cambridge University Press. Siehe a u c hE . Staub (2001), "Ethnopolitical and Other Group

Violence: Origins and Prevention" i n Ethnopolitical Warfare: Causes, Consequences, and Possible S o l u t i o n s (D. Chirot u n d M. Seligman, Hrsg.), Washington, D.C.: American Psychological Association; u n d N. Smith (1998), " T h e Psycho-Cultural Roots of Genocide", American Psychologist 53: 743-75319 Für Beschreibungen und Beispiele dissoziativer Zustände, siehe M. Stout, The Myth of Sanity. Für eine Abhandlung der möglichen Auswirkungen dissoziativer Phänomene auf ganze Populationen, siehe L. deMause

( 2 0 0 2 ) , The Emotional Life of Nations, New York: Karnac. 20 S. Milgram (1963), "Behavioral S t u dy of Obedience", Jou rnal of Abnormal and Social Psychology 67: 371-378. Siehe auch S. Milgram (1983), Obedience to Authority: An Experimental View, New York: P e r e n n i a l ; u n d Obedience to Authority: Current Perspectives on the Milgram Paradigm ( T . Blass, H r s g . ) , Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum Associates 2000. 22 S. Marshall ( 1 978) , Men against Fire: The Problem of Battle Command in Future War, Gloucester, MA: Peter Smith, S. 30.

23 D. Grossman ( 1996) , On Killing: The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society, Boston: Back Bay Books, S. xv. 24 P. Watson (1978), War on the Mind: The Military Uses and Abuses of Psychology, New York: Basic Books, S. 250. 25 ] . Stellman u n d S. Stellman (1988), "Post Traumatic Stress Disorders among American Legionnaires in Relation to Combat Experience: Associated and Contributing Factors", Environmental Research 47: 175210. Diese Studie mit 6810 zufällig

ausgewählten Veteranen untersucht die Beziehung zwischen PTSD und Tötungsbereitschaft und war die erste Studie, die Kampfleistung quantifiziert hat. Kapitel 4. Der netteste Mensch der Welt 26 Vielfach wurde versucht, zwischen verschiedenen Varianten von Soziopathen zu unterscheiden. Eine der interessantesten Typologien ist die von Theodore Millon. Er unterscheidet zehn Subtypen der Psychopathie: begehrlich ("covetous"), prinzipienlos ("unprincipled"),

unaufrichtig ("disingenuous"), risikobereit ("risktaking"), rückgratlos ("spineless"), aufbrausend ("explosive"), streitlustig ("abrasive"), boshaft ("malevolent"), tyrannisch ("tyrannical") und bösartig ("malignant"). Er merkt an, dass "die Zahl 10 keineswegs speziell ist... Taxonomien können gröber oder feiner sein." Miltons Taxonomie wird beschrieben in T. Millon und R. Davis, "Ten Subtypes of Psychopathy" i n Psychopathy: Antisocial, Criminal, and Violent Behavior (T. Millon et al., Hrsg.) 27 Siehe R. Hare, K. Strachan und

A. Forth (1993), "Psychopathy and Crime: A Review" in Clinical Approaches to Mentally Disordered O f f en d ers (K. Howells u n d C. Hollin, Hrsg.), New York: Wiley; u n d S. Hart and R. Hare (1997), "Ps y ch o pat h y : Assessment and Association with Criminal Conduct" in Handbook of Antisocial Behavior ( D. Stoff, J. Breiling u nd J . Maser, Hrsg.), New York: Wiley. Kapitel 5. Warum das Gewissen Scheuklappen trägt 28 Siehe L. R o b i n s (1974), Deviant Children Grown Up: A Sociological and Psychiatric Study

of Sociopathic Personality, Huntingdon, NY: Krieger Publishing. 29 B. Wolman (1999), Antisocial Behavior: Personality Disorders from Hostility to Homicide, Amherst, NY: Prometheus Books, S. 136. 30 Siehe D. Cox, S. Stabb u nd K. Bruckner (1999), Women's Anger: Clinical and Developmental P e r s p e c t i v e s , Philadelphia: Brunner-Routledge; L. Brown (1999), Raising Their Voices: The Politics of Girls' Anger, Cambridge, MA: Harvard University Press, S. 1 66; L. Brown (1994)> "Educating

the Resistance: Encouraging Girls' Strong Feelings and Critical Voices" (eine Arbeit, die präsentiert wurde auf der 20th Annual Conference of the Association of Moral Education, Calgary/Banff, Canada; C. Gilligan ( 1 9 9 1 ) , ..Women's Psychological Development: Implications for P s y c h o t h e r a py " , Women and Th erapy 11: 5-31; und L. Brady (1985), "Gender Differences in Emotional Development: A Review of Theories and Research", Journal of Personality 53:102-149. 31 Si e h e D. Kindlon u n d M. Thompson (2000), Raising Cain: Protecting the Emotional Life of

Boys, New York: Ballantine Books, S. 99. K a p i t e l 6 . W i e man die Erbarmungslosen erkennt 32 Enthalten in R. Overy ( 2001) , Interrogations: The Nazi Elite in Allied Hands, 1 945 , New York: Viking Penguin, S. 373. K a p i t e l 7 . D i e Wurzeln der Selbstgerechtigkeit: Was verursacht Soziopathie? 33 Für eine detaillierte Darstellung solcher Ergebnisse, siehe L. Eaves, H. Eysenck und N. Martin (1989), Genes, Culture and

Personality, New York: Academic Press. 34 Für eine Übersicht der Zwillingsstudien, die die Pd-Skala eingesetzt haben, siehe H. Goldsmith und I. Gottesman (1996), "Heritable Variability and Variable Heritability in Developmental Psychopathology" in Frontiersi n Developmental Psychopathology (M. Lenzenweger und J. Haugaard, Hrsg.), Oxford: Oxford University Press. 35 M. Lyons et al. (1995), "Differential Heritability of Adult and Juvenile Antisocial Traits", Archives of General Psychiatry 52:

906-915. 36 Siehe T. Widiger et al. (1994), "A Description of the DSM-III-R and DSM-IV Personality Disorders with the Five-factor Model of Personality" in Personality Disorders and the Five-factor M o d el (P. Costa u n d T. Widiger, Hrsg.), Washington, D.C.: American Psychological Association; u n d C. Cloninger ( 1 98 7 ) , "A Systematic Method for Clinical Description and Classification of Personality Vari an ts ", Archives of General Psychiatry 44: 579-588. 37 Siehe L. Willerman, J. Loehlin u n d J. Horn (1992), "An Adoption

and a Cross-Fostering Study of the Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI) Psychopathic Deviate Scale", Behavior Genetics 22: 515-52938 Für vertiefende Informationen über die Herleitung der Erblichkeit psychopathischer Störungen und anderer Charakteristika, siehe P. McGuffin und A. Thapar, "Genetics and Antisocial Personality Disorder" in Psychopathy: Antisocial, Criminal, and Violent Behavior (T. Millon et al., Hrsg.); und D. F a l c o n e r (1989), Introduction to Quantitative G e n e t i c s , Edinburgh: Churchill

Livingstone. 39 Siehe S. Williamson, T. Harpur und R. H a r e (1991), "Abnormal Processing o f Affective Words by P s y c h o p a t h s " , Psychophysiology 28: 260-273; und J. Johns und H. Quay (1962), "The Effect o f Social Reward on Verbal Conditioning in Psychopathie and Neurotic Military Offenders", Journal o f Consulting and Clinical Psychology 26: 217220. 40 J . Intrator et al. (1997), "A Brain Imaging (SPECT) Study of Semantic and Affective Processing in Psychopaths", Biological Psychiatry 42: 96-103.

41 S i e h e R. Hare, Without Conscience. 42 J. Bowlby (1969), Attachment and Loss, New York: Basic Books. 43 Für eine Darstellung der Bindungstheorie, siehe D. Siegel (1999), The Developing Mind: How Relationships and the Brain Interact to Shape Who We Are, New York: Guilford Press. 44 Für weitergehende Informationen über Ceausescus Geburtenpolitik, siehe G. Kligman (1998), The Politics of Duplicity: C o n t r o l l i n g R e p r o d u c t i o n in Ceausescu's Romania, Berkeley: University of California Press.

45 Siehe P. Pluye e t al . (2001), "Mental and Behavior Disorders in Children Placed in Long-Term Care Institutions in Hunedoara, Cluj and Timis, Romania", S an t e 11: 5-12; u n d T. O'Connor u n d M. Rutter (2000), "Attachment Disorder Behavior Following Early Severe Deprivation: Extension and Longitudinal Follow-up. English and Romanian Adoptees Team", Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 39: 703-712. 46 Siehe M. Lier, M. Gammeltoft u n d I. Knudsen (1995), "Early Mother-Child Relationship: The

Copenhagen Model of Early Preventive Intervention Towards Mother-Infant Relationship D i s t u rba n c e s ", Arctic Medical Research 54:15-23. 47 J. Murphy (1976), "Psychiatric Labeling in Cross-Cultural Perspective: Similar Kinds of Disturbed Behavior Appear to Be Labeled Abnormal in Diverse Cultures", Science 191:1019-1028. 48 Siehe P. Cheung (1991), "Adult Psychiatric Epidemiology in China in the 1980s", Culture, Medicine, and Psychiatry 15: 479-496; W. C o m p t o n e t a l . (1991), "New Methods in Cross-Cultural

Psychiatry: Psychiatric Illness in Taiwan and the United States", American Journal of Psychiatry 148: 1697-1704; H.-G. Hwu, E.-K. Y e h u n d L. Change (1989), ..Prevalence of Psychiatric Disorders in Taiwan Defined by the Chinese Diagnostic Interview S c h e d u l e " , Acta Psychiatrica Scandinavica 79: 136-147; und T. S a t o u n d M. Takeichi (1993), "Lif etim e Prevalence of Specific Psychiatric Disorders in a General Medicine Clinic", General Hospital Psychiatry 15: 224-233. 49 Siehe Psychiatric Disorders in America: The Epidemiologic

Catchment Area Study (L. Robins u n d D . Regier, Hrsg.), New York: Free Press 1991; und R . Kessler et al. (1994), "Lifetime and 12-Month Prevalence of DSM-III-R Psychiatric Disorders in the United S t a t e s " , Archives of General Psychiatry 51: 8-19. 50 R. Hare, Without Conscience, S. 177. 51 Siehe D. Grossman, On Killing, S. 185. Kapitel 8. Der Soziopath von nebenan 5 2 Si e h e Obedience to Authority: Current Perspectives on

the Milgram Paradigm ( T . Blass, Hrsg.). Kapitel 9. D i e Ursprünge des Gewissens 53 Das Originalzitat lautet: "Since we have it on excellent authority that nature is red in tooth and c l a w " , s i e h e A. Tennyson, "In Memorium, A.H.H." in Alfred, Lord Tennyson: Selected Poems (M. B a r o n , Hrs g.) , London: Phoenix P r e s s 2 0 0 3 . M a n beachte, dass Tennyson dieses Gedicht 1850 verfasst hat, neun Jahre vor der Veröffentlichung von Darwins The Origin of Species.

54 Siehe F. de Waal (2001), Good Natured: The Origins of Right and Wrong in Humans and Other Animals, Cambridge, MA: Harvard University Press; und Animal Social Complexity: Intelligence, Culture, and Individualized Societies (F. de W a a l u n d P. Tyack, Hrsg.), Cambridge, MA: Harvard University Press 2003. 55 G. Williams (1966), Adaptation and Natural Selection, Princeton, NJ: Princeton University Press. 56 R. Dawkins (1976), The Selfish G e n e , Oxford: Oxford University Press.

57 Siehe W. Hamilton (1971), "Selection of Selfish and Altruistic Behavior" in Man and Beast: Comparative Social Behavior (J.Eisenberg und W. Dillon, Hrsg.), Washington, D.C.: Smithsonian Institution Press. 58 S. Gould ( 2002) , The Structure of Evolutionary Theory, Cambridge, MA: Harvard University Press. 59 Siehe D. Wilson und E. Sober ( 1 9 9 4 ) , Reintroducing Group Selection to the Human Behavioral Sciences", Behavioral and Brain Sciences 17: 585-654. 60 J. Piaget (1962), The Moral

Judgment of the Child, New York: Collier Books. 61 L . Kohlberg (1981), The Philosophy of Moral Development, New York: Harper & Row. 62 C. Gilligan (1982), In a Different Voice: Psychological Theory and Women's Development, Cambridge, MA: Harvard University Press. 63 Siehe zum Beispiel J. Walker, " S e x D i f f e r e n c e s in Moral Reasoning" i n Handbook of Moral Beh av io r and Development (W. Kurtines und J. Gewirtz, Hrsg.), Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum Associates 1991.

64 Siehe J. Miller und D. Bersoff (1995), "Development in the Context of Everyday Family Relationships: Culture, Interpersonal Morality, and Adaptation" in Morality in Everyday Life: Developmental Perspectives (M. Killen und D. Hart, H r s g . ) , Cambridge: Cambridge University Press; u n d J. Miller, D. Bersof f u n d R. Harwood (1990), "Perceptions of Social Responsibilities in India and in the United States: Moral Imperatives or Personal Decisions?", Journal of Personality and Social Psychology 58: 33-47.

65 Für zusätzliche Ergebnisse und Thesen zu dieser allgegenwärtigen Eigenschaft zwischenmenschlicher Beziehungen, siehe The Social Psychology of Good and Evil (J. Crocker u nd A. Miller, Hrsg.), New York: Guilford Press 2004. Kapitel 10. Bernies Entscheidung: Warum ein Leben mit Gewissen besser ist 66 T. Zerjal et al. (2003), "The Genetic Legacy of the Mongols", American Journal of Human Genetics 72: 717-721. 67 Siehe zum Beispiel J. Ogloff

und S. Wong (1990), "Electrodermal and Cardiovascular Evidence of a Coping Response in Psychopaths", Criminal Justice and Behavior 17: 231-245. Siehe auch A. Raine und P. V e n a b l e s (1988), "Skin Conductance Responsivity in Psychopaths to Orienting, Defensive, and Consonant Vowel S t i m u l i " , Journal ofPsychophysiology 2, 221-225. 68 D . Regier et a l . (1990), ..Comorbidity of Mental Disorders with Alcohol and Other Drug Abuse: Results from the Epidemiologic Catchment Area Study", Journal of the American

Medical Association 264: 25112518. 69 R. Brooner, L. Greenfield, C. Sch m idt u n d G. Bigelow (1993), "Antis o cial Personality Disorder and HIV Infection Among Intravenous Drug Abusers", American Journal of Psychiatry 150: 53-58. 70 Siehe Guze, R. Woodruff und P. Clayton (1971), "Hysteria and A n t i s o c i a l Behavior: Further Evidence of an Association", American Journal of Psychiatry 127: 957-960; und L. Robins, Deviant Children Grown Up: A Sociological and Psychiatric Study

of Sociopathic Personality. 71 Ein Bericht darüber ist enthalten in L. Heston und R. Heston (2000), Medical Casebook o f Adolf Hitler: His Illnesses, Doctors, and Drugs, New York: Cooper Square Press. 72 Siehe A. Colby und W. Damon ( 1 9 9 2 ) , Some Do Care: Contemporary Lives of Moral Co m m itm en t, New York: Free Press, S. 262; und A. Colby u nd W. D a m o n , " T h e Development of Extraordinary Moral Commitment" i n Morality in Everyday Life: Development Perspectives (M. Killen und D. Hart, Hrsg.), S. 364.

K a p i t e l 1 1 . D e r T a g des Murmeltiers 73 Siehe T. Millon und R. Davis, "Ten Subtypes of Psychopathy" in Psychopathy: Antisocial, Criminal, and Violent Behavior (T. Millon et al., Hrsg.) und Anmerkung 26, die sich auf Millons Subtypen bezieht. Kapitel 12. Das Gewissen in seiner reinsten Form: Die Wissenschaft plädiert für die Moral 74 T. Hanh (1992), Peace Is Every Step: The Path of Mindfulness in Everyday Life, New York: Bantam

Books. 75 M. Buber (1965), Between Man and Man, New York: Collier Books, S. 117. 76 D. Goleman (Moderator), Destructive Emotions: A Scientific Dialogue with the Dalai Lama, New York: Bantam Dell 2003, S. 12. 77 Mind and Life Institute, Investigating the Mind: Exchanges between Buddhism and the Biobehavioral Sciences on How the Mind Works, Tonaufhahme, Berkeley, CA: Conference Recording Service, Inc. 2003. 78 S i e h e M. Seligmans bahnbrechendes Buch über positive

Psychologie, Authentic Happiness: Using the New Positive Psychology to Realize Your Potential for Lasting Fulfillment, New York: Free Press 2002. 79 Eine Version dieser Parabel findet sich in The Best ofBits and Pieces (A. Lenehan, Hrsg.), Faimeld, NJ: Economics Press 1994, S. 73. 80 Ich danke dem hervorragenden Gelehrten für internationale Beziehungen James A. Nathan dafür, mich im persönlichen Gespräch darauf hingewiesen zu haben, dass der transliterierte hebräische Ausdruck kol demama dakah (diese kleine,

leise Stimme von innen) aus einer Geschichte über den Propheten Elias stammt, der "Feuersbrünste, Erdbeben und andere Schrecknisse erleben musste, und dann die kleine, stille Stimme Gottes und des Gewissens."

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